Der Mantel des Schweigens

Von | 24. Dezember 2015

(von MARCUS FRANZ) Österreich ist und bleibt das Land Sigmund Freuds. Es wird dessen bekannten Thesen nämlich immer dann gerecht, wenn es wirklich drauf ankommt. Vor allem die Verdrängung hat bei uns eine große Tradition.

Worum es geht: Es gibt zwei offizielle EU-Elaborate (Estrela- und Tarabella-Bericht), nach welchen die Abtreibung als Menschenrecht in der ganzen EU einheitlich verankert werden soll. Naturgemäß halten konservative und bürgerliche Menschen diese Vorschläge für zynisch und menschenverachtend: Eine solche Pervertierung des Menschenrechtsbegriffs ist mit einem traditionellen Menschenbild nicht vereinbar.

In Österreich muss man vor den Brüsseler Bestrebungen, die Abtreibung durch das Menschenrechts-Geschwurbel zu verharmlosen, ziemliche Angst haben, denn bei uns hat die Abtreibung ohnehin schon eine Art verdrängten Sonderstatus: Wir wissen nicht einmal, wie viele Abtreibungen bei uns pro Jahr durchgeführt werden. Der einfache Grund dafür ist, dass es keinerlei offizielle Statistiken darüber gibt und keines der Abtreibungs-Institute zur anonymen statistischen Dokumentation verpflichtet ist.

Zuletzt wurde 2009 von der ÖVP gefordert, dass die anonymisierte Erfassung der Abtreibungs-Daten ein Gesetz werden soll. Diese dementsprechende Forderung der ÖVP wurde vom damaligen SP-Gesundheitsminister Stöger mit dem merkwürdigen Hinweis abgelehnt, dass offizielle Zahlen „Druck auf Frauen ausüben und sie belasten würden“.  Im Weltbild der berufsmäßigen Verdränger machen Zahlen offenbar Angst.

Dazu muss man wissen, dass praktisch alle EU-Länder amtliche Statistiken zum Thema führen und nach heutigem Wissensstand z.B. in Deutschland, Frankreich oder Schweden keine einzige Frau durch die anonymisierten Ziffern unter Druck gerät. Die Debatte läuft dort auch völlig anders, denn mit objektiven Zahlen redet es sich halt leichter – auch über heikle Themen.

Österreich ist offenbar anders. Da ist man entspannter, wenn man möglichst nichts Konkretes drüber weiß, was sich in den dunkleren Regionen des Lebens abspielt. Die üblichen linksideologisch motivierten Abtreibungsverfechter wollen natürlich ebenfalls weiter den Mantel des Schweigens über statistische Wahrheiten gebreitet wissen. Da stehen das feministische Ressentiment und das in dieser Thematik völlig  falsch verstandene Selbstbestimmungsrecht der Frau leider im Vordergrund.

Was Ideologie mit Zahlen zu tun haben soll, bleibt aber unergründlich – zumal es in Ländern mit linker Mehrheit (wie z.B. Frankreich) die entsprechenden Statistiken gibt.

Wir bleiben also weiterhin (neben Portugal und Luxemburg) auch 40 Jahre nach Einführung der Fristenregelung das einzige Land in der EU, wo keiner weiß, wie oft, wo genau und warum abgetrieben wird.

Das ist absurd: Jeder medizinische Mini-Eingriff muss heute dokumentiert und gemeldet werden, aber eine heikle Angelegenheit wie die Abtreibung ist uns keinerlei Dokumentation oder Registrierung wert. Weil uns das Verdrängen wichtiger ist als das Wissen.

Daher bleiben uns nur Schätzungen: Wir haben zwischen 20.000 und 80.000 Abtreibungen pro Jahr. Das ist die Bandbreite, die allgemein angenommen wird.

Und die anderen Länder? Schweden hat bei 9,5 Mio. Einwohnern 37.000 registrierte Abtreibungen, Deutschland mit 80 Mio. Einwohnern 106.000. Das heißt, unsere Zahlen sind in jedem Fall vergleichsweise sehr hoch und wir dürfen uns ganz nüchtern als Abtreibungsland bezeichnen. Möglicherweise ist das auch ein Grund, warum man die exakten Zahlen gar nicht wissen will.

Weltweit sind Zahlenvergleiche ebenfalls interessant: Pro Jahr werden laut dem New Yorker Guttmacher Institute ca. 45 Mio. Abtreibungen durchgeführt. Dem gegenüber steht eine natürliche weltweite Kindersterblichkeit von 8,8 Mio/Jahr. (UNICEF)

Warum muss man diese Ziffern aber wissen? Es ist doch letztlich egal, könnte man sagen. Die Frauen, die es tun, die tun es ohnehin.
Der Grund ist einfach: der überwiegende Teil der Menschen ist der Meinung, dass Abtreibung ein echtes Problem darstellt. Die wenigsten lässt das Thema kalt. Und Probleme kann man nur lösen oder wenigstens bessern, wenn man möglichst sachlich nach Lösungen sucht.

Sachlichkeit schließt zuallererst mit ein, dass man die exakten Daten und Zahlen zum jeweiligen Problem erfasst.
Daher ist es auch in Österreich unumgänglich, eine valide Statistik zur Abtreibungsproblematik zu bekommen. Es ist notwendig, anonyme und objektive Daten über Häufigkeit, regionale Muster, Altersstruktur, ökonomische Hintergründe etc. zu sammeln. Denn nur aus der erfassten, selbstverständlich anonymen Objektivität heraus lassen sich Ideen entwickeln, die mehr Optionen für ungewollt Schwangere möglich machen und Alternativen zur Abtreibung aufzeigen. Und den Frauen (natürlich auch den Männern) steht es zu, möglichst umfassend über das Themenfeld Abtreibung Bescheid zu wissen. Das schließt das Vorhandensein von validem Zahlenmaterial mit ein.

Alle jene, die gegen eine solche Statistik sind und weiter der Verdrängung vor der Wahrheit den Vorzug geben, agieren im Grunde wider das Leben und die Vernunft.

13 Gedanken zu „Der Mantel des Schweigens

  1. Thomas Holzer

    “Im Weltbild der berufsmäßigen Verdränger machen Zahlen offenbar Angst.”

    Hat nicht vor kurzer Zeit ein gewisser Herr Stöger seine Angst vor Zahlen und Zahlenkombinationen in ein unnotwendiges Gesetz gießen lassen, welches von der vereinigten Linken im Parlament abgenickt wurde?! 😉

  2. Falke

    @Thomas Holzer
    Ich vermute, Sie meinen die Angst vor “politisch nicht korrekten” Auto-Wunschkennzeichen? Das zeigt ja immerhin, wie viel Phantasie unser fachübergreifender Werkzeugmacher-Superminister hat.

  3. Fragolin

    Österreich ist etwa so transparent wie ein Klumpen steirische Braunkohle. Aber welche Parteien sind seit Jahrzehnten permanent am Regieren und blockieren sich bei jeder Transparenzbestrebung gegenseitig? Dreimal darf man raten…

  4. waldsee

    diesem und anderen beiträgen entnehme ich ,daß sich österreich soeben abtreibt und abschafft.wieviel an erdenbürgern waren es ,die ehe sie gelebt haben gleich wieder beseitigt wurden?>1 000 000 ? gedenkt jemand
    auch der frauen ,die eine abtreibung vorgenommen haben und jetzt dadurch probleme haben?es sind sehr viele!

  5. Thomas Holzer

    @Waldsee
    “unsere” vereinigten Linken scheinen dieses Problem mit einer unbeschränkten Zuwanderung aus antithetischen Kulturen “lösen” zu wollen…………der neuerlicher Versuch, einen neuen Menschen zu formen, wird, wie die früheren, jämmerlich Scheitern, wage ich vorherzusagen…..

  6. Gerhard

    Und was sagen die an der Macht stehende Volkspartei und die beiden großen christlichen Glaubensgemeinschaften zu diesem Thema? Ausser, dass der Bevölkerungsschwund durch die “Kulturbereicherer” ohnehin ausgeglichen wird. Aber Achtung: wenn einmal die Moslems hier das Sagen haben, dann gibt es weder Abtreibung noch Homoehe, widrigenfalls folgen die Konsequenzen laut dann eingeführter Scharia.

  7. carambolage

    Darf das Finanzamt auch keine Zahlen von den Abtreibungen erfahren? Das wäre ja für die Abtreibungsspezialisten ein gefundenes Fressen.
    Jedoch ab ca. 2050 wenn die Bevölkerungsmehrheit moslemisch ist, ist es dann mit der Abtreibung wohl wieder vorbei. Wieder so eine Widersprüchlichkeit bei den Linken und Feministinnen.

  8. Astrid G.

    @Gerhard @crambolage Was glauben Sie denn welche Bevoelkerungsgruppe vorwiegend abtreibt weil sie anders keine Geburtenkontrolle durchfuehren kann / darf? Richtig, die jungen Frauen die keine Kondome mit sich fuehren duerfen weil sie sonst als “Schlampen” gelten und um ihr Leben fuerchten muessen. Und die verheirateten Frauen die als Mittel zur Vermehrung des Glaubens dienen sollen und daher nicht verhueten koennen / duerfen. Statistische Erfassung ohne Glaubensbekenntnis wuerde nur in die Irre fuehren. Es geht nicht um Armut, es geht um _Moeglichkeiten_ zu verhueten. Heute, 2015, an der Schwelle zu 2016

  9. Gerhard

    @Astrid G.
    Sie können doch nicht behaupten, dass vorwiegend Frauen abtreiben lassen, welche aus Glaubenssgründen keine Verhütungsmittel verwenden (dürfen)? Religiös gläubige Leute dürfen ja auch nicht einen Schwangerschaftsabbruch veranlassen.
    Warum wird von den eingesetzten “sicheren” Spiralen (zwei Arten verfügbar) so wenig Gebrauch gemacht?

  10. Astrid G.

    @Gerhard Guten Morgen. Da liegt eine Verwechslung vor: ich schreibe nicht von religioes glaeubigen Frauen, ich schreibe von Frauen die in einer rigorosen religioesen Subkultur leben. Die Spirale wird nicht eingesetzt weil die unverheirateten Frauen ja gar nicht zum Gynaekologen gehen, man geht erst dann zu einer Beratungsstelle wenn man schwanger ist. Die verheirateten haben schlicht Angst vor Entdeckung der Spirale durch den Mann (und sind auch erschreckend unaufgeklaert, da koennte man jetzt wieder lang ueber (funktionalen oder puren) Analphabetismus schreiben)

    Um es noch deutlicher zu machen: die Frauen unterlassen eine Verhuetung nicht aus freiem Willen sondern weil sie keinen Weg finden zu verhueten ohne sich grosser Gefahr auszusetzen. Sind sie unverheiratet haben sie Angst vor Eltern und Bruedern, und dazu kommt dass sie, sobald sie zu erkennen geben dass sie sich mit Verhuetung auskennen, auch fuer den Partner als Heiratsobjekt nicht mehr in Frage kommen.

    Ich gehe so weit zu behaupten dass die ueberwiegende Zahl der Frauen die in Oesterreich heute einen Schwangerschaftsabbruch vornehmen laesst aus einer bestimmten religioesen Subkultur stammt. Und sie machen das nicht freiwillig im Sinne einer Anything-goes-Mentalitaet.

  11. Gerhard

    Astrid G.
    Danke für die Ergänzung. Leider ist es eine Tatsache, dass die Leute (auch Männer) zwar glauben, alles zu wissen, aber bezüglich Verhütung und Funktion des menschlichen Körpers wenig Bescheid wissen. Leider sind auch die Frauen fast immer die Verlierer bei einer Kurzzeitpartnerschaft. Aus meiner Sicht müsste es heutzutage überhaupt keine ungewollten Schwangerschaften geben, da es ausreichend Informationen und auch Verhütungsmittel gibt. Ich hoffe, dass es in Ihrem Land (sie haben ja keine deutschen Umlaute auf Ihrem Keyboard) besser funktioniert.
    In Österreich rechnet man seit Freigabe der sog. Fristenlösung mit bis zu 2 Millionen “Morde von Ungeborenen”.

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