Der kranke Minister im Einzelzimmer

(ANDREAS UNTERBERGER) Auch wenn einem Politiker bisweilen wirklich leid tun, ärgert man sich doch heftig über manche ihrer Privilegien, für die unsereins teuer zahlen muss.
Sozialminister Rudolf Hundstorfer hatte vor wenigen Wochen einen Unfall, bei dem er einen Beckenbruch erlitt. Das ist unangenehm und schmerzhaft. Ehrliches Mitgefühl! Trotzdem sollten im 21. Jahrhundert auch Politiker wissen, dass der Umgang mit ihnen und all das, was sie in Anspruch nehmen, von einer kritisch gewordenen Öffentlichkeit genau beobachtet wird.

AKH-Ärzte berichteten dem Tagebuch nachher jedenfalls, dass Hundstorfer im Wiener AKH in einem Einzelzimmer auf Sonderklasse gelegen sei, obwohl er keine Zusatzversicherung habe. Das wurde vom Pressesprecher des Ministers dementiert. „Sozialminister Hundstorfer verfügt über eine Zusatzversicherung“. Da ich ja noch nie von einem Pressesprecher angelogen worden bin, glaube ich dem Mann natürlich.

Nur habe ich auch selber eine Zusatzversicherung. Daher weiß ich: Wenn man dann im Ernstfall im Spital auch ein Einzelzimmer haben möchte (etwa weil man bei schnarchenden Mitbewohnern kein Auge zudrücken kann), dann muss erstens ein solches einmal vorhanden sein. Und zweitens muss man – je nach Spital – zwischen 100 und 200 Euro zahlen. Pro Tag. Denn fast keine Zusatzversicherung bezahlt auch Einzelzimmer.

Daher fragte ich dann den Pressesprecher, ob der Minister eine solche – überaus seltene – Zusatzversicherung hat, die auch die Unterbringung im Einbettzimmer abdeckt. Leider verstummte er daraufhin.

Nun gut. Mir ist es freilich (noch) gestattet, selbst meine Schlüsse zu ziehen. Und dabei denke ich immer an die Flexibilität und Servilität der großen Spitals- und Klinikchefs, wie sie mit Vergünstigungen a la Gratis-Einbettzimmer (die sie persönlich nichts kosten, sondern nur den Spitalträger, also im Fall des AKH die Wiener und österreichischen Steuerzahler) um die Gunst der Mächtigen buhlen. Und dass der – für das Krankenversicherungswesen zuständige! – Sozialminister in den Augen der Ärzte und Verwaltungs-Chefs eines öffentlichen Spitals ein solcher Mächtiger ist, dürfte wohl außer Frage stehen.

Nochmals: Volles Mitleid mit einem Sozialminister, der einen Unfall hat. Dennoch stellen sich mir jetzt einige seltsame Fragen:

Wieso eigentlich hat ein sozialdemokratischer Minister überhaupt eine Zusatzversicherung (wir glauben ja dem Pressesprecher), welcher Art immer?
Ist die SPÖ nicht genau jene Partei, die immer leugnet, dass es in Österreich eine Zweiklassenmedizin gibt?
Ist sie nicht jene Partei, die den Nutzen solcher Zusatzversicherungen immer als reine Propaganda privater Versicherungen abtut?
Gibt Hundstorfer damit nicht konkludent zu, dass unser Gesundheitswesen in einem solchen Zustand ist, dass es sehr wohl klug ist, eine Krankenzusatzversicherung abzuschließen?
Gewiss mögen Sozialdemokraten solche Fragen als unschicklich empfinden. Aber sie sind bei ihnen genauso legitim wie bei einem ausdrücklich kirchennahen Politiker etwa die eventuelle Frage nach einer doppelten Partnerschafts-Beziehung.

Und ja: Wirklich gute Besserung! Damit Hundstorfer uns noch ein paar Hundert Mal erklären kann, dass Österreich am Sozialversicherungssystem nichts ändern müsse, weil dieses (natürlich dank SPÖ) ja wirklich perfekt sei. (TB)

3 comments

  1. Fragolin

    Glauben Sie wirklich, Herr Unterberger, mit solchen Menschen möchte irgend ein normaler Bürger in einem Zimmer liegen?

  2. Der Bockerer

    Ja, es gibt eine Zweiklassenmedizin. Weiß doch jedes Kind. Ich brauche mich nur mit meinen ehemaligen Kommilitonen, die Medizin studiert haben, zu unterhalten. Die bestätigen das gerne.
    Es ist nur die übliche politische Verlogenheit, die dem “kleinen Mann” einreden will, es gebe keine Zweiklassenmedizin. Und der Pöbel will das glauben. Ein großer Teil zumindest. Und wählt weiterhin jene, die ihm frech ins Gesicht lügen.
    Es ist nicht nur die Schuld der Lügner. Denn ohne jene, die ihnen auf den Leim gehen, wären sie an der Wahlurne chancenlos.

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