Den Mittleren Osten einfach sich selbst überlassen….

(C.O.) Es ist eine subtile Pointe der Geschichte, dass ausgerechnet die Chefin der deutschen Grünen, Katrin Göring-Eckardt, nun für den Einsatz von Soldaten der deutschen Bundeswehr im Kampf gegen den IS ist – da hat die einst (auch) aus der Friedensbewegung heraus entstandene Partei ein ganz schönes Stück Weg hinter sich gebracht.

Nun gibt es zwar viele gute Gründe gegen so eine Militärintervention, aber der Vorstoß ist konsequent. Wer regelmäßig vom moralischen Hochsitz aus die Gräuel der NS-Zeit und das daraus resultierende “Nie wieder!” beschwört, wenn gerade irgendwo ein Schlachten stattfindet, der muss folgerichtig auch für einen Einsatz westlicher Truppen plädieren, um ein Massaker im kurdischen Kobane zu verhindern.

Bedauerlicherweise droht freilich das ethisch Gebotene mit der Realität krachend zu kollidieren. Die Erfahrung der vergangenen Dekade zeigt leider deutlich, dass der Erfolg praktisch aller Militärinterventionen des Westens in der arabisch-islamischen Welt des Mittleren Ostens seit 9/11 überschaubar war. Mit Bomben Demokratie und Rechtsstaat etablieren zu wollen, hat sich dort als Rezept fürs Desaster erwiesen.

Dazu kommt, dass die schiere Größe und Zahl der Schlachthöfe in Arabien die Kapazität des Westens klar überspannen würde. Denn während die Weltöffentlichkeit etwa das Erblühen des IS dank dessen smarter PR schaurig fasziniert betrachtet, metzeln in Libyen, wo nicht zuletzt dank westlicher Intervention Anarchie herrscht, Muslime andere Muslime nieder, ohne dass dies im Westen noch jemanden kümmert. Und was ist eigentlich mit Herrn Assad in Damaskus? Warum die Bundeswehr zwar in Kobane kämpfen soll, um Zivilisten zu schützen, nicht aber in Bengasi oder wo auch immer sonst der innerislamische Religionskrieg wütet, ist nicht schlüssig zu erläutern.

Und dann sind da noch die unerwünschten Konsequenzen derartiger Interventionen: So sind im Kampf gegen den IS nun die USA und der Iran de facto Verbündete geworden, obwohl die iranischen Atombombenambitionen und deren Potenzial, den Holocaust zu vollenden, bis vor kurzem als größte Gefahr für die westliche Welt galten. Man braucht nicht viel Fantasie, um zu vermuten, dass sich der Iran seine Hilfe im Kampf gegen den IS bei den Wiener Atomgesprächen entsprechend honorieren lassen wird. Freilich ist ein Iran, der wieder ein Stück näher an die Bombe kommt, langfristig nicht weniger gefährlich als der IS.

Leider ist genau dies das unselige Muster, an dem alle westlichen Interventionen in dieser Gegend scheiterten: Die vermeintliche Befreiung des Irak mutierte zum Beginn eines blutigen Religionskrieges, in Libyen wurde die Anarchie entfesselt, sogar die Unterstützung des Ägyptischen Frühlings mündete im Aufstieg der Muslimbruderschaft und in der Renaissance der Diktatur.

Ein gutes Argument, warum ein richtiger, konsequent geführter Krieg des Westens gegen den IS günstiger ausgehen sollte, ist leider nicht in Sicht. Auch wenn es außerordentlich unbefriedigend ist: Immer mehr spricht dagegen, dass der Westen in Arabien auf der einen oder anderen Seite massiv militärisch eingreift, von kleinen, begrenzten humanitären Einsätzen einmal abgesehen. Alles andere wird mehr Probleme schaffen als lösen. (“WZ”)

5 comments

  1. waldsee

    nach dem maul reden nennt man das. ein großteil der muslime lehnt öffentlich (aber nur in der öffentlichkeit) IS ab und schon wollen grüninnen in den kampf ziehen. laßt sie doch gehen.

  2. Thomas Schwalb

    Alles richtig, aber was wie Europäer noch berücksichtigen müssen :
    1. Das Öl
    2. Israel

  3. Herbert Manninger

    Kleine Kinder wissen , dass man zwei Raufende nicht trennen sollte – sonst gibt es von beiden, spontan verbündet, eins auf´s Maul.
    Große Politiker wissen es nicht.
    Und wenn sich Unsympathler gegenseitig erledigen – dann spricht aber schon garnichts mehr für ein kontraproduktives Eingreifen.

  4. Enpi

    So leicht wie Christian Ortner darf man es sich nicht machen. In der Praxis wäre das von ihm angedachte ” den mittleren Osten sich selbst überlassen” ein schwerer Fehler des Westens. Im Gegensatz zu unserem islamischen Gegner, der sich unter anderem derzeit auch in der IS manifestiert, übersieht, daß wir bereits in der Vorstufe eines unausweichlichen Konfliktes mit der islamischen Welt stehen. Hier gilt es im gegnerischen Vorfeld aktiv zu sein nicht nur um ein Entstehen eines wirksamen wirtschaftlich/militärischen Komplexes (repräsentiert z.B. durch einen “islamischen Staat”) zu verhindern und natürlich auch die derzeitig existierende eigene Oberhoheit in Wirtschaft und Militärtechologie zu sichern.

    Vor allem zweiteres ist nicht so leicht. Die Technologien zum Bau von Massenvernichtungswaffen werden von Jahr zu Jahr leichter zugänglich. Wenn wir also durch passives Zusehen fanatisiertere islamische Pseudo-Staaten entstehen lassen, kann man sich mit größter Wahrscheinlichkeit ausrechnen wo deren Waffensyteme atomarer oder biologischer Art früher oder später zum Einsatz gebracht werden, nämlich direkt in der EU oder der USA, also in Paris, Wien oder NY.

    Daher unterstützt Christian Ortner (sicher unwissentlich – weil er das Szenario nicht konsequent durchdenkt) durch seine ein wenig naive Argumentation ein solche schreckliche Zukunft.

  5. aneagle

    Die GrünInnen verwirren mich. Habe ich, dank diskretem Paternalismus, gerade erst mühsam begriffen, dass Frieden niemals nicht durch Waffen, sondern nur durch Wunder wirkende Gespräche westlicher, ganz wichtiger Politiker mit allen Konfliktparteien, die eine Chance haben, ungeköpft aus dem Konflikt hervorzugehen, entstehen kann, rufen die
    EntwicklerInnen dieser Strategie nach einem Militär, das es, ginge es nach Ihnen, gar nicht mehr geben dürfte, … mit einem Wort: WASS SOLL ICH JETZT DENKEN ?
    Nicht mal die Bild-Online gibt mir einen Hinweis !

    Soviel zum geballten Intellekt unserer Staatslenker, wahrlich, man kann sich als Europäer nur geborgen fühlen. 🙂

    Aber sogar Sahra Pallin, nicht gerade eine Leuchte, hatte auf die kontraproduktive Einmischung der westlichen Wichtigtuerstaaten einen religiösen Vorschlag für den mittleren Osten: “Let Allah sort it out”

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