Der Griechen dunkles Geheimnis

Von | 27. Juli 2013

In Griechenland, so berichteten internationale Medien jüngst übereinstimmend, sei die Kindersterblichkeit seit 2010 um 40 Prozent angestiegen. Man kann das, sollte die Zahl korrekt sein, nicht anders nennen als obszön. Dass in einem Mitgliedsland der EU Kinder sterben, weil die medizinische Versorgung nicht mehr klappt, ist durch nichts zu entschuldigen.

Der Hauptschuldige für diesen Skandal war schnell gefunden, und es war erwartungsgemäß kein Unbekannter. “Sparprogramme kosten Menschenleben”, diagnostizierte etwa die “Süd-
deutsche Zeitung” unter der eingängigen Schlagzeile “Tödliches Sparen”.

Faktum ist, dass Griechenland die Ausgaben für sein Gesundheitssystem angesichts der drohenden Insolvenz signifikant reduziert hat und dadurch die medizinische Versorgung leidet. Und Faktum ist auch, dass die Rettungsmilliarden der solideren EU-Mitglieder von der Athener Regierung hauptsächlich an die Gläubiger weitergereicht worden ist, weil eben der Staatsbankrott abgewendet werden sollte. Auch der hätte ja für die Bevölkerung üble Folgen gehabt.

Faktum ist aber auch, dass dem skandalösen Anstieg der Kindersterblichkeit eine ganz andere Rechnung gegenübersteht. Griechenland beschäftigt in den vergangenen Jahren im Schnitt rund 750.000 Beamte zur Verwaltung eines Landes von überschaubaren 11 Millionen Einwohnern. Deutschland, zum Vergleich, hält sich zwei Millionen Beamte, die 80 Millionen Einwohner zu administrieren haben, in Österreich ist die Relation übrigens vergleichbar. Daraus ergibt sich mathematisch leicht nachvollziehbar, dass Griechenland, orientierte es sich bei der Zahl der Beamten pro Kopf an Deutschland, locker mit 250.000 bis 300.000 Beamten das Auslangen finden könnte. Und das wiederum bedeutet, dass Griechenland derzeit um fast eine halbe Million öffentlich Bedienstete zu viel beschäftigt – und bezahlt.

Dazu aber werden die Regierung und das Parlament weder von der bösen Troika noch der strengen Zuchtmeisterin Angela “Austerity” Merkel gezwungen – diesen unfassbaren Überhang an Beamten nicht abzubauen, ist eine freie Entscheidung der Griechen. Dass Athen nun angekündigt hat, (angeblich) 15.000 Beamte loswerden zu wollen, klingt in diesem Kontext deshalb fast schon zynisch.

Eine halbe Million Beamte zu bezahlen, die zur Verwaltung des Landes nicht notwendig sind, ist nicht eben billig. Selbst wenn man die Kosten pro Beamten vorsichtig mit 2000 Euro pro Monat kalkuliert, ergeben sich daraus weit mehr als 10 Milliarden Euro an Staatsausgaben. Und zwar jedes Jahr. Für ein Land, das pleite ist, nicht eben wenig Geld.

Selbst mit einem Bruchteil dieser Summe aber wäre es ohne Weiteres möglich, das Gesundheitssystem des Landes wenigstens so weit zu reparieren, dass die Kindersterblichkeit wieder auf jenes Niveau abgesenkt werden kann, das einem zivilisierten europäischen Staat im 21. Jahrhundert angemessen ist.

Warum die Griechen sich nicht für diesen irgendwie naheliegenden Weg entscheiden, bleibt das dunkle Geheimnis der Griechen. Vielleicht kosten nicht Sparprogramme Menschenleben, sondern die bornierte Weigerung des Landes, seine Verwaltung auf das sonst in Europa übliche Maß zurückzuführen. (WZ)

9 Gedanken zu „Der Griechen dunkles Geheimnis

  1. oeconomicus

    Neben den Einsparungen bei den Beamten gibt es noch die Möglichkeit, die exorbitanten Militärausgaben der Griechen zu senken und endlich Steuern einzutreiben, da sich GR derzeit noch eine Abgabenquote von 35 % leistet (Ö: 44 %). Die Griechen versuchen, aus uns mit allen möglichen Mitteln Geld herauszupressen.

  2. Kapuściński

    Kindersterblichkeit in Griechenland und der DDR. Im Jahr 1990 wurde ein ehemaliger Studienkamerad von mir als junger Assistent einer Wirtschaftsprüfung nach Sachsen geschickt, um dort die DM-Eröffnungsbilanzen mit vorzubereiten. Ein anderer Kollege sollte die Zahlen der öffentlichen Körperschaften und Betriebe für die Umstellung auf DM prüfen. Beide brauchten nach der ersten Woche psychologische Betreuung durch Freunde und Kollegen. Es war alles falsch, gefälscht, absurd und bizarr. Ein Bagger, Baujahr 1955, war nach Ansicht eines VEB-Betriebsleiters eine Million Ostmark wert. Begründung: Bei jeder Reparatur wurde der Wert der Rumfummelei auf den Wert des Gerätes zugeschrieben.
    Ergebnis des Psychowochenendes: Großes Verständnis für die Statistiker und Buchhalter in der DDR. Im Wahnsinn lebend sind falsche Zahlen die richtigen Zahlen. Jetzt zu Griechenland: Natürlich sind die Zahlen über die Kindersterblichkeit in Griechenland frei erfunden. Warum auch nicht? Wer kann die Zahlen überprüfen? Niemand! Und Journalisten der SZ sind sicher die letzten, die drei Zahlen zusammenrechnen können. Ab jetzt schwenken die Griechen um auf das Geschäftsmodell der rumänischen Bettlerbande in meiner Strasse („Kinder habe Hunger”). Warum auch nicht? Man zeige mir eine volkswirtschaftliche Zahl aus Griechenland aus den letzten 12 Monaten, die eine belastbare Quelle hat. Und ich habe sogar Verständnis für die Griechen. Sie haben einen Lebensstandard, der Lichtjahre von ihrer Wertschöpfung entfernt ist. Solange sie Sugardaddies aus dem Norden Europas (Schäuble) finden ist alles OK. Ungestraft und permanent lügen ist da die geringste Anstrengung.

  3. Christian Peter

    210.000 Beamte in Österreich ? Woher haben Sie die Zahlen, Hr. Ortner ?
    Österreich leistet sich 750.000 Staatsbedienstete und zahlt für 1.000.000.
    (Die offiziellen, geschönten Zahlen berücksichtigen weniger als 1/3 aller
    österreichischen Staatsdiener). Etwa 22,5 % aller Erwerbstätigen in Öster-
    reich arbeiten in der öffentlichen Verwaltung, 25 % aller geleisteten
    Arbeitsstunden werden in der öffentlichen Verwaltung erbracht.

  4. Christian Peter

    Die Zahlen für Deutschland (2 Millionen öffentlich Bedienstete ??) können ebenfalls
    niemals stimmen. Nach Wikipedia gibt es in Deutschland 4.602.939 im öffentlichen
    Dienst Beschäftigte. Man kann davon ausgehen, dass diese offiziellen Zahlen (wie
    in Österreich) geschönt sind und nur einen Bruchteil der “Beamten” erfassen.

    http://de.wikipedia.org/wiki/Öffentlicher_Dienst#Deutschland

  5. Christian Peter

    Die Zahlen für Deutschland (2 Millionen öffentlich Bedienstete ??) können
    ebenfalls niemals stimmen. Nach Wikipedia gibt es in Deutschland 4.6
    Millionen Beschäftigte im öffentlichen Dienst. Man kann davon ausgehen,
    dass diese Zahlen (wie in Österreich) geschönt sind und nur einen Bruchteil
    der tatsächlich im öffentlichen Dienst Beschäftigten erfassen.

    http://de.wikipedia.org/wiki/Öffentlicher_Dienst#Deutschland

  6. Manuel Leitgeb

    @Christian Peter
    Ich denke Herr Ortner meint tatsächliche Beamte, also mit dem Beamtenstatus, das ist etwas anderes als öffentlich Bedienstete. Der weiterführende Link auf Wikipedie schlüsselt das ja auch auf und bei 2 Millionen wurde auch bereits aufgerundet.

  7. Christian Peter

    @Manuel Leitgeb

    Das vermute ich auch. Diese Zahlen sind aber nur wenig aussagekräftig. Dem
    Steuerzahler ist es egal, ob er für “Beamte”, “Vertragsbedienstete”, ausgeglie –
    derte Beschäftigte, Beschäftigten in Sozial- und Gesundheitseinrichtungen,
    (früh-) pensionierte Beamte, etc. etc. zu zahlen hat. Beamte machen in Österr-
    reich nicht einmal 1/4 aller im öffentlichen Dienst Beschäftigten aus.

  8. herbert manninger

    @Kapuściński
    Sie sagen es!
    Der Vergleich mit den den Bettlerbanden, die auf ihren Tafelrn das “volle Programm” an rührseligen G’schichterln bieten, ist teffendst!!!! –

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