Das ermüdende Deutungsgeschäft im Gefolge von „Sörtin/Ileven“

Von | 16. November 2015

(von GÜNTHER WALCHSHOFER) Man hätte ja eine sichere Wette platzieren können. Aber kein Buchmacher ist so schnell mit seinen Quoten, wie der Herr Jessen vom Stern mit seinem frömmelnden Vorbeter-Gelaber. Soweit ich sehe, war er der erste aufrechte „Linksliberale“ in deutschen Landen, der sich – als vermutlich die Pariser Polizei noch in frischem Blut watete – gefangen hatte und wusste, was gilt: Nämlich erstens der Anschlag uns allen und unseren Werten (wenn doch einmal einer dieser pietistischen Prediger einen dieser Werte wenigstens so präzis erklärte, wie ein provinzieller mittelalterlicher Pfaffe das Phänomen der Dreifaltigkeit!) und zweitens, Angst zu haben, das auch zurecht, weiterzuleben, Menschen willkommen zu heißen, mutig ins Konzert, ins Restaurant und ins Einkaufszentrum zu gehen, denn sonst – „haben die (die „feigen Attentäter“) gewonnen und wir alles verloren“. Dieser hundertfach in sentimentaler Rührung abgelutschte Erkenntniskitsch klingt ja auch, zumindest für jeden Fußballfan, vollkommen logisch: Wenn die einen gewinnen, müssen die anderen verlieren.
Nachdem er sich von seinem frühmorgendlichen Gewissenskonflikt – er musste die von ihm unbedacht geweckte vierjährige Tochter erstmals ein wenig anlügen, um ihr die Konfrontation mit dem grauenhaften Anschlag zu ersparen – so einigermaßen erholt hatte, traten dem Vorbild-Dad im Zuge der Beurteilung der Sachlage die wahren Vergifter unserer Gesellschaft und Werte vor Augen und damit erste gekräuselte Schaumflocken in die Mundwinkel. „Hetzautoren, Spinner und auch sogenannte Intellektuelle kommen bereits aus ihren Löchern.“ (Dass so einer sich ausgerechnet vor Intellektuellen fürchtet, hätte ich mir nicht gedacht).
Ja, ihr Modernisierungsverlierer und Fremdenängstler! Wer die Wurzeln des syrischen Konflikts nicht im beklagenswerten Defizit an inklusiven Sitzkreisen in Proletenvierteln in Liverpool oder Darmstadt erkennt; wer glaubt, man solle dem IS mit Gewalt entgegentreten, statt mit Herrn Jessen und ein paar anderen Verwegenen mutig beim Spar zwei Wurstsemmeln einzukaufen; wer schließlich sich gar wegen „sörtin-ileven“ zu islamkritischen Äußerungen hinreißen lässt, statt mit Herrn Jessen beim Begrüßungskomitee für unkontrolliert zuwandernde moslemische Hoffnungsträger und Pensionssicherer verlässlich zu erscheinen, – der besorgt das Geschäft der Attentäter!
Soweit also die Analyse eines Weltoffenen und auch sonst nicht ganz Dichten.
Bei Licht besehen erinnern die von solchen saturierten Moralbonzen (er ist ja nicht der Einzige; man sehe, was z.B. der Standard schreibt) propagierten Verhaltensweisen an ein Schaf, das zur Schlachtbank geführt wird und dessen vordringlichstes Anliegen ist, kritischen Äußerungen aus den eigenen Reihen zur Fleischerinnung „mutig“ entgegenzutreten.
Apropos Mut und (von Jessen den Attentätern mehrfach unterstellter) Feigheit:
Man kann ja diesen auf einem theologischen Seitenpfad des friedliebenden Islam wandelnden Massenmördern und Halsabschneidern vieles nachsagen, aber Feigheit stelle ich mir doch anders vor. Zwar mag der Vorwurf der Feigheit auf das Niedermetzeln Wehrloser an sich zutreffen, aber diese Typen bleiben ja regelmäßig so lange, bis sie – offensichtlich unter bewusster Inkaufnahme des eigenen Todes – vom Kugelhagel der Polizei (Gott sei Dank, würde ich sagen) durchsiebt werden, oder sprengen sich selbst (und leider auch andere) in die Luft. Also da stelle ich mir eine solche durch echte Grenzwerterfahrungen erzeugte psychische Belastung doch etwas intensiver vor, als sie beim mutigen Dinieren und Shoppen mit Herrn Jessen aufträten (auch wenn er einem sicher auf die Nerven ginge).
Ich weiß schon: der Mut, auf den sich er und die vielen anderen geistig erschöpften Repräsentanten des wertegetränkten Europa wirklich was einbilden, beweist sich natürlich zuvörderst im schonungslosen Aufzeigen und Anprangern der „Hetze“, die neuerdings schon dann definitionsgemäß vorzuliegen scheint, wenn eine geäußerte Meinung von der eigenen im selbst zusammengezimmerten Koordinatensystem „rechts“ abweicht – mag letztere auch noch so hilflos-lächerlich (gezieltes Shoppen gegen Terrorismus) oder hausverstandsfern (siehe oben, Schaf) sein. Da rattert‘s mechanisch im gedankenentvölkerten Hirn, jedes verbliebene Ganglion ein erigierter Zeigefinger gegen unterstellte Phobien (Xeno,- Islamo- etc.) und Ismen (Rassismus, Faschismus usw.).
Zwei Anregungen für Herrn Jessen und andere auf Avantgarde getrimmte, ranzige Achtundsechziger: Erstens, wenn die oben skizzierten Mutproben nicht einmal den eigenen bescheidenen Ansprüchen genügen sollten – wie wär‘s mit einem längst überfälligen super-kritischen Beitrag über die Verfehlungen der katholischen Kirche? – Kreuzzüge, Inquisition, systematischer Kindesmissbrauch durch schwule Pfarrer etc., nicht alles brandaktuell, aber verwegen und dennoch gefahrlos, weil vom Papst kommandierte Todesschwadronen doch eher rar sind. Wer wird sich da als quasselnder Schreibtischwallach mit dem deutlich weniger spaßtoleranten Islam anlegen?
Zweitens: den hier kommentierten Copy-paste-Verschnitt des durchschnitts-brillanten Charly-Hebdo-Artikels gut aufheben. Er könnte in den kommenden Wochen und Monaten eventuell noch gute Dienste im tapferen Deutungsgeschäft leisten.

16 Gedanken zu „Das ermüdende Deutungsgeschäft im Gefolge von „Sörtin/Ileven“

  1. Lisa

    Nehmen wir mal an, Sie sagen Deutsch und deutlich: Grenzen zu für Menschen ohne Bewilligung , Einfügung in die “Art wie wir leben”, Respektierung und Befolgung bestehender Gesetze – schon brüllt es von verschiedenen Seiten: Das ist ja wie 33, unmenschlich, unchristlich, unsozial, intolerant… und wenn Sie es öffenltich machen, kriegen Sie es immer wieder aufs Brot gestrichen (wir haben ja freie Medien…), wie inhuman, rechtspolpulär, ausländerfeindlich Sie sich mal geäussert hätten.

  2. Fragolin

    @Lisa
    Na und? Was ist wichtiger: unser Land, unsere Lebensart, unsere Freiheit und die Zukunft unserer Kinder oder die momentane Befindlichkeit der Moralapostel mit dem erigierten Zeigefinger.
    Mir ist es inzwischen egal, wie mich die linken Hetzer und Diffamierer nennen. Mir ist nur wichtig, dass meine Kinder mich nicht in Zukunft fragen: Warum habt ihr nichts gesagt, nichts getan, unsere Zukunft vernichtet?
    Ich werde nicht zu denen gehören, die je nach Tageslage, Masseninvasion oder Massenmord, zwischen “Welcome”-Plärreri und Betroffenheitsgedusel wechseln. Ich möchte mich diesem Beliebigkeitsgeschwafel – nur nirgends anecken, nur brav unterwerfen, erst unter PC, dann unter Islam – nicht unterwerfen. NOCH ist das MEIN persönliches und durch die EMRK gedecktes Recht!

  3. Fragolin

    Und zu dem ganzen Menschlichkeitsgeschafel und der angeblichen humanistsichen Pflicht, für Menschen in Not auch mal Gesetze zu missachten: Unter diesem Vorwand kann ich auch ab sofort Ladendiebstahl straffrei stellen. Immerhin gibt es Menschen, die zuwenig Geld haben um satt zu werden, da gebietet die Menschlichkeit doch, dass die Geschäfte das gratis hergeben, oder? Und auf menschenverachtende Kontrollen des wirklichen Armutsstandes verzichten. Wer an der Kasse Geld verlangt ist ein ultrarechter Finanzfaschist!
    Die Welt ist nur noch ein Irrenhaus.

  4. sokrates9

    Fragolin@ Ohne ihr genaues Alter zu kennen, – wobei ich aber vermute, dass sie eine fundierte Ausbildung haben – und somit nicht den PC – konformen Gendereinheitsbrei der neuen Mittelschule genossen haben,
    solche Statements vermisse ich von der Generation der 20 – 40 jährigen!

  5. Lisa

    @Fragolin. Das kann Ihnen als unbekanntem, bloss so in einem kaum beachteten Forum Mitschreibendem schon egal sein, aber es kann auch sein, dass Sie an exponierter Stelle stehen, in den Medien (der Andersdenkenden) durch den Kakao gezogen werden und Ihre Kinder und Enkel sich schämen, einen “Neonazi” (oder als was Sie immer beschimpft würden) als Vater oder Opa zu haben (“wegen Leuten wie dier sind diese armen Kinder gestorben”) Die Zukunft ist nicht “politisch”, sondern…) wirtschaftlich: Mit einemHass und Fanatismus schafft man keine florierende Wirtschaft und schon gar nicht Integration oder gar Assimilation. Und es wird die Bürger einander noch mehr entfremden als es in freiheitlichen Ländern eh der Fall ist. Hass macht blind – auf beiden Seiten. Wenn es dem Staat, bzw. seinen Bürgern nützt, (auch) Menschen mit islamischem Glauben und aus andern Kulturen legal aufzunehmen, müssen sich die Neuankömmlinge aber genauso legal hier verhalten: Religion muss Privatsache bleiben und darf nicht mit irgendeinem bestehenden Gesetz in Konflikt kommen. Wer nicht dazu bereit ist, diesen zur Gewalt an Ungläubigen aufrufende „Religion“ (sive Ideologie) zu reformieren oder eben aufzugeben, hat hier nichts zu suchen. Punkt.

  6. Selbstdenker

    Das Problem ist doch, dass sich viele den Aufwand und das Risiko einer eigenen Deutung der Ereignisse ersparen wollen. Diese Lücke wird von Berufs-Deutern geschlossen, die sich gegenseitig den Ball zuspielen, da sämtliche gegnerischen Mannschaften von selbsternannten Schiedsrichtern kategorisch auf die Strafbank verbannt werden.

    http://www.breitbart.com/london/2015/11/16/the-west-is-failing-to-defend-its-values-in-the-face-of-islamic-terror/

    Spielen wir dieses Spiel nicht mehr mit und hören wir endlich damit auf, dass wir darauf warten, dass jemand anderer den ersten Schritt macht.

    Das wir solange diesem Treiben zugesehen haben, ist das einzige wofür wir uns entschuldigen müssen.

  7. Fragolin

    @Lisa
    Ich diskutiere nicht nur anonym in diesem Forum sondern auch persönlich in meinem sehr großen Umfeld. Einen Kunden aus der roten Reichshälfte darf ich schon als Ex bezeichnen.
    Und nein, meine Kinder schämen sich nicht. Die können nämlich sehen und denken. Und die kennen die gelebten Werte in unserer Familie. Und meine Meinung zum rechten Rand. Egal was andere Hetzer behaupten. Zum Glück.

  8. Lisa

    @Fragolin. Konjunktiv beachten! (“exponierte Stelle” hat etwa ein hoher Politiker, ein Presseunternehmen, ein CEO in einem internationalen Konzern – die dürfen nicht alles rauströten, was sie denken)

  9. Rennziege

    16. November 2015 – 09:35 Fragolin
    Vielen Dank für den Link zu dieser Karikatur von Glenn McCoy!
    Es ist ein bitterer, schmerzhafter Spiegel, in den er uns blicken lässt: Wie wir Europäer, aber auch die Amis, unsere Geschichte, Kultur und Freiheit ins Klo schmeißen — und das seit Jahrzehnten.

  10. Rennziege

    16. November 2015 – 12:43 Fragolin
    Ja, konnte ich hören und sehen. A lustig’s und fesches Liadl. (Ein Wunder, dass diese Heurigenmusikanten nicht längst, wegen Verhetzung oder so, gesiebte Luft atmen müssen.)
    Aber ein Lied wird den Kurs des Schinakels Europa nicht drehen können.
    So oder so gepolt, egal.
    Hier eine besondere Peinlichkeit der Willkommens-Culturati:
    http://www.faz.net/aktuell/politik/fluechtlingskrise/ruehrend-und-peinlich-politiker-singen-schlager-fuer-fluechtlinge-13897660.html

    Dass ausgerechnet Christian Bruhn sich für so was als Produzent prostituiert hat, kann nur mit seinem hohen Alter zu tun haben.

  11. Fragolin

    @Rennziege
    Gern geschehen. Ich weiß ja nicht, aber die seltenen Sichtungen dieses umtriebigen Weststeirers im ORF endeten abrupt zu jener Zeit und auch seine Bühnenauftritte wurden rarer. Kann aber auch daran liegen, dass er inzwischen lieber für eine deutsche SF-Heftreihe schreibt, da weiß ich den ursächlichen Zusammenhang nicht.

  12. carambolage

    Anbetracht dass so viele Menschen jetzt schon zu viel Angst haben, ihre Meinung zu sagen – nämlich über 40% der Interviewten von Umfragen hat das Allensbacher-Institut herausgefunden – bekenne ich, einer von diesen Rechtspopulisten, Ratten, ein Mitglied des Pack`s und besonders ein ABER-Nazi zu sein.
    Meistens wenn eben die Plattitüden-Platte aufgelegt wird und die PC-gerechten Vorgaben heruntergespielt werden, dann beginn ich schon mal mit ABER und hinterfrage die Dinge halt.
    Komischerweise bestätigen sich meine Bedenken andauernd.
    Mir fällt es leichter als manchen Anderen, da ich beruflich und privat nichts zu verlieren habe, aber die Zivilcourage lässt schon sehr zu wünschen übrig.

  13. Lisa

    Genau das haben die Solidarisierer ja für sich behauptet: Zivilcourage. Sich gegen Polizisteni, Grenzwächter, Aufnahme-Organisierer etc. zu wenden, um illegalen Grenzüberschreitern den “Einmarsch” zu erleichtern! Wobei ich mir nicht ganz sicher bin, ob das nicht zur Eventkultur zu zählen ist – und zu einem pubertären Bullen/Autoritäts-bashing, wie etwas in den 68ern Leute Ho-ho-ho-Chi-Minh skandierten ohne die leiseste Ahnung, was dort eigentlich ablief. Ich habe Hochachtung vor jedem, der sich für einen (echten) Flüchtling engagiert, aber in Taten (Bürge, private Versorgung etc.) und nicht mit Solidaritätsgeschwätz, Geschrei und Renitenz gegen Gesetzeshüter oder – genauso heuchlerisch – indem man seine alten Klamotten und Möbel unter der Flagge Flüchtlingshilfe entsorgt. Denn – wer hätte das gedacht!? – die wollen nicht unsern alten Kram, sondern Geld. Entweder verdienen oder wenigstens vom “Staat” (erklären Sie mal nur schon Einheimischen, was eigenltich de r Staat ist 🙁 !) Hinterfragen muss man aber auch manipulierte Videos, wo ein mittelloser Afrikaner gerne bereit ist, für einen Hunderter etwas für Rechtspropaganda Geeignetes ins Mikrophon oder Handy zu brüllen. Wo immer Hass gepredigt oder Emotionen aufgepeitscht werden, egal, ob von rechtsoder links, kann nichts Gutes herauskommen.

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