Der steinige Weg zur Vollbeschäftigung

(ANDREAS TÖGEL) Der Chef des Arbeitsmarktservices (AMS), Johannes Kopf, präsentierte In der Denkfabrik „Agenda Austria“ aktuelle Zahlen, Trends und Ausblicke im Hinblick auf die Beschäftigungslage in Österreich. Insgesamt bietet sich ein recht positives Bild: Die Beschäftigtenzahlen steigen und die Zahl der Arbeitslosen sinkt seit mehreren Quartalen. Die aus Sicht der Arbeitnehmer große Attraktivität des Standorts Österreich zeigt sich u. a. daran, dass deutlich mehr Deutsche in Österreich arbeiten als Österreicher in Deutschland. Besonders auf Arbeitnehmer aus den Staaten des früheren Ostblocks übt die Alpenrepublik einen kräftigen Sog aus.

Die Zahl der beschäftigungslosen Jungen ist im Europavergleich gering, was auch mit der niedrigen Zahl der neu auf den Arbeitsmarkt kommenden Jugendlichen zu tun hat (Stichwort Geburtenrückgang). Andere Länder, wie beispielsweise Spanien, weisen bei sinkenden Beschäftigungszahlen deshalb eine dennoch sinkende Jugendarbeitslosigkeit aus, weil viele Junge auswandern (im Fall Spaniens häufig nach Lateinamerika).

Da die von der EU eingesetzten Erhebungsmethoden sich von denen des AMS zum Teil unterscheiden, gehen einige Daten nicht miteinander konform. Nach EU-Berechnung liegt Österreich mit 4,9 Prozent Arbeitslosenrate innerhalb der EU an der neunten Stelle. Tschechien hält mit nur 2,5 Prozent unangefochten den Spitzenplatz. Kopf: „Eine Fabrik würde ich dort jetzt nicht unbedingt bauen, weil es schwer sein wird, Personal zu bekommen.“

Österreichweit gibt es kräftige Unterschiede im Hinblick auf die Beschäftigungslage. Die größte Arbeitslosigkeit herrscht in Wien mit 11,7 Prozent, während Tirol mit vier Prozent Erwerbslosen die niedrigste Quote ausweist. Insgesamt ist eine von Westen nach Osten zunehmende Arbeitslosigkeit erkennbar (eine Ausnahme bildet Kärnten mit über sieben Prozent Erwerbslosen).

Eine besondere Herausforderung sieht das AMS im Fachkräftemangel, der in einigen Branchen immer mehr zum Problem wird. So sind gegenwärtig z. B. Dreher und Zimmerleute Mangelberufe. Grund für das in manchen Branchen fehlende Personal ist u. a. die Konzentration vieler junger Leute auf einige wenige ihnen attraktiv erscheinende Berufsfelder, wie zum Beispiel auf jenes des Automechanikers. Hier gibt es österreichweit ein Überangebot an Arbeitskräften, während zugleich Spezialisten für die Wartung von Landwirtschaftsmaschinen fehlen.

Ein ungelöstes Problem sieht der AMS-Chef in der im Vergleich mit anderen Ländern (beispielsweise Deutschland) traditionell unterentwickelten Mobilität heimischer Arbeitnehmer. Ein, zwei Bundesländer weiter nach Arbeit zu suchen, kommt für viele von ihnen nicht in Frage.

Der zunehmenden Langzeitarbeitslosigkeit, von der besonders ältere Arbeitnehmer betroffen sind, ist nach der Ansicht Kopfs nicht mit singulären Maßnahmen zu begegnen. Hier braucht es ein Maßnahmenbündel, zu dem auch ein Umbau des Sozialversicherungssystems gehört, was auf erhebliche Widerstände bestimmter Interessengruppen stößt. Auf der Hand liegt, dass die hierzulande starke Seniorität der Einkommen oft zum selektiven Abbau älterer Beschäftigter führt. Parallel dazu veranlassen falsch gesetzte Anreize im Pensionssystem, vielfach zum frühzeitigen Ausscheiden aus dem Berufsleben – auch durchaus arbeitswillige, –fähige und erfahrene Arbeitnehmer. So sind in Österreich nur 51,3 Prozent der 55 bis 64Jährigen in Arbeit, während der EU-Schnitt bei 57,1 Prozent liegt. Der Sprint zu einem möglichst frühen Pensionsantritt ist offensichtlich eine der Lieblingssportarten von Herrn und Frau Österreicher. Ohne drastische Veränderung der Anreizstruktur ist hier keine Veränderung zu erwarten.

Der mit dem Digitalzeitalter einhergehende Wandel der Arbeitswelt wird ein Mehr an (geistiger) Beweglichkeit erfordern, als viele Arbeitnehmer hierzulande gewöhnt sind.

Das mit dem Schulsystem in Verbindung stehende Problem schlecht zu vermittelnder junger Menschen mit Migrationshintergrund (hohe sprachliche und kulturelle Barrieren), kommt leider nur am Rande zur Sprache. Kopf weist darauf hin, dass das AMS hier einiges an Reparaturarbeit leisten müsse, was in den Schulen schiefgelaufen sei. Immerhin bestehe eine bis zum Alter von 25 Jahren geltende Ausbildungsgarantie. Die Kosten dafür trage das AMS. Wer will, kann also auch nach der Matura noch eine Ausbildung in einem Lehrberuf machen, was vielfach am schlechten Image der Lehre scheitert. Wer fortwährend von den Segnungen einer maximalen Akademisierung schwadroniert, muss sich nicht wundern, dass die Nachfrage nach der Ausbildung in Lehrberufen überschaubar bleibt oder sich auf eine Negativselektion der Azubis reduziert.

Nach den Vorstellungen der Agenda Austria sollte das System der Arbeitslosenunterstützung nach skandinavischem Vorbild reformiert werden. Die Ersatzraten müssten demnach in der ersten Zeit der Arbeitslosigkeit erhöht und dann schrittweise abgesenkt werden, was, wie mehrere internationale Untersuchungen zeigen, zu erhöhten Anstrengungen der Erwerbslosen führt, möglichst zügig eine neue Arbeitsstelle zu finden. Das reduziert einerseits das Risiko, in der Falle der Dauerarbeitslosigkeit sitzen zu bleiben und langfristig zu verarmen, und entlastet andererseits das Budget im Hinblick auf die notwenigen Einkommensersatzzahlungen.

Auch wenn es bei dieser Gelegenheit nicht angesprochen wurde: Arbeitsplätze, zumindest dauerhaft sichere, werden nicht von der Sozialbürokratie, sondern von den Unternehmen geschaffen. Und die reagieren, wie auch die Arbeitnehmer, auf gebotene Anreize oder ihnen in den Weg gelegte Hindernisse. Zweck der Unternehmen ist es, Waren und Dienstleistungen bereitzustellen. Kein Unternehmenszweck ist es, für hoch dotierte und stressfreie Arbeitsplätze zu sorgen. Die entstehen ganz von selbst, wenn der Staat sich destruktiver Markteingriffe enthält.

Auch wenn es Gewerkschafter und andere unbeirrbar staatsgläubige Paternalisten nicht gerne hören: Wer in einer globalisierten Welt die Unternehmen unentwegt mit immer neuen Regulativen und ausschließlich arbeitnehmerorientierten Vorgaben drangsaliert, wird damit den Weg zur Vollbeschäftigung wirkungsvoll blockieren. Neue Arbeitsplätze entstehen dann eben jenseits der heimischen Grenzen – in Ländern unter weniger regulierungswütigem Regiment.

3 comments

  1. Josi

    “Der Sprint zu einem möglichst frühen Pensionsantritt ist offensichtlich eine der Lieblingssportarten von Herrn und Frau Österreicher.” So ein Satz gehört angezeigt, und es sollte eine #metoo#-Bewegung von ÖsterreicherInnen über 50 geben. Haben Sie schon einmal etwas von Versicherungszeiten gehört, Sie Intelligenzprotz? Nicht. Weil sonst wüssten Sie, dass reife Leute, die viel gearbeitet und ev. auch ordentlich verdient haben, automatisch gehaltsmäßig eingestuft werden und daher meist mehr bezahlt bekommen müssen (per Gesetz!), als Newcomer. Wer stellt also eine qualifizierte ältere Person für ein Gehalt ein, das zwei Neueinsteiger erhalten würde, oder, wie’s so üblich ist, PraktikantInnen? Viele Ältere haben keinen besonders hohen Anspruch auf Pension, sodass sie immer im Bereich Mindestsicherung sein werden, egal, was sie berufsmäßig machen. Es kostet den Staat etwa gleichviel, diese im Sozialnetz zu erhalten, als sie in Frühpension gehen zu lassen. Und warum sollten sie nicht? Hunderttausende ausländische Junge leben von Sozialhilfe – da sollte ausgemistet werden. Aber lasst doch endlich die älteren ÖsterreicherInnen in Ruhe, es ist wahrlich schwer genug in diesem Land. Ausländer (besonders Moslems) sagen beim AMS klipp und klar, dass sie gewisse Jobs nicht machen werden, weil sie ihren Glaubensprinzipien widersprechen. Und das wird akzeptiert. Wenn ein älterer Österreicher sowas sagt (“Ich putze nicht für junge arbeitslose Ausländer, weil das meinen ethischen und Glaubens-Prinzipien widerspricht”), wird gedroht und gestrichen und ist die Hölle los. Und solche Geschichten verbreiten sich. Als ich verstehe vollkommen, warum ältere ÖsterreicherInnen drauf pfeifen. Ich war auch eine zeitlang arbeitslos (jetzt bin ich selbständig, und es ist hart), und ich kann all das total nachvollziehen. Man will dann noch das Pensionsalter erhöhen – warum? Damit die einheimischen Trotteln und die schwer hackelnden Angehörigen vorheriger Migrationsbewegungen (aus Ex-Jugoslawien) noch weiter schuften müssen für die Neuen, weil man denen ja den Arbeitszwang umhängen kann, während man den Neuen gar nichts kann? Ich stehe da voll auf der Seite der “Langzeitarbeitslosen”, wenn es sich um Leute handelt, die sich nicht um eine verfehlte Politik zu tragen ausnutzen und respektlos behandeln lassen wollen. Dem Staat machen die paar Millionen gar nichts. Das ist alles nur Quatsch.

  2. Andreas Tögel

    Verehrte(r) Josi, meinen Sie, dass die Situation älterer Arbeitnehmer in Deutschland, in der Schweiz, in Skandinavien oder in den USA sich grundlegend von der in Österreich unterscheidet? In all diesen Ländern arbeiten die Menschen nämlich (wie die in meinem Beitrag zitierten Daten belegen) deutlich länger als hierzulande. Ich zähle übrigens selbst zu Minderheit der über 60Jährigen, die noch erwerbstätig sind – und zwar ohne einen einzigen Tag lang jemals Arbeitslosenunterstützung bezogen zu haben.

    Tenor meines Beitrags (der ja Positionen beschreibt, die der AMS-Chef und die Agenda Austria vertreten) sind schlechte Anreizstrukturen. Und daran, dass die bestehen, kann ja kaum ein Zweifel bestehen. Wenn Sie mich trotzdem “anzeigen” wollen (zum Beispiel bei der Armutskonferenz oder gleich beim Salzamt?) – nur zu 🙂 !

  3. fxs

    Schon 1930 prophezeite Sir John Maynard Keynes, dass , in Folge der Automatisierung in der Produktion, um den vergangenen Jahrtausendwechsel herum, die wöchentliche Arbeitszeit etwa 15 Stunden betragen würde. Prof. David Graeber analysierte 2013 in seinem Artikel “On the Phenomenon of Bullshit Jobs” warum Keynes mit seiner Prophezeiung daneben lag. Er stellte fest, dass um 2000 nur 30% der Beschäftigten eine Arbeit verrichteten, die es 1930 schon gab. Die anderen erledigten neu hinzu gekommene Arbeiten. Was David Graeber von diesen Tätigkeiten hält, sagt der Titel des Aufsatzes. Tatsächlich kann man Arbeitsplätze schaffen um sinnlose Tätigkeiten verrichten zu lassen. Ich denke an überbordende Verwaltung und komplizierte Gesetzgebung und dann an die “Berater” die den Bürgern helfen mit dieser Verwaltung, mit den komplizierten Gesetzen zurecht zu kommen. So benötigt ein kompliziertes Steuerrecht zur Exekution mehr Finanzbeamte, denen dann mehr Steuerberater gegenüber stehen. In anderen Lebensbereichen, etwa Umweltrecht etc. ist es ähnlich. Die Ankündigung “Vollbeschäftigung zu schaffen” halte ich für eine gefährliche Drohung, unser Leben noch komplizierter zu machen. Lieber wäre mir, die künstliche Komplexität würde abgeschafft, auch um den “Preis” einer reduzierten Lebensarbeitszeit. Die durch Schaffgung von Komplexität geschaffenen Arbeitsplätze verursachen schließlich auch Lohnkosten und Honorare.

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