Das Pazifismus-Paradoxon der EU

Von | 13. November 2021

(CHRISTIAN ORTNER/WZ) Während an der Grenze Polens zu Belarus tausende “Schutzerflehende” mit Bolzenschneidern, schweren Zangen und Sägen den Grenzzaun attackierten und teilweise niederrissen, reagierte die EU genauso, wie es zu erwarten war. Ratspräsident Charles Michel reiste nach Warschau, um die Solidarität der EU mit Polen zu demonstrieren; was in der Realität eine Art politischer Luftballon ohne Hülle ist. Nahezu zeitgleich verlangte Manfred Weber, Chef der christdemokratischen Fraktion im EU-Parlament, die EU müsse sich an der Finanzierung von Grenzbefestigungen beteiligen; die EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen hingegen lehnte genau das strikt ab. Und auch in der kleinen, aber nicht unwichtigen Frage, gegen welche Personen, Firmen und Institutionen die EU weitere Sanktionen verhängen wird, gibt es wenig Einigkeit, schließlich geht es da um Werte, also ums Geld.

Wer solche Verbündeten hat, hat ernsthaften Grund zur Sorge. Oder wie US-General George S. Patton am Ende des Zweiten Weltkrieges einmal süffisant bemerkte: “Mir ist lieber eine SS-Panzerdivision gegenüber als eine unserer französischen Verbündeten an meiner Seite.” Heute kann man “französisch” getrost durch “europäisch” ersetzen. Vermutlich muss, ehe sich Europa einigt, ob und wie es seine Außengrenze gegen einen gewaltsamen Angriff von weißrussischem Territorium abwehrt, erst geklärt werden, welcher CO2-Ausstoß mit der Errichtung von Grenzsperren verbunden ist, ob die Anweisungen für die Grenzschützer in gendergerechter Sprache geschrieben sind und für ausreichende Diversität des Personals gesorgt ist. Das sind ja unsere primären Sorgen.

Doch leider wird hier in Umrissen ein viel größeres, bedrohlicheres Problem sichtbar: Europa sieht sich zunehmend geopolitischen Antagonisten wie China und Russland, aber auch der Türkei oder dem Iran gegenüber, die völlig befreit von ethischen oder auch nur völkerrechtlichen Restriktionen und Bedenken permanent testen, wo sie welche Grenzen zu welchen Kosten überschreiten können. Und die, wenn sie zur Überzeugung kommen, dass der Nutzen den Preis wert ist, manchmal entsprechend militärisch handeln.

Russlands Krim-Annexion und die Teilbesetzung der Ostukraine waren ebenso Beispiele dafür wie Chinas De-facto-Annexion von Hongkong. Taiwan könnte folgen; und auch die östliche Grenze der EU ist nicht so sicher, wie manche Träumer glauben. Dabei geht es nicht nur um “Weltpolitikfähigkeit” (Zitat Ex-EU-Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker), der Wurm sitzt tiefer. Denn die EU wurde ja, als verständliche Reaktion auf den Weltkrieg, als Friedensprojekt gegründet; der Pazifismus steckt ihr in den Knochen, und noch weniger als zur Weltpolitik ist sie zum militärischen Konflikt befähigt; weder institutionell noch mental.
Werbung

Das ist unglaublich sympathisch, aber leider in einer rundum gewaltbereiten und gewalttätigen Welt keine sehr erfolgversprechende Strategie. Solange die Europäer das nicht begreifen – und vor allem die Konsequenzen daraus ziehen -, werden sich die Bösewichte durchsetzen.

9 Gedanken zu „Das Pazifismus-Paradoxon der EU

  1. Kluftinger

    Die USA, GB und Australien bilden eine Allianz, der Osten (China,Russland,incl. Türkei) bildet eine Allianz und beide Allianzen sind gegen Europa bzw. fühlen sich nicht mehr verpflichtet ehemalige Bündnisse in der Praxis einzulösen?

  2. Selbstdenker

    In Intellectuals and Society beschreibt Thomas Sowell ausführlich das Ausmaß der Demoralisierung in Frankreich vor dem zweiten Weltkrieg und den Beitrag den französische Intellektuelle daran hatten.

    Die halblustigen Slogans der französischen Intellektuellen von damals könnten heute in ähnlicher Form vom zwangsgebührenfinanzierten Politaktivisten / Ziegendichter des ZDF kommen:

    “Lieber deutsch als tot”

    “Was ist daran so schlimm, wenn wir künftig Deutsche und nicht mehr Franzosen sind?”

    Anlässlich der Besetzung vom Elsass durch die Wehrmacht: “Sensation! Deutschland besetzt Deutschland”

    Die pazifistische Demoralisierung schafft Anreize für die Expansion äußerer Agressoren in dem sie den Preis und das Risiko für diese minimiert.

    Europa würde mit einer reinen Freihandelszone und einer restaurierten NATO völlig das Auslangen finden.

    Das idelogisch motivierte Projekt der politischen Union löst hingegen kein einziges Problem, das es zu lösen vorgibt.

  3. Thomas Brandtner

    Die EU ist auch in dieser Krise wesentlich besser als ihr Ruf. Wir angeblich so blauäugig-idealistischen Pazifisten bedrohen inzwischen nicht nur Belarus und Russland mit Sanktionen, sondern auch Luftlinien völlig unbeteiligter Drittstaaten, wenn sie syrische, irakische oder Bürger anderer Staaten, in denen Krieg und Unterdrückung Unterdrückung herrschen, in ihren Linienmaschinen völlig legal und gleich zu welchem Zweck nach Belarus befördern. Ähnliche Maßnahmen werden gegen Hotels diskutiert. Außerdem haben wir uns deutlich hinter Polen gestellt, wo das weitere Eindringen von Migranten mit robusten Mitteln verhindert wird. Die nächste Phase müssen jetzt Verhandlungen zur Beendigung der Krise sein, nicht ein weiteres Anziehen der Daumenschrauben. Denn Krieg mit Belarus und Russland möchten wir ja doch eher vermeiden, oder etwa nicht ?

  4. Selbstdenker

    @Thomas Brandtner:
    Direkt rührend, wie Sie “uns” mit dem fast schon ein wenig aufdringlich verbauten “wir” umarmen. Eine der grauhaarigen EU Tanten wird schon auf uns aufpassen.

    Die aus CO2-neutralen Stahl gefertigten Gewehrläufe sind bei den russischen Militärs sehr gefürchtet.

    Die neueste Generation an Elektropanzern können, wenn es das Wetter zulässt, sogar 10 Minuten länger fahren. Explodierende Akkus machen Kampfpiloten gefährlicher als japanische Kamikazepiloten im WK-2.

    Die Geheimwaffe schlechthin sind nichtbinäre Trans-Generäle der NATO. Die vernichtende Wirkung auf den Feind wurde bei Monty Python (der tödliche Witz) bereits dokumentiert.

    Nachdem die EU aus Klimaschutzgründen selbst immer weniger produziert und dafür in der VR China “nicht ganz so klimafreundlich” produzieren lässt, schwindet auch das ökonomische Erpressungspotential. Gut so, weil es zu 99% eh nur von alten (toten) weißen heterosexuellen Männern geschaffen wurde!

    Ehrlich gesagt, ist es mir tatsächlich lieber, wenn sich die westlichen Militärs in Zurückhaltung üben. Bei der epidemischen Inkompetenz, die im Westen seit dem vermeintlichen Ende des kalten Krieges herrscht, wäre ein heisser Krieg für “uns” alle ein sicheres Himmelfahrtskommando:

    Wenn der US General Miley etwa hochrangigen Militärs der VR China zusichert, dass die USA auf einen Erstschlag verzichten, kommt dies einer Einladung an die VR China zum Erstschlag gleich.

    Wenn US-Militärs die größte Bedrohung der nationalen Sicherheit in der eigenen Bevölkerung und im Klimawandel sehen, ist die Gefahr, dass Schuss nach hinten losgeht, evident.

    Die genialen westlichen Militärstrategen könnten es ja machen wie im Irak und in Afghanistan. Sie könnten Lukaschenko mit modernsten Waffen ausrüsten und schauen was passiert.

    Peak Sun Tzu eben.

  5. Thomas Brandtner

    Selbstdenker, Ich konstatiere, dass Sie mir (wenn auch grollend) in meiner Schlussfolgerung zustimmen. Kein Krieg ! Ihre für einen Neoliberalen Individualisten mit Hang zu einem gewissen Zynismus typische allergische Reaktion auf das Wort „wir“ verwundert mich nicht. Denn an diese unangenehme Realität der Schicksalsgemeinschaft EU wollen Sie gar nicht gerne erinnert werden. Aber es ist nun einmal so. Und Ihre Beurteilung der militärischen Schwäche Europas und der NATO trifft so nicht zu. Aber das sind alles Dinge, über die sich trefflich streiten lässt.

  6. Selbstdenker

    @Thomas Brandtner
    Ich stimme ihnen weder bei Ihren Prämissen noch bei Ihren Schlussfolgerungen zu. Einzig die Zielsetzung (kein Krieg) sehe ich ähnlich.

    “Ihre für einen Neoliberalen Individualisten mit Hang zu einem gewissen Zynismus typische allergische Reaktion auf das Wort verwundert mich nicht.”

    Klassenzugehörigkeit (=Schubladisierung) geklärt –> check
    Vorurteil bestätigt –> check
    Kampfbegriffe verbaut –> check

    Sie wieseln sich ähnlich aufdringlich mit dem Wort “wir” heran, wie ein 20er Verkäufer vor der Geschäftsanbahnung. Mit Verlaub, so etwas fällt auf.

    Und da ist schon die Lösung: “Schicksalsgemeinschaft”! 🙂

    Wir beide sind weder verheiratet noch anderwertig privat bzw. geschäftlich verbunden. Wie kommen Sie darauf, dass wir beide Teil einer “Schicksalsgemeinschaft” wären? Bitte definieren Sie diese näher.

    “Denn an diese unangenehme Realität der Schicksalsgemeinschaft EU wollen Sie gar nicht gerne erinnert werden.”

    Wie kommen Sie darauf, dass die EU real wäre? Meines Erachtens handelt es sich eher um ein soziales Konstrukt, das in etwa gleich “real” ist wie die 65 Geschlechter. Das sehen übrigens die Russen und die Chinesen ähnlich.

    “Und Ihre Beurteilung der militärischen Schwäche Europas und der NATO trifft so nicht zu. Aber das sind alles Dinge, über die sich trefflich streiten lässt.”

    Ob das die Einwohner von Hongkong ähnlich sehen? Die EU und die USA waren ja sehr glaubwürdig und durchsetzungsstark … und haben jene, die an sie geglaubt haben über die Klinge springen lassen.

    Bitte zählen Sie mir die miliärischen Erfolge der EU, der NATO und der USA der letzten beiden Jahrzehnte auf.

    Ob jene, die in der Feststellung, dass der Kaiser nackt ist, Zynismus erblicken, möglicherweise selbst an kognitiver Dissonanz leiden?

  7. Selbstdenker

    Dabei kann ich weder Putin, Erdogan noch Lukaschenka wirklich böse sein. Lukaschenka macht nur das nach, was Erdogan vor ihm erfolgreich ausprobiert hat.

    Wer ist eigentlich gefährlicher? Intellektuell herausgeforderte Personen, die sich in den Wahn hineinsteigern im Mandat einer beliebig definierten Personenmehrheit zu agieren? Oder territoriale Strizis, die diese Dummheit auszutzen? Wer richtet mehr Schaden an, den “wir” dann asuzubaden haben?

    “Fool me once, shame on you. Fool me twice, shame on me.”

    Dabei ist Lukaschenka durchwegs ein origineller Diktator. Wenn er auch noch Fox tanzen kann, wäre er mit seinen Oberlippenbart in den 70er- und 80er-Jahren der Held in jeder Provinzdisco gewesen.

  8. Selbstdenker

    It must have been a dance commander .
    Giving out the order for fun…

  9. Thomas Brandtner

    Selbstdenker, Sie haben offenbar eine falsche Vorstellung von der Bedeutung des Begriffes „Schicksalsgemeinschaft“: wir beide kennen einander ja wahrscheinlich gar nicht, aber wir würden im Falle eines Atomkriegs in Europa (oder eines Blackout ein ähnliches Schicksal erleiden. In der EU sind wir eine Schicksalsgemeinschaft wie die Menschen an Bord der Schiffe eines Geleitzuges im Zweiten Weltkrieg. Wir kennen einander gar nicht, und wir haben sicher viele Meinungsverschiedenheiten, aber zum gemeinsamen Überleben müssen wir alle kooperieren.
    Sie können die EU mit geringer Freude betrachten, aber real existiert sie, ob Ihnen das gefällt oder nicht.
    Und Sie erweisen sich selbst einen Schlechten Dienst, wenn Sie die EU dafür tadeln, dass wir nicht in Hong Kong, Tibet oder Sinkiang interveniert haben: wie viele österreichische Gefallene wäre Ihnen die Wiederkehr des Dalai Lama nach Tibet wert ? Bei Ihren Ausführungen habe ich mehr den Eindruck, dass Sie lieber junge Deutsche, Franzosen oder andere Europäer für Ihre idealistischen Wünsche sterben lassen würden. Ich lasse mich gerne vom Gegenteil überzeugen, stelle aber inzwischen fest, dass Sie unter einem Pseudonym schreiben, während ich meinen bürgerlichen Namen verwende.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.