Das Problem mit den „Glühenden Europäern“

Von | 25. September 2021

(CHRISTIAN ORTNER/ „Presse“) Das Europäische Parlament hat dieser Tage, ohne dass dies sonderlich wahrgenommen wurde, eine Aufforderung an die Mitgliedstaaten der Union gerichtet, alle Formen der gleichgeschlechtlichen Ehe oder entsprechender Partnerschaften anzuerkennen. Derzeit ist das in Polen, Bulgarien, Rumänien, Litauen, Lettland und der Slowakei nicht der Fall, einige andere EU-Staaten gestatten darüber hinaus auch nicht, dass gleichgeschlechtliche Paare Kinder aufziehen. Das Parlament kann das zwar nicht entscheiden, wohl aber Druck machen.

Oberflächlich betrachtet klingt dieser Vorstoß der Parlamentarier fortschrittlich, aufgeklärt und nach 21. Jahrhundert. Und trotzdem berührt er ein Problem, an dem die Union seit ihrer Gründung leidet und das virulenter wird, je mehr die Union einen staatsähnlichen Charakter annimmt, also einem Bundesstaat ähnlich wird: die Frage, was eigentlich die Union („Brüssel“) entscheiden und was Angelegenheit der Mitgliedstaaten bleiben soll.

Denn auch wenn ich als Liberaler der gleichgeschlechtlichen Ehe positiv gegenüberstehe, muss ich als derselbe Liberale nicht zwingend meinen, diese Frage gehöre europäisch geregelt.

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Es gibt keinen Grund, nicht der eher konservativ grundierten Bevölkerung Polens das Recht einzuräumen, diese Causa anders zu sehen als das im Wiener Bobo-Milieu als angemessen empfunden werden dürfte. Einen kontinentweiten Regulierungsbedarf gibt es da nicht.

Der Versuch, innerhalb der Union alle Unterschiede bei den Präferenzen und Neigungen der Bürger zu plätten, hat noch nie besonders gut funktioniert und führt in der Regel zu starken politischen Immunreaktionen derer, die gerade umerzogen werden sollen. Und die finale Konsequenzen haben können, siehe Brexit.

Dass Bundesstaaten gerade dann gut funktionieren, wenn die Gliedstaaten in derartig grundsätzlichen, fundamentalen Themen Autonomie genießen, zeigen die USA. Während etwa in der EU die Todesstrafe per Unionsrecht überall verboten ist, kann in den USA jeder Bundesstaat selbst entscheiden, ob er sie anwendet oder nicht.

Wenn man aber für richtig hält, dass dergleichen prinzipielle Entscheidungen in den USA die einzelnen Staaten entscheiden, lässt sich nicht mehr gut die Notwendigkeit argumentieren, die Homosexuellen-Ehe müsse in der ganzen EU einheitlich rechtlich akzeptiert werden. Auch wenn das manchen „glühenden Europäern“ nicht leichtfällt zu akzeptieren: Bloß weil man eine Sache voller Überzeugung für die richtige hält, muss es noch kein Akt der Klugheit sein, jenen Teil der Europäer zu überrollen, die das anders sehen.

Teil des Problems ist, dass sich die EU gern als „Wertegemeinschaft“ versteht, was erstens gut klingt und zweitens einen gewissen moralischen Überlegenheitsanspruch impliziert.

Das Blöde ist nur, dass die Europäer zwar bestimmte Werte durchaus teilen, andere hingegen nicht. Zwischen dem Wertekanon einer polnischen Bäuerin und dem einer jungen Digital Native, die zwischen Brüssel, München und Mailand pendelt, wird es erhebliche Unterschiede geben, warum denn auch nicht. In den USA ist das übrigens nicht anders; dort teilt ein Redneck aus Alabama vermutlich auch nicht die Vorstellungen eines New Yorker Literaturkritikers über die gleichgeschlechtliche Ehe.

Die europäische Werte-Union ist daher bis zu einem gewissen Grad eine Chimäre; gut für Sonntagsreden, problematisch, wenn sie erzwungen wird.

Vielleicht wäre es ja nicht die schlechteste aller Ideen, die EU würde sich pragmatisch darauf beschränken, dort zu handeln, wo das mehr bringt als nationalstaatliches Agieren – und die Leute sonst in Ruhe lassen, gerade wenn es darum geht, ihr Privatleben zu organisieren, wie sie das eben wollen oder auch nicht.

8 Gedanken zu „Das Problem mit den „Glühenden Europäern“

  1. Allahut

    Das Problem bei den glühenden Europäern ist, dass ihnen vor lauter glühen die Sicherungen durchgebrannt sind.

  2. Leo Dorner

    Den Regierenden, Gesetzgebern und Richtern kommt aber keinerlei Autorität in Fragen der Philosophie und Religion zu, diese den Bürgern mit Gewalt oder Lockmitteln aufzudrängen. (Kardinal Müller, erst kürzlich.)

  3. Johannes

    Was in dem Artikel meiner Meinung nach nicht den Tatsachen entsprechend dargestellt wird ist die Andeutung: da polnische Bäuerin (vor deren Meinung ich den höchsten Respekt habe) dort hoch entwickelte Gesellschaft mit ebensolcher liberaler Gesinnung.

    Das ist so nicht, es gibt quer durch alle Schichten der Bevölkerung der einzelnen Länder mehrheitsfähig Ansichten die sehr oft mit Brüssel nicht kompatibel sind.

    Ich denke auch das die Themen welche Brüssel aufwirft und okktruieren möchte in den meisten Fällen weniger den vorgegebenen Absichten dienen als viel mehr Zuchtmittel darstellen sollen eine Zentralgewalt, eben Brüssel, bedingungslos zu akzeptieren.

    Die Themen welche meist keine wirtschaftliche sondern eine gesellschaftspolitische Aufgabe erfüllen, sind bewußt so gewählt das sie den gewachsenen Strukturen im jeweiligen Land das Genick brechen sollen.

  4. aneagle

    Ich wäre schon hocherfreut, würde es den glühenden Europäern gelingen, genug Impfstoffe für alle , die sich impfen lassen wollen, zeitgerecht zu erwerben. Weiters den Impfwilligen nicht als Gnade jenen einen Impfstoff zukommen zu lassen, den ihr politisch vernebelter Mainstream für den Besten hält, sondern den Bürgern, durchaus marktwirtschaftlich, die Qual der Wahl überlassen. Wenn das in Serbien möglich ist, sollten das auch die Glühenden schaffen. Das aber, ist den Glühenden weit zuminder, da fühlen sich die inkompetenten Wichtigtuer unterfordert. Erst wenn alle 4.000 verschiedenen, nicht existierenden Gendergeschlechter gleich untereinander den einen oder die mehreren Partner für sich gefunden haben, wird das Paradies in Europa wahr. Wer Idioten an die Macht läßt, ohne Brüssel per Volksentscheid in den Mitgliedsstaaten den Geldhahn abzudrehen, ist selbst schuld.

  5. hausfrau

    Vor allem sitzt dort kein einziger, der auf irgendeinem Gebiet außer der Selbstbereicherung und dem Zuschanzen an Günstlinge eine Expertise hätte. Schon gar nicht auf dem Gebiet, das sie anderen zwangsweise aufdrücken.
    Es verschmilzt auch alles mehr zur Einheitspartei, der Einheitsmeinung, dem Einheitsgefühl.
    Man sollte vom „Fühlen“ mehr zu echten Fakten kommen, was ein Austauschen aller Figuren unabdinglich macht.
    Selbst an der Zeitumstellung sind sie gescheitert. Detto bei allen wirklich wichtigen Themen.
    Daher bringen sie Scheinthemen, um davon abzulenken, was eine Beleidigung des Intellekts der noch nicht Infanilisierten darstellt.
    Ich frage mich, wie lange es wohl noch dauert, daß eigenständiges Denken als Blasphemie auf Strafe verboten wird. Auf gutem Weg sind sie ja schon.

  6. Mourawetz

    Die Werteunion Brüssel hat eines nicht bedacht: dass auf dem Schlachtfeld zur Durchsetzung gleicher Werte ein ganz besonderer zuerst geopfert wurde: die Toleranz.

  7. sokrates9

    Wir haben eine Wirtschaftsunion gewählt die sich um wirtschsaftliche Belange kümmert und hilft den Wohlstand jedes einelnen EU -Bürgers zu erhöhen. Diers sollte auf Basis von demokratischen Strukturen geschehen.Nicht gewählt haben wir eine Ampläuferin Merkel die die EU verpolitisiert hat und jede Art von Poltik in die Eu mit einer Einheitsmeinung implementieren will.Jeses Land sollte ein Maximum an Freiheiten genießen und nicht eine moralische EU wo einzelne ungewählte ihre emotionalen Vorschriften umsetzen können.

  8. Menschmaschine

    „die EU würde sich pragmatisch darauf beschränken, dort zu handeln, wo das mehr bringt als nationalstaatliches Agieren – und die Leute sonst in Ruhe lassen“
    Gerade das wird nicht passieren, weil die EU längst von linken Eliten als Vehikel erkannt wurde, um die alten sozialistischen Träume umzusetzen. Der kollektive Zwang unter den Mitgliedsstaaten, das „alle auf eine Linie bringen“ ist dabei kein unbeabsichtigter Nebeneffekt, sondern der Kern des Plans. Corona spielte diesen Herschaften in die Hände, weil es als Probegalopp für Klima-Lockdowns und andere Zwangsmaßnahmen interessante Aufschlüsse über die Größe des Handlungsspielraums ergeben hat.

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