Der Papst im Schulterschluss mit den Linken

Von | 9. Dezember 2013

(ANDREAS TÖGEL) Das kürzlich herausgegebene Apostolische Schreiben ist nicht das erste Papier, mit dem der Heiligen Stuhl zu Wirtschaftsfragen Stellung bezieht. Das war schon in mehren „Sozialenzykliken“, wie Rerum Novarum (1891), Quadragesimo anno (1931) oder Populorum progressio (1967) der Fall. Keiner seiner Vorgänger allerdings hat das System der freien Marktwirtschaft in derart expliziter Weise attackiert, wie das der amtierende Papst Franziskus eben getan hat. Einige Passagen seines Papiers erinnern an Pamphlete aus der Feder von Jean Ziegler oder Sahra Wagenknecht.

Der in Brasilien wirkende Bischof Erwin Kräutler nannte das Schreiben in einem Radiointerview – nicht ohne Grund – ein „Dokument der Befreiungstheologie“, das, wie er anmerkt, allerdings nur aus lateinamerikanischer Sicht zu verstehen sei. Fragen von Mission und Neuausrichtung des Papsttums bleiben an dieser Stelle unberücksichtigt. Hier wird nur auf die wirtschaftsrelevanten Teile des Textes Bezug genommen. Die sich durch das gesamte Schreiben ziehende Beschwörung, ja Verherrlichung der Armut fällt als erstes ins Auge. Die Kritik an einer angeblich zunehmenden „sozialen Ungleichheit“ als nächstes. Gerechtigkeit manifestiert sich für den Bischof von Rom in materieller Gleichheit. Folgerichtig kommt er zu dem Urteil: „Nein zu einer Wirtschaft der Ausschließung und der Disparität der Einkommen“. Und um jedem Missverständnis vorzubeugen: „Diese Wirtschaft tötet.“ Das sitzt. Die Sozialisten in allen Parteien haben hiermit einen neuen Verbündeten. Dass es genau das kritisierte System des freien Marktes war und ist, das in den zurückliegenden Jahren und Jahrzehnten hunderte Millionen Menschen aus bitterster Armut zu bescheidenem Wohlstand geführt hat, wie das beispielsweise in vielen Ländern im Osten Asiens der Fall war, will der Papst nicht zur Kenntnis nehmen.

Und daß viele Menschen nach wie vor ausgerechnet in jenen Teilen der Welt hungern und unter den furchtbarsten Bedingungen vegetieren, wo keine Rechtssicherheit herrscht, wo weder gesichertes Privateigentum noch freie Märkte existieren, lässt er unberücksichtigt. Franziskus´ Verständnis von der Funktionsweise einer Marktwirtschaft liest sich so: „Heute spielt sich alles nach den Kriterien der Konkurrenzfähigkeit und nach dem Gesetz des Stärkeren ab, wo der Mächtigere den Schwächeren zunichte macht.“ Was er hier beschreibt, ist primitives Faustrecht, das in jenen finsteren Winkeln der Welt herrscht, die in den Berichten über Hunger und Elend am häufigsten genannt werden. Dort hat tatsächlich derjenige immer recht, dem der dickste Prügel gehört, oder der über den Ausnahmezustand gebietet. Marktwirtschaft hat indes mit Faustrecht gar nichts gemein. Die Marktgesellschaft zeichnet sich ja gerade dadurch aus, dass sie gewalttätige, mit Mord und Totschlag verbundene Konflikte durch friedliche Arbeitsteilung, Kooperation und Freihandel überwindet und in Vorteile für alle daran Beteiligten verwandelt. Pure Blindheit für das Offensichtliche tritt zutage, wenn der Papst meint, es sei eine „…Ansicht, die nie von den Fakten bestätigt wurde…“, dass freie Märkte zur Verbesserung der Lebensumstände der Menschen führen. Er sollte seinen Blick zum Beispiel auf China richten – ein Land, in dem unter planwirtschaftlichen Konditionen Dutzende Millionen Menschen verhungerten. Dort haben heute nicht nur einige wenige von der wirtschaftlichen Liberalisierung profitiert, sondern es ist auch eine breite, stetig wachsende Mittelschicht entstanden, die in materiellem Wohlstand lebt.

Daß die „Diktatur einer Wirtschaft ohne Gesicht und ohne ein wirklich menschliches Ziel“ ausgerechnet von einem Mann gegeißelt wird, der selbst erlebt hat, wie rechte und linke Diktaturen ein einstmals blühendes Land ruinieren, entbehrt nicht der Ironie. In einem freien Markt kann – anders als in einer planwirtschaftlichen Diktatur – kein Produzent dem Publikum seine Waren oder Dienstleistungen aufzwingen. Um also zu verstehen, wie etwa die Vorstände von Daimler-Benz oder Novartis eine „Diktatur“ errichten können sollten, muss man schon über eine munter blühende Phantasie verfügen. Danach greift der Heilige Vater einen weiteren Irrtum notorischer Antikapitalisten auf, wenn er meint: „Während die Einkommen einiger weniger exponentiell steigen, sind die der Mehrheit immer weiter entfernt vom Wohlstand dieser glücklichen Minderheit.“ Unsinn wird – siehe das Beispiel Chinas – durch beharrliche Wiederholungen nicht wahrer.

Aber selbst wenn die Reichen tatsächlich rascher an Einkommen gewinnen sollten als die weniger reichen, wäre das völlig belanglos, so lange sich die Lage der Armen absolut verbessert – was in den „kapitalistischen“ Schwellenländern der Fall ist. Zweifellos ist ein Wirtschaftssystem, von dem einige wenige stärker profitieren mögen als andere, in dem sich immerhin aber auch die Lebensumstände der Unterprivilegierten verbessern, einem solchen vorzuziehen, das kollektive Gleichheit in Mangel, Armut und Elend garantiert. Franziskus ist mit seinem antikapitalistischen Latein aber noch lange nicht am Ende, denn er setzt fort: „Dieses Ungleichgewicht geht auf Ideologien zurück, die die absolute Autonomie der Märkte und die Finanzspekulation verteidigen.“ Dieser Satz könnte einer Aussendung der Gewerkschaftsjugend aus dem tiefroten Simmering entstammen und ist völlig abwegig. Freiheit folgt keiner Ideologie, sondern ist ein unter Abwesenheit willkürlichen Zwanges herrschender Normalzustand. Wenn freie Menschen aus freien Stücken und nach ihrem Gutdünken Güter und Dienstleistungen kaufen und verkaufen, so folgen sie damit keinem Dogma, sondern schlicht und ergreifend ihren Präferenzen. In Wahrheit ist also vielmehr derjenige, der die hart attackierte „Autonomie der Märkte“ beenden möchte, ein totalitärer Träumer, der die Menschen unter das Joch seiner (linken) Ideologie zwingen will. Finanzspekulationen möchte der Papst origineller Weise durch das segensreiche Wirken des Staates unterbunden sehen – ausgerechnet jenes Staates, der dank seines Geldmonopols und seiner eigentumsfeindlichen Zinspolitik an der Wiege jeder Finanzspekulation steht. Die Vorstellung von einem die Spekulation unterbindenden Staat ist wohl seiner absoluten Ahnungslosigkeit hinsichtlich Funktionsweise und Wirkung jedes Fiat-Money-Systems geschuldet. Dass Papst Franziskus – wie jeder Befürworter der „sozialen Umverteilung“ – „eine egoistische Steuerhinterziehung“ scharf kritisiert, passt ins Bild. Nicht des Staates „Gier nach Macht und Besitz kennt keine Grenzen.“, indem der die Menschen um immer größere Anteile ihres sauer erarbeiteten Geldes bringt.

Kritisiert wird vielmehr derjenige, der einer willkürlichen Enteignung zu entgehen versucht! Daß der ständig wachsende und Macht akkumulierende Staat, selbst dann, wenn er den Werktätigen ohnehin bereits den Löwenanteil ihrer Einkommen abpresst, immer noch nicht ohne Schulden zu machen durchkommt, findet der Papst dagegen keiner Erwähnung wert. Wo sind die Zeiten, als eine starke, selbstbewusste Kirche sich als weit und breit einzige Opposition zum allmächtigen Staat begriffen hat?! Mit einem Zitat Johannes Chrysostomus´ wird entschlossen die Axt an die Wurzeln unseres westlichen Rechtssystems gelegt: „Die eigenen Güter nicht mit den Armen zu teilen bedeutet, diese zu bestehlen und ihnen das Leben zu entziehen. Die Güter, die wir besitzen, gehören nicht uns, sondern ihnen.“ Der französische Anarchist Proudhon hatte demnach also doch recht: Eigentum ist Diebstahl. Neu ist allerdings, dass ein Papst diese Meinung teilt! Wie – ohne gesichertes Privateigentum – ein zivilisiertes, vor allem aber gewaltfreies Zusammenleben möglich sein sollte, bleibt vorerst ein gut gehütetes vatikanisches Geheimnis. Selbst vor der abgeschmackten Phrase „Das Geld muss dienen und nicht regieren!“ schreckt Franziskus nicht zurück. Überflüssig, diese peinliche Banalität zu kommentieren. Er findet „…das gesellschaftliche und wirtschaftliche System an der Wurzel ungerecht…“ Natürlich! Gerechtigkeit ist eben nun einmal eine Kategorie des Himmels, nicht aber des irdischen Jammertals. Wer sollte das besser wissen als ein Mann Gottes? Viel gerechter wäre es nach seiner Meinung vermutlich aber dennoch, ein System in der Art von „Jeder nach seinen Fähigkeiten, jedem nach seinen Bedürfnissen“ zu etablieren! Das war ja schon einmal da – und es hätte im Grunde auch wirklich großartig funktioniert, wenn es nicht unglücklicherweise an der unterdurchschnittlichen Qualität seiner Umsetzung gescheitert wäre…

Was der Heilige Vater uns mit dem kryptischen Satz „…erzeugt die soziale Ungleichheit früher oder später eine Gewalt, die der Rüstungswettlauf nicht löst…“ mitteilen will, ist ein wenig rätselhaft. Was hat die soziale Ungleichheit mit einem Rüstungswettlauf zu tun? Und welcher ist gemeint? Der zwischen der untergegangenen Sowjetunion und den USA (den das liberale Gesellschaftsmodell für sich entscheiden konnte) oder der heraufziehende zwischen den USA und China? Wie dem auch sei: Papst Franziskus ist es ernst mit seinem Engagement für die Mühseligen und Beladenen dieser Welt. Im Kampf gegen die Armut sieht er eine der Hauptaufgaben der Katholischen Kirche. Dagegen gibt es nichts einzuwenden! Allerdings sucht man in der Heiligen Schrift vergeblich nach einem Aufruf zum (wirtschafts-)politischen Aktionismus. Jesus betont nicht ohne Grund: „Mein Reich ist nicht von dieser Welt“ (Johannes 18/36) Weshalb der Nachfolger Christi also meint, seinem edlen Zweck ausgerechnet mit einem Schulterschluss mit den Sozialisten dienen zu können, bleibt unbegreiflich. Die Armut zu besiegen, indem man gegen den wirkungsvollsten Wohlstandsgenerator kämpft, den die Menschheit, bisher jemals zur Verfügung hatte, nämlich die (ohnehin nirgendwo mehr wirklich) freie Marktwirtschaft, kann niemals gelingen! Tagebuch

18 Gedanken zu „Der Papst im Schulterschluss mit den Linken

  1. Mourawetz

    Der Sozialismus hat die katholische Kirche untergraben und mit diesem Papst die Spitze erreicht. Bisher war der Papst wie ein Fels in derBrandung, auf den man sich verlassen konnte. Papst Benedikt warum bist Du gegangen…

  2. Rado

    Wer die Kirchentüren für alles und jeden öffnet, wird balb bemerken, dass mehr Menschen hinausgehen als hinein.
    Der Herr Kardinal Schönborn befindet sich zB. gerade in dieser Lernschleife.

  3. Nattl

    Es kann nicht im Sinne einer totalitären Ideologie sein, wenn der Wohlstand des Volkes steigt. Denn dann steigt meist auch automatisch das Bildungsniveau und der einfache Pöbel wendet sich von diesen Ideologien ab, auf der Suche nach etwas Anspruchsvolleren. Das gilt für die die katholische Kirche ebenso wie für jede andere “Religion”, seien es der Sozialismus oder der Church of Global Warming.

    Durch mehr Wohlstand würde sich die katholische Kirche noch mehr um Anhänger bringen. Dass sich die Leute von der Kirche abwenden, wenn es Ihnen zu gut geht, kann man sehr gut am Beispiel Europas sehen. Um das zu verhindern, macht man sogar den Schulterschluss mit den Sozialisten.

  4. Selbstdenker

    Die katholische Kirche als Organisation hat – im Gegensatz zu den frühen Christen – bis zum heutigen Tag ein immer wiederkehrendes Problem mit der Freiheit des Individuums.

    Wie war das nochmals mit der Grundherrschaft im Mittelalter, der Freiheit der Wissenschaft, der Aufklärung, der Meinungsfreiheit, der Demokratie, der Säkularisierung, dem Freihandel, der Missionierung anderer Völker, der Emanzipation der Frau, der selbstbestimmten Sexualität, dem technologischen Fortschritt, etc.?

    Auf welcher Seite stand da jeweils die Kirche? Auf die der zentralen hoheitlichen Macht oder auf die des freien und selbstbestimmten Individuums?

    Besonders originell wird es, wenn der Chef einer besonders undemokratisch und hierarchisch geführten Organisation das System der Marktwirtschaft, die auf freien Einzelentscheidungen beruht, angreift und als “undemokratisch” bezeichnet.

    Hinsichtlich der “Kollateralschäden” besonders eifrigen religiösen Wirkens, wie Terrorismus, Bevölkerungsexplosion, AIDS in Afrika, religiös motivierter Kriege, Misswirtschaft, Verfolgung der jeweils Andersgläubigen sowie der Nichtgläubigen, könnte man dem Chef der “Armutskirche” auch folgendes entgegenschmettern: Religion tötet!

    Wenn die Armut zum tragenden Geschäftsmodell einer Organisation gehört, braucht man sich nicht wundern, wenn diese Organisation nichts zu deren realen Bekämpfung beiträgt.

  5. Herr Karl jun.

    Die katholische Kirche hatte immer schon ihre geistige Not mit allen Formen des Individualismus, des Liberalismus, der individuellen und/oder der wirtschaftlichen Freiheit, überhaupt mit jeder Form der Selbstbestimmung, die nicht in ihre Korridore führt. Und sie hat ihre Not mit dem rationalen Wirtschaftsdenken der nordeuropäischen (und protestantischen) Länder. Man lese nur in katholischen Foren, wo das marktwirtschaftlieh Modell von grundauf desavouiert wird, und man wird dann auch verstehen , warum der katholische Süden Europas politisch und wirtschaftlich so ist, wie er eben ist.

  6. Mourawetz

    @Selbstdenker:
    Religion tötet
    Das ist eine unzulässige Verallgemeinerung. Bitte die Kirche im Dorf zu lassen. So als ob Christen Moscheen anzünden würden samt lebendem Inhalt. So als ob das Christentum nicht die einzige Religion wäre, in der die Nächstenliebe nicht an oberer Stelle stünde.

    Es ist auch kein “Geschäftsmodell”, dass die Kirche die Armut braucht. Oder sie bekämpfen soll. “Mein Reich ist nicht von dieser Welt.” wie schon bei Tögel zitiert. Deshalb auch die Forderung Papst Benedikts nach Entweltlichung. Für des eigenen Glück ist man schon selbst, individuell wie es heutzutage heißt, zuständig. Daher hat die Kirche auch nichts mit Kollektivismus zu tun, der ihr ständig vorgeworfen wird. Natürlich gibt es einen Wertekanon, wie er in den 10 Geboten abgebildet ist. Aber sind das nicht genau jene Gebote, für die man als freier Mensch einsteht: Du sollst nicht stehlen, Du sollst nicht begehren Deines Nächsten Hab und Gut! Die Unantastbarkeit des Eigentums wurde vom Christentum schon zu einer Zeit als Grundfeste der Gemeinschaft gefordert, als man Liberalismus noch nicht buchstabieren konnte.

    Zum Vorwurf, dass die Kirche mitschuld am Tod AIDS-Kranker sei, möchte ich auch noch was sagen: Das Rezept der Kirche heißt Enthaltsamkeit vor der Ehe. Dass das AIDS am besten verhindert, dem muss man objektiv zustimmen, das ist eine legitime Alternative. Ginge es ums Rauchen, würde die Kirche empfehlen, damit aufzuhören, statt Zigaretten mit Filter zu rauchen. Dass das eine als auch das andere manchen schwer fällt, sollte man der Kirche nicht zum Vorwurf machen.

  7. Thomas Holzer

    @Mourawetz
    Da bleibt einem nur über, die Bibel zu zitieren: “…und die Pforten der Hölle werden sie nicht überwinden” Mt. 18-19; auch nicht ein zeitgeistiger Papst Franziskus!
    “Wer sich mit dem Zeitgeist vermählt, wird bald Witwer sein” Soren Kierkegaard

  8. Wettbewerber

    Klasse Beiträge, interessante Diskussion, Hut ab vor diesem Forum!

    Warum war die Kirche wohl immer gegen jeden Fortschritt? Weil Fortschritt ihr Businessmodell gefährdet. Und was ist ihr Businessmodell? Macht ausüben über die Gläubigen und deren Reichtümer abgreifen (bzw. als “freiwillige Spende” entgegennehmen). Die Kirche ist nichts anderes als eine auf Gewalt und Einschüchterung (“Tu, wie wir es Dir sagen, sonst kommste in die Hölle”) basierende Machtelite, die ursprünglich (wie der Staat) auch vor Gewaltanwendung nicht zurückschreckte (Inquisition, Kreuzzüge etc.), im Kampf mit dem Staat aber dieses “ultimative Recht” verlor. Trotz (zugegeben) einiger Lichtfiguren wie Thomas v. Aquin geht es seitdem insbesondere mit den technologischen Fortschritten (z.B. brachte der Buchdruck den Protestantismus zur Welt bzw. verbreitete ihn) für die Kirche ständig bergab, auch Benedikt konnte das nicht verhindern oder umkehren.

    Ziel dieser neuen Enzyklika ist aber weniger Europa, wo der Kampf für die Kirche ohenhin praktisch verloren ist, sondern die Schwellenländer. Dort gibt es gar nicht wenige Christen. Wenn die sich auch noch in freien Märkten aus der Armut arbeiten, wie wir, dann heisst es für Franziskus und Co nämlich: Game over! Das muss auf jeden Fall verhindert werden. Und die beste Absicherung gegen Fortschritte sind nun einmal Planwirtschaft, Umverteilung und strenge Regulierung.

  9. Selbstdenker

    @Mourawetz

    Ja, ich gebe zu, dass ich mich hier auf die gleiche Ebene der Verallgemeinerung begeben habe, wie der omnipräsente Kirchenfürst, der Armut und Enthaltsamkeit predigt.

    Wenn Sie eine differenziertere Sichtweise auf das Wesen und die Auswirkungen von Religion einfordern, dann wäre eine differenziertere Sichtweise der Religion auf das Weltliche im Allgemeinen und die Wirtschaft im Speziellen ein guter Start:

    Was du nicht willst, das man dir tut, das füg’ auch keinem andren zu!

    Wenn ich schreibe “Religion tötet!”, ist das in Erwiderung der Behauptung “Diese Wirtschaft tötet”.

    Mit Religion meine ich selbstverständlich nicht nur das Christentum. Auch andere Konfessionen – insbesondere der aktuell sehr umtriebige Islam – waren und sind sehr erfolgreich dabei Ihre Mitglieder in dauerhafte Armut und Nicht- bzw. Andersgläubige vorzeitig ins jenseits zu befördern.

    Die 10 Gebote schätze ich durchaus sehr und hier möchte ich nochmals darauf hinweisen, dass ich sehr wohl zwischen christlichen Kerninhalten und das, was die katholische Amtskirche daraus gemacht hat, unterscheiden kann.

    Beim Thema AIDS und Rauchen schimmert ein ähnliches Grundproblem der katholischen Kirche durch, welches bezüglich der Wirtschaft bereits andiskutiert wurde:

    Aus ursprünglichen sinnvollen Geboten für ein gedeihliches Miteinander, für Masshaltigkeit und Menschlichkeit wurde ein totalitärer Katechismus.

    Und so schliesst sich der Kreis: statt das Leben der Menschen zu begleiten, schicken sich die Mächtigen und ihre Beamten an, deren Leben zu bestimmen.

    Genau wie bei den Grünen, die am liebsten auch alles verbieten würden, was ihnen nicht passt. Selbstverständlich immer zum Wohle der Menschen, die eh für alles zu blöd sind.

    PS: Deines Nächsten Hab und Gut ist eine Umschreibung für das Kapital. Anstatt auf linke Neiddebatten aufzuspringen, würde es der katholischen Kirche gut tun, sich auch einmal auf dieses Gebot zu besinnen.

  10. Mourawetz

    @Thomas Holzer
    Stimmt genau. Leider kann man sich mit dem Papst nicht kritisch auseinander setzen, ohne jene auf den Plan zu rufen, die mit Unwahrheiten versuchen die Kirche zu diffamieren. Ebenso halte ich Unterstellungen wie: wenn die Menschen nicht arm sind, fehlt der Kirche die Geschäftsgrundlage und deshalb ist der Papst gegen freie Märkte – für wenig hilfreich in der Diskussion. Denn nirgendwo geht hervor, dass der zur Zeit amtierende Papst aus Kalkül gegen den Kapitalismus aufrufe, viel mehr sieht er darin wenn auch irrtümlich ein Übel. Mit dieser Einstellung ist er nicht allein, viele Wohlmeinende auch außerhalb der katholischen Kirche sehen das eben so.

  11. Mourawetz

    @Selbstdenker
    Ich bin nicht Ihrer Meinung, dass das Christentum die Menschen in Armut halten will. Auch halte ich Ihre Erwiderung “Religion tötet” auf des Papstes “Diese Wirtschaft tötet” für maßlos. Denn der Papst hat eben nur “diese” nämlich die kapitalistische Wirtschaft gemeint und nicht alle Wirtschaftsformen.

    Auch gibt es keinen “totalitären Katechismus”, der Dekalog wurde nie erweitert. Etwas Anderes sind die Äußerungen des Papstes zu Wirtschaftsfragen, die nur die Ahnungslosigkeit des Papstes in wirtschaftlichen Belangen zeigen, ansonsten sind sie keine Offenbarung. Aber auch hier gibt es keinen Totalitarismus, da jede Abwesenheit von Zwang. Jeder kann aus der Kirche austreten, wenn er will. Aber genau diese Möglichkeit fehlt in einer andern Weltreligion, bei welcher wohl…

  12. Rennziege

    Flotte Diskussion, sehr interessant. Hab’ gerade leider keine Zeit, mich mit den vielen interessanten Facetten und Standpunkten zu befassen, was man mir verzeihen möge, wahrscheinlich auch nicht vermissen wird. Nur so viel: Sooft die Katholische Kirche sich vom Wesentlichen abwandte — also der Spiritualität eines Bündnisses mit dem Schöpfer —, um sich in Wissenschaft, Politik und Wirtschaft einzumischen, landete sie kläglich auf dem klugscheißenden Goscherl. (Das hat manchmal a wengerl gedauert, aber traf unweigerlich ein.)

    Der nagelneue Papst schlägt, anders als die meisten seiner Vorgänger, diese Erfahrung in den Wind. Er biedert sich an den Zeitgeist an. Wohl bekomm’s! Ein schweigendes, ausgeruhtes Glaserl Messwein wär’ g’scheiter. Denn alle, die den christlichen Glauben empirisch, modisch oder gar “wissenschaftlich” interpretieren wollen, suchen mit einer Kerze nach der Sonne. Oder mit dem Sozialismus nach der Freiheit.

  13. Selbstdenker

    @Mourawetz

    Hinsichtlich der Auswirkungen dieser – wie Sie etwas verniedlichend schreiben – “wirtschaftlicher Ahnungslosigkeit” ist meine Erwiderung keineswegs unangemessen.

    Es ist diese Ahnungslosigkeit, die zahlreiche Menschen in der Dritten Welt, die in wirtschaftlichen Fragen noch ahnungsloser als der Papst sind, zu Fehlentscheidungen bewegen und Populisten und autoritären Herrschern, wie z.B. dem verstorbenen Ex-Militär Hugo Chavez und dem (ehemaligen?) Koka-Bauern Evo Morales in die Hände spielt.

    Gerade ein Papst, der aus dieser Weltgegend kommt, müsste es eigentlich besser wissen. Aber nein, er bekräftigt es auch noch. Und der Zusammenbruch in Argentinien ist keineswegs dem Kapitalismus geschuldet, sondern dem langjährigen Mix aus Korruption, hoher Staatsverschuldung, Reformunwilligkeit und Protektionismus.

    Im Kapitalismus gibt es einen Zusammenhang zwischen Macht und Verantwortung. Genau dieses Grundprinzip würde dem Papst nicht schaden. Anstatt mit dem Finger auf andere zu zeigen, sollte sich die Kirche vergegenwärtigen, was mit dieser (tötlichen) Ahnungslosigkeit angerichtet wird.

  14. Thomas Holzer

    @Selbstdenker
    Eben NICHT “die” Kirche, sondern schlicht und einfach “der” Papst!
    Wie schon zu einem anderen Artikel geschrieben: Auch Päpste können irren!
    Die Tragik in diesem konkreten Fall besteht darin, daß der Papst mit seinen Worten “die” Kirche vereinnahmt und den Eindruck erwecken möchte, “die” Kirche würde sich kritiklos dem Zeitgeist anbiedern.
    Interessanter Weise werden seine Aussagen zu Zölibat, Ehe et al. -welche auf eine Linie mit Papst Benedikt und Johannes Paul II. liegen- mehr oder weniger negiert. Nicht daß ich diese Aussagen für falsch erachte; es sei nur festgehalten.
    Dennoch bin ich überzeugt, daß dieser Papst mit diesen Aussagen “der” Kirche einen Bärendienst erwiesen hat.

  15. Selbstdenker

    Spätestens seitdem die katholische Kirche nun auch den wirtschaftlichen Liberalismus zum Feindbild auserwählt hat, sehe ich in ihr für mich keinen Platz mehr.

    War es früher die Mitte der Gesellschaft, mit der man den Gottesdienst feiern und anschließend auf dem Kirchplatz plaudern oder im Gasthaus eine Halbe trinken konnte, so befindet sich die katholische Kirche inzwischen fest in Händen von Eiferern, Kirchen-Esoterikern, Terrorismus-Verstehern, Weltverbesserern, Dogmatikern, naiv-frömmelnden Moralaposteln und sonstigen moralisch stets selbsterhöhenden Bessermenschen verschiedenster Ausrichtungen.

    Es ist ein allgemeines Phänomen vom Gemeinwesen: dort wo eine – meist stark ideologisierte Clique die Öffentlichkeit für sich beansprucht und im Namen aller anderer spricht, ohne jemals alle zu Wort kommen zu lassen – tritt die Mitte der Gesellschaft den Rückzug an.

    Man kann es bei Wahlen, bei Diskussionsveranstaltungen, bei Vereinssitzungen etc. miterleben: man wird nicht gehört und das Ergebnis kennt man irgendwie eh schon im Voraus.

    Auf diesem Wege ruinieren diejenigen, die immer alles “besser” machen, auch die letzten annähernd intakten Gebiete des Gemeinwesens.

  16. Thomas Holzer

    @Selbstdenker
    Ihr Kommentar erinnert mich an eine “Geschichte” aus vergangenen Zeiten; mit anderer Schlußfolgerung. Sinngemäß:
    Ein erwachsener Mann teilt seinem Freund mit, daß er nach Rom reisen wird, um sich taufen zu lassen; da beide im Paris des Spätmittelalters wohnten, ein abenteuerliches Unterfangen. Nach Monaten kehrt der Mann nach Paris zurück und trifft seinen Freund, klagt ihm die Verkommenheit, Verhurtheit, Geldgier, Eitelkeit et al. des römischen Klerus’. Woraufhin der Freund meinte: “natürlich hast du dich nicht taufen lassen, auf Grund all dieser Verfehlungen” entgegnet der Mann: “Natürlich habe ich mich taufen lassen! Eine Kirche, die all dies seit über 1500 Jahren überlebt hat, muß einfach göttlichen Ursprungs sein” 😉

  17. Gaudium

    Sensationell:
    Denn alle, die den christlichen Glauben empirisch, modisch oder gar „wissenschaftlich“ interpretieren wollen, suchen mit einer Kerze nach der Sonne. Oder mit dem Sozialismus nach der Freiheit.
    ****************

    Noch ein Gedanke zur gleichen Verteilung von Armut bei Sozen und der Amtskirche:
    Es wird jeder Personen kennen, die nicht mehr leisten (nicht nut Stunden, sondern auch höhere Stellung nicht anstreben!) wollen und mit Ihrem Einkommen zufrieden sind – obwohl Sie es könnten. Dann gibt es Personen, die reichlich verdienen und bei Gelegenheit auch mehr Arbeiten und mehr verdienen – Nicht aus Geldgier (wie man so gerne unterstellt) sondern aus Freude am Tun!
    Wieso wird diese Tatsache sowohl bei den Sozen wie auch in der Amtskirche verschwiegen – oder sogar geleugnet?

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