Der Prophet Mohammed und unsere Lust am Appeasement

(von FRANZ SCHELLHORN) Man muss kein professioneller Wahrsager sein, um zu wissen, dass die Sache in etwa so ablaufen wird: Eine Publikation aus einem westlichen Land thematisiert das Leben des Propheten Mohammed, was wenige Tage später tausende Menschen in der „islamischen Welt” auf die Straßen treiben wird, um ihrem aufgestauten Zorn freien Lauf zu lassen. Beginnen die wütenden Massen dann damit, die eine oder andere westliche Botschaft zu belagern und die dazupassende Landesfahne abzufackeln, werden die ersten westlichen Politiker nervös. Das umso mehr, wenn das Medium in einem europäischen Land beheimatet ist.

Üblicherweise ist es dann nur noch eine Frage von wenigen Stunden, bis die ersten politischen Würdenträger vor die Fernsehkameras treten, um sich bei allen Muslimen für die ungeheuerliche Entgleisung zu entschuldigen. In diesem Fall wird sich das offizielle Europa für das französische Satiremagazin „Charlie Hebdo” schämen, das es nicht lassen konnte, das „bunte Leben” des Propheten Mohammed zeichnerisch durch den Kakao zu ziehen.

Wie immer wird sich auch dieses Mal kein europäischer Spitzenpolitiker auftreiben lassen, der auf das in erwachsenen Demokratien gesicherte Recht der freien Meinungsäußerung verweisen würde. Und wie immer werden sich die großen Intellektuellen dieses Kontinents in ihre heimeligen Löcher verkriechen, statt die Freiheit der Kunst mit aller gebotenen Verve zu verteidigen, so wie sie das bei jeder Jesus-Schmähung richtigerweise ja auch tun. Im besten Fall werden die Karikaturen vom sicheren Hochstand der künstlerischen Ästhetik aus begutachtet und dort für schlecht empfunden.

Doch um künstlerische Ästhetik geht es nicht. Sondern darum, dass in westlichen Rechtsstaaten nicht die Beleidigten darüber befinden sollten, wo die Meinungsfreiheit zu enden hat. Ob das Recht auf freie Meinungsäußerung vergewaltigt wurde, ist eine Frage, für deren Beantwortung es in unseren Breitengraden einen exklusiven Ort gibt: den Gerichtssaal. Dort – und nur dort – ist zu klären, ob radikale Kräfte die herrschende Rechtslage überdehnen, um gläubige Menschen aus reiner Boshaftigkeit zu verletzen und aufzubringen. Oder ob es nicht eher so ist, dass alles andere als die Bekundung bedingungsloser Ehrfurcht vor dem uneingeschränkt positiven Wirken Mohammeds als eine nicht hinzunehmende Beleidigung gläubiger Muslime ausgelegt wird.

Ungeachtet dessen werden sich auch jetzt wieder viele Menschen verletzt fühlen. Nicht nur Muslime, auch zahlreiche Christen werden die Darstellungen als geschmacklose Respektlosigkeit gegenüber Andersgläubigen ablehnen. Zu Recht. Umso mehr sollten jene, die das so sehen, dafür eintreten, dass derartige Geschmacklosigkeiten gezeigt werden dürfen. Das Recht auf freie Meinungsäußerung und künstlerische Freiheit zu verteidigen, wenn die gezeigte Arbeit ohnehin für toll gehalten wird, ist schließlich keine allzu schwierige Übung.

Aber ist es wirklich der schwindende Respekt vor religiösen Gefühlen, der uns so große Sorgen bereitet? Nein, es ist vor allem die wachsende Angst, in das Visier islamistischer Randalierer zu geraten, die unsere Sensorik für die religiösen Gefühle Andersgläubiger schärft. Nur so ist auch zu erklären, dass europäische Medien auffallend viel Verständnis für das Vorgehen religiös motivierter Gewalttäter zeigen. Als im September 2012 nach Veröffentlichung eines islamfeindlichen Films drei US-Diplomaten in Libyen getötet wurden, erklärte die „Süddeutsche Zeitung” die Suche nach den Tätern für überflüssig. „Es ist müßig, hier nach Tätern und Opfern zu unterscheiden. Diesmal ging die Provokation von amerikanischen Extremisten aus, islamische Fanatiker haben sie angenommen und nicht minder radikal zurückgezahlt”, wie in einem Kommentar zu lesen war.

Eine Sicht der Dinge, die keineswegs als isoliert zu klassifizieren wäre. Mit zweckdienlichem Appeasement werden sich hart erkämpfte liberale Grundwerte aber nur schwer retten lassen. Was zumindest jene radikalen Einpeitscher begriffen haben, die in islamischen Ländern die Massen mit Halbwahrheiten gegen die westlichen Unholde aufbringen und auf die Straße treiben. (Presse)

17 comments

  1. herbert manninger

    Feigheit pur, aber die PCler sagen, es sei “Respekt”.
    Kollektives Stockholm-Syndrom der linken Nomenklatura.

  2. Rennziege

    @Suwarin

    Gute Idee — auf den ersten Blick. Aber in erster Linie werden es die wehrlosen, friedlichen Christen in muslimischen Ländern auszubaden haben, die sich schon jetzt, auch ganz ohne Mohammedkarikaturen, einem täglichen Spießrutenlauf aussetzen.

  3. Mona Rieboldt

    @Rennziege
    Die Angst der deutschen Politiker vor Unruhen im eigenen Land macht sie zu Dhimmis und bringt sie dazu, Meinungsfreiheit einzuschränken.

    Christen in moslemischen Ländern werden ermordet, wenn irgendwelchen Moslems der große Zeh juckt. Da braucht es wirklich nicht erst Mohammed-Karikaturen. Sie werden vertrieben aus diesen Ländern, wie es die Türkei schon vor längerer Zeit gemacht hat, dort gibt es kaum noch Christen.

    Insofern ist es richtig, diese Karikaturen zu veröffentlichen, ansonsten können wir uns ja gleich den Moslems unterwerfen.

  4. Christian Weiss

    Eine Anmerkung: Im Begriff “der Prophet Mohammed” steckt schon Appeasment oder zumindest unbewusste Hörigkeit drin. Entweder heisst es aus nichtmuslimischer Sicht einfach nur “Mohammed”, “Mohammed, den die Muslime für ihren Propheten halten” oder “Mohammed, ein Typ, der vor 1400 Jahren auf der arabischen Halbinsel lebte und dort im Rahmen einer schweren Dehydrierung Halluzinationen durchlebte, die er für göttliche Visionen hielt”.

  5. Der Unternehmer

    Man sollte darauf hinweisen, dass im Fall der Karikaturen in Jyllands Posten gar nicht so sehr es diese Karikaturen waren, in in der islamischen Welt für Empörung gesorgt haben (und von denen auch niemand etwas wusste, geschweige denn wo Dänemark liegt), sondern es war der dänische Imam, der eigens neue Karikaturen anfertigen ließ und sie dann in die entsprechenden Kanäle gegeben hat.

  6. PP

    Es gibt keine religiösen Lehren, denn eine Lehre muss ihrem Wesen nach offen sein. Ansonsten ist von einem Dogma zu sprechen. Ein Dogma kann sich aber selbst keine Würde verleihen. (Wenn man bereit ist sehr weit zu gehen, ist der Mensch das einzige Menschen bekannte Dogma, welches das könnte.)

    Der Punkt ist jedenfalls, dass es daher keine Herabwürdigung religiöser Lehren geben kann. Wer, wie der Gesetzgeber, das behauptet, würdigt religiöse Lehren positiv, was nach dem Stand der Erkenntnis – und was sonst sollten wir zur Rechtssprechung heranziehen? – , jeder Grundlage entbehrt.

  7. Johann Scheiber

    @PP
    @PP
    Sie verwechseln möglicherweise naturwissenschaftliche Erkenntnis mit Erkenntnis überhaupt.Da erinnere ich an Wittgenstein, der meinte, dass nach Lösung aller naturwissenschaftlichen Probleme, die des Menschen noch gar nicht berührt wären.
    Zu Religion und Erkenntnis ist auch festzuhalten, dass historisch gesehen erst durch die Konfrontation des Menschen mit dem (religiösen) Gesetz dieser zu seiner Selbsterkenntnis gelangt ist. Luther nennt das den usus paeddagogicus des Gesetzes. Ohne diese Konfrontation, in der sich der Mensch eben seiner bewußt wird, verharrt der Mensch in der natürlichen Unmittelbarkeit seiner Triebe. Bei modernen Erziehungsexperimenten, bei denen den Kindern der Widerspruch erspart wird, kann man, als Ergebnis, natürliche Unmittelbarkeit immer wieder studieren.
    Im großen gesehen ist also zwischen Religion und Erkenntnis wenigstens eine Konkurrenz der Erkenntnis, wenn nicht gar durch die religiöse Erkenntnis die naturwissenschaftliche erst ermöglicht wird.
    Die Dignität der Hochreligion (Christentum) und der ihr geistig ebenbürtigen Lehrgebäude (Konfuzianismus, Buddhismus)liegt auch nicht im naturwissenschaftlichen Erkennen – auch wenn sich hier mit der Quantenphysik das Blatt eindeutig in Richtung Geistlehren wendet – sondern im Denken.
    Die Rechtfertigung im Gedanken, dass der Geist Zeugnis gibt dem Geist, ist nicht die Rechtfertigung des Experimentes.

  8. Behaimb

    @Johann Scheiber
    Aha, und Islam und Judentum sind wohl keine Hochreligionen, ebenso wie der Hinduismus, letztere alle daher nicht für die “höhere” Erkenntnis geeignet. Sagt wer, der christliche Katechismus und der Papst? Welch kulturelle Überheblichkeit und Arroganz.

  9. Rennziege

    Ach, wie recht Sie doch wieder einmal haben! Die einzigen Hochreligionen der Welt sind der Marxismus-Leninismus und dessen Zwillingsbruder, der Faschismus. Chapeau!

  10. Prinz Eugen von Savoyen

    @Johann Scheiber

    Beträchtlicher Unsinn, Religion und Erkenntnis verhalten sich wie Feuer und Wasser. Religion schließt Erkenntnis aus. Scheibers religiöse Verzückung leist sich wie lodurs Marx-Geschwafel.

  11. Rennziege

    @Prinz Eugen von Savoyen

    “Religion schließt Erkenntnis aus” ist, dem Allmächtigen sei’s geklagt, ein abermals allzu harscher Standpunkt. Religion und Naturwissenschaft haben sich zu allen Zeiten, wenn auch nicht immer friedlich, doch stets komplementär verhalten, was ein Blick in die Geschichte erhellt.
    Der Umkehrschluss “Erkenntnis schließt Religion aus” wird, um nur ein Beispiel zu nennen, durch Isaac Newton widerlegt, einen Eurer Zeitgenossen: Er, noch heute als einer der bedeutendsten Wissenschaftler aller Zeiten anerkannt, war ursprünglich Theologe und legte sogar das Zölibatsgebübde ab.

  12. Johann Scheiber

    S@Rennziege
    Der nicht unbedeutende Wissenschafter Leibniz meinte, dass die Religion auf einer Erfahrung beruht, nämlich auf der Erfahrung der Liebe. Diese Erfahrung,die für den, der sie macht, evidentere Wirklichkeit ist als jede andere Erfahrung, bleibt hartgesottenen naturwissenschaftlichen Reduktionisten wohl verborgen.
    Seltsamerweise haben wir es bei der Religion aber nicht nur mit Erfahrung zu tun, denn diese Erfahrung ist gleichzeitig Erkenntnis. Sie erkannten einander! Die Liebe ist Erkenntnis, in ihr erschließt sich das Du, die Welt und Gott.
    Die Erkenntnis beginnt also nicht nur in der Sphäre der Religionmit der Selbsterkenntnis in der Konfrontation mit dem Gesetz, den universalen Zehn Geboten, sie vollendet sich auch dort in der Erkentnis Gottes. In der vollendeten Religion, dem Christentum ist dann die Religion die Weise, in der der Mensch, Gott wissend, Gott um sich selbst weiß – also Selbstbewußtsein Gottes in der gläubigen Subjektivität, die wahrhafte, weil geistige Einheit von Gott und Mensch.

    Die andere Erkenntnis, die endliche, die naturwissenschaftliche Erkenntnis ist natürlich auch wichtig. Aber im Zweifelsfall können wir auf Autos und Kanalisationsanlagen verzichten, auf die Erkenntnis und das Bewußtsein unseres wahren Selbst aber eigentlich nicht.
    Die Gefahr durch den Kapialismus und durch den Sozialismus für den Menschen ist praktisch identisch: Die Fixierung des Menschen in der endlichen Erkenntnis, im Staub.

  13. Prinz Eugen von Savoyen

    @Rennziege

    Gnädige Frau, Ihren Umkehrschluss akzeptiere ich wie immer vollumfänglich.

    Leider haben wir uns nie kennen gelernt, denn ich verabschiede mich endgültig. Glaubensdinge ermüden mich, und für Fanatiker (wobei natürlich nicht Sie gemeint sind) erübrige ich keine Zeit mehr. Als Atheist habe ich nämlich nur ein Leben auf dem Planeten, das verbringe ich nicht mit Frohlocken und Bewundern desselben.

  14. Rennziege

    @Prinz Eugen von Savoyen

    Ich werde Euch schmerzlich vermissen, Hoheit, und gebe mich der Hoffnung hin, Euer Ratschluss möge nicht unumstößlich sein. Denn wir alle haben nur ein Leben auf dem Planeten, die gleichen Lachmuskeln und Tränendrüsen — gleichgültig, ob wir an nichts oder an das Liebesleben der Regenwürmer glauben.
    Weil ich bis zum VII. Ianuarius noch frei habe und die Kinder auf ungastlichen Berghängen schifahren lernen, besuchte ich des Nachmittags das hierorts bisweilen zitierte Kaffeehaus Andreas Unterbergers. Dort stieß ich staunend auf offenbar ältere Semester, die sich dort eine peinliche und eitle Amateurversion von “Star Wars” liefern. (Was mich darin bestärkte, einzig Christian Ortners Rauchsalon zu besuchen.)

    Staunend aber ward ich dank dieser Abschweifung dortselbst Eures Namens inne, offenbar nicht usurpiert, zumal in Duktus und argumentativer Tiefe Eurer gewiss nicht unwürdig. (Ihr äußertet Euch zu jenem imbezilen Ordinarius der Universitas Carolo-Franciscea, der Euresgleichen und mir das Fallbeil verordnete.)

    Unerrötend werde ich dort Euren Schritten folgen, aber begrenzt, denn auch meines Bleibens ist hier wohl nicht mehr lange; in Ontario winken meiner Familie zwei Jobs und gute Schulen. Alles Gute, Durchlaucht!

  15. PP

    Religion schließt Erkenntnis aus.

    Wenn es in dieser Sache überhaupt einen Punkt gibt, dann haben sie ihn hiermit gemacht.

    Bleiben sie bitte, wenn sie können!

  16. Prinz Eugen von Savoyen

    @Rennziege

    Wenn gnädige Frau nach Ontario übersiedeln, dann werde ich hier noch weniger versäumen. Hier bleibe ich allenfalls noch auf begonnenen Threads, beteilige mich aber an keinen neuen mehr.

    Zu dem suitcase in Graz hat meine Stellungnahme überraschend Anklang gefunden. Das freut mich, sonst bin ich dort aber längst nicht mehr.

    Alles Gute!

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