Der Renner-Ring soll Renner-Ring bleiben!

Von | 16. März 2013

Vor fast genau 75 Jahren, am 3. April 1938, gab der ehemalige sozialistische Staatskanzler Karl Renner dem “Neuen Wiener Tagblatt” ein Interview, in dem er erstmals zum Anschluss seiner Heimat an Nazi-Deutschland Stellung nahm: “Ich müsste meine ganze Vergangenheit als theoretischer Vorkämpfer des Selbstbestimmungsrechtes der Nationen wie auch als deutsch-österreichischer Staatsmann verleugnen, wenn ich die große geschichtliche Tat des Wiederzusammenschlusses der Deutschen Nation nicht freudigen Herzens begrüßte.

Die Freude dürfte freilich auch andere Gründe gehabt haben, denn der nachmalige österreichische Bundespräsident war nicht nur ein überzeugter Anhänger des Anschlusses, sondern auch ein übler Antisemit, selbst nach den Maßstäben seiner Zeit. Schon 1920 forderte er die Lösung der “Judenfrage” und “ein Amt, das endlich das uralte Programm des Judenpogroms erfüllt, einen Spezialminister für Judenfragen”. Eine politische Forderung, die bekanntlich ein Vierteljahrhundert später besonders nachhaltig erfüllt wurde. Nach diesem Mann ist heute nicht nur ein Abschnitt des Wiener Rings – ausgerechnet vor dem Parlament – benannt, sondern auch ein bekannter Journalistenpreis (den 1992 auch ich bekommen und angenommen habe), die Parteiakademie der SPÖ und ein üppig dotierter Preis der Stadt Wien für “Personen, die sich hervorragende Verdienste um Wien in kulturellen, sozialen und wirtschaftlichen Belangen erworben haben”. 2010 hat die nach dem wüsten Antisemiten und Anschlussbejubler benannte Auszeichnung übrigens der Verein “Steine der Erinnerung” bekommen, dessen Zweck es ist, “der jüdischen Opfer des Holocausts zu gedenken und die Erinnerung an das jüdische Leben und die jüdische Kultur vor der Machtergreifung der Nationalsozialisten wach zu halten”. Die Stadt Wien hat eben Humor.

Angesichts der problematischen Überzeugungen Renners wäre eine Umbenennung all der nach ihm benannten öffentlichen Räume, Preise und Institutionen durchaus vertretbar. Dass die SPÖ zwar dem Antisemiten Karl Lueger seinen Ring-Abschnitt nimmt, nach dem wesentlich wüsteren Antisemiten Renner aber nach wie vor ihre Parteiakademie benennt, zeugt jedenfalls nicht eben von übermäßiger Souveränität der eigenen Geschichte gegenüber. Doch vielleicht ist gerade das ein gutes Argument gegen Umbenennungen. Denn paradoxerweise ist zu erwarten, dass gerade bei Beibehaltung eine ausführliche und intensive mediale Diskussion über den Fall Renner losbrechen wird, die auch künftige Generationen über dessen üble Haltung auf dem Laufenden hält. Nur solange er im öffentlichen Raum so präsent ist wie jetzt, bleibt das Wissen um seinen Antisemitismus einer breiteren Öffentlichkeit erhalten. Verschwände er hingegen aus dem Sichtfeld der Öffentlichkeit wie nun (teilweise) Lueger, versänke er wohl samt seiner Judenfeindlichkeit und Anschlussbegeisterung endgültig im Dunkel der Geschichte.

So kann man es auch als Beitrag der Stadt Wien zur politischen Bildung verstehen, wenn sie sich selbst nach so langer Zeit so schwer tut, Renner als das zu begreifen, was er war. (WZ)

17 Gedanken zu „Der Renner-Ring soll Renner-Ring bleiben!

  1. Gerhard

    Wenn zur Mahnung und Geschichtserinnerung der Renner-Ring seinen Namen behalten soll, dann wäre es auch logisch, den Rathausplatz wieder in den A.H.Platz rückzubenennen. 😉

  2. Thomas Holzer

    Das glauben Sie wohl selbst nicht, Herr Ortner.

    Auch wenn Ihr Artikel unzensuriert 😉 in der “Wiener Zeitung” erscheinen durfte, bin ich mir sicher, daß diese “Details” aus der Biographie des Herrn Renner niemals so ein mediales Echo, gschweige denn so eine öffentliche Diskussion hervorrufen werden, wie dies bei Herrn Lueger der Fall war.

    Außerdem: Einen strammen Roten, und! Säulenheiligen der 2.Republik, darf man nicht kritisieren

  3. Wolf

    Antisemitismus und Nazi-Ideologie sind inzwischen wohl “Standard” bei der SPÖ – kritikwürdig natürlich nur bei den “anderen”. Neben dem schon lange berüchtigten Karl Renner ist auch der Aufruf zur “Vernichtung lebensunwerten Lebens” durch den Sozialdemokraten Julius Tandler (Platz vor dem Franz-Josef-Bahnhof nach ihm benannt) für die Wiener SPÖ offenbar durchaus o.k., ebenso wie die kürzliche Aufforderung der SPÖ-Abgeordneten Muttonen, keine israelischen Waren zu kaufen. “Kauft nicht bei Juden” drängt sich da sofort auf. Erinnerlich auch die “Resolution” des (dafür völlig unzuständigen) Wiener Gemeinderats vor 2 Jahren gegen die israelisch Aktion im Zuge der Affäre um das türkische Schiff, das die Seeblockade zugunsten der Palästinenser zu durchbrechen versucht hatte. Verwunderlich allerdings für mich das Schweigen der israelitischen Kultusgemeinde, und vor allem von deren Ex-Präsidenten Ariel Muzicant, von dem man ja immer sofort lautstarke Proteste gehört hat, auch wenn es nur den leisesten Verdacht des Antisemitismus oder Rechtsextremismus gab; offenbar ist ihm die “Freundschaft” Häupls wichtiger als der Schutz der eigenen Gemeinde vor antisemitischen Äußerungen und Aktionen.

  4. menschmaschine

    renner und lueger kann man doch nicht vergleichen. was hat lueger schon groß für wien geleistet?
    die maroden städtischen betriebe aus der hand privater französischer firmen in die verantwortung der stadt geholt. ok.
    aber was hat er sonst noch geleistet?
    die 2. hochquellwasserleitung bauen lassen. ok.
    aber sonst hat er nichts geleistet.
    außer den bau von sozialeinrichtungen wie versorgungsheim lainz oder psychiatrisches krankenhaus steinhof.

    renner hingegen……

  5. Jennerwein

    @menschmaschine
    Lueger war ein Sozialist, hat er etwas von seinem eigenen Geld erichtet? Nein ebenso durch den Griff in die Steuerkasse wie die Sozis unter Kreisky. Punkt.

  6. herbert manninger

    Ob die Weicheier-Fraktion, vormals ÖVP, endlich einmal so richtig draufhaut und der SPÖ die Antifa-Lizenz zum Vernadern und Runtermachen der politischen Gegner entzieht?
    Ist aber bloß eine rhetorische Frage…..

  7. nometa

    Interessant, das über Renner – ich habe das nicht gewusst. In der Schule habe ich mehr oder weniger gelernt: Lueger böse, Renner gut.
    Ich bin aber sehr wohl für Umbenennungen. Wir würden ja wohl auch keine “Hitlerstraße” aus kulturellen Gründen behalten… Nach solchen Schweinen, mir egal, wie “bedeutend”, gehören keine Straßen benannt.

  8. Lodur

    Renner gehörte zum rechten Flügel der Sozialdemokratie. Er war ein Anhänger der parlamentarischen Demokratie und bezeichnete sich als Marxisten “eigener Observanz”. Im Prinzip war er ein linker Bürgerlicher. Und so wie viele Bürgerliche, die sich vor der Konkurrenz der seit 1867 in Österreich rechtlich emanzipierten Juden fürchteten, war er natürlich auch ein Antisemit.
    In der Ersten Republik fiel er tatsächlich im Nationalrat durch antisemitische Polemik auf und motivierte als Oppositionsabgeordneter die christlichsoziale Regierung zu antisemitischer Gesetzgebung. Wobei in vielen Fällen nur rhetorisch sehr schwer zu unterscheiden ist, ob das ein Ausdruck seiner Judenfeindschaft oder einfach nur eine satirische Enttarnung des Verbalradiaklismus der Christlich Sozialen war.

  9. Lodur

    Es wäre schön, wenn die hiesigen Liberalen bei Islamophobie/Antimuslimismus ebenso engagiert und auftreten würden.

  10. Thomas Holzer

    Wobei in vielen Fällen nur rhetorisch sehr schwer zu unterscheiden ist, ob das ein Ausdruck seiner Judenfeindschaft oder einfach nur eine satirische Enttarnung des Verbalradiaklismus der Christlich Sozialen war.

    Schon interessant, daß bei Antisemiten auf der linke Seite des politischen Spektrum immer Zweifel ob deren “angeblicher” Judenfeindlichkeit besteht; bei allen Anderen ist der Antisemitismus manifest.

    Ich gehe auch davon aus, daß nach Ansicht von er/sie/es Lodur der Dr.Tandler auch nur “den Verbalradikalismus der Christlich Sozialen satirisch enttarnen wollte”

  11. Cato

    Renner war nicht nur ein Antisemit, mit ” Heil Hitler ” ein Befürworter des Anschlusses an Nazideutschland sondern auch ein Opportunist.
    Er hat, wie wenige, jedes Regime unbeschadet überlebt, die Monarchie, die 1.Republik, den Ständestaat, die Nazidiktatur und die Besatzungszeit.
    Zufall ? Während andere ihrer Gesinnung wegen in Wöllersdorf oder im KZ litten oder die Besatzung zu fürchten hatten, lebte er ein beschauliches
    bürgerliches Dasein. Wer noch Zweifel hat, möge den Brief vom Frühjahr 1945 an Stalin im Klartext lesen. Die Genossen stellen diese geradezu peinliche Anbiederung an Stalin als ” geschickte Taktik zum Wohle Österreichs ” hin. Wer’s glaubt.
    Man sollte deshalb aufhören, der unwissenden Jugend diesen Mann als Vorbild und großen Österreicher hinzzustellen.

  12. Mercutio

    @Cato
    Und war etwa ein Raab oder Figl so viel anders? Von Drimmel u.a. dergl. gar nicht zu reden? Wer im Glashaus sitzt etc. …

  13. herbert manninger

    @Mercutio
    Momentchen, Momentchen, die Steinewerfer im Glashaus sind bisher IMMER die Sozn gewesen, die ihre politischen Gegner mit den Argumenten nieder machten, welche ihnen jetzt auf den Kopf fallen KÖNNTEN, aber keine Sorge, alter 68er, der linkslinke ORF + Mainstreammedien halten jetzt eh still und, wie gesagt, die ÖVPler sind zu doof&feige, um so einen aufgelegten Elfer zu verwandeln.

  14. Cato

    @Mercutio
    Sie irren gewaltig. Raab, Figl und Drimmel waren keine Antisemiten wie Renner. Figl wurde vom NS-Regime verfolgt und war im KZ.
    Renner, nachweislich ein Antisemit ( Schriften, NR-Protokolle etc. ), ist ein Säulenheiliger der Sozialisten und wird zu unrecht in Schulbüchern und Unterricht als großer Österreicher gehuldigt.

  15. Lodur

    @Cato
    “Er hat, wie wenige, jedes Regime unbeschadet überlebt, die Monarchie, die 1.Republik, den Ständestaat, die Nazidiktatur und die Besatzungszeit.
    Zufall ? Während andere ihrer Gesinnung wegen in Wöllersdorf oder im KZ litten oder die Besatzung zu fürchten hatten, lebte er ein beschauliches
    bürgerliches Dasein.”

    Stimmt. Im Gegensatz zu vielen Sozialisten und Kommunisten war er tatsächlich ein Opportunist. Und das auch schon im austrofaschistischen Ständestaat, indem er im Widerspruch zum SDAPÖ-Programm von 1926 mit anderen Vertretern des rechten Flügels der österreichischen Sozialdemokratie einen Konsens mit dem Dollfuß-/Schuschnigg-Regime suchte.

  16. Mercutio

    @Cato
    Anitsemiten gabe es in den 20er Jahren in allen Parteien zuhauf, auch in führenden Positionen, va. aund auch bei den Chrisltichsozialen. Aber: Weder Sozis noch Christlichsoziale, das gesteh ich ihnen zu, wollten ernsthaft die Juden physisch vernichten. Wenn heute noch der Antisemitismus eine Rolle spielt, dann wohl am ehesten bei den Großmäulern der FPÖ, man darf nur an die berühmten Haider-Sager zu Ariel erinnern und zu VP-Grafs “Judenscherz”, aber das war gewiss auch alles immer nur komisch gemeint.

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