Der Mythos des Opfermythos

(GEORG VETTER) Vizekanzler Mitterlehner hat anlässlich der Feierlichtkeiten zum Staatsvertrag am 15. Mai eine vergleichsweise gute Rede gehalten, die dennoch einige von einem diffusen Zeitgeist beeinflusste Unklarheiten enthielt.
Mitterlehner sprach vom sogenannten Opfermythos, dem Staat Österreich als Opfer des Nationalsozialismus, der späten Anerkennung der individuellen Schuld von Österreichern unter Vranitzky und in der Folge von der Mitschuld Österreichs.
Dividieren wir dieses Kauderwelsch auseinander:
Richtig ist, dass Österreich als Staat das erste Opfer des Nationalsozialismus war. Diesbezüglich ist dem Moskauer Memorandum aus dem Jahr 1943 vollinhaltlich Recht zu geben. Erinnert sei daran, dass Hitler in Österreich einmarschierte, um der Volksabstimmung (gegen ihn) zuvorzukommen und dass sich Bundeskanzler Schuschnigg Stunden vor seiner Internierung von den Österreichern per Radio mit den Worten “Wir weichen der Gewalt.” verabschiedete. Er wollte eben keinen Krieg führen.
Da Österreich mit dem Anschluss zu existieren aufgehört hatte, konnte es auch keine Mitschuld geben.
Wenn nun so getan wird, dass die individuelle Schuld einzelner Österreicher bis Vranitzky ignoriert worden wäre (die im übrigen niemals eine Mitschuld eines nicht existenten Staates begründen könnte), ist dies – historisch gesehen – völliger Unsinn. Die zweite Republik hat sofort mit ihrem Entstehen die individuelle Schuld der beteiligten Österreicher aufzuarbeiten begonnen. Mit dem Verbots- sowie dem Kriegsverbrechergesetz wurden weit über Hunderttausend Verfahren geführt, die in über 13.000 Verurteilungen resultierten. 43 Todesurteile wurden von den sogenannten Volksgerichten ausgesprochen, 30 wurden vollstreckt.
Nur wer die Arbeit der Volksgerichte verdrängt – der Name wurde übrigens bewusst in Anlehnung an den Terminus Volksgerichtshof gewählt – kann von einer Mitschuld Österreichs und einem Opfermythos reden.
Richtig ist es vielmehr, vom Mythos des Opfermythos zu reden. Wer nämlich so tut, als wären die Österreicher 1938 mehrheitlich auf Seiten der Nationalsozialisten gestanden, ignoriert nicht nur den unmittelbaren Anlass des Einmarschs, sondern fällt in Wirklichkeit noch heute, im Jahr 2015, auf die nationalsozialistische Propaganda herein, die der Welt schon 1938 diesen Unsinn glauben machen wollte.

9 comments

  1. sokrates9

    Die Deutschen haben übrigens sofort die österreichischen Goldvorräte kassiert! Wurden die jemals zurückgegeben?( ehrliche Frage ohne irgendwelche Reflexionen zu haben)

  2. AD

    ………und niemand hat Hitler am Heldenplatz zugejubelt ………. nur national sozialistische Propaganda

    ……..und in den parteien der christlichen und roten sozialisten fanden nach 1945 keine nationalen sozialisten aufnahme in der partei

    ……..und Dr. Heinrich Gross…..??…..

    ja, der Staat mag das erste Opfer gewesen sein. aber ein großer Teil der Bevölkerung dieses Staates war begeistert von der “Hitlerei”

  3. Thomas Holzer

    So ich mich recht entsinne, gab es vor Österreich noch ein “nichtdeutsches” Opfer, nämlich de Tschechoslowakei….auch wenn die “Abtretung” des Sudetenlandes von den “Siegermächten” dem Deutschen Reich zugestanden worden war.

  4. Ehrenmitglied der ÖBB

    @ AD
    Da gäbe es noch viel zu sagen, was die Begeisterung betrifft. Sicher, Wien ist und war nicht ganz Österreich, daher ist der Heldenplatz nicht allein maßgebend. Aber warum gab es auch auf dem Lande so viele “Illegale”?
    Lesen sie das Bucht von Peter Klammer: “Auf fremden Höfen” (Böhlau). Es schildert die sozialen Zustände im Lungau in der Zwischenkriegszeit. Dazu kommt, dass man bestenfalls in den Ortschaften ein bis zwei Radioempfänger hatte, also sehr eingeschränkte Kommunikation, verbunden mit der “Botschaft” in Deutschland gibt es Arbeit und es geht bergauf. Das Erwachen war dann dementsprechend.
    Und die regionalen Kämpfe zwischen Heimwehr /Schutzbund und illegalen NS Anhänger sollte auch einmal aufgearbeitet werden.
    Und wenn wir über diese Opfer Klarheit haben, dann kann ein Nadelstreif-Sozialist wie Vranitzky von der Mitschuld reden.
    PS als Momentaufnahme: der ehemalige SPÖ Klubobmann im Salzburger Landtag, Oberst R. Janschitz (höchstdekorierter HJ in Kärnten ) sagte 1975 in einem Interview: “Ich bin in einer schwarzen Diktatur geboren und ausgewachsen. In einer braunen Diktatur Soldat gewesen und in einer roten Diktatur (SU) gefangen worden.
    Als ich nach der Gefangenschaft heim kann, musste man mir erst erklären, was eine Demokratie ist”.
    Und wie beurteilen sie dieses?

  5. P. Luif

    Die Nazi-Propagandafilme und gar das Nazi-Referendum (99,7% für den “Anschluss”) als Beweis anzuführen, dass die überwiegende Mehrheit der Österreicher im März 1938 für den Einmarsch der deutschen Truppen waren, ist Chutzpe.
    Übrigens, auch das Putin-Referendum nach der Besetzung der Krim durch russische Truppen im März 2014 ergab eine 99,7% Mehrheit für den Anschluss an Russland….

  6. Manuel Leitgeb

    ad Sokrates9:
    Ja, wir haben einen Teil unseres Goldes (ca. 2/3) wieder zurückbekommen, was halt nach dem Krieg noch auffindbar war. Zuständig war die Siegerstaateneinrichtung “Tripartite Gold Commission”.

    ad Thomas Holzer:
    Das irren Sie leider. Die Sudetenkrise mit anschließender Annektierung des Sudetenlandes war September/Oktober 1938 (Müncher Abkommen, Einmarsch 1.10.), also ein halbes Jahr nach der Annektierung Österreichs.

  7. Thomas Holzer

    @Manuel Leitgeb
    mea culpa!
    Ich habe die “Halbjahresschritte” verdreht; Alzheimer lässt anscheinend schon grüßen…..

  8. Wolf

    Dem ist voll zuzustimmen: ein Staat, den es gar nicht gab, kann wohl nicht für staatliche Kriegsverbrechen verantwortlich gemacht werden, und schon gar nicht für Verbrechen seiner Bürger; oder ist Österreich als Staat verantwortlich, wenn ein Österreicher etwa in den USA einen Mord begeht? Es haben zweifellos (viele) Österreicher (die aber damals natürlich deutsche Staatsbürger waren) in der Nazizeit Verbrechen begangen; die sollen und müssen natürlich individuell gesühnt werden. Aber nochmals: Österreich als Staat kann dafür nicht (und schon gar nicht heute) verantwortlich gemacht werden.

  9. sokrates9

    manuel Leitgeb@ Danke für Goldinfo. Glaube bloginfo mehr als googeln, wozu ich noch dazu zu faul war!

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