Building Bridges durch Buhrufe?

Von | 26. Mai 2015

(GEORG VETTER) Man stelle sich vor, in der Wiener Oper findet ein Wettbewerb mit Tenören aus zwanzig verschiedenen Ländern statt. Ein Schwarzafrikaner aus Nigeria zählt zu den Besten und wird wegen seiner nigerianischen Herkunft vom Publikum mehrfach mit Buh-Rufen bedacht. Die öffentliche Empörung wegen eines solchen ausländerfeindlichen Eklats wäre unausbleiblich, die Staatsanwaltschaft müsste wegen des Delikts der Verhetzung aktiv werden. Schließlich pönalisiert Paragraf 283 Absatz 2 StGB ja auch das bloße Verächtlichmachen einer ethischen Gruppe.
Was passierte, wenn Ähnliches beim  Song Contest geschieht? Wenn Polina Gagarins wegen ihrer Zugehörigkeit zur russischen Ethnie ausgebuht wird? Auf einem Fest der Toleranz, das sich das Bauen von Brücken (Building Bridges) zum Motto gemacht hat? Und all das vor 200 Millionen Zuschauern? Die Empörung bleibt aus, die Staatsanwaltschaft inaktiv.
Derzeit ist nur das Verächtlichmachen einer ethischen Gruppe nach dem zitierten Paragrafen strafbar. Nach der StGB-Reform soll auch das Verächtlichmachen einer Person wegen der Zugehörigkeit zu einer bestimmten ethischen Gruppe unter den Verhetzungsparagrafen fallen. Um den eigenen Ansprüchen der politischen Korrektheit zu genügen, müssten sich alle Buh-Rufer vor dem Strafrichter wiederfinden.
Oder wir nehmen es mit der Meinungsfreiheit ernst und streichen den zweiten Absatz der Verhetzungsbestimmung aus dem Gesetz.

8 Gedanken zu „Building Bridges durch Buhrufe?

  1. Fragolin

    Wen interessiert diese kitschgeschwängerte Gartenzwerg-Schlagerparade mit schrillen Regenbogeneinlagen überhaupt? Eine wirkungslose Werbeveranstaltung der Tourismusbranche, unterlegt mit immer dem gleichen nichtssagenden Gedudel. Ich habe nach der lächerlichen Anmoderation durch das Quotentrio plus kitschigem Einschweben der Bartwurst abgeschaltet.
    Dem Publikum möge man verzeihen. Es war nur gefrustet, dass das nichtssagende Gedudel der Russen mit voller Punktezahl aus Germanien belohnt wurde, während das nichtssagende Gedudel aus eigener Produktion ebenso beschämend wie wohlverdient leer ausging. 😉

  2. Thomas Holzer

    Würden wir die Meinungsfreiheit wirklich ernst nehmen, würden wir sämtliche Verhetzungs- und sonstige “Meinungs”paragraphen ersatzlos streichen und es wäre uns auch nie in den Sinn gekommen, solche dummen “Bestimmungen” in Gesetzesform zu gießen!

  3. Mourawetz

    Toleranz wird eben immer nur bei den anderen eingefordert nicht bei einem selber. Toleranz läßt sich auch nicht durch wohlfeile Motto einimpfen. Building Bridges. Klingt gut. Dabei wird aber nur an die Verteidigung der Lifeball-Präpotenten gedacht. Was Toleranz überhaupt bedeutet? Fehlanzeige. The medium is the message.

  4. mannimmond

    Bitte korrigieren:

    “ethisch” = die Ethik betreffend, d.h. Sitte, Moral, etc.
    “ethnisch” = die Volksgruppe betreffend, z.B. Ethnologie = Völkerkunde.

    Offenbar hat hier die Autokorrektur zugeschlagen und “ethnisch” durchgehend durch “ethisch” ersetzt.

  5. freeman

    Die Buhrufe waren wohl takt- und geschmacklos.

    Es ist aber absurd – wenn auch angesichts des üblichen Diskursschemas in diesen Dingen verständlich – jede “nationale” Äußerung auf eine ethnische Ebene zu heben und sie demnach als Rassismus zu qualifizieren.

    Die Politik Russlands hat zweifellos nichts mit den Gesangskünsten eines russischen Sternchens zu tun, aber ebensowenig hat die – deplazierte – Kritik an dieser Politik etwas mit der Ablehnung der russischen Ethnie zu tun.

    Es ist eine bewährte linke Taktik, jede kulturelle oder politische Kritik auf die ethnische Ebene zu bringen und mit “Antirassismus” schlagen zu wollen – siehe “Islamophobie”, eine saubere und korrekte Argumentation sieht nichtsdestotrotz anders aus.

  6. Thomas F.

    Der Song Contest ist eine Unterhaltungsveranstaltung ohne jeden Anspruch (die skandalöserweise aus Steuern und Zwangsabgaben finanziert wird). Primitive nationalistische Regungen kommen dort genauso zum Ausdruck wie immer wieder auch bei Fußballspielen. Das Format provoziert ja Chauvinismus geradezu.

  7. Mario Wolf

    Wer sich so ein Schwachsinn wie der sog. Song Contest anschaut zeigt dass er über eine Geschmacksverirrung verfügt. Die intellektuelle Tiefflieger Kapazität der Buhruferinen und Buhrufer entspricht wahrscheinlich den Hooligans die meinen Fans von irgendeinem FC zu sein. Aber was kann ein offensichtlich russisches Mädchen dafür dass sie Rusin ist, und warum soll es plötzlich verwerflich sein, Ruse zu sein. Immerhin die grösseren Schweinerein begehen die die wegen des dazwischenliegenden Atlantiks nicht an dieser Veranstaltung teilgenommen haben. Eine Anregung für die nächste Austragung: Der Chor der Roten Armee gegen den Chor der NSA.

  8. cppacer

    “Der Chor der Roten Armee gegen den Chor der NSA”
    Da hätten die Amis wenig zu lachen.

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