Der Triumph des Mittelmaßes

Von | 12. Oktober 2015

(CHRISTIAN ORTNER) Wenn die Nobelpreise in Disziplinen wie Medizin, Chemie oder Physik vergeben werden, findet sich Österreich regelmäßig in der Lage jener beklagenswerten Lottospieler, die hoffnungsfroh ihr Los öffnen, aber nur ein “Leider nein” vorfinden. Den bisher letzten Nobelpreis in einer naturwissenschaftlichen Disziplin konnte Österreich anno 1973, also vor schlanken 42 Jahren einheimsen, damals bekam Konrad Lorenz den begehrten Preis verliehen. (Jene zwei “Österreicher”, die danach noch Nobelpreisträger waren, mussten schon vor dem Weltkrieg vor den Nazis fliehen, verbrachten ihr Leben in den USA und können daher von Österreich eher nicht gut vereinnahmt werden, ohne dass Peinlichkeit entsteht.)

Nun mag man mit Recht einwenden, dass die Republik im Moment andere Sorgen hat als fast ein halbes Jahrhundert ohne Nobelpreisträger aus dem Wissenschaftsbetrieb.

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Und trotzdem weist dieser Umstand auf eine gewisse Dysfunktionalität der Republik hin, die kurzfristig bedeutungslos erscheinen mag, auf lange Sicht aber ein erhebliches Problem darstellt.

Denn das betrübliche Abschneiden des Landes in so wichtigen wissenschaftlichen Disziplinen korreliert natürlich mit einer gewissen Nonchalance, mit der nicht nur die Politik den sie tragenden Institutionen wie etwa den Universitäten gegenübersteht. Dass naturwissenschaftlicher Forschung jenes Gewicht, jene Bedeutung und damit verbunden natürlich auch jene Ressourcen zugewiesen werden, die einem modernen Industrieland angemessen wären, ist hierzulande mehr Wunsch als Wirklichkeit. Die regelmäßigen traurigen Debatten darüber, ob ein international renommierter Wissenschafter hier ideale Arbeitsbedingungen vorfindet, belegen das deutlich.

Dabei geht es nicht allein um Geld, sondern auch um eine Geisteshaltung. Charakteristisch für Österreich ist in diesem Kontext nicht zuletzt eine gewisse Minderschätzung der harten naturwissenschaftlichen Disziplinen, der Ingenieurskunst und anderer harter Fächer; wohingegen sozialwissenschaftliche Disziplinen oft weit über ihre tatsächliche Bedeutung hinaus geschätzt werden. Das Missverhältnis zwischen den Studienanfängern in Publizistik oder Politikwissenschaften einerseits und technisch-wissenschaftlichen Fächern andererseits spricht da Bände.

Und dazu kommt schließlich, dass Exzellenz in Österreich insgesamt nicht sonderlich gut beleumundet ist; außer vielleicht im Sport. Den Höchstleistern im Felde der Wirtschaft – oder eben auch der Naturwissenschaften – hingegen weht im Großen und Ganzen eher überschaubare Wertschätzung entgegen.

Dass Österreich seit so vielen Jahren ohne Nobelpreis ist – während etwa das von der Einwohnerzahl vergleichbare Israel ziemlich regelmäßig Nobelpreisträger stellt, genauso wie die Schweiz -, wird sich nicht eben günstig auf die Leistungsfähigkeit des Landes auswirken. Denn in einem Klima, das regelmäßig Exzellenz in den Naturwissenschaften gebiert, wie etwa eben in Israel, gedeihen natürlich auch jene unternehmerischen Hochtechnologie-Start-ups besonders gut, die Basis künftigen Wohlstandes sind. Der wird nämlich nur mit Lottospielen allein, entgegen einem hierzulande verbreiteten Irrtum, eher nicht zu sichern sein. (“WZ”)

10 Gedanken zu „Der Triumph des Mittelmaßes

  1. cmh

    Auf Initiative der SPÖ-Parteigremien könnte doch der Nationalrat beschließen, dass ein Österreicher doch den Nobelpreis für Ziegologie und/oder Schleppereiwesen erhält.

  2. Ehrenmitglied der ÖBB

    Richtig Herr Ortner! Können sie sich noch erinnern, dass Herr Hahn als er den Wissenschaftsminister mimte, Österreich aus dem CERN austreten lassen wollte? Damals habe ich die Inkompetenz dieser Herrschaften so wirklich wahrgenommen.
    Ein weiteres Beispiel österreichischer verquerer Wissenschaftspolitik ist das nun in Gugging angesiedelte IST Austria. Da ich Zeitzeuge der ersten Diskussionsrunden der Entstehungsgeschichte war (bin), kann ich nur sagen, dass es einzelne Persönlichkeiten waren, die die Pleite der von Zeilinger/Schuster eingebrachten Idee eine Hochleistungszentrum im NT Bereich verhinderten. (zB.: hatte man bereits in der ersten Runde diskutiert/gestritten wie ein solches Gebilde heissen könnte ohne überhaupt zu wissen was inhaltlich gesehen soll). Leider gegeben die Protokolle nicht wieder was dort wirklich geschah aber es trifft die Ausführungen Herrn Ortners ziemlich genau!
    PS: Herzmanovsky-Orlando hätte die helle Freude daran gehabt.

  3. sokrates9

    Wenn die größte österreichische Universität, die Wirtschaftsuniversität Wien von einer Rektorin geleitet wird, die Spezialistin? für Gender ist, braucht man sich nicht wundern!

  4. aneagle

    Die frohe Kunde:
    *zum einen ist der Nobelpreis, wie man anhand einiger Gewinner sehen kann, nicht mehr etwas uneingeschränkt Erstrebenswertes. Dank der eigenwilligen Auswahl der Bewerber, nähert sich sein Ansehen dem alternativen Nobelpreis.

    *zum zweiten leistet (sich) Österreich Überdurchschnittliches auf dem Gebiet des Genderns.
    *und wie man den österreichischen Qualitätsmedien entnehmen kann, hat Österreich soeben einen gewaltigen Zuzug hervorragend ausgebildeter Atomphysiker und Neurochirurgen erfahren. Alleine diese werden ab jetzt, Tag für Tag, die Nobelpreise für Österreich einheimsen. Allerdings fairerweise erst nach den Nobelpreisen für das intellektuell ähnlich hochgerüstete Malmö. 😉

  5. Reini

    Die meisten “Gehirne” wurden in den letzten 2000 Jahren in Europa geboren, durch den Wohlstand kommt auch der geistige Stillstand (flächendeckend, eben Mittelmaß) im Volk, siehe Wienwahlen, … solange ich ohne Anstrengung alles bekomme – für was nachdenken! … das macht die Politik 😉 …

  6. Leo

    Ich darf in diesem Zusammenhang an die Ministerin Gehrer erinnern, die immerhin 12(!) Jahre (1995 – 2007) im Amt war, u.a. das Universitätsgesetz 2002 verantwortet und mit dem Schlagwort “www.weltklasse.at” eine rosige Zukunft der österreichischen Wissenschaften vorausgesagt, ja geradezu versprochen hat. Was ist – wie erwartet – davon übrig geblieben? Ein Blick auf die o.e. Home-Page gibt Auskunft.

  7. Rennziege

    Lasset uns wenigstens darüber frohlocken, dass der Medizin-Nobelpreis noch nicht an einen Karma-Quacksalber, Homöopathen oder Bachblüten-Scharlatan vergeben wurde.
    Und dass (slightly O.T.) diesmal ausnahmsweise ein echter Wirtschaftswissenschaftler für preiswürdig befunden wurde, nicht einer der üblichen Keynes-Nachbeter oder ein anderer spätmarxistischer Hallodri wie in den jüngsten Jahren:
    http://www.telegraph.co.uk/finance/economics/11926189/Angus-Deaton-wins-2015-Nobel-Prize-in-Economics.html
    Der Sohn eines schottischen Bergmanns, notabene. Ich ziehe alle Hüte vor diesem Menschen.

  8. Mario Wolf

    Konrad Lorenz hat den Nobelpreis für seine herausragende verhaltensbiologische Forschung bekommen. Anschliessend haben sich die österreichischen Medien dabei übertroffen in seiner Vergangenheit eine Nähe zum NS Regime zu konstruieren. Warum sollte jemand noch Nobelpreisträger werden wollen ? Nur um die Neider aufzuwecken
    Aber es ist nicht so dass Östereich keine Erfolge auf der internationalen Bühne vorweisen kann – Musikantenstadl,
    Herr Conchita Wurst, tolle Fernsehserien mit intelligenten Polizisten (Z.T. importiert, aber macht nix) usw.etc.

  9. Thomas Holzer

    Wenn es denn nur der Triumph des Mittelmaßes wäre!
    Leider sprechen wir mittlerweile vom Triumph des “Unterdurchschnitts”!

  10. Ehrenmitglied der ÖBB

    @ Rennziege
    Sg. Rennziege,
    sosehr ihre analytischen Fähigkeiten schätze (incl. Sprachhumor) aber die Verbindung mit dem Nobelpreiskomittee und dessen Vergabepraxis mit der Situation der Wissenschaftspolitik in Österreich zu verknüpfen? Bitte überprüfen sie ihre (sonst exzellenten) Argumente!

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