Buchtipp: “Operation Shitstorm”

Von | 26. Februar 2014

(C.O.) Wer als Politiker heute in ein Fettnäpfchen tappt – etwa indem er öffentlich über das durchschnittliche 3000-Euro-Einkommen von Arbeitern räsoniert -, der darf sich innerhalb weniger Minuten eines relativ neuen sozialen Phänomens namens “Shitstorm” erfreuen: also einer meist wüsten Orgie von Beschimpfungen, Verspottung und Verhöhnung, die sich in den sozialen Netzwerken Twitter und Facebook austobt wie ein Grippevirus in einem Kindergarten. Meist entsteht ein für seine Opfer höchst unangenehmer “Shitstorm” ganz spontan; nicht selten aber ist er Folge einer Inszenierung von Medienprofis, die aus einem politischen oder kommerziellen Grund ein Interesse an einem solchen Entrüstungstsunami haben.

Wie man solche Wellen medialer Empörung oder auch Begeisterung auslöst, verstärkt und für sich (oder seine Kunden) nützlich macht, beschreibt der amerikanische Marketingexperte und Bestsellerautor Ryan Holiday in seinem jüngsten Buch “Operation Shitstorm – Berufsgeheimnisse eines professionellen Medien-Profis”. Seine zentrale These: Weil die traditionellen Medien wie Tageszeitungen, Magazine oder TV-Sender heute immer weniger Geld für seriöse Recherchearbeit haben, verlassen sich ihre Redakteure immer öfter auf Online-Quellen wie Blogs, “Social Media” und andere digitale Publikationen mal seriöserer, mal auch wenig seriöserer Art.

Seriosität als Umsatzkiller
Deshalb, so Holiday, könne jeder, der die Funktionsweise der digitalen Medien kennt, die etablierten Medien und deren Berichterstattung zumindest indirekt beeinflussen. Die meisten digitalen Medien funktionieren aber nach einem simplen Prinzip: je mehr Zugriffe, um so höhere Werbeeinnahmen um so höhere Gewinne. Um das zu erreichen, gibt es eine einfache Methode: möglichst auffällige, Emotionen weckende Überschriften und Storys. Seriosität ist in diesem Geschäft ein echter Umsatzkiller: “Keiner, der etwas von Marketing versteht, wird jemals etwas pushen, was nach Vernunft, Komplexität oder gemischten Gefühlen riecht.” Statt dessen sind Online-Medien permanent versucht, “immer wieder Dinge zu posten, die ein Eigenleben bekommen, und Aufmerksamkeit, Links und neue Leser finden. Ob dieser Content präzise, wichtig und hilfreich ist, taucht in der Prioritätenliste erst gar nicht auf.” Hauptsache, die Zugriffszahlen stimmen.

So generierte falsche, unpräzise oder jedenfalls stark verzerrte Inhalte schaffen es immer öfter, auch traditionelle Medien zu verseuchen. So berichteten etwa vor einigen Monaten deutsche Online-Medien auf der Suche nach dem Knaller des Tages, der Internationale Währungsfonds (IWF) habe “vorgeschlagen”, alle Bankeinlagen einer einmaligen Vermögensabgabe von 10 Prozent zu unterziehen. Das brachte wenig überraschend extrem hohe Zugriffszahlen und Klickraten, hatte aber einen kleinen Nachteil: Die Meldung stimmte so nicht. Tatsächlich hatte der IWF in einem Bericht bloß auf die theoretische Möglichkeit solcher Methoden hingewiesen, sie jedoch als nicht sinnvoll bewertet.

Was freilich nichts daran änderte, dass auch Journalisten renommierter Zeitungen die reißerischen Online-Meldungen übernahmen und von einem “Vorschlag” des IWF berichteten – weshalb sich diese falsche Behauptung bis heute immer wieder in der Berichterstattung findet. Ob da jemand gezielt mit Hilfe halbseidener Online-Medien eine Unwahrheit lanciert hat, ist unbekannt – wahrscheinlicher ist, dass es eher eine Mischung aus Sensationsgier und Recherche-Faulheit war, die zur Geburt dieser Ente führte.

Es überrascht wenig, dass Autor Holiday den meisten Online-Medien – mit wenigen Ausnahmen wie der “New York Times” – eher reserviert gegenübersteht: “Die Idee, die das Internet antreibt, ist nichts als ein Haufen sinnloses Geschwätz. Content wird so gemacht, dass er möglichst oft angeklickt angeschaut und gefunden wird.” Online-Medien seien “darauf aus, Sie abzuzocken, Ihnen die Zeit zu stehlen und diese dann an Werbekunden zu verkaufen – und das tun sie Tag für Tag.”

Mit unguten Folgen: “Unsere Medienkost besteht überwiegend aus Wegwerfware… Wir ernähren uns von künstlichem, raffiniertem Zucker – von allem, was außergewöhnlich, unnatürlich und extra gesüßt ist.” Das mag in den USA noch schlimmer sein als hierzulande – gültig ist Holidays Befund auch in Europa allemal. (WZ)

Operation Shitstorm

Ryan Holiday

Plassen, 336 Seiten, 20,50 Euro

Ein Gedanke zu „Buchtipp: “Operation Shitstorm”

  1. de Voltaire

    Und wo liegt, abseits von der Geschwindigkeit, der Unterschied zu den Printmedien? Sind dort Verkaufszahlen und Anzeigenvolumen kein Kriterium?
    Jedes Medium ist mit entsprechender Vorsicht zu genießen, aber solange Onlinemedien und Blogs noch keine so effiziente Filter wie Presseförderung oder Regierungsinserate haben, sind sie zumindest zum Querlesen und -informieren bestens geeignet.

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