Das große Flüchtlings-Rätsel

Von | 27. Dezember 2015

(MARTIN VOTZI) Wie viele Flüchtlinge sind 2015 nach Österreich eingereist. Wie viele davon sind geblieben?
Zwei einfache Fragen, auf die wir keine offizielle Antwort bekommen. Wenn man die Gebliebenen mit den Asylanträgen gleichsetzt, dann sind es ca. 90.000. Die Dunkelziffer der Untergetauchten ist nicht schätzbar, weil auch die Zahl derer, die nach Deutschland oder Schweden weitergereist sind, nicht beziffert werden kann.
Unser Bundesministerium für Inneres tut sich mit der Schnelligkeit, Zahlen zu veröffentlichen besonders hervor. Die Asylantragszahlen liegen nur bis Ende Oktober vor. Zurückweisungen und Abschiebungen hat es bis Ende Oktober lt. BMI lediglich 7.000 gegeben.
Laut Jörg Radek von der Deutschen Polizeigewerkschaft ist auch nur jeder zehnte eingereiste Flüchtling kontrolliert worden. Die Zahl der Asylanträge und die Schätzung der eingereisten Flüchtlinge klafft jedenfalls in Deutschland weit auseinander: knapp unter 500.000 Asylanträgen (Dezember geschätzt) stehen doppelt so vielen eingereisten Flüchtlingen gegenüber. Natürlich auch nur – allerdings am unteren Ende – geschätzt, es gibt auch Aussagen von bis zu 1,5 Millionen in 2015 eingereisten Migranten in Deutschland.
Für die Bearbeitung der Asylanträge in Österreich gibt es natürlich keine Zahlen für das 2. Halbjahr 2015, das wäre auch zu viel verlangt. Im ersten Halbjahr wurden ca. 17.500 Entscheidungen gefällt, das wären also linear hochgerechnet ca. 35.000 Bescheide im Jahr. Für die 90.000 Asylanträge aus 2015 würde man demnach ohne nennenswerte Aufstockung des Personals oder anderen Maßnahmen zur Beschleunigung 3 Jahre benötigen. Über Zweitanträge und Berufungen braucht man sich da gar keine Gedanken machen, denn wie viele Flüchtlinge in diesen 3 Jahren nach Österreich kommen würden und dann 3 Jahre oder länger auf die Bearbeitung ihres Antrags warten müssten, lässt sich nur mit Schaudern erahnen.
Man will aber die Bearbeitungsdauer deutlich senken, angeblich auf ein halbes Jahr. Sagt uns mal jemand, wie das funktionieren soll und was das dafür notwendige zusätzliche Personal kosten wird?
Übrigens wird immer wieder bestritten, dass ca. 75% der Flüchtlinge männlichen Geschlechts sind und die gezeigten Bilder in den Medien und die gesendeten Beiträge im ORF suggerieren fast das Gegenteil. Diese Zahl ist aber vom BMI offiziell publiziert, allerdings auch nur bis Ende Oktober. Es ist aber nicht anzunehmen, dass sich das Verhältnis ab November wesentlich geändert hat und fast nur mehr Frauen mit Kindern zu uns kommen.
Spätestens wenn die Flüchtlinge einen positiven Bescheid haben, sollten sie zügig integriert werden. Die Basis dafür sind Arbeitsplätze, Wohnraum und Ausbildung. Da erweist es sich geradezu als Glück, dass die Bescheide auf sich warten lassen. Das bremst den Ansturm auf den Arbeits- und Wohnungsmarkt doch entscheidend.
Laut Münchner Ifo Institut verfügen nur 11% der Flüchtlinge über Abitur und nur ca. 9% über einen Hochschulabschluss. Dafür sind 16% Analphabeten. Auch Professor Faßmann, Migrationsforscher an der Uni Wien, verstärkt dies noch, indem er nur 50% der Flüchtlinge als kurzfristig für den Arbeitsmarkt geeignet einschätzt. Meiner Meinung nach ist das sehr optimistisch, weil auch entsprechende Deutschkenntnisse erworben werden müssten. Die Schulungsmaßnahmen für die verbleibenden Asylanten würden lt. Faßmann 3-5 Jahre benötigen. Erst dann wären die zu gering bzw. gar nicht ausgebildeten Flüchtlinge am Arbeitsmarkt integrierbar. Vorausgesetzt natürlich, dass es die geeigneten freien Arbeitsplätze überhaupt gibt.
Über die bekannten Pläne für den Wohnungsmarkt muss und kann man nur wenig sagen. Mehr als vage Andeutungen und die Gründung einer Wohnbaufinanzierungsbank gibt es bis heute nicht.
Prosit 2016. Bei diesen Aussichten sollte man sich ein zweites Glas Sekt genehmigen.

11 Gedanken zu „Das große Flüchtlings-Rätsel

  1. Tom K.

    “Das große Flüchtlings-Rätsel” –> Fazit, oder zusammenfassend betrachtet: “Dieses Land, sprich wir, – sind im (man verzeihe mir die kleine Vulgarität) Ars**** .”

    Andererseits sollte man nicht ständig “Schwarzmalen” und die geschilderte Situation in “Fekter-manier”, als “gutes Geschäft” (möchte hier jemand ernsthaft bestreiten, dass die von Ö. überwiesenen Mrd. nach “Hellas” nicht gut investiert waren, nur so nebenbei erwähnt) betrachten.

    Hörte ich doch noch vor “einigen” Tagen, dass uns die “Flutlinge” tatsächlich, wesentlich mehr bringen, als sie uns anfänglich kosten !

    In diesem Sinne, – PROST !!!

  2. sokrates

    Freitag ein Volkswirt im Radio:Die Fluechtlinge tragen 0, 3% zum Wachdtum bei! Wuerde heissen sofortige VERDREIFACHUNG der Fluechtlingszahlen wuerde 1% zusaetzliches Wachstum bedeuten! Da sind wieder die Superrechner unterwegs, die auch den Eurofighter als hervorragendes Geschaeft fuer Oesterreich bezeifhneten!

  3. Marianne

    Der Verdacht, die Einwanderungsströme dienen hauptsächlich der Belebung der Wirtschaft, erhärtet sich. Allerdings wie können, angeblich mittellose, Eindringlinge via Konsum die flaue Nachfrage beleben? Wir erleben einen neuerlichen Transfer vom Mittelstand nach unten und von dort nach ganz oben. Die nächste “Steuerreform” ist nur mehr eine Frage der Zeit.

  4. Falke

    Kürzlich sagte der Chef des AMS im Fernsehen, dass sogar diejenigen mit einer Berufsausbildung für den österreichischen Arbeitsmarkt großteils unbrauchbar seien. Beispiel Schweißer: er hat eine bestimmte Art des Schweißens erlernt, hat aber von den übrigen 5 (modernen) Systemen, die bei uns vorwiegend verwendet werden, keine Ahnung. Von den Ärzten, Ingenieuren usw. gar nicht zu reden, die zuerst eine langwierige Nostrifizierung ihrer Diplome (so vorhanden) durchlaufen müssen, ganz abgesehen von den dafür notwendigen (guten) Deutschkenntnissen.

  5. mariuslupus

    Will mir aber kein zweites Glas Sekt genehmigen. Auch wenn ich es noch könnte. Zum feiern gibt es nichts, und sich eine klare Urteilsfähigkeit zu bewahren, ist in diesen Zeiten wichtig.
    Diese sogenannten Experten haben sich aber einige Gläser hochprozentiges mit Methylakohol versetzt, genehmigt. Wie soll sonst Blindheit dieser selbsternannten Propheten zu erklären sein. Dass ist noch die freundliche Erklärung. Die anderen Möglichkeiten könnten die Folge von Begabungs Einschränkungen oder von moralischen Defiziten.

  6. Der Bockerer

    Es gibt ein europaweites Programm “Science4Refugees” (http://ec.europa.eu/euraxess/index.cfm/jobs/science4refugees). Ein Bekannter von mir (hochkarätiger Wissenschaftler) meinte, dass dann wohl die eine oder andere wissenschaftliche Stelle (schon geschehen in Schweden) an einen Refugee geht, während unsere Talente sich anderswo einen Job suchen müssen.
    Es gilt wie immer: Wo ein politischer Wille ist, da ist auch immer ein Weg.

  7. Thomas Holzer

    @Der Bockerer
    Es bewahrheitet sich wieder einmal mehr: wo die Politikerdarsteller ihre Finger reinstecken, sind die Folgeerscheinungen dieser “Politik” für die Mehrheit der Bevölkerung eigentlich immer negativ

  8. Hanna

    Der Bund schmeist mit “Flutlingen” (Danke @TomK!) um sich – und der Herr Koordinator kennt sich nicht aus. Aber dass sich etwas machen lässt im Fall von unsinnigen Entscheidungen zeigt St. Egyden in Kärnten: Da demonstrierte die Bevölkerung, und das Bundesministerium samt Flutlingskoordinator erklärten, “Oops, das haben wir nicht gewusst”: In St. Egyden – ein Dorf! – gibt es bereits ein Flüchtlingsheim mit ca. 70 Flüchtingen, die “in die Dorfgemeinschaft integriert werden”. Es gab (und gibt) große Probleme mit Reinlichkeit, aber wurscht. Auf einmal wurde erklärt ein paar Meter weiter kämen Ende Dezember 200 weitere Flüchtling – weil: Dort ist eine Gemeindegrenze, und die Gemeindenquote müsse erfüllt werden. Allerdings betrifft dies ein und dasselbe Dorf, also hätten dort fast 300 Flüchtlinge wohnen sollen – aber die gesamte Dorfumgebung zählt nur ca. 300 Einheimische! Nachzulesen online! Als man sich auf die Straße begab, wurde versprochen, diesen Unsinn zu beheben. Na, werma segn. Tatsache ist nur – die St. Egydener standen auf und gingen auf die Straße. Fast geschlossen. So. Ich hörte, es sei als “Ehrensache” verstanden worden, für die eigene Gesellschaft einzutreten … denn obwohl die 70 Flüchtling “eh halbwegs okay” sind, fürchten sich viele Leute von ihnen. Warum? “Man weiß ja nicht, was die den ganzen Tag machen. Sie sind halt da. Oder nicht. Sie sagen nichts. Schauen nur. Brr.” (Zitat, man verzeihe mir, dass ich hier keine Namen nenne.) Also – diese nur im Sinne der stillschweigenden Annahme, es gäbe kein Problem. 4000 Leute AM TAG nach Deutschland, jeden Tag! Motherf…… sh.., that s..ks! (Zitat befreundeter Amerikaner)

  9. Robert Kuhn

    Die Postings dieser Site sind immer Balsam für aufgeregte Gemüter, auch meines. Mich ärgern immer wieder folgende Fakten:

    – eine Regierung, die die Bewohner des Landes mit Halbwahrheiten abspeist und eine Krisensituation vollkommen verschläft
    – eine Opposition, die keinen Druck aufzubauen versucht, nachhaltige Lösungen zu erarbeiten (in diesem Zusammenhang: Vielleicht wird die FPÖ die nächste Wahl gewinnen, die zehntausenden “Zuwanderer” werden dann auch nicht mehr das Land verlassen, die gesamte Opposition inkl. blau ist für diese unfassbare Nachlässigkeit verantwortlich)

    Es nützt halt uns allen, die die Zeilen lesen, wenn wir unseren Ärger mitteilen, besser wäre, dasselbe an unsere Politiker weiterzugeben. Ich mache das ab jetzt!

  10. PflügenImMeer

    der orf hat behauptet, dass pro tag 300 bis 400 asylanträge gestellt werden. in der abend zib 27.12.2015 spricht er von 3000 von denen 90% nach dtl weiter wollen.

    demnach wären das zwischen 110.000 und 145.000 anträge aufs jahr. diese gesamtzahl sagt er nicht. vor weihnachten kursierten zahlen zwischen 80.000 und 90.000.

    daraus ergibt sich eine “unschärfe” von 20.000 bis 55.000 personen. das ist keine “statistische unschärfe” mehr, sondern unterschlagung. um genau zu sein eine zwischen 20% und 38% aller tatsächlich kommenden personen.

    möglichkeit 1 (pessimistisch):
    man hält die bürger und bürgerinnen für grenzdebil, oder

    möglichkeit 2 (optimistisch):
    da hat sich – zumindest implizit – über die feiertage “etwas getan”. so viel offenheit geht scheinbar nur zu weihnachten 😉

  11. Lisa

    @Robert Kuhn: auch ich schätze das an dieser Seite: in online-Ausgaben der mich interessierenden Zeitungen/Magazine wird oft die Kommentarfunktion sehr schnell geschlossen oder ist überhaupt deaktiviert. Zudem schätze ich das Niveau hier (Ausnahmen gibts überall 😉 – und ich mit meiner grenzlegasthenischen Beiträgen im Glashaus werfe lieber nciht mit Steinen…)

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