Darf man es sich eigentlich urgut gehen lassen?

(C.O.)  Wer sich im Jahr 2013 aus freien Stücken ohne Wenn und Aber zur Notwendigkeit, ja Nützlichkeit gesellschaftlicher Eliten bekennt, den Hedonismus und den damit verbundenen Konsum von Luxus preist, dazu steht, hochwertige Alkoholika in angemessenem Maße zu sich zu nehmen, und es gar auch noch höflich findet, Frauen die Hand zu küssen, der erscheint heute wie eine etwas seltsame Figur aus längst vergangenen Zeiten, mit dem dominierenden überkorrekten bis leicht puritanischen Zeitgeist unserer Verbotskultur so wenig kompatibel wie Casanova mit der christlichen Soziallehre.

Der österreichische Autor und Publizist Helmut A. Gansterer, 67, ist eine solche Figur, die aus den freudvolleren Tagen des 20. Jahrhunderts in unsere eher schmallippige Gegenwart herüberragt; sehr zum Vergnügen seiner zahlreichen Leser, die er im Jahresrhythmus mit eleganten Streitschriften für den guten Geschmack erfreut, die meist Bestseller werden (zuletzt etwa “Der neue Mann von Welt”), und zwar mit gutem Grunde.

“Darf man sich’s urgut gehen lassen? Wo es doch allen so schlecht geht” lautet dementsprechend programmatisch der Titel seines jüngsten Buches, das den vierten Teil einer losen Folge von Erörterungen über die Frage bildet, wie man als Gentleman (oder Gentlewoman) ein halbwegs angemessenes Leben führt in Zeiten, die Gentlemen nicht sonderlich zu schätzen scheinen. Eine Art Knigge für das 21. Jahrhundert also, verfasst von einem der bedeutendsten publizistischen Widerstandskämpfer gegen den schlechten Geschmack des zeitgenössischen Österreich, in dem an schlechtem Geschmack in jeder nur denkbaren Hinsicht ja nicht wirklich Mangel herrscht.

Helmut Gansterers diesbezügliches Credo ist einfach und klar verständlich: “Immer weniger von immer Besserem” predigt er seiner Fangemeinde ein fast japanisch anmutendes, radikales Bekenntnis zu “Qualität statt Quantität” als ebenso intelligente wie vergnügliche Form des avancierten Konsums. “Lieber ein Paar gute Schuhe als zehn Paar schlechte”, bringt er seine Philosophie des minimalistischen Luxus auf den Punkt.

Frauen, “die nicht alle Strapse am Strumpf” haben
Dass der Begriff Luxus im fünften Jahr der Weltwirtschaftskrise nicht gerade gut beleumundet ist, hält Gansterer für einen Fehler: “Man scheut das Wort Luxus, weil sich das Gerücht hält, der Luxus des einen sei zwingend die Armut des anderen. (…) Tatsache ist: Der Verzicht auf sogenannte Luxusprodukte würde kein Elend abschichten. Es würde auch dem Wohlstand der “breiten Masse” nicht nützen, es würde allenfalls schaffen, was alle Planwirtschaften (…) geschafft haben: Armut für alle.”

Als langjähriger Herausgeber des Wirtschaftsmagazins “trend” weiß er natürlich auch, dass Luxus auch betriebswirtschaftlich Sinn machen kann: weil etwa ein paar gute Maßschuhe, sorgfältig gepflegt, angesichts einer Lebensdauer von 30 Jahren und mehr trotz ihres viel höheren Anschaffungspreises geringere Kosten verursachen als zwei Dutzend in derselben Zeitspanne erworbene Paar Durchschnittsschuhe.

Aber auch jenseits der Welt des Luxus und der Moden versucht Gansterer , den Begriff des “Gentleman” ins 21. Jahrhundert zu transponieren. Unerschrocken beantwortet er etwa die Frage, ob man heute als Autor auf das “Binnen-I” verzichten darf. (Ja, weil es eine “unschöne, brutale ästhetische Entstellung des Schriftbildes ist”.) Oder ob man Komplimente übertreiben kann. (Nein, meint Gansterer: “Eine Frau, die immer noch glaubt, dass man Komplimente übertreiben kann, hat nicht alle Strapse am Strumpf.”) Oder ob man bei unangenehmen Handy-Telefonaten eine schlechte Verbindung vortäuschen darf: “Ja, man wird es nie bereuen. Der Instinkt ist immer klüger als der sogenannte Verstand. Wenn die rechte Gehirnhälfte der Gefühle sagt, dieses Gespräch sei besser später zu führen, sollte die linke Gehirnhälfte der Vernunft der Zunge befehlen, verwirrt zu sprechen. Alte Regel: Ein unangenehmes Telefongespräch kann einen Tag warten, selten wird es dadurch schlechter.”

Dass Gansterer seine Leser subkutan von Seite zu Seite belehrt, ohne dabei im Geringsten belehrend zu wirken, ist eine der wichtigsten Tugenden dieses klugen Buches, das eine nicht unwesentliche Frage offen lässt: Darf man zu Weihnachten Bücher verschenken, die dem Beschenkten seine allfälligen Defizite vor Augen führen könnten? (WZ)

 

Darf man sich’s urgut gehen lassen?

Helmut A. Gansterer

Ecowin, 220 Seiten, 19,95 Euro

 

4 comments

  1. Mona Rieboldt

    Ich habe kein Problem damit, es mir gut gehen zu lassen. Höflichkeit ist einfach angenehm im Umgang mit Menschen. Und für Komplimente bedanke ich mich auch artig.
    Allerdings Frauen die Hand küssen, wirkte in Deutschland absolut lächerlich. Das war in D wohl auch nie so üblich.

  2. gms

    Mona Rieboldt,

    wie Sie zutreffend anmerken, wirkt ein Handkuß oftmals lächerlich. Dies insbesondere dann, wenn er nicht aus der entsprechenden inneren Haltung erfolgt und zögerlich oder unsicher praktiziert wird. In den entsprechenden Kreisen jedoch wird dies von Kindesbeinen an Tanten und Großmüttern geübt, bis er zur Selbstverständlichkeit ohne jeden Anflug von Lächerlichkeit wird.

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  3. Mona Rieboldt

    gms
    Kann es sein, dass das nur für Österreich gilt? Dass es dort üblich war und ist?
    Ich habe in Deutschland derartiges auch in meiner Kindheit nicht erlebt,

  4. Manuel Leitgeb

    In Österreich ist es auch nicht mehr wirklich üblich, außer bei in “höheren” Gesellschaftsschichten und besonderen Anlässen. Soweit ich aus Gesprächen weiß, ist der Handkuß in Mittel- und Norddeutschland aber wirklich viel länger aus der Mode als in Österreich.
    Vielleicht liegt es auch an dem Einreißen des falschen Handkusses. Diese Unart, den Arm der Dame hochzureißen und dann über die Hand zu schlabbern (als wollte man Gomez Addams nachmachen).

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