Das Geld-Vodoo geht munter weiter

Von | 12. November 2015

(ANDREAS TÖGEL) Für die neoklassische Ökonomie stellt eine möglichst großzügige Kreditvergabe den Schlüssel zur Prosperität dar. Kaum schwächelt die Konjunktur – schon erschallt der Ruf nach „billigem Geld“. Seitdem Maynard Keynes den Sparer in seiner „General Theory of Employment, Interest and Money“ (1936) zum Schädling erklärt hat, der durch sein ruchloses Verhalten („Unterkonsumption“) der Wirtschaft ihr Lebenselixier entzieht, ist der Schuldenmacher zum Darling der Wirtschaftswissenschaften avanciert.
Gegen die Finanzierung eines wohldurchdachten Projekts mittels Kredit, ist grundsätzlich nichts einzuwenden. Allerdings ist eine nachhaltige Kreditfinanzierung nur dann möglich, wenn vom Kreditor zuvor das Opfer des Konsumverzichts gebracht wurde – wenn er also gespart hat. Diese Einsicht ist in unserer Zeit unbegrenzter Geldproduktion völlig verloren gegangen.
Das frühe Bankwesen hatte, neben seiner Funktion der sicheren Verwahrung von Vermögensbeständen, die Aufgabe, zwischen Sparern und Investoren zu vermitteln. Nicht akut benötigte, auf der Bank deponierte Gelder wurden – das Einverständnis deren Besitzer vorausgesetzt – Dritten gegen Entgelt (Zinsen) für eine zuvor bestimmte Zeit überlassen. Die Aufgabe des seriösen Bankiers bestand in der Fristentransformation, um Liquiditätsengpässe auszuschließen. Die Höhe der gewährten Kredite, war durch die Höhe der Einlagen limitiert.
Ein vom österreichischen Ökonomen Eugen von Böhm-Bawerk (1851 -1914) erdachtes Bild, soll die Bedeutung des Sparens veranschaulichen:
Robinson sitzt auf seiner Insel und lebt von der Hand in den Mund. Seine Methoden zur Nahrungsbeschaffung sind primitiv. Er kann mit bloßen Händen nur wenig mehr heranschaffen, als er zum Überleben benötigt. Er plant daher, Gerätschaften (etwa ein Fischnetz) zu fertigen, die es ihm ermöglichen sollen, seinen Arbeitsertrag zu steigern und sein Leben zu erleichtern. Zu diesem Zweck bildet er über einige Zeit hinweg Nahrungsreserven, die ihn in die Lage versetzen, an seinem Projekt zu arbeiten, ohne in dieser Zeit jagen, fischen oder sammeln zu müssen.
Der gebildete Vorrat an Fischen und Kokosnüssen, reicht für die paar Tage, in denen er an seinen Werkzeugen arbeitet. Um den erforderlichen Vorrat (die notwendige Ersparnis) aufzubauen, muss er seinen Konsum entsprechend einschränken. Anschließend konsumiert er das Ersparte, während er sein Vorhaben umsetzt. Hätte er nichts gespart, wäre es ihm nicht möglich gewesen, seine Lebensumstände durch die Produktion von „Kapitalgütern“ zu verbessern. Der Zusammenhang zwischen Ersparnis, Investition und Konsequenz daraus, liegt auf der Hand.
Der deutsche Ökonom Hans-Hermann Hoppe hat das Beispiel erweitert, um das Wesen des Sachkredits zu erläutern: Der ebenfalls auf der Insel gestrandete Freitag, blickt begehrlich auf die deutlich besseren Lebensumstände Robinsons und trägt sich mit dem Gedanken, seine eigene Nahrungsmittelproduktion zu steigern, indem er ein Stück Dschungel urbar macht und bebaut. Das Vorhaben wird ihn einige Zeit kosten, in der er keine Möglichkeit hat, Lebensmittel zu beschaffen. Da er keine Lust verspürt, sich Vorräte vom Mund abzusparen, bittet er Robinson um einen Kredit in Form von Nahrungsmitteln, die ihn über eine entsprechende Zeitspanne hinweg ernähren sollen.
Robinson willigt ein und händigt Freitag einige getrocknete Fische und ein paar Kokosnüsse aus – gegen dessen Zusage, diese nach dem erfolgreichen Abschluss des Projekts, nicht nur in gleicher Zahl, sondern „verzinst“ zurückzuerhalten (sechs für jeweils fünf Fische und Kokosnüsse). Es ist klar, dass das Rodungsprojekt nur dann erfolgreich durchgeführt werden kann, wenn Freitag tatsächlich Lebensmittel zur Verfügung gestellt werden, die der Kreditgeber Robinson zuvor – mittels Konsumverzichts – angehäuft hat. Hätte Robinson in Wahrheit nichts gespart und würde Freitag lediglich einen Kreditbrief mit dem Vermerk „Lebensmittel“ aushändigen, wäre dem damit augenscheinlich nicht gedient. Das geplante Projekt könnte nicht verwirklicht werden.
Die heute von den Geschäftsbanken vergebenen Kredite, basieren allesamt nicht auf real gebildeten Ersparnissen, sondern entstehen aus dem Nichts. Es ist nicht einmal mehr nötig, dem Kreditwerber (intrinsisch wertlose) Papierscheine aushändigen. Eine elektronische Buchung erfüllt denselben Zweck. Es gibt, um im obigen Bild zu bleiben, weder Fische noch Kokosnüsse. Kein realer Wert wechselt den Besitzer.
Im Robinson-Freitag-Beispiel ist der Sachverhalt für jedermann offensichtlich. Ein buchstäblich aus gar nichts bestehender „Kredit“ in Form einer bloßen Zusage, würde keinen Sinn ergeben. In der modernen Welt des „Fiat-Money“ ist der Zusammenhang allerdings derart gut verschleiert, dass sich die dahintersteckende Illusion nur einschlägig informierten, kritischen Geistern erschließt. Den alten Traum der Alchemisten, Blei in Gold zu verwandeln, haben die modernen Banker scheinbar sogar weit in den Schatten gestellt. Sie geben vor, zu können, was bislang allein Gott vorbehalten war: Etwas aus dem Nichts zu schaffen. Wie die großen Bühnenmagier verstehen sie sich darauf, das staunende Publikum hinters Licht zu führen und mit ihrem Hokuspokus zu beeindrucken. Im Fall des Zauberers weiß indes jeder: Alles nur Show – alles nicht real. Dieselbe Einsicht fehlt im Falle des Geldalchemisten von der Bankfiliale nebenan, leider vollständig.
Eine Illusion kann die Wirklichkeit aber nicht dauerhaft ersetzen. Mit auf nichts weiter als auf heiße Luft gegründeten „Investitionen“, ist ein nachhaltig erfolgreiches Wirtschaften unmöglich.
Wer wollte sich, angesichts des frivolen Treibens der zeitgenössischen Finanzmagier, ernsthaft über „Blasenbildungen“ und die insgesamt krisenhafte Entwicklung unserer Wirtschaft wundern?
Ohne eine Rückkehr zu einem soliden, werthaltigen Geld und einer Rechtsordnung, in der offensichtlich betrügerische Kreditmanipulationen durch Zentral- und Geschäftsbanken rigoros geahndet werden, wird die Welt die anhaltende Schulden- und Finanzkrise wohl niemals überwinden…

7 Gedanken zu „Das Geld-Vodoo geht munter weiter

  1. Fragolin

    @Lisa
    Das Seltsame ist ja, dass selbst Laien das Offensichtliche sehen und begreifen können, aber unsere “Experten” wortreich darauf beharren, dass der Himmel gelb ist und die Sonne um die Erde kreist.
    Wer von Realitätsverweigerern regiert wird, wird irgendwann von der Realität erschlagen.

  2. O.d.S.

    Sehr geehrter Herr Tögel.

    Ich denke, das Robinsonbeispiel zeigt nicht die wahre Problematik des Fiatgeldes auf. Freitag kann heutzutage nunmal wirklich sein Projekt durchführen, denn den Wisch von Robinson nimmt ihm jeder ab und gibt ihm dafür zu essen.
    Der Kristallisationspunkt entsteht bei der Erkenntnis, dass Freitag ein fauler Sack ist und sein Projekt nicht umsetzt, oder er sich schlicht verkalkuliert und viel länger brauchen würde. Nun haben weder Freitag, noch Robinson, noch der Dritte etwas zu essen, denn der Dritte vertraute auf den Wisch, Robinson wiederum hat selbst in Wahrheit gar nichts, sondern konsumierte nur. Ergebnis: Freitag gehen die Nahrungsmittel aus, die Folge ist der Tod. Robinson konsumiert weiter und wenn der Dritte auch zu schwach zum Fischen ist, wird auch er sterben. Im besten Falle fangen nach dem ganzen Projekt alle drei Fische zum Überleben und sind in ihrer Entwicklung beim Neanderthalerdasein stehengeblieben.

    Hätte Robinson hingegen echt gespart, muss er zwar die Verluste tragen, hat aber dennoch sein Netz und kann schneller Kapital ansparen.
    Mehr noch. Robinson würde nach all der harten Arbeit niemals nur sechs für fünf verlangen. Er würde wohl eher sieben oder acht verlangen (hoher Zins aufgrund knappen Kapitals) und er würde es sich sehr gut überlegen, ob er Freitag die Fische gibt.
    Der Fiatrobinson hingegen ist leicht mit sechs Fischen zufrieden, musste er dafür ja nichts tun, sondern nur auf den “whatever it takes” Knopf drücken. Und überlegen braucht Fiatrobinson nicht, wieso sollte er sich eine solche Chance auf sechs Fische entgehen lassen?

  3. Reini

    wir leben in einer finanziellen Scheinwelt die künstlich hochgehalten wird um dem Volk Brot und Spiele zu bieten,… die USA lebt diese System vor, es scheint irgendwie Rätselhaft zu Funktionieren,… z.B. die Spekulationen mit Lebensmittel waren weltweit das 73fach der real existierenden Menge! … und das der Euro nichts wert ist lebt uns der Staat vor!

  4. gms

    Reini,

    > die Spekulationen mit Lebensmittel waren weltweit das 73fach der real existierenden Menge!

    Was dem Laien sonderbar vorkommt, entpuppt sich als trivial erklärbar, sobald man “Spekulation” korrekt durch “aufsummierte Handlesvolumina” ersetzt. Der Apfel kommt heute nicht mehr direkt vom Baum des Plantagenbesitzers auf den Teller des Konsumenten, jeder Zwischen- und Großhändler, Veredler, usw. setzt die real existierende Menge einmal um. Je arbeitsteiliger eine Gesellschaft, desto höher das Verhältnis zwischen Umsätzen und realen Gütern.

    Hinzu kommen tatsächlich jene, die mit den Lebensmitteln niemals in Berührung kommen, doch auch diese können nur mit dem handeln, was andere ihnen freiwillig ab- respektive verkaufen. Die These ist falsch, eine Vielzahl von Intermediären würde zwangsweise die Preise hinauftreiben, allenfalls resultieren Teuerungen aus einer verbreiterten Gruppe von Endabnehmern, die nur mit einer komplexeren Handelsstruktur erreichbar ist. Dann steht schon mal pars pro toto der lokale Schokolade-Konsument im Wettstreit mit jenen Chinas.

  5. gms

    O.d.S.,

    “Freitag kann heutzutage nunmal wirklich sein Projekt durchführen, denn den Wisch von Robinson nimmt ihm jeder ab und gibt ihm dafür zu essen.”

    Korrekt, bloß ändert das nichts an der fehlenden Deckung der Bezugsscheine. Das im Kleinen geltende und einsichtige Prinzip ändert sich durch beliebige Skalierung nicht.

    “Der Kristallisationspunkt entsteht bei der Erkenntnis, dass Freitag ein fauler Sack ist und sein Projekt nicht umsetzt, oder er sich schlicht verkalkuliert und viel länger brauchen würde.”

    Selbst wenn Freitag alles richtig macht — er ist nicht der einzige, der mit ungedeckten Scheinen einkaufen will! Im Schnitt geht daher auch die Kalkulation nicht auf, Unternehmungen entpuppen sich zwangsweise als teurer und weniger rentabel, weil die dafür notwendigen Ressourcen nicht in jener Menge vorhanden sind, wie es das umlaufende Luftgeld suggeriert.
    Blasen als Ausdruck der Euphorie (“Wir sind reich!”) enden immer und immer wieder als Stranded-Costs aufgrund von Fehlanreizen und Fehlallokationen, die Mähr von wegen “Ankurbelung!” kann und muß in einer /Ver/kurbelung enden.

    Wie sehr sich diese Binsenweisheit mitterdings durchgesprochen hat, zeigt die aktuelle verrückte Situation, wonach die Zentralbanken die Lage für so (pardon!) beschissen halten, daß sie zur Stimmungsaufhellung die Märkte mit Luftgelt fluten, und die tatsächlich wirtschaftlich aktiven Adressaten dieser versuchten Motivation mit erwartbarem Ausgang dem Geldregen die lange Nase drehen.

    Daher langen auch anteilig vermehrt Staaten zu, sowie jene Jongleure, die im Pyramidenspiel oben absahnen und sich den Wohlstandsgewinn sichern, bevor der Schwindel auffliegt.
    Wer tatsächlich produziert, muß in die Zukunft sehen, und in dieser Zukunft gibt es durch Luftgeld kein Staubkorn zusätzlich, das als Profit für die heutige Anstrengung retour kommen kann.
    Wer aber nicht produziert, tauscht ohne Zeitverlust ungedecktes Geld gegen Handfestes, was Preisauftriebe bei Nicht-Konsumgütern (=Assets) hervorruft und mittelbar in die Preise für Konsumgüter diffundiert.

    Da jedem Käufer ein Verkäufer gegenüber steht, kann dieses überschüssige Geld nicht irgendwo gebunden sein. Was ein Draghi heute als fehlende “Inflation” behauptet, ist nichtmal eine Teilwahrheit, zumal a) Assetpreise sehrwohl in die Teuerung einzurechnen sind und b) die Preise sogar sinken müßten, nachdem die Giraldgeldmenge “dank” der Flaute sinkt, dies aber durch vermehrtes Zentralbankgeld kompensiert wird. Last not least wird auch Zentralbankgeld trotzt Negativzinsen von Geschäftsbanken zentral gebunkert.

    “Der Fiatrobinson hingegen ist leicht mit sechs Fischen zufrieden, musste er dafür ja nichts tun, sondern nur auf den „whatever it takes“ Knopf drücken.”

    Absolut zutreffend, doch es ist ein entscheider Unterschied, ob ein monopolistischer Fiatrobinson regelrecht Gott, sprich ein verantwortungslose Irrtumsmonopol, spielen kann, oder ob gegenteilig deren viele als Private mit eigenem Vermögen haften, wenn die evozierte Unterdeckung auffliegt. Eine legitime Unterdeckung ist ein zeitlicher Vorgriff, der auch hält, sprich durch reales Wachstum jene Güter liefert, die bei der Einlösung verlangt werden.

    Aktien als verbriefte Anteile können Geld sein, und deren Wert basiert nicht ausschließlich aus den referenzierten Anlage- und Umlaufvermögen, sondern auch und insbesondere den erwarteten Rückflüssen, künftige Gewinne sind daher eingepreist. In einem System mit einzig privaten Geldern steht es Nutzern dieser Gelder frei zu beurteilen, ob die behaupteten hinkünftigen Rückflüsse und damit der aktuell behauptete Wert einer Verbriefung stimmig ist oder nicht.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.