Der nackte Bürger

Von | 3. Mai 2013

(ANDREAS UNTERBERGER) „Keine Geheimnisse vor dem Fiskus“. So hat der Mailänder „Corriere della Sera“ die jüngsten Beschlüsse der italienischen Regierung bezeichnet. Der Staat kann dort nun sogar drei Jahre rückwirkend Banken, Fonds und Versicherungen zwingen, jede einzelne Kontobewegung offenzulegen.

Dieser Beschluss liegt genau auf der Wellenlänge des jüngsten Richtungswechsels der österreichischen Koalition, die nun den anderen EU-Ländern kompletten Datenzugriff auf die Sparbücher einräumen will. Obwohl sie das lange noch unter striktem Verweis auf das sogar verfassungsrechtlich geschützte Bankgeheimnis klar abgelehnt hat. Daran konnte man auch die Halbwertszeit politischer Aussagen ablesen.

Nicht anders ging es in Zypern zu. Da waren über Nacht alle Sparguthaben über 100.000 Euro entgegen allen vorherigen Zusagen radikal entwertet, nachdem populistische zypriotische Politiker die viel harmlosere erste Vereinbarung vom Tisch gewischt haben. Dieser zufolge wären zwar alle Sparbuchbesitzer geschoren worden; aber jeder einzelne hätte maximal das verloren, was er in den letzten zwei oder drei Jahren an – im Vergleich zu Deutschland – überhöhten Zinsen kassiert hat.

Natürlich „garantiert“ uns auch jetzt die europäische Politik wieder, dass Zypern ein absoluter Einzelfall bleiben werde. Ebenso wie sie im Vorjahr die Besitzer europäischer Staatsanleihen entgegen allen Zusagen plötzlich – im Falle Griechenlands – radikalst enteignet hat. Und wie sich in Österreich ein Teil der Regierung noch gegen Vermögens- und Erbschaftssteuern ausspricht.

All diese Raubzüge treffen wohlgemerkt nicht nur Steuerhinterzieher, sondern jeden, der Geld gespart hat, statt es in Luxuskonsum, in Casinos, in Nachtlokalen, auf Kreuzfahrten auszugeben. Die Folgen dieser Politik werden dramatisch sein. Man wird sie etwa an den Bilanzen der Banken ablesen können, wo man erstaunt einen massiven Abfluss der Einlagen konstatieren wird.

Noch viel schlimmer ist der Vertrauensverlust in die politischen Entscheidungsträger, in die Demokratie. Wer soll denn noch einer Politikeraussage glauben oder irgendwelchen gesetzlichen Garantien? Siehe etwa das eiskalt übergangene No-Bailout-Verbot in den europäischen Verträgen.

Mindestens genauso schlimm wird aber auch die ökonomische Reaktion der Bürger sein. Denn immer mehr Menschen werden nun versuchen, ihr Geld (sei es das bei den Raubzügen übriggebliebene oder das künftig erworbene) fernab des Zugriffs der Staaten zu sichern. Das wird halbseidenen „Beratern“ einen Boom verschaffen, das wird Gold- und Immobilienpreise in die Höhe treiben, das wird Menschen mit schweren Koffern in Flugzeuge Richtung Ostasien einsteigen lassen. Es werden sich absolut neue Finanzstrukturen entwickeln. Und sie werden das in bedrohlich großem Ausmaß außerhalb der etablierten und seriösen Strukturen der Banken- und Börsenwelt tun.

Das alles wird extrem gefährlich und niemand kann mehr sagen, was dadurch ausgelöst wird. (Tagebuch)

Ich schreibe in jeder Nummer der Finanz- und Wirtschafts-Wochenzeitung „Börsen-Kurier“ die Kolumne „Unterbergers Wochenschau“.

5 Gedanken zu „Der nackte Bürger

  1. Zaungast

    Mehr als die Hälfte der Bevölkerung denkt sich: “Ich hab eh nix, mir ist des wurscht, geht mich nix an.” Das ist das demokratische Problem. Über die Folgen all dieser Dinge denken die Leute nicht nach, weil sie mit ihrem eigenen Leben beschäftigt sind und weil sie meinen, davon in keiner Weise betroffen zu sein. Aufwachen – wenn überhaupt – werden sie erst, wenn der Zug schon kilometerweit abgefahren ist.

    Immer mehr Oberschlaue meinen auch, es wäre gescheit und edel, nicht mehr wählen zu gehen. “Ich behalte meine Stimme.” Das funktioniert natürlich super, weil es genau jenen Kräften hilft, die uns das Hemd ausziehen und in die Shice reiten.

    Wir werden in einem totalitären Überwachungsstaat landen. Die persönliche Freiheit wird darin liegen, das zu tun, was von oben angeordnet und genehmigt wird. Vielen schlichteren Gemütern wird das sogar gefallen. Eine individualistisch, liberal angelegte Minderheit wird leiden.

  2. FDominicus

    Ich bin entsetzt, aber leider nicht überrascht. Sklaven des Systems – nichts anderes sind wir….

  3. oeconomicus

    Ich hoffe, dass die AfD in den Bundestag kommt; etwas Vergleichbares haben wir in Ö. leider nicht.

  4. Thomas Holzer

    “Wir werden in einem totalitären Überwachungsstaat landen”

    So wird es sein, ergo kann man nur rufen: “Wehret den Anfängen”; auch wenn nur die wenigstenes erkennen (wollen) wie weit wir schon auf der “road to serfdom” “vorangeschritten” sind.

    Ein Trauerspiel

  5. aneagle

    Aber wo,Keine Sorge! Österreichs politische Strategie ist genial wie immer: sie ist 4-stufig und heißt: MEHR ARME BRAUCHT DAS LAND !!

    1.)Zuerst schaffen wir mittels österreichischer Wirtschaftspolitik mehr Arme

    2.) Diese “neuen Armen” schaffen, ganz mehrheitsdemokratisch, förderungsbedingt noch mehr Arme

    3.) Die allseits beliebten und fähigen österreichischen Politiker aller couleurs schützen und umsorgen die neugewonnenen Armen und ruinieren den verbliebenen Rest Österreichs(=keine österreichische Erfindung! Markenname ist bereits erteilt “politik a la Hollande-aise”)

    4.) Österreich wird endlich endlich vom europäischen Nettozahler zum EU-Nettoprofiteur und lebt auf Kosten der dankbaren Griechen Spanier und Franzosen in Saus und Braus. Ziel erreicht! Genial eben! 🙂

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