Das “nazihafte Gepöbel” der Sarrazin-Gegener

(C.O.) Nicht ganz zu Unrecht musste sich Thilo Sarrazin, SPD-Mitglied und Bestsellerautor („Deutschland schafft sich ab“), vom deutschen Feuilleton dieser Tage dafür verspotten lassen, dass er sich ganz gern zum Opfer einer Political Correctness stilisiert, die abweichende Meinungen wie seine angeblich systematisch unterdrückt. Dass jemand, der Millionen Bücher verkauft, von allen nennenswerten Medien interviewt wird und Stammgast in allen reichweitenstarken Talkshows ist, nicht ausreichend Meinungsfreiheit genießt, klingt ja irgendwie nicht wirklich überzeugend.

Dass vermutlich Sarrazin trotzdem in gewisser Weise recht hat, der Hohn der Feuilletonisten hingegen zu kurz greift, belegt freilich ein denkwürdiger Vorfall, der sich am vergangenen Sonntag am Berliner Ensemble, dem einstigen Theater Berthold Brechts, ereignete. Claus Peymann, Direktor dieser Bühne, die für Deutschlands Linke ungefähr das ist, was Mekka für Muslime bedeutet, hatte zusammen mit dem Magazin „Cicero“ zu einer Lesung Thilo Sarrazins aus dessen jüngst erschienenem Buch „Der neue Tugendterror“ geladen.

Was sich an jenem Abend ereignete, war gleichsam die szenische Umsetzung von Sarrazins Behauptung, ein „Tugendterror“ würde in Deutschland die Meinungsfreiheit einschränken. Ein paar Dutzend gewaltbereite Linke randalierten und grölten Parolen, wurden handgreiflich und besetzten die Bühne. Sarrazin wurde ebenso wie sein Gesprächspartner von „Cicero“ nachhaltig daran gehindert, auch nur ein Wort zu sagen.

Nachdem die „Lesung“ beendet werden musste, ohne dass Sarrazin gelesen hatte, feierten die jungen Damen und Herren ihren Sieg über die Meinungs- und Redefreiheit vor dem Etablissement ausgiebig mit Bier. Tugendterror live, die PR-Abteilung von Sarrazins Verlag hätte das nicht besser hinkriegen können.

Dass mittlerweile ein paar durchgeknallte Radikalinskis erfolgreich die Meinungsfreiheit anpinkeln können, ohne dass sie dafür zur Rechenschaft gezogen werden, wirft ein paar interessante Fragen auf: Entscheidet künftig ein politischer Mob darüber, wer wo sprechen darf und wer nicht? Werden als Nächstes wieder „Bücher den Flammen übergeben“, wie das in Deutschland ja schon einmal der Brauch war, wenn der Autor nicht genehm ist? Oder, ganz unter uns gesagt: Soll nicht überhaupt einfach verboten werden, dass einer wie Sarrazin seine Meinung auch noch öffentlich macht?

Dass nicht nur ein paar Rabauken so denken, bewies am Tag nach dem Eklat im Theater der Berliner SPD-Chef Jan Stöß, der demnächst Regierender Bürgermeister von Berlin und damit Amtsnachfolger von Männern wie Willy Brandt, Heinrich Albertz oder Richard von Weizsäcker werden will. Nicht etwa, dass in seiner Stadt ein Mob die Meinungsfreiheit mit Füßen trat, empörte ihn, sondern dass das Berliner Ensemble es überhaupt gewagt hatte, einen Andersdenkenden zu einer Diskussion zu laden: „Wenn wir Sarrazin schon nicht loswerden: Ausgerechnet das Berliner Ensemble sollte dem nicht auch noch seine Bühne öffnen.“

So haben wir uns ein glaubwürdiges Bekenntnis zur Meinungsfreiheit schon immer vorgestellt, gerade von einem Berliner Sozialdemokraten. Es war übrigens Claus Peymann, gewiss kein ausgewiesener Anhänger Sarrazins, der als Einziger aussprach, was in seinem Theater wirklich geschehen war: „Es war ein undemokratisches, nazihaftes Gepöbel, dem wir uns schließlich beugen mussten. Diese unbelehrbaren Linken benehmen sich wie die Brandstifter von Hoyerswerda (wo Neonazis ein Asylantenwohnheim angegriffen haben, Anm.)“.

Wir lernen: Natürlich kann man heute im Großen und Ganzen offen seine Meinung äußern, auch wenn sie den Tugendwächtern der politischen Korrektheit missfällt. Man muss bloß die Bereitschaft aufbringen, sich „nazihaftem Gepöbel“ und anderen Annehmlichkeiten eines zivilisierten Diskurses auszusetzen. Auch eine Form von Meinungsfreiheit, das. (“Presse“)

13 comments

  1. Manuel Leitgeb

    Die neue SA marschiert, nicht nur in Deutschland, und die Obrigkeit läßt es zu bzw. goutiert es sogar, egal ob dabei Nichtbeteiligte zu schaden kommen (“Muß der seine Lesung im Ensemble halten?” “Müssen die ihren Ball in der Hofburg machen?”).

  2. Plan B

    = Dass jemand, der Millionen Bücher verkauft, von allen nennenswerten Medien interviewt wird und Stammgast in allen reichweitenstarken Talkshows ist, nicht ausreichend Meinungsfreiheit genießt, klingt ja irgendwie nicht wirklich überzeugend. =

    Hier unterliegen Sie, lieber Herr Ortner, einer Fehleinschätzung. Was Sie hier als “ausreichend Meinungsfreiheit” deklarieren, war in der Realität eine Tribunalisierung einer unbequemen (weil abweichend) Meinung (siehe z. B. Beckmann & Co.).

    Ganz im Sinne eines modernen Wohlfahrtausschusses.

  3. Mourawetz

    Natürlich gibt es Meinungsfreiheit in Deutschland. Wenn man darunter versteht, an den “Medienpranger” gestellt zu werden, wenn man durch politischen Druck gezwungen wird , seinen Beruf aufzugeben und sich pensionieren zu lassen. Wenn man darunter versteht, dass die Ehefrau von einer Lesung ausgeladen wird, nur weil sie mit einem verheiratet ist. Wenn einem falsche Zitate unterschoben werden, um einen fertig zu machen. Aber die Medienklasse und die politische Klasse ist sich einig, der Her Sarrazin darf doch eh sagen was er will. Worin besteht der Unterschied zwischen dem heutigen Deutschland und der früheren DDR? In der früheren DDR war wenigstens die Opposition für Meinungsfreiheit.

  4. Mourawetz

    @world-citizen

    “Ob man in Wien endlich mal erkennt, was die Stadt und ihre Kulturszene an Peymann verloren hat?”

    Claus Peymann verlässt Bochum und geht als Burgtheaterdirektor nach Wien, Claus Peymann kauft sich eine Hose und geht mit mir essen und Claus Peymann und Hermann Beil auf der Sulzwiese .

    Einfach umwerfend, dieser Realismus der Banalität, diese, diese Hochkultur! Da ist wirklich was verloren gegangen. Sowas geht heut nicht mehr. Das bringt heute keiner mehr. Na, vielleicht die Jelinek. 😉

  5. Rennziege

    Es ist nicht viel was Österreich an Peymann verloren hat: nur einen Kaviarkommunisten, der seine Geldgeber — also primär die Steuerzahler — mit zeitgeistigem Schmonzes zugemüllt und gnadenlos zur Ader gelassen hat. Keine Inszenierung, an der er trotz fürstlicher Bezüge nicht zusätzliche Bearbeiter- und Regiepenunzen eingesackt hat, nach dem klassisch kommunistischem Rezept, nützliche Idioten (hier: die linke Kulturschickeria) als Steigbügelhalter zu nutzen. Und die lobten ihn noch dafür, Kartenverkauf und Abo-Zahlen abstürzen zu lassen.
    Denn es sei hoch an der Zeit, so sprachen die parasitären Culturati, alle Theater von “generell reaktionärer Hochkultur” und Bourgeoisie zu befreien, um dem “bislang ausgeschlossenen Proletariat” zu kongenialen Kulturerlebnissen zu verhelfen. Was Peymann und Genossen nur zu gern umsetzten. Leider sanken die Besucherzahlen noch weiter, was den hochgelobten Ignorierern des Publikumsgeschmacks erst recht am Auspuff vorbeiging. Es war halt die Blüte des Regietheaters, das nur von linientreuen Kritikern gefällig beurteilt wurde.
    (Ich verdanke diese Hinweise wieder einmal meinem alten Herrn, der damals sein langjähriges Burg- und Opern-Abo entgeistert kündigte.)
    Doch Peymanns Nachfolger, Hartmann et al., dürfen weiter nach dessen Rezeptur ihre Taschen füllen und dem Publikum eitlen Sondermüll vorsetzen, der höchstens Brechreiz verursacht. Dass einschlägige Umsätze, Bilanzen und das permanente Geheul nach erhöhten Subventionen, wie nicht erst jetzt offenkundig, mit Hilfe aller möglichen Machelojkes erlogen werden können, liegt auf der Hand. Aber auf diese Pratzen wird so schnell keiner hauen. This is Austria for you, baby!

  6. Reinhard

    @world citizen
    Ja, da hätte er einen alten ultrakommunistischen RAF-Terroristen (Christian Klar) natürlich auch eine Praktikumsstelle in Wien geben können statt im BE. Da hat Wien viel verloren, ich bin voller Trauer…

  7. Reinhard

    Übrigens nochmal zu dem vorübergehend positiv aufgefassten Peymann-Zitat: An dieser Aussage ist nichts positives. Denn Peymann verdammt mit keiner Silbe auch nur ansatzweise den Inhalt und das Begehren der Randalierer, sondern im Stile des im hochkulturellen Gewölk Entschwebten nur ihr proletenhaftes Auftreten samt folgendem Biergelage.
    Eine niveauvolle durchgestylte Selbstinszenierung, zB eine Nazipersiflage mit gespielterm Aufkleben des Judensterns an Sarrazin und ritueller Verbrennung seines Skriptums hätten eher zum Lob des alten Salonkommunisten geführt.
    Aber wenn einer, der sein Leben lang geglaubt hat, er würde einen siegreichen Kampf führen um das Proletariat in die lichten Höhen des akademischen Niveaus zu führen, jetzt im Alter erleben muss, dass sich inzwischen selbst die Akademiker benehmen wie der letzte Prolet – das tut weh.
    Andererseits die gerechte Strafe, wenn man sein Leben lang jedem Wind der Realität trotzend am unerfüllbaren Traum von der kommunistischen Hochkultur festhält.

  8. Schnabeltierfresser

    Peymann, der eitle Affe, war in Wien sicher zur richtigen Zeit am richtigen Ort, aber irgendwann muss auch Schluss sein. Gar so abendfüllen war seine Karriere auch wieder nicht.

  9. Rennziege

    7. März 2014 – 15:42 Christian Weiss
    Peymann ist doch auch nur “Hurz!” — san S’ ma ned bees, aber näher an der Realität sind Sie, wenn Sie das “H” durch ein “F” ersetzen. 🙂

  10. Thomas Holzer

    @Rennziege
    Seien Sie mir bitte nicht böse: aber ist dies wirklich notwendig?
    So etwas denkt man sich -maximal- aber so etwas schreibt man nicht; man sollte doch, trotz aller zulässigen Kritik, ein Mindestmaß an “Contenance” bewahren 😉

  11. Manuel Leitgeb

    Die einen sagen es, die anderen denken es nur. Ich mache weder das eine noch das andere, sondern verweise einfach auf die EAV 🙂

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