Das andere Erbe des Kanzlers

Von | 1. Juli 2017

(CHRISTIAN ORTNER) Helmut Kohl, der dieses Wochenende begraben und mit dem ersten Europäischen Staatsakt gewürdigt wird, war ohne jeden Zweifel der richtige Mann zur richtigen Zeit am richtigen Ort, als sich 1989 die Menschen in der DDR ihrer kommunistischen Unterdrücker entledigten und so das Fenster zur Wiedervereinigung der Deutschen ebenso kraftvoll wie gewaltfrei aufstießen.

Kohls wirklich historisches Verdienst war, ist und wird immer bleiben, diese einmalige Chance im Interesse des deutschen Volkes genutzt zu haben – und zwar gegen ganz enorme Widerstände, die heute zum Teil schon wieder weitgehend vergessen sind. Denn weder die Regierenden in Paris noch jene in London waren von der Vorstellung eines wiedervereinigten Deutschland sonderlich begeistert; auch der damals führende SPD-Politiker Oscar Lafontaine lehnte die Wiedervereinigung ab und warnte vor “nationaler Besoffenheit” und einer Einbindung des vereinigten Deutschlands ins westliche Bündnis Nato mit der hübschen Formulierung: “Welch ein historischer Schwachsinn!” – Welch ein historischer Schwachsinn, wie wir heute wissen.

Es blieb Kohl vorbehalten, gegen all diese törichten Widerstände zum Kanzler der deutschen Einheit zu werden; zum zweiten nach Otto von Bismarck. Das gewaltige historische Verdienst ändert freilich nichts daran, dass Kohl erstens von Wirtschaft erstaunlich wenig verstand und sich zweitens erstaunlich wenig um ökonomische Gesetze kümmerte; mit zum Teil erheblichen Nachteilen für Deutschland. Das “Primat der Politik über die Wirtschaft” akzeptierte er in einem für bürgerliche Politiker erstaunlichen Maß, das bis heute nicht nur günstige Folgen hat.

Besonders zeigte sich das im Nachgang zur deutschen Einheit, als es darum ging, zu welchem Kurs die Ersparnisse der DDR-Bürger in (weitgehend wertlosen) DDR-Mark in westliche D-Mark umgetauscht werden sollten. Entgegen jeder wirtschaftlichen Vernunft und gegen den dringenden Rat der Bundesbank setzte er einen Umtauschkurs durch, der weit von jeder Realität war und die DDR-Bürger grob bevorzugte.

Und zwar ausschließlich, weil er es für politisch opportun fand. Ob er überhaupt begriff, dass er damit natürlich den mühsam erarbeiteten inneren Wert der harten D-Mark verwässerte, ist bis heute ungewiss.

Ganz ähnlich agierte der Einheitskanzler bei der Einführung des Euro. Auch hier entschied er entgegen dem Rat der Bundesbank und vieler Ökonomen, nicht darauf zu warten, bis alle Mitgliedsländer der Eurozone ihre wirtschaftlichen Verhältnisse weitgehend harmonisiert hatten (“Krönungstheorie”), sondern setzte die Einführung des Euro trotz erheblicher ökonomischer Diskrepanzen zu einem viel zu frühen Zeitpunkt durch.

Und zwar aus ebenfalls rein politischen Gründen: Weil er wusste, dass Frankreichs Zustimmung zur Wiedervereinigung anders nicht zu bekommen war. An den dadurch entstandenen Problemen leidet die Eurozone bis heute; ob und vor allem in welcher Form sie das überleben wird, ist noch immer ungewiss. Auch das ist Teil des Vermächtnisses des Helmut Kohl. Dass er nun im Rahmen eines Europäischen Staatsaktes verabschiedet wird, folgt deshalb einer bittersüßen Logik, die wohl niemandem so recht bewusst war. (WZ)

7 Gedanken zu „Das andere Erbe des Kanzlers

  1. mariuslupus

    Helmut Kohl war Politiker, Parteivorsitzender, Bundeskanzler, aber kein Staatsmann. Kohl hat als regierender Kanzler, die Chance die sich 1989 mit dem Zerfall des Sowjetimperiums geboten hat, zum Nachteil der Regierten verkehrt. Es bestand keine Notwendigkeit die DDR in die alte Bundesrepublik zu integrieren.
    Es war auch keine Wiedervereinigung, die BRD und DDR zusammen, sind noch immer nicht Deutschland in den Grenzen von 1937.
    Der Mitteldeutsche Staat, vorher auch DDR genannt hätte, ohne weiteres eine eigene Entwicklung verfolgen können, um evtl., nach der Erreichung einer entsprechenden wirtschaftlichen Stabilisierung, und nach einer Volksabstimmung in beiden Teilen Deutschlands, sich Westdeutschland anzuschliessen.
    Der aktuelle Zustand, anstatt einer demokratischen Bundesrepublik, eine DDR “light”, eine Machtübernahme durch politisch, ideologisch geschulten DDR Kaderleuten, wäre nicht eingetreten.
    Sollte es noch eine Geschichtsschreibung später geben, wird die Beurteilung Kohls im besten Falle, “er hat sich bemüht”, sein.

  2. Der Realist

    Ich bin kein Wirtschaftsexperte, daher beurteile ich auch nicht Kohls Wirtschaftskompetenz. Aber da sind sich so ziemlich alle einig, Kohl hat die einmalige Chance zur Wiedervereinigung ergriffen. Natürlich wurden die DDRler bevorzugt behandelt, das werden aber auch innerhalb der EU viele Staaten, und für die Einführung des Euros zeichnet sicher nicht Kohl der Alleinverantwortliche.
    Trotz aller Zuckerln die Kohl den Ostdeutschen nachgeworfen hat, haben sie ihm das letztlich nicht gedankt, schließlich war das Leben in der DDR ja nicht nur durch kommunistische Unterdrückung geprägt.

  3. Der Realist

    Nachtrag: mehr von Wirtschaft als Kohl, haben aber auch die letzten Bundeskanzler in Österreich nicht verstanden, inklusive dem aktuellen

  4. waldsee

    text”””Ob er überhaupt begriff, dass er damit natürlich den mühsam erarbeiteten inneren Wert der harten D-Mark verwässerte, ist bis heute ungewiss.””” ( 1989 war 44 Jahre nach Ende des Krieges.Alle damals 70 jährigen hatten eine noch intensive Erinnerung daran, ganz im Gegensatz zu 2017 .)
    Für uns relevant ist die Frage,ob seine Nachfolgerin,die Angelika,begreift,was sie angerichtet hat.Wieviele Milliarden € sie in den Sand gesetzt haben wird am Ende ihrer Herrschaft ?Wenn der damalige Ossi für viele schon ein Problem darstellt,wie wird es erst mit den Millionen islam. Schutz und Sozialsystemsuchenden sein?

  5. Oliver H.

    “Auch hier entschied er entgegen dem Rat der Bundesbank und vieler Ökonomen, nicht darauf zu warten, bis alle Mitgliedsländer der Eurozone ihre wirtschaftlichen Verhältnisse weitgehend harmonisiert hatten, sondern ..”

    Besagter Rat lautete, zu warten, das ‘nicht’ ist daher sinnumkehrend und falsch.

    Zugleich aber war auch dieser Rat der Bundesbank und vieler Ökonomen alles andere als weise, ist doch weder ökonomische Harmonisierung ein erstrebenswertes Ziel, und noch weniger die damit begründete finale Geiselnahme der kollektiv Angepaßten mit einer gemeinsamen Währung.

    Eine politisch erzwungene Vereinheitlichung ist das pure Gegenteil von Wettbewerb, aber wenn’s um linkes Gottspielertum und kontinentale Freiluftexperimente mit hunderten Millionen humanen Versuchskaninchen geht, die für ein höheres Ideal nach Utopia geführt werden müssen, entdecken selbst Neoliberale ihr Herz für’s sanfte Monster Brüssel und seinen ungekrönten Geld-Kerkermeister in Frankfurt.

    Die einen vergeigen es durch den denkbar falschesten Zugang, die Kritik der ach so wackeren liberalen Opposition macht sich an verkehrt gesetzten Milestones fest, ohne das knallrote Ziel des Projekts ansich in Frage zu stellen. Kafka, schau runter!

  6. Oliver H.

    @Der Realist

    “Nachtrag: mehr von Wirtschaft als Kohl, haben aber auch die letzten Bundeskanzler in Österreich nicht verstanden, inklusive dem aktuellen”

    Das einzige, was ein Politiker von Wirtschaft verstehen muß, ist, daß er seine Finger raushalten soll! Lieber Unwissenheit und eine damit gegründete Passivität, als Politiker, die im Windschatten linker Ökonomie-Lehren das Werkel im Wochentakt immer tiefer in den Sumpf reiten.

    ‘Meine Aufgabe als Kaiser ist es, meine Völker vor ihren gewählten Politikern zu schützen’, sprach einst Franz Joseph der Erste, und wenn heute eine Demoskopie nach der andere veröffentlicht, die Leute würden sich zunehmend nach dem sprichwörtlich starken Mann sehnen, so kann man dieses wachsende Begehren auch durchaus libertär interpretieren.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.