Das Medium als Survival-Camp

(von MARCUS FRANZ) Politiker und Journalisten haben ein eigentümliches und oft heikles Verhältnis. Sie brauchen einander fast so dringend wie ein Verhungernder das vielzitierte Stückchen Brot. Journalisten und Politiker sind sich gegenseitig ausgeliefert auf Gedeih und Verderb. Der Politiker dem Medienmenschen noch viel mehr als umgekehrt. Aber auch Politiker haben über Journalisten eine ziemliche Macht und können diese bei Bedarf ganz schön dumm dastehen lassen (legendäres Besipiel: Bruno Kreisky und sein “Lernens Geschichte, Herr Redakteur”)

Beide Teile sind jedenfalls nur selten mit sich und dem Gegenüber zufrieden und beide stehen dadurch unter Druck. Bekommt ein Reporter im Interview nur nichtssagende Schutz-Phrasen und Allgemeinplätze geliefert, ist er enttäuscht und dem Interviewten ist der Spott sicher: Der/die XY wollte nichts Konkretes sagen, das Gespräch war blutleer, immer dieselben Worthülsen, fade ewig gleiche Slogans etc., so lauten die Reaktionen dann.

Geht der interviewte Politiker aber aus sich heraus oder liefert er authentische Statements oder gar einen kantigen Sager, machen der Reporter oder nach der Publikation des Interviews auf jeden Fall die social media einen Shitstorm draus.

Gewisse Interviewer legen es auch darauf an, den Interviewten um jeden Preis vorzuführen, ihm angreifbare Aussagen zu entlocken oder ihn irgendwie schlecht dastehen zu lassen. Diese destruktive Attitüde wird in der Medienszene sogar als Qualitätsmerkmal des Journalisten gesehen. Dabei ist sie ja vor allem nur eines: zerstörerisch und lediglich für den Moment des Interviews von Nutzen. Langfristig bringt diese Technik auch dem betreffenden Reporter nichts, denn wer will schon immer nur das Destruktive? Zerstörung führt in die Isolation und zu Interviews, wo man nur mehr Worthülsen bekommt. In der Polit-Szene haben gewisse Damen und Herren aus den Medien auf diese Weise schon einen recht zweifelhaften Ruf erlangt: “Vor dem/der musst aufpassen, der/die ist echt ungut”. Schade, denn das nützt dem in der Demokratie essenziellen Austausch zwischen Medien und Politik sicher nicht.

Manche Politiker sagen daher in den Medien nie etwas wirklich Brauchbares, andere wieder setzen gezielt den Shitstorm als Teaser und Mittel zur Aufmerksamkeitssteigerung ein. Letzterer Typus ist aber in der Minderheit, weil in der Politik grundsätzlich die Urangst herrscht, man könnte mit irgend etwas Negativem medial auffallen. Das inhaltsleere Interview ist daher eher die Regel als die Ausnahme. Und dass der Politiker ja auch punkten könnte, mit klaren Aussagen, das wollen viele aus der Politik nicht begreifen, weil der Mut nicht unbedingt die erste Politiker-Tugend ist.

Diese Situation ist aber nicht nur für Reporter und Politiker letztlich unbefriedigend, sondern vor allem auch für das Publikum. Die Erwartung bei diesem ist immer hoch, ganz einfach weil Politik ein wesentlicher und im Wortsinn bestimmender Teil des Lebens ist. Wenn ich als Bürger nur mehr entweder Phrasendrescherei oder auf der anderen Seite irgend einen Shitstorm geliefert bekomme, verliere ich langsam das Interesse an der professionellen Reportage und am professionellen Interview und auch das Vertrauen – sowohl in die Politik wie in die traditionellen Medien.

Die Bürger werden daher sukzessive auf die gar nicht mehr so neuen Medien ausweichen. Facebook, youtube und Twitter sind die Instrumente, die den Interessierten noch am ehesten die authentischen Meinungen liefern und über die dortigen Infomationen macht man sich dann sein eigens Bild.

Denn darum gehts: Das Publikum will authentische und klar formulierende Politiker, seriöse Journalisten mit objektivem Informationsauftrag und die Leute wollen selber mitreden. Kein Mensch mag ständig irgendwelche geschliffene Phrasen hören und niemand will gekünstelte Empörungsstürme, die von den professionellen Medien im Labor erzeugt werden. Und schon gar niemand möchte manipuliert werden. Man wendet sich immer irgendwann ab vom Künstlichen, Gefakten, Manipulativen.

Die professionellen Medien werden also mittelfristig einen neuen Weg finden müssen, gute politische Reportagen und Berichte zu machen, die auch ausreichend Zuhörer/Leser finden. Und sie müssen neue Formate finden, mit denen man politische Meinungen offen transportieren kann. Denn auch das gehört zu jedem professionellen Medium: Meinungsvielfalt zuzulassen und diese auch zu fördern.

Der Untergang eines jeden Mediums ist dann absehbar, wenn sublime Manipulation in irgendjemandes Auftrag Platz greift oder wenn sich das Medium trotz erkennbaren Willens zur politischen Meinungsbildung nicht zu etwas oder zu jemandem bekennt bzw das nicht ersichtlich ist. Da schwindet das Vertrauen rapide.

Das Internet hat die Bürger hinsichtlich der Informationsbeschaffung und Meinungsbildung wirklich frei gemacht und das bringt die institutionellen Medien unter Zugzwang. (Dasselbe Internet-Phänomen gilt natürlich auch für die Politik selber: sie muss sich bekennen, klar und deutlich und sie muss aufhören, nur Etiketten zu produzieren).

Für die Medien überlebenswichtig: Sie müssen endlich aus dem Einflussbereich der politischen Parteien (Inserate!) kommen. Das müssen sie selber wollen, sonst wird es nicht gelingen, denn natürlich möchten politische Lobbies immer möglichst viel Einfluss in der Medien-Szene haben. Wenn allerdings diese Szene aus den oben genannten Gründen einmal nicht mehr existiert…

Es besteht also ein Circulus vitiosus, der wie erwähnt nur durch die Medienmacher selber aufzubrechen ist. Und nicht zu vergessen: Es geht um ihr eigenes Überleben.

Das institutionelle und politisch berichtende Medium von heute ist also nicht nur ein Survival Camp für Politiker, sondern auch eines für die Polit-Journalisten selber geworden.

 

8 comments

  1. Fragolin

    Herr Doktor Franz, es ist erhellend und erschreckend, dass jemand wie Sie aus der ersten Reihe die Befürchtungen, die wir hier unten an der Stammtischkante schon lange haben, bestätigt, was das unselige Zusammenspiel des politisch-medialen Komplexes bedeutet.
    Aber eines fehlt mir neben dem üblichen “man müsste” und “sie sollten”: konkrte Lösungsvorschläge. Konkrete Hinweise auf konkrete Schritte z.B. auch Ihrerseits. Wie bereits an Ihren Kollegen, Herrn Dr. Vetter, richte ich nun auch an Sie diese Frage: Was konkret haben Sie vor, können Sie tun, um diese Missstände in unserem schönen Land zu bekämpfen und die Politik wieder an dem Volk auszurichten, von dem Sie gewählt und bezahlt werden! (Okay, von den ÖVP-Wählern, in deren Inteeressenvertretung Sie plötzlich sitzen, hat Sie keiner gewählt, aber das ist eh nur ein Treppenwitz nordbalkanischer Politkultur.)
    Wenn SIE mitten im Zentrum der Macht nichts tun können außer in Nischenblogs Ihren Frust abzuposten, was können WIR dann noch erreichen? Wenn SIE nach Ihrem Wechsel vom TS zur ÖVP keine gestaltenden Möglichkeiten haben, welchen Sinn hatte dann die ganze Aktion außer vielleicht die eigene Versorgung zu sichern oder dem Alten eins auszuwischen? Liegen den Entscheidungen zu Ihrem Handeln altruistische oder egoistische Überlegungen zugrunde?
    Von Herrn Dr. Vetter steht die Antwort bis heute aus.
    Was TUN Sie ganz konkret gegen die von Ihnen selbst erkannten Missstände?
    Und wenn SIE nichts tun können – was können wir hier unten dann tun?
    Herzlichen Dank.

  2. Manuel Leitgeb

    “Denn auch das gehört zu jedem professionellen Medium: Meinungsvielfalt zuzulassen und diese auch zu fördern.”
    Das war einmal. Immer mehr “Qualitätsmedien” (v.a. in Deutschland) haben Angst, daß die Leser eine andere Meinung als die Redakteure haben ( und diese auch noch artikulieren wollen) und schaffen daher die Kommentarfunktion wieder ab.
    Es ist zwar deren Recht, zeigt aber ganz gut, was diese Medien von Meinungsvielfalt wirklich halten.

  3. Mona Rieboldt

    @Manuel Leitgeb
    Die Kommentarfunktion ist zu allen Berichten über Asylanten, genannt Flüchtlinge, abgeschaltet, da die Leser anderer Meinung sind als die vorgegebene Propaganda zu diesem Thema. Und diese andere Meinung wird dann als “Hassmails” deklariert und die Abschaltung der Kommentare damit begründet.

  4. Enpi

    ” Das inhaltsleere Interview ist daher eher die Regel als die Ausnahme.”

    Inhaltsleeres Interview gefolgt von inhaltsleerer kantenloser Politik. Unser demokratisches System ist inzwischen inhaltsleer geworden.

  5. Thomas Holzer

    Der arme Herr Dr. Franz!
    Ich erlaube mir aber, festzuhalten, daß in den mir erinnerlichen Fällen Sie selbst sich vorgeführt haben; da bedurfte es keiner “gewissen Interviewer”. Der Artikel -mit Verlaub- trieft von Selbstmitleid und Klage über die ach so bösen Journalisten, die einfach nicht verstehen können und/oder wollen, daß manches, was Sie coram publico von sich geben, “kantige Sager” sind, und eben nicht dümmliche, vulgäre Ansagen.
    Die Welt ist wirklich ungerecht

  6. Fragolin

    Nach 24 Stunden warten das gleiche Bild wie bei seinem Überläuferkollegen: Keine Reaktion.
    Seht Ihr, liebe Politiker, genau das ist es, was das Volk Politikerverdrossen macht. Wir sind nämlich nicht Politik-verdrossen sondern Politiker-verdrossen. Wir haben ganz einfach den Kanal voll von den Hundertschaften an hochbezahlten Dampfplauderern, die zwar ständig irgend welche Reden vor sich selbst halten, faktisch rhetorischen Inzest in Reinkultur vor laufenden ÖRF-III-Kameras treiben, aber ansonsten keine irgend geartete Tätigkeit erkennen lassen. Ab und zu werden von EU-Richtlinien vorgegebene Gesetzestexte ungelesen durchgewunken; der Klubchef gibt vor wann die pawlowschen Hunde das Pfötchen heben dürfen und dann klingelt das Glöckchen.

    Und als ob das Gequassel vor sich selbst, diese narzisstische Selbstdarstellung auf pragmatisierter Bühne, nicht reichen würde, verbreitet Ihr Eure Monologe auch über die Medien, Twitter, Facebook und diverse Blogs. Aber wie es bei Selbstdarstellern eben so ist, interesseirt Ihr Euch nicht die Bohne für die Reaktionen, die Kommentare oder gar noch freche Anfragen. Was der renitente Pöbel da am unteren Rand der sozialen Pyramide, auf deren Spitze Ihr Eure Altäre der Selbstbeweihräucherung errichtet habt, wirklich denkt, was ihn bewegt, was er sich fragt und wie er nach Lösungen für die Probleme ringt, die IHR verursacht und/oder durch lethargisches Nichtstun befördert habt, interessiert Euch in Wirklichkeit einen Dreck. Es würde mich auch nicht wundern, wenn Ihr die Kommentare zu Euren eigenen Texten nicht einmal mehr durchlest. Warum auch, Ihr zelebriert doch jeden Tag Eure Selbstdarstellung, Ihr redet zwar, aber Ihr hört Euch ja nicht einmal gegenseitig zu.

    Das Sittenbild der verrotteten heimischen Politik bestätigt sich durch das beharrliche Schweigen (Sie sind ja nicht der einzige und nicht der erste Abgeordnete, der auf Anfragen aus dem Stimmviehkäfig mit huldvollem Schweigen reagiert; Sie wären der erste und bisher einzige gewesen, der geantwortet hätte). Hauptsache man darf am Großen Fressen teilhaben, seinen fetten Anteil aus dem mit ungedeckten Schecks gefüllten Steuertopf abschöpfen, seine Pfründe sichern, seine Freunderl versorgen und hat vielleicht irgendwann die Chance, ein Amt mit noch fetteren Ansprüchen zu erringen. Etwas für sein Land, für sein Volk, seine Wähler und vor Allem Bezahler zu tun – das entringt dem eigentlich als Vertreter des Volkes von diesem eingesetzten und sich selbst zum fürstlichen Obertanen erwählt fühlenden Politiker höchstens ein mitleidiges Lächeln. Der Gestank des Alltags weht nur selten hinauf bis zu den elfenbeinernen Tempeln, in denen Ihr Euern täglichen Selbstbe-Weihrauch verströmt.

    Wenn Sie zuwenig Zeit und Raum im Parlamentsbetrieb bekommen, um Ihre Monologe loszuwerden und die mediale Aufmerksamkeit Ihnen zu gering ist oder die Journalisten zu inkompetent, dann setzen Sie halt weiterhin noch Texte in Internetblogs. Ich werde sie unter “übliches Blabla” abheften und wie bereits die Ergüsse Ihres Kollegen Vetter in Zukunft ignorieren. Wahrscheinlich ist dies auch der einzige Weg, der uns hier unten noch bleibt: Euch einfach ignorieren, denn Ihr seid bedeutungslos geworden. Ihr redet, labert, monologisiert, hüpft mal eben von einm Klub zum anderen, aber am Ende klebt Ihr nur an Euren Sesseln, Euren fetten Bezügen und hebt dafür eben ab und zu das Pfötchen. Und ab und zu, so zur Erheiterung des Stammtisches, wundert sich mal einer über Wählerschwund und Politiker-Verdrossenheit. Aber nicht lange. Denn die Pfründe bleiben sicher. Zur Not in einem anderen Klub.

    Und nochwas: Nein, ich erwarte von Ihnen genauso wenig eine Antwort wie von Ihren Kollegen. Sie müssen sich also nicht die Mühe machen, etwas anderes zu verfassen als freie Ergüsse zu frei wählbaren Themen Ihres Selbstinteresses. Ob ich in Zukunft Ihre Texte noch lese oder nicht, kann Ihnen egal sein. Sie haben Ihren Posten, ich meinen. Und die Tatsache, dass beide keinerlei Verbindungspunkte mehr haben, ist nur eines: der Beweis, dass die Demokratie, zumnidest die letzten kümmerlichen Reste davon, die es in Österreich noch gab, vor Allem in den Köpfen jener, die sie eigentlich täglich leben sollten, zur Bedeutungslosigkeit verkommen und faktisch nicht mehr existent ist.
    Ich wünsche Ihnen und Ihren Kollegen noch ein paar ruhige Jahre im Elfenbeinturm. Aber wunderts Euch nicht, wenn er eines Tages einstürzt. Genießt einfach Eure Pfründe. Nichts ist für die Ewigkeit.

  7. Sven Lagler

    @Fragolin

    Im Gegensatz zu Ihnen werde ich in Zukunft dennoch weiterhin die Artikel von Franz und anderen Autoren lesen. Im Hinterkopf denke ich mir, dass der Juncker- Sager: „Wir wissen was wir tun sollen, aber wir wollen wiedergewählt werden“ zu einem gewissen Grad seine Gültigkeit hat. Die Wien Wahl lässt grüßen.

    Was sich bei mir grundlegend verändert hat ist das Medienverhalten. Früher habe ich hauptsächlich Zeitungen gelesen und ergänzend dazu Kommentare. Heute ist es umgekehrt. Die Fakten kann man recht schnell den Zeitungen bzw. Internet entnehmen. Bei den Analysen und Meinungen finde ich die Leserkommentare meistens interessanter als jene der „Starkommentatoren“ der „Qualitätsmedien“. Speziell Ihre Meinung ist für mich nicht nur interessant sondern relevant. Beteilige mich an den Diskussionen in diesem Forum nur noch marginal, da Sie und Konsorten besser schreiben als ich dies selbst könnte. Auch der Informationszugewinn zB. durch Astuga oder Christian Weiss hat einige meiner Ansichten geändert. Dies hat noch keine „Nudging- Qualitätszeitung“ geschafft. Und es geht wohl nicht nur mir so. Auf SPON, als die Kommentarfunktion noch weitestgehend zu allen Artikeln erlaubt war, sprachen sich teilweise über 80% der Leserkommentare gegen jene des Leitartiklers aus.

  8. Thomas Holzer

    @Fragolin
    “Euch einfach ignorieren, denn Ihr seid bedeutungslos geworden.”
    Dem ist leider nicht so!
    Diese -mit Verlaub- Gestalten sind leider eben nicht bedeutungslos; sind es doch gerade diese rückgratlosen, “flexiblen”, wendehalsigen “Parlamentarier”, welche uns all diese schwachsinnigen Gesetze, Verordnungen und damit einhergehende Bürokratie bescheren

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