Das Verweigerer-Dilemma

Von | 23. Januar 2021
(CHRISTIAN ORTNER) Es ist ein eher verstörendes Faktum, dass ausgerechnet unter dem Pflegepersonal in Altersheimen und ähnlichen Einrichtungen der Anteil jener, die sich nicht gegen Corona impfen lassen wollen, ziemlich hoch ist und weit über dem Bevölkerungsdurchschnitt liegt. In Deutschland verweigert laut Umfragen etwa jeder zweite professionell Pflegende die Impfung, in Österreich dürfte es ähnlich sein.
Das ist aus drei Gründen ein erhebliches Problem: Erstens gefährden die Verweigerer sich selbst und damit natürlich auch das Gesundheitssystem ohne Not. Zweitens nehmen sie damit womöglich vermeidbare Erkrankungen der Patienten in Kauf, auch wenn die diesbezügliche Wirksamkeit des Impfstoffs noch nicht ganz geklärt ist. Drittens dient impfskeptisches medizinisches Personal jenen Narren als Kronzeugen, welche die Impfung als Teil einer Weltverschwörung zur Versklavung der Menschheit oder so sehen.
Daraus ergeben sich zwei Fragen: jene nach den Ursachen dieses befremdlichen Phänomens – und jene nach den möglichen Konsequenzen, die sich daraus ergeben, also etwa eine Impfpflicht für diese und andere ähnliche Berufsgruppen.

Wirklich erforscht sind die Wurzeln dieser auch schon lange vor Corona zu beobachtenden irrationalen Impfskepsis bei Teilen des Pflegepersonals nicht. Aber eine Wurzel dürfte paradoxerweise in der ethischen Motivation vieler Pflegender liegen. Ein Schweizer Pflegeexperte beschrieb das jüngst in der “Neuen Zürcher Zeitung” so: “Es geht ihnen ums Helfen. Das Medizinische, das Wissenschaftliche ist für viele zweitrangig. Die Pflege hat auch lange nicht evidenzbasiert funktioniert. Für diese Leute sind die Erfahrungen, die sie selber sammeln, viel wichtiger als eine neue Studie.”

Dass gute Pflege besonders viel Empathie erfordert, ist evident – ebenso, dass Gefühle und Erkenntnisse gelegentlich auf Kollisionskurs miteinander geraten können, nicht nur im Altersheim oder im Spital. Dazu kommt, dass die Impfverweigerung auch als eine Art ziviler Ungehorsam verstanden werden kann. Gerade für jüngere Pflegerinnen und Pfleger, deren persönliches Risiko, schwer zu erkranken oder gar zu sterben, ja gegen null geht, wird das im einen oder anderen Fall als Retourkutsche gegen ein medizinisches System und seine Chefitäten zu verstehen sein, das ihnen oft weder angemessene Wertschätzung noch ausreichend gute Bezahlung bietet.

Der Gedanke, das Problem einfach durch eine Impfpflicht fürs Pflegepersonal zu lösen, ist naheliegend, aber möglicherweise nicht besonders schlau. Schon aus ganz pragmatischen Gründen: Gerade in der derzeitigen, angespannten Situation wäre der plötzliche Abgang hunderter, wenn nicht gar tausender Pflegespezialisten, die sich partout nicht piksen lassen wollen, wohl nicht gut verkraftbar (Berufsanfängern hingegen könnte man absolvierte Impfungen durchaus als Notwendigkeit vorschreiben). Deshalb bleibt wohl, wie so oft in einer liberal-freiheitlichen Gesellschaft, nur der mühsame, ermüdende und nicht selten frustrierende Weg der Aufklärung, positiven Motivation und Überzeugungsarbeit. Der ist nicht sehr sexy, aber letztlich alternativenlos.

11 Gedanken zu „Das Verweigerer-Dilemma

  1. Johannes

    Wichtig ist vor allem das jene Bevölkerungsgruppe welche die schwersten Auswirkungen einer Infektion zu erwarten hat davor geschützt wird.
    Interessanterweise denken die meisten in dieser Gruppe sehr pragmatisch, was auch daraŕn liegen könnte das sie Impfungen als eine Erfolgsgeschichte der modernen Medizin in ihrem bisherigen
    Leben wahrgenommen haben.
    Die Skepsis gerade des Pflegepersonals könnte auch andere Gründe haben. Gerade im Pflege und Gesundheitswesen ist die Aufzeichnungspflicht geradezu antrainiert, man ist dazu erzogen worden das Standarts ein unbedingtes Muss zu sein haben.
    Ein wenig muß man sich das vorstellen als ob ein Pilot mit einem Flugzeug Personen transportieren soll von dem er weiß das die Zulassung, aus Zeitgründen, nicht nach den standardisierten Checkmaßnahmen abgelaufen ist.

    Man muß Ländern wie Israel und GB dankbar sein, dass sie hier durch sehr schnelles und flächendeckendes Impfen der Bevölkerung , dazu beitragen werden die Bedenken zu zerstreuen

    Ich hoffe sehr das die Meinung der Experten stimmt , dass auch die Mutationen gut mit dem Impfstoff bekämpft werden können.
    Es wäre ein enormer Rückschlag würde das Virus als Reaktion auf eine Impfung mit Mutation antworten, ähnlich wie es bei Krankenhauskeimen bereits der Fall ist welche sich resistent gegenüber Medikamente zeigen.

    Ich werde mich auf alle Fälle impfen lassen, vor die Wahl gestellt dem Virus einen Angriff auf meine DNA in unkontrollierter Weise zu erlauben und mit unberechenbaren Schäden an Lunge und Herz
    mein weiteres Leben Fristen zu müssen, stellt die Impfung ein, für mich vernachlässigbares Risiko dar.

  2. Kluftinger

    Gerade weil die Impfskepsis so groß ist, sollte man jene Menschen die sich freiwillig der Prozedur unterziehen vor den Vorhang bitten, als gute Beispiele!
    Aber nicht, wie in manchen Medien (besonders in der Krone ) auf die “Vordrängler” hinhauen! Dahinter steckt ja nicht eine menschenfreundliche Philosophie sondern eher eine “umgekehrter Egoismus”. Ich, Ich Ich, ist das Motto , warum der Bürgermeister schon und ich noch nicht etc…..? Sie sagen zwar , schützt die Alten, aber im der Tiefe ihrer Seele ist der Impfneid groß.

  3. Cora

    C.O. spricht von Pflegepersonal, von Pflegenden oder von Pflegerinnen und Pflegern, etc. Das ist zwar nobel, diese Zurückhaltung. Aber selbst die NZZ schreibt in einem doppelseitigen großaufgemachten Beitrag von Pflegerinnen. Man sollte ruhig mal fünfe gerade lassen, es sind die vorrangig Frauen, die ein Problem t dem Impfen haben, woran auch immer da liegen mag. Jedenfalls ist e nicht gerade vertrauensfördernd zu wissen, dass man potentiell den Händen einer Impfverweigerin ausgeliefert ist, wenn man im Spital liegt. Es mag ja durchaus ihr einzig und wahrs Anliegen sein, zu helfen. Aber das hatte Angela Merkel auch im Sinne, als sie die Grenzen 2015 offen ließ,

  4. Der Bockerer

    Gehe ich recht in der Annahme, dass Pflegepersonal in der Regel mehr über medizinische Dinge bescheid weiß als Otto Normalverbraucher? No na, sonst könnte ja jeder ohne Ausbildung einfach schnurstracks in die Pflegeberufe gehen… Apropos, wie sieht es mit der Impfskepsis bei Ärzten aus? Hätte ich gerne gewusst. Leider noch nichts davon gehört.
    Ich persönlich bin für jedes Versuchskaninchen dankbar, das vor mir zur Impfung geht. In ein paar Jahren sehen wir dann die Langzeitwirkungen dieser Kohorte und wahrscheinlich wird man dann das eine oder andere Manko, das man zum jetzigen Zeitpunkt noch gar nicht wissen kann (obwohl regierungstreue Medien das Gegenteil suggerieren) beseitigt haben. Wissenschaft ist eben ein Prozess mit trial and error, gerade auch in den Biowissenschaften.
    Während man vor einigen Jahren noch auf jeden eingedroschen hat, der vor dem Einsatz der Gentechnologie in der Lebensmittelbranche gewarnt hat, herrscht jetzt ungeahnte Einmütigkeit. Und das bei einer Technologie, die viel unmittelbarer in unseren Körper eingreift als jedes Genfood.
    Und noch etwas sollte stutzig machen. Normale Testverfahren dauern eben mehrere Jahre (warum wohl?), doch diesmal wurde alles in Rekordzeit durchgepeitscht. Es ist durchaus verständlich, dass die Hersteller keinerlei Verantwortung für unerwartete Nebenwirkungen übernehmen wollen. Dafür war die Zulassungsdauer einfach zu kurz. Also liegt die Verantwortung bei der Politik. Aber keine Angst, die Medien stehen bereit, jedes Ungemach auszubügeln, sodass man es nicht wiedererkennt. Schließlich gibt es die Presseförderung.

    Ja da fällt mir ein: Viele Pflegerinnen (sind eben hauptsächlich Frauen) sind ja doch noch in jungen Jahren, ebenso wie viele Jungjournalisten. Wäre interessant zu wissen, wie es mit der Impfbereitschaft von Journalisten aussieht, also von jenen, die das große Trommelfeuer für die Impfung veranstalten.

  5. Erwin Tripes

    Verweigerer verweigern etwas, das auch unter Medizinern längst nicht abgeklärt ist.
    Risikoeinschätzung mit eigenem Verstand ist als Unsolidarität, Dummheit und rechtsradikal.
    Hab mich bisher noch gar nicht so gesehen. Werde aber nochmals genau ins Ortnerspieglein schaun.
    Wenns dann noch nicht geklappt hat, muß ich mich halt der Schmähammerpolizei stellen.

  6. GeBa

    Für mich ist jede Pflegerin vertrauenswürdiger als ein durch die orona Krise zur Bekanntheit gewordenen “Experte” oder Wissenschaftler. Ich vertraue mehr der Praxis als den Hirngespinsten.

  7. hausfrau

    Vielleicht lieg es auch daran, daß Spätfolgen vermutlich nicht “sexy” sind?
    Sämtliche Themen, die die Politik an sich reißt sind bewußt ohne wirkliche Experten entstanden (weil dann etwas anderes herauskommen würde) dem Untergang geweiht.
    Und leider gibt es noch welche, die noch so Oldschool sind das eigen Hirn zu benutzen.

  8. Falke

    Die Erklärung ist ganz einfach: Das Pflegepersonal (und damit sind alle in Spitälern arbeitenden Personen gemeint) kennt sich in medizinischen Dingen wesentlich besser aus, als andere Menschen. Daher wird ihre Impfskepsis wohl einen logischen Grund haben. Ortner hat insofern (ansatzweise) recht, als sie damit die Impfskepsis in der Bevölkerung steigern. Absolut absurd ist allerdings seine Aussage, dass dies Narren oder Verschwörungstheoretiker seien. Zweifellos gibt es auch solche; aber die große Masse der sogenannten “Impfverweigerer” tut das aus Sorge um die eigene Gesundheit. Wenn – wie im meinen Fall – zwei Ärzte, in die ich unbegrenztes Vertrauen habe (einer ist mein leiblicher Cousin, der andere ein jahrzehntelanger Vereinskollege und guter Freund) und eine ebenfalls eng befreundete Mikrobiologin, die in einem großen österreichischen Spital arbeitet, mir sagen, das sie sich keinesfalls impfen werden, bestätigt das 100%-ig meine eigene Entscheidung, mich nicht impfen zu lassen.

  9. Eugen Richter

    Im Laufe des Jahres wird erkennbar, dass Covid-19 nicht so schlimm war, wie medial aufgepusht wurde. Je seriöser, kritisch würdigend, desto geringer ist die tatsächliche Zahl der sogenannten „Infizierten“.
    Am Ende wird erkennbar, dass die Impfungen nicht besser sind als die gegen Influenza. Mit Ausnahme der Langzeitfolgen bzw. chronischen Toxizität. Darüber wissen wir gar nichts.
    Ich habe sehr viel Verständnis für diejenigen, die den neuen, wenig getesteten Impfstoffen kritisch gegenüberstehen.
    Impfungen verhindern keine Infektionen. Wenn es gut läuft, wird die Erkrankung bzw Infektion asymptomatisch oder blande verlaufen. Die Zahlen von Biontech zeigen Hinweise, dass eine Coronainfektion bei Geimpften schlimmer ablaufen kann als bei Ungeimpften. Letztere erkranken öfter, aber mit milderen Verlauf.
    Angesehen von kurzfristigen Vorteil die Ängstlichen und Politiker zu beruhigen, sehe ich momentan keinen Mehr- oder Nutzwert der Impfstoffe. Für Hochbetagte schon gar nicht, weil deren Immunsystem bereits geschwächt ist.
    Sinnvoller und sicherer sind die bereits entwickelten Therapien, von denen kaum gesprochen wird. Wieso redet die ganze Welt nur vom Impfen?

  10. Johannes

    Eugen Richter:
    “Die Zahlen von Biontech zeigen Hinweise…….”
    Könnten Sie mir nähere Informationen über diese Publikation zukommen lassen?
    Danke.

  11. Thomas F.

    Eigentlich sollte es ein Einfaches sein, diesem “befremdlichen Phänomen” auf den Grund zu gehen. Man bräuchte sie ja einfach nur zu fragen. Allerdings sollte man sich dabei wenigstens den Anschein geben, dass man sie ernst nimmt und nicht schon als Leugner, Ignoranten und Gemeingefährder abgeurteilt hat. Sonst könnte die offene Kommunikationsbereitschaft eingeschränkt sein.

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