Das Elend des staatlichen Schwundgeldes

(A.TÖGEL)  Die Eurozone gleicht seit der Einführung der ungeliebten Gemeinschaftswährung einer Versuchsstation für geldpolitische Experimente. Josef Urschitz von der Wirtschaftsredaktion der Wiener Tageszeitung „Die Presse“, vergleicht die Bürger der Eurozone in seinem Beitrag vom 30. 5. folgerichtig mit Laborratten. Es geht um das nun bereits seit vielen Jahren währende Euro-Projekt, das nach dem Willen der EZB ab sofort in eine neue Runde gehen wird. Nachdem die europäischen „Südstaaten“ (dank zahlreich vorangegangener Vertragsbrüche) um ihre Konkurrenzfähigkeit gebracht und die „Nordstaaten“ im Gegenzug dafür dauerhaft zu deren Finanzierung genötigt sind, sollen die Zinsen nun faktisch auf Null reduziert und Einlagen der Geschäftsbanken bei der Zentralbank mit Negativzinsen belegt werden. Eine wahrlich geniale Idee – wie alles, was überzeugte Planwirtschafter sich so ausdenken, wenn der Tag lang ist. Für Einlagen bezahlen zu müssen, ist in dieser Form neu und erinnert ein wenig an das bizarre Schwundgeldexperiment in Tiroler Wörgl im Jahre 1932. Geld hat im herrschenden Schuldgeldsystem somit endgültig seine Bedeutung als Wertaufbewahrungsmittel verloren.

 

Die seltsame, dieser Maßnahme zugrundeliegende Vorstellung besteht darin, daß Prosperität und Wohlstand einer Gesellschaft von der Geldmenge, bzw. von der Umlaufgeschwindigkeit des Geldes bestimmt werden. Bestraft man nun die Geldhalter dafür, wenn sie ihre Barmittel nicht so rasch wie möglich ausgeben, so die Hoffnung der Beamten in der imperialen Inflationierungsbehörde EZB, könnte man dadurch einen Nachfrageschub und damit eine „Ankurbelung“ der Wirtschaft erreichen.

 

Daß durch eine Erhöhung der Geldmenge und / oder eine Steigerung der Umlaufgeschwindigkeit – bei unverändertem Warenangebot – der Wohlstand steigen könnte, würde, nach dem in 100 von 100 Fällen zu beobachtenden Scheitern expansiver Geldpolitik (wie z. B. in Japan seit Jahrzehnten „live“ zu beobachten), heute wohl nicht einmal mehr Silvio Gesell glauben. Das ficht Herrn Draghi, der unentwegt einer sämtliche Sparguthaben und Zukunftsvorsorgen vernichtenden Inflation das Wort redet, indes nicht an. Er propagiert unermüdlich seine Sorge vor einer Deflation und der damit angeblich verbundenen Gefahr. Warum der oberste aller selbst ernannten Währungshüter seine vornehmste Aufgabe darin erblickt, fortwährend die Kaufkraft des Geldes zu schmälern, auf diese Weise alle Sparer schleichend zu enteignen und hemmungslose Verschuldungsorgien zu begünstigen, erschließt sich nur den mit dem Wesen eines Schuldgeldsystems gut vertrauten Beobachtern.

 

Zunächst ist festzuhalten, daß die beiden Begriffe, Inflation und Deflation, dank der unermüdlichen Desinformationspolitik des monopolistisch agierenden Geldproduzenten und seiner Propagandisten, einen entscheidenden Bedeutungswandel erfahren haben: Inflation meinte ursprünglich eine Aufblähung der Geldmenge und Deflation das exakte Gegenteil davon. Das angeblich brandgefährliche Phänomen Deflation kann also logischerweise nur als Folge einer vorangegangenen Inflation eintreten. Die Bedeutungsänderung von der Geldmengenänderung hin zu Preissteigerung, bzw. Preisverfall, hat für den Geldproduzenten einen entscheidenden Vorteil: Er kann die Schuld an Preissteigerungen den Unternehmern und „Spekulanten“ zuschieben, die den armen Konsumenten vermeintlich gnadenlos über den Tisch ziehen. Seine eigene, ursächliche Rolle in diesem üblen Spiel durchschauen dagegen nicht allzu viele.

 

Am Beginn jedes an breiter Front erfolgenden Preisauftriebs steht allemal eine Erhöhung der Geldmenge. Das würde sich sogar in einem Warengeldsystem (in dem jeder Geldschein durch einen realen Wert „gedeckt“ ist) nicht anders verhalten. So ist der besonders von Geringverdienern massiv wahrgenommene Preisauftrieb bei Grundnahrungsmitteln zum Großteil der seit vielen Jahren betriebenen, expansiven Geldpolitik der EZB geschuldet, nicht aber der „Gier“ von Produzenten und Händlern, die ja selbst unentwegt mit Kostensteigerungen zu kämpfen haben. In unserem seit 1971 weltweit herrschenden Schuldgeldsystem bilden Geldschöpfung und Verschuldung kommunizierende Gefäße. Die Guthaben der einen sind die Schulden der anderen. Zinsforderungen der Banken auf aus dem Nichts geschöpftes Geld bedingen die Notwendigkeit zur fortgesetzten Geldmengenausweitung.

 

Da die Geldproduktion in der Hand eines Monopolisten liegt, genießt dieser – im Gegensatz zu den Normalsterblichen – ausschließlich Vorteile aus einer Geldmengensteigerung. Der Geldproduzent ist der erste, der über die neue Liquidität verfügt und leidet somit nicht am allgemeinen Preisauftrieb, der nur nachrangige Geldempfänger trifft. Etwas aus nichts schaffen und dafür auch noch Zinsen kassieren zu können(!) – das ist ein wahrhaft märchenhafter Zustand für die Zentralbanken und ein offensichtlicher Anreiz zur Geldverschlechterung.

 

In einem voll gedeckten, marktorientierten Warengeldsystem wäre das anders. Eine willkürliche Geldproduktion wäre – dank der Begrenztheit des zur Verfügung stehenden Rohstoffe und Waren – unmöglich. Außerdem hätte die Geldmenge keinerlei Einfluß auf die wirtschaftliche Entwicklung. Jede zur Verfügung stehende Geldmenge würde ihrem Zweck als Tauschmedium voll gerecht werden. Deflation – verstanden als ein insgesamt laufend sinkendes Preisniveau – wäre der Normalzustand jeder in seiner wirtschaftlichen Entwicklung voranschreitenden Volkswirtschaft. Was wäre an einer laufenden Steigerung der Kaufkraft des Geldes verkehrt?

 

Die explosionsartige Zunahme der Preise für Wohnungseigentum; Aktienkurssteigerungen, die angesichts der düsteren wirtschaftlicher Aussichten im Grunde unerklärlich sind; und ein Verfall der Renditen für Staatsanleihen, sind vollständig ausgeblendete Indikatoren für die planmäßig betriebene Geldschwemme im rezenten Geldsystem. Irgendwo will die neu geschaffene Liquidität schließlich hin. Nur einer galoppierenden „Asset-Price-Inflation“ ist es zu danken, daß sich der Preisauftrieb für Dinge des täglichen Bedarfs bislang in halbwegs überschaubaren Grenzen hält. Weder Aktienkurse noch Immobilienpreise finden übrigens Niederschlag in der amtlich getürkten Erhebung der „Inflationsrate“. Ein zu diesem Zweck willkürlich gebildeter Warenkorb dient ausschließlich der Vernebelung der grimmigen Realität des herrschenden Schwundgeldsystems.

 

Ein Ende ohne Schrecken ist in diesem bösen Spiel unmöglich. Je später allerdings die Notbremse gezogen wird (um einer Hyperinflation vorzubeugen), desto brutaler wird der Aufschlag auf dem harten Boden der Realität ausfallen. Würde man – angesichts der katastrophalen Verschuldungssituation der meisten Staaten, aber auch vieler Unternehmen und Privathaushalte – die Zinsen mit einem Mal auf ein von den Kapitalmärkten geregeltes Niveau steigen lassen, würden augenblicklich Staatspleiten und Firmenkonkurse folgen – mit unabsehbaren Konsequenzen für die an der Geldnadel hängenden Gesellschaften.

 

Die angedrohten Negativzinsen werden die Banken nun zu einer neuen Runde aggressiver Kreditvergabepolitik zwingen. Das hat schon in der Vergangenheit nichts als Unheil gebracht (Stichwort US-„Subprime-Krise“). Deutlich Verschärfte Eigenkapitalvorschriften für die Geschäftsbanken („Basel 3“) werden allerdings bewirken, daß Kredite am Ende nicht an die Wirtschaft vergeben werden (was übrigens auch keineswegs zwingend positive Effekte hätte), sondern nur der naturgemäß unproduktive Staat sich weiter verschulden wird. Wer imstande ist, einen praktikablen, „unblutigen“ Ausweg aus diesem Dilemma zu präsentieren, ist Fixanwärter für den nächsten Wirtschaftsnobelpreis…

Tagebuch

5 comments

  1. Heinrich Elsigan

    Ich lasse einmal die extra Probleme der €-Zone außen vor, wie
    .) unterschiedlich starke Volkswirtschaften in unterschiedlichen Nationalstaaten,
    .) die mangelnde Umsetzung des Ausgleichs von Target-2 Salden durch Wertpapiere ein mal im Jahr, wie bei den FED-Districts,
    .) die übermäßiger Kreditvergabe des Nordens an den Süden vor der Krise (aufgrund falscher Bonitätsbewertungen durch die Einheitswährung) und das zu starke Ansteigen der Löhne und Preise im Süden im Vergleich zu Wirtschaftskraft,
    .) die Unterschiede warum Irland die Krise meisterte und die problemlosen baltischen Staaten im Vergleich zu den €-Südländern
    .) die Subprimemarket-Krise und ihre Auswirkungen auf den Interbankenverkehr der €-Zone
    .) …

    Nehmen wir einen schönen einfachen Staat wie Japan her. Ich würde sagen hier ist die Hauptursache für die Probleme auch nicht das Konzept der Notenbank, sondern folgende Verkettungen.
    1. Keynes sagte schon vor langer Zeit, dass entwickelte Industrienationen ab einem gewissen Zeitpunkt nicht mehr so stark wachsen würden. (Er setzte das Datum nur etwas zu früh an und deswegen hielt jeder zuerst diese Theorie für Humbug)
    2. Die Staaten verschuldeten sich unter einer relativ linearen Wachstumsprämisse, die dann natürlich nicht hielt, als sich Keynes Theorie im Endeffekt als richtig herausstellte.
    3. Die Banken erzielten durch Kreditvergabe an die Realwirtschaft nicht mehr ihr gewünschtes Ergebnis und hatten selbst auf großem Fuß gelebt. Sie sahen, dass das Geld der Anleger und Sparer nicht mehr voll da war und das Wachstum im eigenen Wirtschaftsraum nicht den Prognosen standhielt. Was machten sie? Sie nahmen sich Kredite von der Zentralbank oder anderen Banken und investierten in aufstrebende Volkswirtschaften oder in spekulative Sekundär- und Tertiärmärkte. Das begann zirka ab 1980 im größeren Stil.
    (Fast alle machten aber zu wenig Gewinne in den aufstrebenden Volkswirtschaften und die ganzen Optionen- und Derivatmärkte sind NULL-Summenspiele aller Teilnehmer. Wenn alle Banken gleich geschickt waren, dann konnte in Summe keine über längere Zeit in den Sekundär- und Tertiär-märkten die versprochenen Gewinne erwirtschaften und es begannen Kredite zu faulen. BAWAG, Hypo, Volksbanken, die Liste ist lang und überall auf der ganzen Welt.
    4. if you are in trouble => double. Sowohl Staaten als auch Banken bliesen künstlich ihr BIP oder ihre Bilanz auf und versuchten die Schulden kleiner aussehen zu lassen und irgendwie mit “more of the same” jetzt Gewinne zu lukrieren. (auch Bundesländer oder Staaten, siehe Salzburger Finanzskandal). Das gelang nicht und viele westlichen Staaten sind in diesem Dilemma jetzt. Nur die realwirtschaftlichen Konzerne, die Wissen und Ahnung von Konjunkturzyklen, Angebot/Nachfrage hatten bewegten sich noch als halbwegs “normale” Akteure, wenn gleich es auch bei ihnen zu Börsenblasen kam, die aber relativ schnell platzten (.com) und die Verluste meist an den Gläubigen und an den Dienstmädchen der Hausse hängen blieben. Diese Blasen konnten aber nur vermehrt entstehen, weil eben zu viel Geld durch Banken und Staaten überhaupt geschöpft wurde.

    Die meisten Staaten mussten in diesem Zeitraum auch die Steuern erhöhen um die Allmende weiter am laufen zu halten und sie waren reformfaul.

    Dieses Problem haben nicht nur die alten westlichen Industrienationen, sondern auch Schwellenländer gingen bereits in dieses Stadium über. Es ist ein globales Problem und man sieht schön, dass ab 2000 die weltweite Geldschöpfung und Bruttowertschöpfung immer extremer auseinander liefen.

  2. Heinrich Elsigan

    Update: Vielleicht hilft ein Vergleich:
    Industrieunternehmen verhalten sich für gewöhnlich vollzyklisch und wachsen auch nicht linear, sondern nach dem Prinzip: beginnendes Hoch: Mitarbeiter aufstocken, Lehrlinge ausbilden, Gewinne zuerst einmal auszahlen an sich und Mitarbeiter, man will ja was von seiner Arbeit haben, Tief: Kurzarbeit, Mitarbeiter abbauen bei Verlusten, Einsparungen im Unternehmen durchführen, restrukturieren, erneutes Hoch: Gewinn diesmal im Unternehmen belassen, erweitern, Innovationen durchführen, …

    Staaten sollten sich antizyklisch verhalten, die IV beschreibt das hier gut:
    http://www.christoph-neumayer.at/den-staat-auf-seine-kernaufgaben-zurueckfuehren/
    Im staatlichen Sektor war aber das lineare Wachstum aus mir unbekannten Gründen zu sehr Teil des Denkens geworden. Ich beginne als junger Beamte und bekomme wenig und mein Gehalt steigt relativ linear mit dem Alter und dann gibts noch einen schönen Ruhegenuss. Der Staat verschuldete sich genau nach dem selben Schema, nämlich dass es lineares Wachstum gibt, keine Katastrophen oder unvorhergesehenes auftritt. (Lebensplanung, erworbene Rechte)

  3. Thomas Holzer

    @Heinrich Elsigan
    “Staaten sollten sich antizyklisch verhalten,”

    Falsch! Staaten, respektive Regierungen, haben sich weder zyklisch noch antizyklisch zu verhalten; sie haben sich schlicht und einfach aus der Wirtschaft herauszuhalten.

    it’s always the politics that creates problems

  4. gms

    A.Tögel: “Irgendwo will die neu geschaffene Liquidität schließlich hin. Nur einer galoppierenden „Asset-Price-Inflation“ ist es zu danken, daß sich der Preisauftrieb für Dinge des täglichen Bedarfs bislang in halbwegs überschaubaren Grenzen hält.”

    Assets binden kein Fiat-Money, so als wären beispielhaft teurer werdende Villen innen mit Teppichen aus neuem Bargeld ausgelegt.

    Der beobachtbare Preisauftrieb bei Aktien und Betongold verdeutlicht das Gehandelte und dessen Bewertung, und für jeden, der als Käufer an der Börse oder beim Immobilienmakler frisches Geld auf den Tisch legt, gibt es einen Verkäufer, der um den erzielten Erlös wiederum früher oder später Non-Assets kauft. Der Verkäufer wurde tatsächlich reicher, und dessen Geld sickert auch in die freie Wildbahn der Verbrauchsgüter. So gesehen hat zumindest die Bezeichnung “Verbraucherpreisindex” seine Berechtigung.

    Preisauftriebsdämpfend im Quellnähe mag allenfalls eine ergänzend zunehmende Veranlagung der frischen Euros in fernen Ländern sein, ein Umstand, von dem analog die noch heftiger inflationierenden USA profitieren. So erlebten etwa vor Jahren die BRICS-Staaten noch Preissteigerungen bis zu 10% aufgrund exorbitanter Kapitalimporte, während dieselben Staaten heute heftige Wellen füchten, wenn die FED ihre Geldproduktion drosselt. [1]

    Warum galoppiert der Verbraucherpreis in Europa noch nicht? — Weil die Giralgeldmenge rücklaufig war und ist, und zugleich immer noch relevante Summen Zentralbankgeldes aus den letzten Flutungen bei der ECB geparkt sind. Eben diesem Parken will man mit negativen Einlagezinsen ja ein Ende bereiten.

    [1] bloomberg.com/news/2014-01-23/brics-nations-warn-of-volatility-as-u-s-fed-begins-tapering.html

  5. Rennziege

    Lieber Herr Tögel,
    die “angedrohten Negativzinsen” sind doch absolut halal, also dem Islam wohlgefällig, der Zinsen auf Darlehen und Kredite, dem Koran gehorchend, schlicht verbietet. (O.K., die Ölscheichs und die Muftis haben klandestine Mittel und Wege gefunden, den einschlägigen Suren ein Schnippchen zu schlagen; aber wer sind wir, darüber zu richten?)
    Hauptsach’, die EU als nobelpreisgekrönte Friedensbewahrerin übt vorauseilenden Gehorsam gegenüber der Religion des Friedens. Ist das nixxx? 🙂

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