Der Freihandel und seine Feinde

Von | 26. November 2016

(ANDREAS TÖGEL) Ist Ihnen schon aufgefallen, dass am Wohl der autochthonen Bürger des eigenen Landes orientierte Politiker gerne routinemäßig als „Rechtspopulisten“ gebrandmarkt werden, während Linke ohne weiteres Gratiskindergärten und -Universitätsstudien, Frühpensionierungen und „bedingungslose Grundeinkommen“ für alle versprechen dürfen, und deshalb als vorbildliche Demokraten gelten? Seltsam, oder? Nassim Taleb, der Autor des Bestsellers „Der Schwarze Schwan“ kommentierte kürzlich launig, dass ihm der Unterschied zwischen Demokratie und Populismus bislang von niemandem plausibel erklärt werden konnte. In der Tat handelt es sich dabei um ein Rätsel, das der Lösung harrt und hoffentlich demnächst (vermutlich von einer – nona – linken Politikwissenschaftler*in) gelöst werden wird.

Was indes den internationalen Freihandel betrifft, sind Linke und Rechte (Demokraten/Populisten) in ihrer Ablehnung eines Sinnes – wenn auch aus durchaus unterschiedlichen Gründen. Sehen böse Populisten primär die Arbeitsplätze im eigenen Land durch schrankenlosen Freihandel gefährdet (wie z. B. Gottseibeiuns Donald Trump), wälzen sich edle Demokraten, wie die Aktivisten von Attac, Caritas, Grünen, Diakonie & Genossen, wegen der behaupteten Ausbeutung von Arbeitskräften in Entwicklungsländern schlaflos in ihren Betten.

Von beiden Gruppen werden jedenfalls Handelshemmnisse – unter welcher Bezeichnung auch immer errichtet (am besten mittels Importzöllen, die sich seit Jahrhunderten bestens bewähren) – als segensreich gepriesen.

Wer aber gewinnt tatsächlich, wenn Regierungen und Bürokraten es unternehmen, sich in die Vertragsgestaltung zwischen Handelspartnern verschiedener Länder einzumischen? Wer profitiert denn etwa davon, wenn heimische Konsumenten keine Billigbekleidung aus Fernost mehr zu kaufen bekommen, weil die hierzulande ansässige Textilindustrie geschützt werden soll? Die Arbeiterin in Fernost, die nach Verlust ihres Arbeitsplatzes in einem ausbeuterischen „Sweatshop“ anschaffen gehen muss, wohl eher nicht. Die inländischen Bezieher kleiner Einkommen, die sehr genau auf ihre Ausgaben achten müssen, ebenso wenig.

Am Ende sind es daher ausschließlich die Eigentümer einschlägiger Fabriken im Inland und deren Mitarbeiter, die von Handelsschranken profitieren – und natürlich jene Politdesperados, die sich für diesen zynischen Coup auch noch als Anwälte der proletarischen Massen und Bewahrer des Abendlandes feiern lassen.

Die Konsequenz von Handelshemmnissen ist immer die gleiche: Dem Nutzen für die Hersteller bestimmter Produkte, einen geschützten Markt mit teuren, weil von ausländischer Konkurrenz verschont, bedienen zu können, steht der Schaden aller anderen Bürger gegenüber, deren Auswahlmöglichkeit und Kaufkraft dadurch reduziert wird. So kann sich zwar der mittels Importzöllen vor ausländischer Konkurrenz beschützte Stahlkocher die Hände reiben, aber jeder Käufer von stählernen Halbzeugen und Fertigwaren ist dafür genötigt, höhere Preise zu bezahlen und verliert dadurch selbst an Wettbewerbsfähigkeit und/oder freier Kaufkraft. Der Nettosaldo ist jedenfalls stets negativ.

Der französische Pamphletist Frédéric Bastiat hat diesen Umstand bereits in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts in seiner Schrift „Die Petition der Kerzenmacher“ http://bastiat.de/bastiat/schriften/petition.html auf kurzweilige Weise aufs Korn genommen. Spätestens seit dem Erscheinen von Adam Smiths „Wealth of Nations“, sollte auch der Dümmste begriffen haben, dass Arbeitsteilung stets segensreiche Wirkung entfaltet.

Wer aber Arbeitsteilung gutheißt und folglich den „Freihandel“ zwischen Wien und St. Pölten nicht für anstößig hält, wird schwerlich einigermaßen plausible Gründe dafür finden, den Warenverkehr zwischen Wien und Schanghai oder Sidney zu unterbinden.

Selbstverständlich sind unterschiedliche geographische und klimatische Bedingungen, Entwicklungsniveaus, politische Systeme und Lohn- oder Sozialstandards von großem Einfluss auf die Produktionskosten in verschiedenen Ländern. Würden überall exakt gleiche Bedingungen und Produktionsvoraussetzungen herrschen, gäbe es auch kaum Nachfrage nach Importprodukten. Wollten wir allerdings auf eine Welt warten, in der alle Unterschiede von größenwahnsinnigen Politruks eingeebnet wurden, würden Europäer vermutlich niemals südamerikanische Bananen essen oder neuseeländischen Wein trinken und Amerikaner niemals koreanische Autos fahren. Wem genau würde es nutzen, wenn es so wäre?

Den Jean Zieglers und Christian Felbers dieser Welt sei schließlich ins Stammbuch geschrieben: Erst die wirtschaftliche Globalisierung hat den Ärmsten der Armen in den Entwicklungs- und Schwellenländern einen Wohlstandszuwachs gebracht, der ohne sie niemals möglich gewesen wäre. Niemals zuvor mussten – trotz eines in der Dritten Welt gewaltigen Bevölkerungszuwachses – eine geringere Zahl von Menschen auf diesem Globus mit weniger als zwei Dollar pro Tag auskommen.

Fazit: Populismus oder Demokratie bringen in Wirtschaftsfragen niemals etwas Gutes – jedenfalls nicht denjenigen, die sich keine kostenintensive Lobbyarbeit leisten können.

Tagebuch

21 Gedanken zu „Der Freihandel und seine Feinde

  1. Fragolin

    Endlich mal ein Artikel, der ohne CETA und TTIP auskommt, die beides keine Freihandelsabkommen sind, auch wenn es auf dem Deckblatt steht.
    Freihandel ist grundsätzlich das Beste, was Wirtschaft und Menschen passieren kann, aber alles was mehr Seiten als die amerikanische Unabhängigkeitserklärung hat, hat die Silbe “Frei” im Wortstamm nicht verdient.

  2. Thomas Holzer

    “Wer aber gewinnt tatsächlich, wenn Regierungen und Bürokraten es unternehmen, sich in die Vertragsgestaltung zwischen Handelspartnern verschiedener Länder einzumischen?”

    Genau! Deswegen sind die verbliebenen -wahrscheinlich eh nur mehr an einer Hand abzuzählenden- Libertäre dieses Landes gefordert, sowohl den Politikerdarstellern als auch den sog. NGOs endlich lautstark die Leviten zu lesen, indem sie darauf hinweisen, daß sog. Freihandelsabkommen eben nicht den Freihandel fördern, sondern nur Vorteile einzelner Marktteilnehmer (inkl. Politikerdarsteller) zum Nachteil aller! anderen, einzementieren.
    Erlaube mir anzumerken, daß dies mal eine Kolumne des Hausherren in der “Die Presse” zum Thema machen könnte 😉

  3. Gerald

    Die amerikanische Unabhängigkeitserklärung wurde von Menschen mit Hausverstand und positiver Grundeinstellung verfasst.
    Heute werden Abkommen von Juristen ausgearbeitet, mit dem Ziel einen “wasserdichten” Vertrag zu haben. Mit negativer Grundhaltung ausgestattete Menschen versuchen allen möglichen vorhersehbaren negativen Ereignissen zuvorzukommen. Diese Grundhaltung alleine provoziert schon den Schadensfall, den. Es findet sich immer ein noch schlauerer Anwalt, dem es ein persönliches Anliegen ist, diesen Vertrag zu knacken und sich selbst zu profilieren.
    Also, weg mit den Anwälten von Dingen die sie nicht verstehen und deren positiven “Spirit” sie nicht vermitteln können.

  4. Der leiwaunde Johnny

    Nicht täuschen lassen! Der Freihandel zwischen westeuropäischen gleich entwickelten Staaten machte Westeuropa nach dem Krieg bis in die 80er Jahre wirtschaftlich erfolgreich und politisch stabil. Man musste zwar für ein Tshirt oder einen fernseher länger arbeiten als heute, aber das ganze Zeug wurde dafür auch in Europa produziert und jeder hatte einen Job. Weniger Wachstum, aber das auf Grund von echter Wertschöpfung in Europa.

    Dann öffneten sich China und der Ostblock und von da an war Westeuropa (detto USA) wirtschaftlich in der Defensive weil mit unfairen Mitteln gekämpft wurde (Lohnniveau). Forschung und Entwicklung blieb zwar bei uns, aber die vielen einfachen Jobs für viele einfache Menschen waren weg.

    Folge: die Staatsschulden für Sozialleistungen explodierten und dank des billigen Klumps aus Fernost und Ost können sich mehr Leute mehr Klump kaufen. Dass sie dies mit staatlicher Unterstützung tun, ist ihnen nicht bewusst und deshalb gibt es auch noch keine Revolte im Volk. Gib jedem sein Smartphone, sein Bier und seinen Billigflug in die Türkei und alle sind happy.

  5. elfenzauberin

    @Fragolin

    Vollkommen richtig!

    Ein Freihandelsabkommen kann man im Großen und Ganzen mit einem Einzeiler abhandeln:

    “Handelt, soviel ihr wollt und womit ihr wollt.”

    Alles, was darüber hinausgeht, sind Einschränkungen des Freihandels.

  6. Christian Peter

    ‘Der Nettosaldo ist stets negativ’

    Dass Freihandel Wohlstand schafft ist ein uraltes Dogma, für das es keine Belege gibt. Erfahrungen mit Freihandelsabkommen wie NAFTA lassen eher auf das Gegenteil schließen, in der Regel profitieren lediglich multinationale Konzerne und Investoren von Freihandel, alle anderen verlieren. Immerhin vernichtete NAFTA sowohl in den USA als auch in Mexiko netto Millionen Arbeitsplätze. Man braucht sich nur Japan anzusehen : Das reichste Land der Erde schuf nach dem Krieg jahrzehntelang Wohlstand durch strikte Abschottung und Protektionismus und schloss bis zur Jahrtausendwende keine einziges Freihandelsabkommen.

  7. Falke

    Immerhin wurde Christian Felber kürzlich aus den Wirtschaftslehrbüchern für Schulen entfernt.

  8. Baldur Garda

    Linke Journalisten sind erstaunlich kleinkariert, engstirnig und auf eine irritierende Weise intolerant und “brandmarken” autochthone Bürger des eigenen Landes routinemäßig als „Rechte“. Das verbindet sie interessanterweise mit jenen politischen Strömungen der Linken, denen sie sich geistesverwandt fühlen. Zwar weniger aus Überzeugung, sondern aus Bequemlichkeit, denn natürlich wissen sie: Es ist anstrengender, gegen den Strom zu schwimmen. Es ist mühevoll, eine Meinung zu vertreten, die der Szene nicht genehm ist.

    Aber die linken Journalisten sind nicht dumm. Sie ahnen, dass sie durch die Wirklichkeit ins Unrecht versetzt werden. Das meiste von dem, was sie bis vor kurzem gepredigt haben, ist an der Realität gescheitert. Das verunsichert sie und führt zu unkontrollierten Abwehrreaktionen. Ihre eigenen Ängste, die Vermutung, dass sie wider besseres Wissen an falschen Vorstellungen festhalten, projizieren sie auf andere, um sich zu beruhigen. Das Resultat ist eine Art Selbstzensur, die aggressiv nach aussen getragen wird, um andere davon abzuhalten, ihre Denkblockaden abzulegen.

  9. Thomas Holzer

    @Falke
    Leider aus nicht allen!
    Für einen ausgebildeten Tänzer legt(e) er aber eine erstaunliche Karriere hin, hat ja neben seinen Auftritten in OE1 auch einen Lehrauftrag an der Universität..

  10. Klaus Kastner

    “Wer aber Arbeitsteilung gutheißt und folglich den „Freihandel“ zwischen Wien und St. Pölten nicht für anstößig hält, wird schwerlich einigermaßen plausible Gründe dafür finden, den Warenverkehr zwischen Wien und Schanghai oder Sidney zu unterbinden.” –

    Als Freihandelsbefürworter möchte ich einwenden, dass es ganz so einfach, wie oben dargestellt, nicht ist. Sollte der Freihandel zwischen St. Pölten und Wien dazu führen, dass die St. Pöltener nichts mehr produzieren, weder für den Eigenbedarf noch für die Wiener, sondern nur mehr Produkte aus Wien konsumieren, dann verblieben in St. Pölten nur mehr Arbeitsplätze für Dienstleistungen und Verwaltung. Die entstehende Arbeitslosigkeit würde allerdings abgefedert durch Arbeitslosenunterstützung vom Bund (Transfers) und durch die Möglichkeit, zu einem Arbeitsplatz in Wien zu pendeln (oder nach Wien zu übersiedeln). Auf jeden Fall würde der Lebensstandard in St. Pölten sinken (es sei denn, die Wiener verbrächten ihre Urlaube nur mehr in St. Pölten, was dort zu einem Boom bei Dienstleistungen führen würde).

    Zwischen Wien und Schanghai gibt es diese Anpassungsmechanismen nicht: Schanghai bezahlt den Wienern keine Arbeitslosenunterstützung, zum Pendeln ist Schanghai etwas zu weit entfernt und auch als Urlaubsziel ist Wien wahrscheinlich für chinesische Massentouristen zu weit entfernt.

    Mein Stichwort heißt “Leistungsbilanz”. Leistungsbilanzen zwischen Ländern sollten über längere Zeiträume mehr oder weniger ausgeglichen sein. Wenn sie über längere Zeiträume und strukturell einseitig werden, dann muss dies unweigerlich früher oder später zu einem Crash führen.

    Man könnte sich als theoretischen Idealzustand eine Volkswirtschaft vorstellen, die sowohl bei ihren internen wie auch externen Salden (Budget, Leistungsbilanz) nachhaltig ausgeglichen ist. Wenn diese Volkswirtschaft dann trotzdem noch gutes Wachstum, hohe Beschäftigung und gute Einkommen erzielt, dann hätte man wahrscheinlich das ökonomische Nirwana erreicht.

    Je weiter sich eine Volkswirtschaft auf Dauer von diesem Nirwana entfernt, desto gefährdeter wird sie. Ich sehe heute keine einzelne Volkswirtschaft, die nach obigen Kriterien ungefährdet ist. Für mit am meisten gefährdet halte ich Deutschland. Ein Leistungsbilanzüberschuß führt unweigerlich (aus arithmetischen und nicht aus volkswirtschaftlichen Gründen) zu Kapitalexporten. Deutsche Vermögen, die im Ausland investiert werden müssen (aufgrund des Leistungsbilanzüberschusses), übersteigern das Doppelte des jährlichen Bruttonationalproduktes (!) bereits bei weitem. Es ist überall dort investiert, wo die Defizite sind. Irgendwann einmal werden diese Vermögen wertberichtigt werden müssen, es sei denn, sie würden durch einen entgegengesetzten Waren- und Dienstleistungsverkehr abgebaut werden.

    Man sollte sich auch einmal überlegen, wie es im Rest der Welt heute aussehen würde, hätten die USA nicht seit dem Vietnamkrieg deutlich und nachhaltig über ihre Verhältnisse gelebt. Die riesigen und nachhaltigen Leistungsbilanzdefizite der USA waren auf globaler Basis nichts Anderes als keynesianisches Deficit Spending für den Rest der Welt. Wie lange wird der keine-Angst-vor-Schulden-habende amerikanische Konsument das noch durchhalten? Hat vielleicht Donald Trump hier seinen Finger auf eine offene Wunde gelegt? Die USA sind hier nicht so verwundbar, weil ihre Währung, die sie selbst drucken können, gleichzeitig die größte Reservewährung ist.

    Die wahrhaften Verteidiger des Freihandels sollten sich darum Sorgen machen, dass die Voraussetzungen für einen langfristigen Freihandel gegeben bleiben, nämlich das Vermeiden von massiven globalen Ungleichgewichten, von Ungleichgewichten zwischen Produzenten und Konsumenten, zwischen Überschüssen und Defiziten, etc. Das war in Wirklichkeit das Thema von Bretton Woods. Es wird wahrscheinlich unvermeidlich sein, das Bretton Woods zu wiederholen.

  11. Thomas Holzer

    @CP, Klaus Kastner
    Nichts in dieser Welt ist perfekt und wird je perfekt sein! Erfreulicher Weise.
    Mir konnte aber noch niemand erklären, warum es Politikerdarsteller tangieren sollte, ob ich mir z.B. einen Skoda oder einen Chevy kaufe. Es geht nicht primär darum, ob Freihandel mehr oder weniger Arbeitsplätze schafft, sondern nur darum, daß jeder Konsument jedes Gut, welches auf dieser Erde angeboten wird, auch kaufen kann (so er das entsprechende (klein)Geld dafür aufbringt.
    Meiner bescheidenen Meinung nach besteht der einzige Grund, warum Politikerdarsteller den Freihandel mittels Verträgen an die Kandare nehmen wollen darin, im Fall des Falles diesen problemlos einschränken zu können.
    “Bestes” Beispiel: die Politikerdarsteller versagen, und nehmen für ihr Versagen mittels Zwang die Wirtschaft (sprich Konsumenten und Produzenten) in Geiselhaft (vulgo Sanktionen)

  12. John Galt

    Sehr geehrter Herr Tögel,

    wie immer ein Vergnügen, ihre Artikel zu lesen – klar, sachlich und zutreffend.

  13. A.Felsberger

    @Kastner: Wenn es nur die Leistungsbilanzungleichgewichte wären, die der Staatengemeinschaft zusetzen, so könnte man sich damit trösten, dass diese Ungleichgewichte auf lange Sicht durch Konkurs der Schuldnerländer beseitigt werden. Das mag zwar für beide, Gläubiger- wie Schuldnerländer, einigermaßen schmerzvoll sein, aber immerhin wären die Ungleichgewichte dann aufgehoben. Es sind aber nicht nur die Leistungsbilanzungleichgewichte, die der Staatengemeinschaft Kopfweh verursachen sollten, es ist vor allem die weltweite Arbeitsteilung selbst, die immer mehr Länder zu Spezialisten macht. Dadurch wird die breite Palette an Arbeiten, die weniger spezialisierte Länder auszeichnet, auf immer weniger Arbeiten für den Weltmarkt reduziert und entsprechend verengen sich auch die Perspektiven der Arbeitenden. Vieles von dem, was heute in Österreich zu beobachten ist, ein stark wachsender Niedriglohnsektor im Tourismus z.B., ist direktes Ergebnis dieser weltweiten Spezialisierung. Es stimmt, dass dadurch der Wohlstand aller wächst, aber es verengen sich auch die Erwerbsperspektiven der Menschen. Schlußendlich und vor allem ist es die Migration, die durch den Weltmarkt treibhausartig befördert wird, weil die Unzufriedenen sich eine Existenz woanders suchen. Das Beispiel USA zeigt gut, wo ein Land endett, dass alles, was es hat, auf den Weltmarkt gesetzt hat: Die USA ist so reich wie nie zuvor und trotzdem fühlen sich viele Menschen erledigt……

    PS: Die Spezialisierung kann im Extrem zu einer Untergrabung der Demokratie führen, weil immer Menschen an dem Wohlstand nur mehr über Subventionierung teilhaben. Es geht ihnen zwar gut, sie mögen sogar eine Arbeit haben und sind durch Transfers besser versorgt denn je, aber die Perspektivlosigkeit macht sie krank.
    Es ist ein altes Leiden der Liberalen den Weltmarkt bloß unter Effizienzgesichtspunkten zu sehen, wo doch die negatien Auswirkungen der weltweiten Spezialisierung gerade heute sichtbarer denn je werden….

  14. Herzberg

    @Thomas Holzer

    Meiner bescheidenen Meinung nach besteht der einzige Grund, warum Politikerdarsteller den Freihandel mittels Verträgen an die Kandare nehmen wollen darin, …

    Lassen wir diesbezüglich mal eine kundige und hoffentlich unverdächtige Stimme zu Wort kommen, den US Botschafter in der EU, Anthony Gardner: “There are critical geostrategic reasons to get this deal done. Every day since my arrival, I am reminded of the global context of why we are negotiating TTIP.
    Just look at what is happening in the Middle East, or Russia’s behaviour in Ukraine. We need this deal to help solidify further the transatlantic alliance, to provide an economic equivalent to NATO, and to set the rules of world trade before others do it for us. There are many reasons why this agreement is not only important, it is vital.”
    Euractiv, 16.07.2014

  15. Herzberg

    @A.Felsberger

    Schlußendlich und vor allem ist es die Migration, die durch den Weltmarkt treibhausartig befördert wird, weil die Unzufriedenen sich eine Existenz woanders suchen.

    In Spanien nennen die Unzufrieden sich selbst “Indignados”, und dennoch sind sie kein Teil der “treibhausartig beförderten” Migrationsflut. Das idente Nicht-Phänomen beobachten wir in Griechenland, Portugal und Italien — alles Länder, deren Völker Ihrer These nach fluchtartig das Land verlassen müßten in Richtung BRD, Norwegen, Schweiz oder Österreich und dies eingedenk der Schengen-Regeln auch ungehemmter tun könnten, als nicht EU-Einwohner.

    Fraglos befördert Freihandel und der damit einhergehende Wettbewerb der Standorte Wanderungsbewegungen, der überwiegende Anteil dabei jedoch ist Binnenmigration, basierend auf dem Wunsch, seinem angestammten Kulturraum tunlichst verbunden zu bleiben. Ohne absurde Sozialsysteme der Ziel-1-Länder aktueller Zuwanderungsströme ist besagte Heimatverbundenheit schwerlich überwindbar, schon garnicht für die breite Masse.

    Klassische Einwanderungsländer, wie pars pro totot Commonwealth-Nationen, betreiben eine gezielte und erfolgreiche Migrationspolitik, was wiederum die Unvermeidbarkeit negativer Auswirkungen weltweiter Spezialisierung Lügen straft respektive das übergeordnete falsche Narrativ der Alternativlosigkeit entlarvt, wenn Gesellschaftsklempner das Wieselwort “Globalisierung” strapazieren.

  16. Johannes

    Freihandel hat nichts mit Freiheit zu tun. Die extremen Auswüchse führen zwar dazu das Produkte um einen Nasenrammel zu haben sind für die man früher einige Zeit sparen mußte um sie sich leisten zu können.
    Dafür hatte man ein Produkt aus dem eigenen Land mit den, meiner Meinung nach, viel höheren Qualitätsmerkmalen und mit der Gewissheit heimische Arbeitsplätze gesichert zu haben.
    Ich bin da sicher sehr konservativ aber ich versuche immer heimische Produkte anderen vorzuziehen, würden in Österreich zb. noch Fernseher produziert würde ich sie kaufen.
    Vieles was aus dem asiatischen Raum kommt sind Raubkopien, teuer im Westen entwickelt und billig, weil kein menschenwürdiges Sozialsystem und oft gar kein Arbeitnehmerschutz, produziert.
    Ihr Artikel ist mir zu sehr schwarz weiß gezeichnet.
    Eine Gesellschaft lebt auch von Solidarität und nicht nur von billigen Konsumgütern die einem Abklopfen auf Umweltverträglichkeit und Menschenwürde oft nicht standhalten.

  17. Zaungast

    @Klaus Kastner

    “Sollte der Freihandel zwischen St. Pölten und Wien dazu führen, dass die St. Pöltener nichts mehr produzieren, weder für den Eigenbedarf noch für die Wiener, sondern nur mehr Produkte aus Wien konsumieren, dann …”

    … sollte man zunächst danach fragen, wie es überhaupt so weit kommen konnte, daß es keinerlei konkurrenzfähige Produktion in St. Pölten mehr gibt.

    Ich hätte dazu einige Vermutungen, aber die wären höchst “unsozial”.

  18. A.Felsberger

    @Herzberg: Die wiederkehrenden Spannungen in der weltweiten Staatengemeinschaft folgen immer dem gleichen Muster: Zunächst kommt es zu einer starken Expansion des Weltmarkts, gefolgt von einer Vertiefung der internationalen Arbeitsteilung, dann zu Verwerfungen innerhalb einzelner Staaten als Folge des Kontrollverlusts, und im weiteren Fortgang zu protektionistischen Maßnahmen aller Staaten gegen alle, um den Verwerfungen Herr zu werden. Es ist der Egoismus der Staaten, der sich hier fast naturgesetzlich durchsetzt: Jeder Staat hofft durch protektionistische Maßnahmen seine Lage innerhalb der Staatengemeinschaft zu verbessern, ohne die Rückwirkungen seiner Handlungen zu bedenken, die letztendlich zu einer Verschlechterung der Lage aller führen. Am Endpunkt schlittert die Staatengemeinschaft einmal mehr in die Krise. Die protektionistischen Kräfte, die den 2.WK begleiteten, unterscheiden sich von der Logik kaum von jenen, die heute die Welt erschüttern. Nur, dass sie aller Voraussicht nach nicht mehr zum Krieg führen werden, sondern bloß zu Abschottung und Mauerbau…….

  19. Hans

    @Herzberg: Ihre Hoffnung, dass Gardner unverdächtig ist, wird allein durch seine zitierte Aussage zunichte gemacht.

  20. Herzberg

    @Hans

    Ihre Hoffnung, dass Gardner unverdächtig ist, wird allein durch seine zitierte Aussage zunichte gemacht.

    Ihr völlig valider Einwand erfordert meinerseits eine nachträgliche Konkretisierung: Anthony Gardner ist unverdächtig, ein linker Spinner zu sein oder antiamerikanische Ressentiments zu hegen.

    Angesichts seiner Herkunft und Zielgruppe kann auch der ebenfalls unverdächtigte Economist offen Tacheles reden: “So now TTIP’s supporters are emphasising two related strategic arguments. First, TTIP will cement the alliance between the world’s great democratic powers at an unstable time; some speak of an “economic NATO”. Second, establishing common, or mutually recognised, standards in the world’s two largest consumer markets will oblige the rest of the world to follow suit, even on such matters as labour and human rights.”

    Ökonomische NATO, Regelungen fürs Arbeitsrecht (die entsprechenden und kulturmarxistisch anmutendenden Passagen aus CETA und TTIP wurden hier schon gebracht), bis hin zum Universal-Wieselwort “Menschenrechte” — daß das alles nichts mit Freihandel zu tun hat, ist eine Binsenweisenheit.

    Weiter im “Economist”, mit nicht minder unverblühmter Offenheit: “TTIP cheerleaders in tricky countries like Austria say hostile audiences can be turned when the deal is presented as an alliance between democracies. [..] Angela Merkel, Germany’s chancellor, is said to find the strategic case for TTIP more persuasive than the economic one, although as yet she has done little to try to win over her sceptical electorate.”

    Ökonomisch ist weder mit CETA noch mit TTIP ein Blumentopf zu gewinnen. Aber das hatten wir schon.

  21. Klaus Kastner

    @Zaungast
    Mein Thema war, darauf hinzuweisen, dass St. Pölten-Wien nicht unbedingt das gleiche ist wie Wien-Schanghai. Nicht mehr und nicht weniger.

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