Der Irrtum der Pali-Versteher

Von | 19. Juli 2014

Wer in den vergangenen Jahren einmal auch nur ein paar Tage als Tourist in Tel Aviv verbracht hat, weiß: Kaum eine andere Stadt der Welt ist so kosmopolitisch, weltoffen und easy going wie diese zwar nicht übertrieben schöne, aber angenehm tolerante und lebenswerte Metropole am Mittelmeer. Hier kann jeder und jede, unabhängig von Herkunft, religiösen Ansichten oder sexueller Orientierung leben, wie es ihm oder ihr passt. Es ist kein Zufall, dass Tel Aviv ein außerordentlich beliebtes Schwulen-Reiseziel ist und sogar homosexuelle junge Palästinenser hierher flüchten.

Man muss kein Mitarbeiter des israelischen Propagandaministeriums sein, um zu diagnostizieren: Hier sind, wie in Israel insgesamt (mit Ausnahme der Wohnviertel einiger ultrareligiöser Spinner), alle jene Werte Wirklichkeit und Alltag, für die sich vor allem Europas politische Linke im Nachgang zur 68er-Bewegung so gerne engagiert hat: Toleranz gegenüber Minderheiten aller Art, freizügiger Lebensstil, sexuelle Selbstbestimmung und ein gesellschaftspolitisches Laissez-faire-Klima. Und das ist gut so.

Umso irritierender ist freilich, dass gerade Europas politische Linke nicht dieses Israel, sondern tendenziell eher die Palästinenser in ihrer Konfrontation mit dem Judenstaat unterstützt. Das irritiert deshalb, weil weder Fatah noch Hamas mit diesen Werten irgendetwas am Hut haben. Das, wofür Europas politische Linke jahrzehntelang mit gutem Grund gekämpft hat, gilt im islamistischen Milieu als strafwürdiges Vergehen gegen Gottes Willen.

Auch wenn das die Pali-Versteher unter Europas Linken gern verdrängen: Ein palästinensischer Staat, in dem Hamas und Fatah das Sagen hätten, wäre in gesellschaftspolitischer Hinsicht ungefähr so liberal wie Saudi-Arabien. Schwule, die in Israel unbehelligt fröhliche Regenbogenparaden feiern, müssten dort um Leib und Leben zittern (wie schon jetzt in Gaza). Gleiches gilt für Frauenrechte, wie sie der europäischen Linken ein besonderes Anliegen waren und sind, und Minderheitenrechte aller Art. Was übrigens nicht nur für die der Muslimbruderschaft nahestehende Hamas gilt; Auch die Fatah ist bisher nicht eben als große Vorkämpferin für Menschenrechte, korrektes Gendern und Regenbogen-Familien aufgefallen.

Da stellt sich schon die Frage: Wie seriös ist es, wenn ein erheblicher Teil der politischen Linken Europas in der eigenen Heimat mit gutem Grund für Schwulenrechte streitet – und im Nahost-Konflikt Sympathie für jene zeigt, die sie am nächsten Laternenpfahl aufknüpfen möchten, weil sie angeblich gegen irgendein göttliches Gebot verstoßen? Wie seriös ist es, in Europa mit genauso gutem Grunde für die Trennung von Kirche und Staat einzutreten – und im Nahostkonflikt die Partei jener zu ergreifen, die eine Art Gottesstaat errichten wollen? Und wie seriös ist es, hierzulande Selbstbestimmung einzumahnen, dort aber die Agenda jener zu unterstützen, die Individualismus für eine Perversion halten?

Die US-Neokonservativen machten den Fehler zu glauben, ein Irak ohne Saddam Hussein würde sich zu einer liberalen Demokratie nach westlichem Muster entwickeln.

Glaubte Europas Linke wirklich, ein freier und unabhängiger Palästinenserstaat hätte mit ihren Werten irgendetwas am Hut, beginge sie den gleichen Fehler. (“WZ”)

12 Gedanken zu „Der Irrtum der Pali-Versteher

  1. MM

    Die Linke hat halt noch nie “aus gutem Grund” für die aufgezählten Freiheiten gekämpft. Sondern stets aus Selbsthass und Hass auf die eigene Kultur. Jetzt, wo Israel uns sehr ähnlich ist (nur der Selbsthass ist weniger ausgeprägt), wird dieser Hass der Linken automatisch auf Israel ausgedehnt und teilweise auch fokussiert. So löst sich der Widerspruch auf und so wird es demnach wohl auch sein.

  2. Wolf

    Eine mögliche Erklärung könnte sein, dass Israel von einer rechtskonservativ-religiösen Koalition regiert wird, womit die Sympathien der Links-Grünen automatisch auf der gegnerischen Seite sind.

  3. Karl Markt

    “für die sich vor allem Europas politische Linke im Nachgang zur 68er-Bewegung so gerne engagiert hat: Toleranz gegenüber Minderheiten aller Art, freizügiger Lebensstil, sexuelle Selbstbestimmung und ein gesellschaftspolitisches Laissez-faire-Klima. Und das ist gut so.”

    Sind linke Werte also doch nicht so schlecht.

  4. Marianne

    19. JULI 2014 – 11:15 Karl Markt

    Wenn Linke tatsächlich Werte hätten….
    Tatsächlich haben sie Moden. Antisemitismus war, mehr oder weniger stark ausgeprägt, immer in Mode, auch wenn historisch gesehen Juden sich bevorzugt links orientierten. Offenbar auch eine Form von Selbsthaß.

  5. MM

    Zusätzlich wird den Israelis natürlich noch angekreidet, dass sie sich wehren gegen die “edlen Wilden”. Das ist ja sowas von Nazi. Und imperialistisch natürlich. Wir lassen die Islamisten ja schließlich bei uns auch machen, was sie wollen und fahren sehr gut damit. Gabriel lädt sie sogar großzügig ein, unsere Gesellschaft zu “erobern”. Rückwärtsgewandte Ultrakonservative wie Netanjahu oder Sobieski haben bei uns zum Glück keine Chance mehr! Im Gegenteil, wir Guten finanzieren den Widerstand der Hamas gegen die “zionistischen Unterdrücker” über die friedensbringende EU und haben Arafat ein Mausoleum spendiert. Das soll uns mal endlich einer nachmachen und an unserem Wesen genesen.

  6. Thomas Holzer

    “Toleranz gegenüber Minderheiten aller Art”

    Das ist ein ursächlich libertäres Prinzip, das hat mit Linken, egal ob prä- oder post- 68er überhaupt nichts zu tun.

    Und “ein gesellschaftspolitisches Laissez-faire-Klima” wurde und wird von den Linken nur so lange verfolgt, bis die alten Traditionen und Tugenden vernichtet wurden, um eine neue Wort-, Geschlechts- und politisch “korrekte” Gesellschaft zu formen;
    Und es wird versucht, jeden, welcher sich gegen diesen neuen Totalitarismus stellt, mit allen verfügbaren Mitteln zu vernichten.
    So viel zum “gesellschaftspolitischem Laissez-faire-Klima” der Linken

  7. Mike

    Die Linken waren schon immer auf dem Holzweg, immer auf der falschen Seite…
    Es ist zum Weinen

  8. Gutartiges Geschwulst

    Setzen Sie die Linken nicht auf ein zu großes Töpfchen, @MM und @Wolf, indem Sie ihnen durchdachte Gründe oder oder gar eigene Meinungen zutrauen?
    Mein eigenes Erweckungserlebnis kam 1967, nach dem Sechstage-Krieg. Bis dahin war die Deutsche Linke überwiegend proisraelisch. Deren Um”denken” erfolgte dadurch, dass die Marionettenspieler in Moskau plötzlich andere Schnüre zogen, und ihre meinungslosen Puppen im gegensätzlichen Takt hopsen ließen, was diese erwartungsgemäß nicht störte.
    Obwohl ich lachen muss, während ich das schreibe, stoßen mich diese linken Holzköpfe noch heute ziemlich ab.

  9. Herr Karl

    Wer mit 20 nicht links ist, hat kein Herz.
    Wer mit 30 noch immer links ist, kein Hirn.

  10. Michael Haberler

    @Gutartiges Geschwulst

    off topic.. trotzdem: der neue Postler-Aufnahmetest:

    Beim Bewegungsmelder vorbeigehen, ohne dass das Licht angeht

  11. Christian Weiss

    Mein eigenes Erweckungserlebnis kam 1967, nach dem Sechstage-Krieg. Bis dahin war die Deutsche Linke überwiegend proisraelisch. Deren Um”denken” erfolgte dadurch, dass die Marionettenspieler in Moskau plötzlich andere Schnüre zogen, und ihre meinungslosen Puppen im gegensätzlichen Takt hopsen ließen, was diese erwartungsgemäß nicht störte. – See more at: https://www.ortneronline.at/?p=29947#comments

    Ich hätte eine alternative bzw. ergänzende Theorie: In den 1960er-Jahren wurden ja die Palästinenser erfunden. Standen zuvor wenige Israeli gegen eine Unzahl von Arabern, war es jetzt plötzlich das vergleichsweise mächtige und grosse Israel gegen die kleinen Palästinenser. Im kindlichen Weltbild des Linken muss dann automatisch ein Seitenwechsel stattfinden. Die vermeintlich Kleinen und Schwachen sind ja in diesem Weltbild für gewöhnlich immer die Guten und Lieben, während die Grossen und Starken immer die Bösen sind.

  12. Christian Weiss

    Der Begriff “Pali-Versteher” trifft die Sache eigentlich gar nicht. Die “Pali-Versteher” verstehen die Palästinenser nur, wenn es gegen Israel geht. Solche Ereignisse gehen ihnen hingegen am Hintern vorbei (aus Wikipedia):

    “Arafats Unterstützung für Saddam Husseins Invasion Kuwaits löste die Vertreibung der Palästinenser aus Kuwait 1991 aus.[6] Unmittelbar nach dem Zweiten Golfkrieg wurden die etwa 450.000 in Kuwait lebenden Palästinenser nahezu vollständig vertrieben, weitere Palästinenser in den Golfstaaten wurden ebenso ausgeschlossen und diskriminiert.[6] ”

    “Am 14. März 1991 waren noch 150.000 Palästinenser in Kuwait, die ebenso um ihr Leben fürchten mussten[2] und bald das Land verließen.[7] Prozesse gegen echte und angebliche Kollaborateure wurden mit äußerster Härte geführt.[3] Der materielle Verlust der von den superreichen Kuweitern faktisch enteigneten Flüchtlinge allein aus Kuwait wurde 1992 auf mindestens zehn Milliarden Dollar geschätzt.[2] Auch die Folgen für Hilfseinrichtungen und Infrastruktur etwa in Ostjerusalem waren einschneidend.[5]

    Einige Dutzend Palästinenser wurden durch militante Kuwaitergruppen umgebracht, einige Hundert gefoltert, die Verantwortlichen unterhielten teilweise Beziehungen bis in die kuwaitische Führung.[3] Es blieben zunächst nicht mehr als 7.000 Palästinenser in Kuwait. [1][8] 2006 kehrten nur wenige zurück, heute beläuft sich ihre Gesamtzahl auf 40.000.”

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