Das Wort zum Sonntag

“………Im Alter von 40 bis 50 Jahren pflegen Menschen eine seltsame Erfahrung zu machen. Sie entdecken, dass die meisten derer, mit denen sie aufgewachsen sind und Kontakt behielten, Störungen der Gewohnheiten und des Bewusstseins zeigen. Einer lässt in der Arbeit so nach, dass sein Geschäft verkommt, einer zerstört seine Ehe, ohne dass die Schuld bei der Frau läge, einer begeht Unterschlagungen. Aber auch die, bei denen einschneidende Ereignisse nicht eintreten, tragen Anzeichen von Dekomposition. Die Unterhaltung mit ihnen wird schal, bramarbasierend, faselig. Während der Alternde früher auch von den anderen geistigen Elan empfing, erfährt er sich jetzt als den Einzigen fast, der freiwillig ein sachliches Interesse zeigt.
Zu Beginn ist er geneigt, die Entwicklung seiner Altersgenossen als widrigen Zufall anzusehen. Gerade sie haben sich zum Schlechten verändert. Vielleicht liegt es an der Generation und ihrem besonderen äusseren Schicksal. Schliesslich entdeckt er, dass die Erfahrung ihm vertraut ist, nur aus einem anderen Aspekt: dem der Jugend gegenüber den Erwachsenen. War er damals nicht überzeugt, dass bei diesem und jenem Lehrer, den Onkeln und Tanten, Freunden der Eltern, später bei den Professoren der Universität oder dem Chef des Lehrlings etwas nicht stimmte! Sei es, dass sie einen lächerlichen verrückten Zug aufwiesen, sei es, dass ihre Gegenwart besonders öde, lästig, enttäuschend war.
Damals machte er sich keine Gedanken, nahm die Inferiorität der Erwachsenen einfach als Naturtatsache hin. Jetzt wird ihm bestätigt: unter den gegebenen Verhältnissen führt der Vollzug der blossen Existenz bei Erhaltung einzelner Fertigkeiten, technischer oder intellektueller, schon im Mannesalter zum Kretinismus. Auch die Weltmännischen sind nicht ausgenommen. Es ist, als ob die Menschen zur Strafe dafür, dass sie die Hoffnungen ihrer Jugend verraten und sich in der Welt einleben, mit frühzeitigem Verfall geschlagen würden….” (Theodor W. Adorno, “Dialektik der Aufklärung”)

3 comments

  1. Wettbewerber

    Bei Adorno bin ich immer extrem vorsichtig. Leute wie er haben uns die “Political Correctness” beschert. Schleichender Kollektivismus. Verkappter Marxismus.Und mit etwas “bösem Willen” findet man Ansätze davon auch in diesem Text (z.B. die Kritik am “Erhalt _einzelner_ Fertigkeiten”, eine alte Marx’sche Forderung, sprich: “Mache unaufhörlich immer wieder etwas völlig anderes!”).

    Dennoch ist hier durchaus etwas dran. Niemand hat vor, ein wunderlicher Greis oder eine schrullig-kauzige alte Dame zu werden. Und doch passiert es vielen.

    Meine “Strategie” dazu: Sich mit jungen Leuten umgeben. Auf sich selbst schauen (was esse ich, wieviel bewege ich mich, mit wem verbringe ich Zeit,…). Und dann brauche ich Adorno und Konsorten nicht mehr wirklich.

  2. Menschmaschine

    @ wettbewerber

    stimmt.
    ich persönlich beobachte den verfall besonders bei kinderlosen. diese, seit langem daran gewöhnt, sich fast ausschließlich mit sich selbst, allesnfalls noch dem eigenen hund zu beschäftigen, stilisieren teilweise den täglichen einkauf zu einem ereignis, machen aus zigarettenkippen vor ihrem hauseingang ein drama oder haben außer fernsehen keine interessen mehr. erschütternd, teilweise.

  3. Mourawetz

    Tja, alle anderen haben sich weiter entwickelt, nur er selber ist stehen geblieben. Adorno schreibt über den Verlust der Pubertät, als ob das etwas Beklagenswertes wäre. Wer mit 20 nicht links ist, hat kein Herz. Wer mit 40, 50 noch immer links ist, kein Hirn.

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