Das Glaubwürdigkeits-Problem der Medienindustrie

Von | 11. Februar 2016

“…Mäusekötel im Milchpulver? Chef hat seine Meinung direkt gesagt? Farbeimer umgefallen und Chemiealarm ausgelöst? Würmer im Weihnachtslachs? Wer für Unternehmen arbeitet oder in der Politik, weiß: Jetzt greift der Krisenkommunikator in die Schublade „Notfallplan“. Transparenz, Schuldeingeständnis, Abläufe überprüfen, Verantwortliche feuern, Besserung geloben. So in etwa. Eine Branche hat es besonders getroffen: die Medien selbst.

Alles „Lügenpresse“, sagt Pegida. Zunächst fiel es den Sachsen auf, die seit DDR-Zeiten TV-Bilder kritisch betrachten, dass da was nicht stimmt: Immer ist die Rede von flüchtenden Frauen und Kindern – aber man sieht nur knackige, junge Männer? Eine Text-Bild-Schere der neuen Art. Die Folge: Nur die Hälfte der Medienkonsumenten glaubt noch, was geschrieben und gefunkt wird. Bemerkenswert: Je höher der Bildungsstand, umso kritischer sehen die von Allensbach Befragten die Medien. Eskalation: Ausgerechnet der Borderliner Akif Pirinçci schleift wegen erkennbar falscher Berichterstattung 30 der angesehensten Medien vor Gericht. Wäre man in PR oder Politik tätig: Krisenstimmung, Notfallplan, Schuldeingeständnis, Besserung.Bei den Medien? Nichts davon.

Die notorisch dummen Zuschauer und Leser begreifen nicht, was ihnen serviert wird, ist der Tenor der meisten Reaktionen aus den Redaktionen. Schuldzuweisungen folgen: Die Filterblase der sozialen Medien sei dafür verantwortlich, dass die darin eingeschlossenen Leichtgläubigen ihrer eigenen Wahrnehmung mehr glauben als der erhabenen Einsichtsfähigkeit der weltbesten Journalisten.Aber ist der Zweifel des Misstrauens erst gesät, krallen sich seine Widerhaken an jeder Meldung fest: Alles Akademiker, die aus Syrien kommen – aber wie passt das zur Meldung der Behörden, dass es zur Hälfte Analphabeten sind? Nicht nur im Fall der Flüchtlinge klaffen Widersprüche. Wieso steigen Strompreise und stinkender Braunkohleverbrauch, wenn laut Jubelmeldungen die Solarenergie superbillig ist und in rauen Mengen produziert wird? Wieso ist es ok, wenn Putin in Syrien Krankenhäuser bombardieren lässt – aber wehe, eine US-Bombe geht daneben? Wie kann es sein, dass die Wirklichkeit so widersprüchlich ist, aber Nachrichten und Kommentare oft so einheitlich schwarz-weiß?

Offenbar haben meine verehrten Kollegen/ innen nicht begriffen: Es gibt Google (diese Datenkrake), jede Behauptung wird von den Lesern sofort gecheckt. Sie tauschen sich aus – über die nicht-kontrollierbaren Kommunikationskanäle im Netz. Da hilft es nichts, wenn man dem Justizminister und seiner chinesischen Methode der Facebook-Kontrolle zujubelt. Die Konsumenten haben sich von den Gatekeepern emanzipiert, die einst Sichtweisen dominierten.Das Beste: Weil die Leser nicht glauben, haben viele Redaktionen die Kommentarfunktionen abgeschaltet. Stellen wir uns vor, VW würde jedem, der nach Dieselgate fragt, Hausverbot erteilen. Medien machen es so. Wer nicht glaubt, ist rechtsradikal, klaro? Leute, in Eurer gedruckten Filterblase: Wir haben ein Problem. Das sind nicht nur Kötel, da sind schon komplette Mäuseköpfe in unserem Milchpulver. (hier)

5 Gedanken zu „Das Glaubwürdigkeits-Problem der Medienindustrie

  1. gms

    Roland Tichy: “Offenbar haben meine verehrten Kollegen/innen nicht begriffen: Es gibt Google (diese Datenkrake), jede Behauptung wird von den Lesern sofort gecheckt. Sie tauschen sich aus – über die nicht-kontrollierbaren Kommunikationskanäle im Netz.”

    Die verehrten Kollegen haben sehrwohl begriffen, was ihre artikulierten Überwachungsphantasien beweisen; siehe exemplarisch EU betreffend Medienpluralismus und wie der engagierte Wasserträger darüber berichtete: ‘EU-Berater wollen Medien stärker überwachen. Berater der EU-Kommission sehen die Pressefreiheit in Europa in Gefahr. Sie schlagen eine stärkere Überwachung durch den Staat vor. Einige Medien sollten auch finanziell unterstützt werden. 21.01.2013, von Nikolaus Busse, Brüssel, FAZ’ [1]

    Darin lesen sich so orwell’sche Sätze wie: ‘Für ein besonders großes Problem hält die Gruppe einen schleichenden Qualitätsverlust in der Berichterstattung, wie Frau Vike-Freiberga darlegte. Er stamme unter anderem daher, dass mit den neuen Medien wie dem Internet jedermann Informationen verbreiten könne.’
    Was juckt demgemäß die Meinungsmißbildner und deren Medienhuren die Auffindbarkeit von Texten via Tante Kugl, wenn man doch schon das Vorfeld mittels aufgebohrter EU-Grundrechteagentur unter Kontrolle hat?

    Flankierend befinden die weltweit dominanten Oligarchen, es sei hoch an der Zeit, das bislang bottom-up organisierte Internet von oben herab zu regieren, würden doch unter anderem Putin-Trolle die Vorherrschaft der Massenmedien stören, Viren physischen Schaden anrichten und Spam-Mails die Datenleitungen verstopfen.
    Kommende Standards, vereinbart zwischen teilnehmenden Staaten, sollen nicht nur Formate und Kryptographie für den Datenaustausch festlegen, sondern auch, wer unter welchen Umständen physisch auf Server zugreifen darf, Stichwort Eigentums- und Persönlichkeitsrechte.
    Erwartbar sind einmal mehr Verhandlungen hinter verschlossen Türen, von himmlischer Medienmusik begleitet, man löte an der nächsten digitalen Revolution für Weltfrieden und ökonomische Prosperität, und das resultierende 3520 Seiten starke Dokument wird nach auszugsweiser Veröffentlichung innerhalb von drei Tagen vom EU-Parlament abgenickt.

    Begriffen haben die wenigen potenten Freier der Presstituierten das Gewerbe schon lange, nichts jedoch dämmert den Massen, welche entweder unwissentlich oder aus Zwang noch Penunzen in die diversen Unfreudenhäuser küblen. Massenmedien sind weltweit in der Hand weniger Player, die entweder selbst zu den notorischen Zirkeln gehören, oder eng mit diesen verbunden sind. Begonnen hat das Spiel mit der umfassenden Desinformation schon im März 1915, als J.P.Morgen die Köpfe der damals zwölf wichtigsten Medienorgane der USA für sich vereinnahmte. Ausfluß dessen war u.a. jahrzehntelange Falschinformation über diverse kommunistische Regime weltweit, die als Heilige dargestellt wurden. Ob dem auch die Begeisterung infantiler Studenten in den 68ern für Marx, Mao, Castro, Hồ Chí Minh oder Che Guevara geschuldet ist, mögen andere darstellen, verwundern würde es nicht und hält zumindest der Stichprobe stand [4]

    In Folge dessen brachte Jahrzehnte später auch schon mal unser geschätzter Gastgeber hier einen Bericht über eine unglaublich Manipulation [2], die für Strippenzieher heute zum kleinen Einmaleins zählt. Im Anlaßfall spricht der iranische Außenminister beim German Council on Foreign Relations vor rund 250 geladenen Politikexperten, wird nachher noch vorort für dessen erfolgreiche Vertrauensbildung in den höchten Tönen gelobt und Massenmedien überschlagen sich weltweit in Windeseile mit kreativen Titelstories.

    Ein Teilnehmer, der all die Verdrehungen dokumentierte, hält fest: ‘The West seems intent on betraying itself. True, everybody yearns for Iran to become a “normal” country; a country that not only changes the style but also the substance of its policy. While this longing is more than understandable it mustn’t be allowed to deafen our sensory organs and mind. That, however, is what is happening. Invented messages circulate and are uncritically trusted as long as they confirm the spirit of hope. Real stories remain unheeded as long as they might disturb the optimism.’ [3]

    [1] faz.net/aktuell/politik/europaeische-union/pressefreiheit-eu-berater-wollen-medien-staerker-ueberwachen-12032982.html
    sezession.de/35958/hurra-die-eu-rettet-den-pluralismus.html
    [2] ortneronline.at/?p=27089
    12.02.2014, Der Westen trinkt sich den Iran schön, verweist auf [3]
    [3] matthiaskuentzel.de/contents/hypocrisy-and-hope-how-the-media-fools-itself-about-iran
    [4] nytimes.com/learning/general/onthisday/bday/0519.html
    Among 20th-century statesmen, Ho Chi Minh was remarkable both for the tenacity and patience with which he pursued his goal of Vietnamese independence and for his success in blending Communism with nationalism.
    loc.gov/pictures/related/?fi=subject&q=Hồ%2C%20Chí%20Minh%2C–1890-1969.

  2. Lisa

    Dazu die Antwort einer (immerhin studierten und noch nicht dementen) Frau auf einem Foto aus den 68er auf die Frage eines Teenagers, was denn da gewesen sei: “Das weiss ich jetzt auch nicht mehr genau, wir waren da halt auf die Strasse gegangen und haben gegen die Amis Hohoho-tschi-min gerufen” (sic!) Interessant auch, wie die Presse damals darüber berichtete. Da gabs noch kein Internet und keine Telelefonie samt Bild, mittels derer man heute mit direkt Betroffenen bis in den entlegenstem Dschungel kommunizieren kann. Ich bin immer wieder erstaunt, wie auch Flüchtlinge selbst nur über jeweils ihr Dorf oder ihren Stadtteil etwas wissen und Zusammenhänge nur nachgeplappert werden, entweder von Leuten, die sie persönlich kennen (so stammtischmässig halt) oder von Ideologen, die den Status eines “Führeres im Kleinen” haben.

  3. caruso

    Der Text und die Realität… es erinnert mich an meine “schönste” Zeiten im kommunistischen
    Ungarn. Damals gab es noch kein Internet. Der Diskrepanz fiel trotzdem sehr vielen auf, sonst
    wäre keine Revolution ’56 ausgebrochen.
    lg
    caruso

  4. Marcel Elsener

    @gms
    Vielen Dank für Ihren Kommentar. Bravo! Sie haben den Zustand des heutigen Medienkartells gut beschrieben.

    Die Vertreter der etablierten Massenmedien merken ganz genau, dass ihr Meinungskartell zerbricht; das Netz sorgt für den Zusammenbruch. Deswegen sind es aus Sicht der Kartellisten vollkommen rationale Forderungen, das Netz staatlich zu kontrollieren und die siechenden Massenmedien mit Einnahmen aus Rundfunkgebühren zu subventionieren.

    Aber so etwas wird auf Dauer nicht funktionieren. Wir sehen hier gewissermassen live die Macht des freien Marktes und wie ein Kartell daran zerbricht. Auch die Staatshilfe wird das Medienkartell auf lange Sicht nicht retten. Die Staatshilfe speist sich übrigens ihrerseits aus einem Kartell – nämlich dem politischen Machtkartell, welches Steuern und Gebühren notfalls auch durch Anwendung von Gewalt eintreiben kann. Aber das nur nebenbei…

    Bislang konnte das Medienkartell sich behaupten, weil es technisch ziemlich aufwendig war, eine grosse Anzahl von Personen täglich mit Informationen zu versorgen. Zeitungen hatten sich darauf spezialisiert und konnten die dafür notwendige teure Infrastruktur mittels entsprechenden Einnahmen finanzieren; die Informationen wurden ihnen auch bereitwillig von den Zeitungslesern abgekauft, und Werbeinserate wurden geschaltet – die beiden wichtigsten Einnahmequellen der Zeitungen.

    Mit der Etablierung der Internettechnik und des darauf basierenden Netzes kann jedermann Informationen in dieses Netz einspeisen und auch daraus beziehen. Eine teure Infrastruktur muss nicht mehr von den Informationsverbreitern aufgebaut und unterhalten werden, weil das Netz sowieso schon besteht und benutzt werden kann. Das gibt jedem Individuum mit Internetzugang die billige Möglichkeit, sich als Medienschaffender zu betätigen und buchstäblich die ganze Welt mit seinen Produkten zu erreichen.

    Desweiteren haben die Medienkartellisten den Bogen überspannt. Noch vor 30 oder 40 Jahren bestand innerhalb der Medien durchaus ein gewisser Pluralismus und damit eben auch ein freier Markt; das Meinungskartell der Medien ist m.E. eine ziemlich junge Zeiterscheinung. Die Migrationsströme der letzten Jahre wären 30 Jahre früher wesentlich differenzierter von verschiedenen Medien analysiert und beurteilt worden anstatt des reichlich dämlichen Refjudschiis-welcome-Einheitsbreis von heute. Die Menschen sind eben recht unterschiedlich und immer weniger von ihnen sind bereit, freiwillig für einen solchen medialen Einheitsbrei zu bezahlen. Ablesen kann man das an den sinkenden Abonnentenzahlen bei den Massenmedien, während bestimmte nonkonformistische Nischenmedien (z.B. die Junge Freiheit in Deutschland) gleichzeitig bei den Abonnenten zulegen können.

  5. gms

    Marcel Elsener,

    “Das gibt jedem Individuum mit Internetzugang die billige Möglichkeit, sich als Medienschaffender zu betätigen und buchstäblich die ganze Welt mit seinen Produkten zu erreichen.”

    In dem Zusammenhang sei einmal mehr auf Vilem Flusser verwiesen und dessen Meisterwerk ‘Kommunikologie’ [1]. Er beschreibt darin mit bestechender Klarheit den geschichtlichen Wandel der Medien und nimmt dabei, noch lange vor Etablierung des Internets, den gesellschaftlichen Umbruch vorweg, der mit den Möglichkeiten einhergeht, so jedes Individuum zum ~Rundfunksender~ werden kann. Dessen eingedenk war er Optimist.

    Zum Hintergrund, ohne Bezug auf Flusser: Verständlich wird das Wirken respektive die Bedeutung der Massenmedien, so man diese als Vehikel zur gezielten Einflußnahme versteht. Propaganda ist Dreh- und Angelpunkt aller linken Agitationen; weltweiten Sozialismus als Gesellschaftsform streben genuine Linke ebenso an, wie auch jene ideologiefreien Oligarchen, die sich nach der Einführung als Inhaber aller Produktionsmittel sehen. Die klassenlose Gesellschaft als vorgebliches Ziel dient demgemäßt einzig der Realisierung der weltweiten Zweiklassengesellschaft, bestehend aus wenigen Herrschern und Massen aus Untertanen ohne Aussicht auf Mitsprache.

    Im Kommunistischen Manifest sind Ziele und Wege bereits vorweggenommen, sei es die Zertrümmerung der Werte, progressive Steuern, die Zerschlagung der Familie, die Beschulung der Kinder in staatlichen Einrichtungen, die Herrschaft übers Geldwesen mittels Zentralbanken und sogar die Bedeutung der Demokratie. (Lenin hob später noch die staatliche Gewalt übers Gesundheitswesen hervor als veritables Brecheisen.)

    Cecil Rhodes [1] war Ende des 19ten Jahrhunderts der erste, der, ausgestattet mit gigantischem Reichtum und angetan von kommunistischen Ideen, weltweit Stifungen und Gesellschaften gründete zur Unterwanderung der Gesellschaft. Ergänzt wurden diese Bestrebungen später von anderen Plutokraten der Familien Rockefeller, Carnegie, Morgan, Rothschild usw, die mit diesen Einrichtungen noch mehr Macht und Einfluß erlangten.
    Die Etablierung der Fed 1913 war erster und wichtigster Coup, denn wer das Geld beherrscht, dem kann egal sein, wer Gesetze macht. Woodrow Wilsons engster Vertrauter Edward M. House war selbst Kommunist und Rhodes-Zögling, der wiederum Wilson zu jener verhängnisvollen Unterschrift bewegte, die Wilson später der Selbstbekundung nach zum traurigsten Menschen der Welt werden ließ, weil er sein Land einigen wenigen Oligarchen ausgehändigt hatte.

    Die US-amerikanische Regierung bekam man zunehmend in den Griff, sei es, indem man die wichtigten Mitglieder der Administration stellte, wie zuvor House, oder gar die Präsidenten selbst, als man Republikaner ebenso mit Spenden im Wahlkampf bedachte wie Demokraten und wiederum die Auserwählten medial pushte zum Nachteil der Outsider, die man nicht vereinnahmen konnte.

    Big Money und Big Gouvernment bestimmten danach zusehends nicht nur die USA, sondern den ganzen Globus, und das wiederum unter der Flagge der Demokratie und passender Begleitmusik der Medien. Die Welt rückte konstant und immer schneller nach links, supranationale Einrichtungen, basierend auf kommunistischen Vorstellungen, erlangten zunehmend Macht, Bürger wurden mit Dauerparolen irgendwelcher Gefahren zur Abgabe ihrer Freiheiten übertölpelt, und heute hofft der irregleitete Medienkonsument auf einen Akt der Selbsterkenntnis der Medien und eine Abkehr vom schändlchen Spiel. Welch ein Irrtum!

    [1] amazon.de/Kommunikologie-Vilém-Flusser/dp/3596133890
    [2] de.wikipedia.org/wiki/Cecil_Rhodes

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