Das Leben der ganz Anderen

Von | 22. Januar 2014

“…..Wollte jemand wirklich auffallen und provozieren, dann müsste er sich als heterosexueller Fleischkonsument outen, der seinen Müll nicht trennt, selbst kürzeste Strecken mit dem eigenen Auto fährt, keine Energiesparlampen benutzt, unter der Dusche während des Einseifens das Wasser laufen lässt, im Hotel darauf besteht, jeden tag frische Handtücher zu bekommen und im Winter seinen Capuccino gerne auf einer beheizten Terrasse zu sich nimmt. Das wäre wirklich mutig…..” (hier)

6 Gedanken zu „Das Leben der ganz Anderen

  1. Reinhard

    Au weh, für den müssten sich dann ganze Legionen von GutmenschInnen “fremdschämen”… 🙂

  2. cmh

    Alternativ könnte man auch zugeben in Syrien Assadleute zu schießen.

    Die Haut den Leuten wegzuschaben und großflächige Tatoos zu schnitzen ist doch sowas von gestern.

  3. gms

    Reinhard,

    > Au weh, für den müssten sich dann ganze Legionen von GutmenschInnen “fremdschämen”…

    Verzeihen Sie, wenn ich Ihre zutreffende Anmerkung als Anlaß zum geschurbelten Dozieren nutze.

    Es bedarf keiner gesteigerten Menschenkenntnis zum Wissen darum, wonach intensivierte Kritik am Verhalten Dritter oftmals mit einem ungeklärten Verhältnis zu den eigenen diesbezüglichen Schwächen und Verfehlungen einhergeht. Parallel dazu wird Fremdschämen zumeist dann platzgreifen, wenn das Identifizierungspotential ausreichend groß ist, weil die beobachteten Schwächen des anderen auch ansatzweise in einem selbst vorhanden sind oder zumindest vermutet werden. Der im Kollektiv tätige Tugendwächter diszipliniert über die Bande sich selbst, zugleich pardoniert sein heldenhaftes Wirken in der Außenwelt unvermeidbare eigene Verstöße und stützt damit das positive Selbstbild. So weit – so banal.

    Verstärkt wird diese Tendenz durch ein zunehmendes Gefühl der Ohnmacht, die eigene kleine private Welt in Ordnung halten zu können, weil, vermeintlich oder real, alles schneller und komplexer wird. Dieses Versagen wird versuchsweise kompensiert auf einer höheren Ebene, es wird jenes bekämpft, wo der persönliche Einfluß geringer, zugleich aber individuelles Versagen exakt aus diesem geringen Einfluß heraus entschuldbarer ist.

    Beobachtbar ist dies sowohl beim Individuum, wie auch in der Politik generell. Nachdem das Private erfolgreich zum Öffentlichen gemacht wurde, steht vermehrt das Tun und Lassen anderer Menschen im Zentrum der Aufmerksamkeit und damit auch der Regelung. Individuelle Selbstbestimmung erodiert, was wiederum die beschriebenen Tendenzen der Ohnmacht mit der Flucht in Komfortbereiche beschleunigt. Die eigenen vier Wände verkommen, aber man versuchte zumindest die Welt zu retten. Wäre Selbstbetrug strafbar, verbrächten wir mehr Zeit im Knast als anderswo. Weil aber Selbstbetrug definitiv nicht straffrei durchgeht, wird unsere Welt tatsächlich zum Gefängnis mit ebenso vielen Wärtern wie Insassen.

    Der Ausweg aus dieser zunehmenden Neurotisierung kann nur in einem Rückzug bestehen, in einem sich Besinnen und Beschränken auf das eigene Nahefeld. Leben und Leben lassen, sowie ein beherzter Griff zum Stop-Schild, wenn Fremdschäm-Affine ihr eigenes Seelenleid als Anlaß für flächendeckende Bevormundung verstanden sehen wollen.

  4. Reinhard

    Werter gms, da gibt es nichts zu verzeihen. Eher einen Dank für Ihren Text, den trotz seines beweinenswerten Wahrheitsgehaltes zu lesen eine Freue ist, vor Allem der tief wahre Satz: “Wäre Selbstbetrug strafbar, verbrächten wir mehr Zeit im Knast als anderswo.”
    Besser kann man es nicht auf den Punkt bringen. Nur schade, dass so viele Menschen auf dieser Welt sich dieser einfachen Erkenntnis verweigern – und die härstesten Verweigerer sind meist die fanatischsten Missionierer ihres Verhaltenskodex.

  5. Titus Feuerfuchs

    Oh Gott, bis auf die letzten beiden Punkte trifft bei mir alles zu. 🙂

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