Corona: Eine dringende Frage an Herrn Minister Anschober

Von | 15. November 2020

(Dr. MARCUS FRANZ) Der Lockdown wird nun neuerlich Realität. Die politische Hauptbegründung für die Verordnung der harten Maßnahmen ist, dass ein Engpass auf den Intensivstationen drohen würde und ein Zusammenbruch des Gesundheitssystems zu befürchten ist.

Wir lesen zwar seit Monaten täglich in sämtlichen Medien und auf den Dashboards der AGES und des Gesundheitsministeriums die Zahlen der PCR-Tests und die Anzahl der COVID-positiv getesteten Personen. Vergleichsweise selten wurde dabei aber auf die wichtigste Kenngröße, nämlich auf die Zahl der manifest Erkrankten, wirklich Bezug genommen.

Wie wir aus allen internationalen Daten wissen, ist der Anteil der real COVID-Erkrankten bei ca.  20% der positiv Getesteten anzusetzen. Der prozentuale Anteil  der Spitalspflichtigen liegt bei ca. 5%  und der Anteil der Intensivpflichtigen bei ca knapp 1%.

Man geht deswegen derzeit von folgender Faustregel aus: Von 100 Kranken werden 5 spitalspflichtig und einer von 100 kommt auf die Intensivstation (ICU). Das klingt nicht viel, ist aber bei einer Zunahme der absoluten Zahl doch ein Parameter, der Sorgen machen könnte. Beispiel: Erkranken in kurzer Zeit 100.000 Österreicher, so landen davon 1000 auf einer ICU. Bei einem Anwachsen der Zahlen könnte demzufolge im schlimmsten Fall ein Problem entstehen, das nicht nur durch die Betten, sondern vor allem auch durch die immer schon dürftige Personalsituation in den Spitälern und auf den ICUs bedingt ist.

Die Intensivstationen spielen bei solchen Szenarien insofern eine zentrale Rolle, weil nur dort die kritisch Kranken gut versorgt werden können. Es ist also enorm wichtig, immer tagesaktuell zu wissen, wie viele ICU-Betten bzw. welche Behandlungsmöglichkeiten dort zur Verfügung stehen. Sämtliche Planungen im Gesundheitssystem müssen sich an diesen potenziellen Engpässen ausrichten, denn gerade auf der ICU geht es – ganz ohne Pathos – oft um Leben und Tod.

Was brauchen wir also, um eine gute Datenstruktur zu erhalten? Wir haben zwar ein elektronisches Melde-System (EMS) und das Dashboard der AGES und wir erfahren auch täglich pauschal, wie viele Spitals- und Intensivbetten insgesamt noch offen sind, aber wir haben aber keine ausreichenden Kommunikationsstrukturen, um zu überblicken, wie viele Intensiv-Patienten es WIRKLICH gibt bzw. wie viele davon assistierte oder maschinelle Beatmung benötigen und wie viele davon wie lange auf der ICU bleiben müssen, Wir wissen nicht genau, wie die Altersstruktur und die Mortalität aussehen oder wie sich gerade wo die Belegung in welche Richtung ändert usw.

Da tappen wir als Ärzte im Dunklen und müssen uns mit telefonischen Nachfragen und persönlichen Informationen, mit regionalen Krisenstäben, bundesländerspezifischen Management-Einrichtungen usw. insgesamt eher improvisierend über die Runden helfen.

Dieses durch Improvisation überbrückte Informationsdefizit hat einen einfachen Grund:
Es gibt in Österreich KEIN einheitliches Intensiv-Register, das einen schnellen, einfachen und tagesaktuellen Überblick über die Situationen auf den ICUs gewährleistet.

Es wurde seitens der Gesundheitspolitik bisher in nicht akzeptabler Weise verabsäumt, solch ein nationales Online-Register (wie es z.B. in Deutschland längst Standard ist, siehe https://www.intensivregister.de/#/index ) zu forcieren bzw. einzurichten oder auch nur zu unterstützen.

Ebenso wäre es dringend nötig, nicht nur ein Intensivbetten-Register, sondern auch ein medizinisches COVID-Register zu führen, das einen Überblick über die aktuellen klinischen Erscheinungsformen der Infektion gibt und uns ein realistisches Abbild der Situation vermittelt. Dabei geht es um die Zahlen der Symptomlosen, der leicht Erkrankten, schwer Erkrankten, kritisch Kranken sowie der beatmeten und nicht beatmeten ICU-Patienten.

Was wir also brauchen, sind valide Daten, um zielgerechte Taten setzen zu können.

Die Gesundheitspolitik(er), allen voran Herr Minister Rudolf Anschober, sind daher dringend aufgefordert, weniger oft ihre Besorgtheit zu bekunden und sich lieber rasch den sinnvollen Datenerhebungen zu widmen und dafür zu sorgen, dass Österreichs Ärzte best- und schnellstmöglich auf die Krise reagieren können.

Dafür ist es nötig, so wie in Deutschland ein Intensiv-Register als Online-Portal zu schaffen, um eine optimale Informationsbasis für die gesamte Ärzteschaft (und letztlich auch für die Patienten) herzustellen. Das wurde bisher nachweislich vom Ministerium verhindert: Der Gesundheitsminister hat erst vor einigen Tagen den Abgeordneten der Opposition (FPÖ, NEOS, SPÖ) bei einer Besprechung sinngemäß vermittelt, dass wir so ein Register nicht brauchen würden.

Damit stellt sich aber die bange Frage: Warum will ein Gesundheitsminister keine validen Daten erheben? Warum sperrt sich der oberste Verantwortliche für die Gesundheitspolitik gegen ein COVID-Register? Und warum üben weder die Medien noch die offiziellen Ärztevertreter aus den Fachgesellschaften und Institutionen (Intensivmedizin, Med-Unis, Ärztekammern) nicht ausreichend Druck aus, damit die Ärzteschaft und die Bürger diese Information bekommen?

Faktum ist: Wir haben heute im Informationszeitalter längst die technischen Möglichkeiten dazu.  Andere mit uns vergleichbare Länder verfügen über diese Informationsportale und es ist aus ärztlicher Sicht nicht nachvollziehbar und nicht zu entschuldigen, dass die Gesundheitspolitik bis heute hier noch immer nicht aktiv geworden ist.
Wenn wir wirklich das vielzitierte „beste Gesundheitssystem der Welt“ haben möchten, sollte also umgehend mit dieser Arbeit begonnen werden!
 

9 Gedanken zu „Corona: Eine dringende Frage an Herrn Minister Anschober

  1. Susi

    Die fehlende Kommunikationsstruktur macht es Dilettanten in der österr. Politik ja erst möglich zu überleben. Jeder schiebt alles auf den/die anderen. Bemerkenswert ist auch noch, dass die am lautesten kreischende Oppositionspolitikerin Frau SPÖ Rendi Wagner, dieses “beste Gesundheitssystem” ja auch als Gesundheitsministerin angeführt hat.

  2. Johannes

    “Der ungläubige Markus”, ja Zahlen und Statistiken, am besten tagesaktuell sind wichtig aber was ändert es daran das man mit freiem Auge sehen kann was gerade passiert.
    Die Rückmeldungen der Intensivmediziner sind keine Einzelmeinungen, sie spiegeln die sich zuspitzende Situation wieder.
    Sie haben Recht man sollte die Bettensituation besser ersichtlich
    machen aber ein Lösungsansatz ist das alleine, nach meiner Mrinung, nicht.
    Je mehr man gesichert weiß umso besser, einfache Lösungen gibt es jedoch nicht.

  3. sokrates9

    Es ist unglaublich was derzeit zusammengelogen wird.Selbst bei den Intensivbetten ( vorgesehen für Coronafälle nicht Gesamtzahl mit erheblicher Reduktion nachden alle Länder das anders interpretieren).
    Jetzt sind wir 10 Tage im lockdown – light der laut Kurz gar nichts gebracht hat!10 Tage wieder enormen Komfortverlust gehabt – war halt nichts? Sind wir Versuchskaninchen der Regierung? Jetzt als Draufgabe weitere 3 Wochen noch strengeren lockdown.
    Nachdem die Osterdiskussion der Familienbesuchsverbote nach Verfassungsgerichtsurteilen sich als Fehlinterpretation herausgestellt hat kann ich mir nicht vorstellen dass die jetzigen strengeren Verbote halten.Überfordeung der Spitäler klingt medientschnisch gut, Überforderung infolge Grippe wahrscheinlich weniger. Vor 4 Jahren sind ohne TamTam 4500 Leute an Grippe in Österreich gestorben, heute ist Influenza unbekannt, bei Corona ist mit 1500 Fällen, Durchschnittsalter jenseits 70,zu Beginn vor allem MIT Corona- erkrankten multipel vorbelastet) so sarkastisch es klingt – noch Luft nach oben.
    Übersterblichkeit derzeit noch nicht zu sehen, Kollateralschäden werden aber wesentlich höher sein.
    Was wäre wenn Corona die Gefählichkeit von EBOLA hätte- wo wirklich 70% der Infizierten sterben?
    Was gäbe es da für zusätzliche Maßnahmen?

  4. Cora

    Nun sind wir also seit 13 Tagen im Lockdown, Gastronomie und Entertainment haben geschlossen. Die Infektionszahlen sind dennoch in die Höhe geschnellt. Das Schließen der Gastronomie- und Veranstaltungsbranche hat den gegenteiligen Effekt gehabt. Folglich muss man diese Branche so schnell wie möglich wieder reaktivieren. Denn man könnte durchaus den Schluß ziehen, daß nun erst recht privat Party gemacht wird, und zwar ohne Rücksicht auf Sicherheitsabstände und Masken. Stattdessen schaltet man in den Weiterso-Modus, nach dem Motto “mehr von dem”, “weiter wie bisher”, auch wenn sich gezeigt hat, daß es nichts nützt. Ist das schon Sturheit oder nur Lernresistenz? Für einen als Gesundheitsminister fungierenden Volksschullehrer wahrlich kein Fähigkeitsnachweis.

    Da man bisher immer noch nicht weiß, wie viele Intensivbetten zur Verfügung stehen, stellt sich die Frage, wer für dieses Chaos zuständig ist (Gesundheitsminister samt Vorgängerinnen wie Rendi-Wagner). Da man die Engpässe bei vorausgehenden, ähnlichen Grippewellen nicht bewältigt stattdessen ignoriert hat, ist auch hier ein “weiter wie bisher” als Universalstrategie zu vermelden, da man offenbar alternativlos und apathisch nur den Weg in einen noch härteren Lockdown vorstellen kann. Und das alles auf dem Rücken der Gesellschaft, der Wirtschaft, auf unser aller und aller Kosten.
    Die Politik hat sich als ein handlungsunfähiger Haufen offenbart, bezüglich dem überlasteten und völlig desorganisierten Gesundheitswesen kann man nur inständig hoffen, niemals krank zu werden.

    Wer heute noch von Corona-Leugnern spricht, muss sich die Gegenfrage gefallen lassen, ob es nicht vielmehr die Grippe-Leugner sind, denen man endlich das Handwerk legen sollte, angesichts des penetranten Nichthandelns in den vergangen Grippewelle-Jahren. Jene die uns sehenden Auges in den Abgrund stürzen und zu bequem waren, das Gesundheitssystem zu organisieren – Stichwort Zahlen – und entsprechend dieser Zahlen Vorsorge zu leisten – Stichwort Intensivbetten.

  5. pullover

    Um eine Verbreitung zu verhindern werden Ausgangssperren ausgegeben. Zusammenkünfte, auch privat untersagt, was allerdings m.E. rechtswidrig ist !
    Was ist mit den vielen Sportveranstaltungen die derzeit noch laufen. Hier kommen ja mehrere Personen zusammen als in einem privaten Haushalt, wo doch die Verbreitungsgefahr größer ist !!

  6. Falke

    Die Regierung (vornehmlich Kurz/Anschober) hat aus dem gescheiterten “lockdown light” nichts gelernt. Geschlossen wurden ja erstaulicherweise genau jene Bereiche, aus denen so gut wie keine Infektionen, und schon gar keine Cluster hervorgegangen sind (Gastronomie, Hotellerie, Kulturbetreibe, Museen, Sportvereine). Und siehe da, welch Überraschung: die Infektionszahlen sind nicht gesunken (woher auch? von Null auf unter Null? Die Bereiche mit hohen Infektionszahlen waren ja weiter in Betrieb). Und jetzt? Da werden alle Schulen geschlossen, die ebensowenig Infektionsquellen sind, wodurch aber die Kinder bildungsmäßig und psychisch nachhaltig geschädigt werden. Bildung? Schüler? Kindeswohl? Was kratzt das einen Volksschullehrer? Und einen, der die Matura immerhin auch schon hinter sich hat (wenn auch nicht viel mehr), wohl noch weniger.

  7. Franzl

    Corona Schutz
    Ein Bekannter wollte letzte Woche wegen Husten zum Arzt. Auf die Frage ob Fieber (ja) wurde ein Coronatest vom Arzt veranlasst.
    Das Ergebnis positiv. Es wurde aber weder nach Kontaktpersonen, Familienangehörigen usw. nachgefragt, sondern lediglich ob mehrere Personen im Haus wohnen.
    Sieht so der Gesundheitsschutz für die Bürger aus ??
    Sicherheitshalber ist die emailadresse: ‘kaernten@spoe.at’ nicht erreichbar um seine Meinung kund tu tun

  8. fxs

    Ein Rechenbeispiel: In der Slowakei wurden 3,6 Millionen Menschen getestet. Bei etwa 50.000 lieferte der Test ein positives Ergebnis. Das sind etwa 1,4% der getesteten. Es gibt wenig Gründe für Österreich ein wesentlich anderes Ergebnis zu erwarten. Testet man alle Österreicher, dann werden auch bei unvovs etwa 1,4% der Getesteten ein positives Testergebnis liefern. Bei 8 Millionen Österreichern sind also etwa 112.000 positive Testergebnisse zu erwarten. Laut Autor sind etwa 20% der positiv Getesteten real an Cvid-19 erkrankt, das wären dann bei uns etwa 22.500 Erkrankte. 5% davon sind laut Autor so schwer erkrankt, dass sie im Krankenhaus behandelt werden müssen. Das wären dann circa 1.125. 1% der real Erkrankten benötigen Behandlung auf der Intensivstation, das wären dann bei uns 115 Personen. Und deswegen soll die medizinische Versorgung zusammenbrechen?

  9. Dr Harald Görzer

    Lieber Markus!
    Du hast vollkommen Recht dass vieles und eigentlich noch viel mehr in unserem Gesundheitssystem versäumt wurde oder in die völlig falsche Richtung entwickelt wurde( mit Absicht oder aus Ignoranz, man weiss es nicht) nichts desto trotz sind wir nun in einer Situation wo wir alle zusammenhelfen müssen um das komplette Chaos zu verhindern! Wenn du dann die seltsamen Kommentare deiner Anhänger durchliest die von persönlichem Komfortverlust schwafeln und nur das Ego sehen wo man den Eindruck gewinnt das ihnen das Leben Alter und Kranker solange es sie nicht selbst betriff scheissegal ist dann muss man dich schon bitten dir zu überlegen welche Wirkung es auf solche Menschen ( die durchaus auch unter persönlichem Druck durch solche durchaus gutgemeinten und vielleicht auch hilflosen Anordungen stehen) macht und man damit aber genau das Gegenteil erreicht was man erreichen möchte! Nämlich einen vernünftigen Weg zu finden die Infektionszahlen soweit in Grenzen zu halten dass unser Intensivmedizinisches System nicht kollabiert!
    LG Harald

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