Des Philosophen Bullshit-Bingo

Von | 26. Januar 2017

(C.O.) Es gibt Bücher, bei denen recht interessant zu wissen wäre, wie viel Prozent jener, die es erworben haben, es auch tatsächlich zu Ende lesen. Im Falle von Slavoj Žižek neuestem Werk “Absoluter Gegenstoß”, erschienen im S. Fischer Verlag, besteht der Verdacht, dass dieser Wert so niedrig sein dürfte wie bei kaum einem anderen in der jüngeren Zeit erschienenen Buch eines international bekannten und renommierten Autors, und dies, obwohl sich das Werk durchaus ganz gut verkauft.

Dass die allermeisten Käufer dieses Buch früher oder später zur Seite legen werden, ohne es abgeschlossen zu haben, hat einen simplen Grund: Es ist durch und durch unverständlich geschrieben und damit letztlich unlesbar. Der Autor scheitert völlig und umfassend daran, auch intelligenten und lernwilligen Lesern in einigermaßen klarer und verständlicher Sprache zu vermitteln, was er meint. Stattdessen produziert er eine fast 600 eng beschriebene Seiten lange Textwurst aus sprachlich völlig verdorbenen Zutaten, die keinerlei Erkenntnisgewinn verschaffen.
Angeblich geht es darum, “eine neue Grundlage des philosophischen Materialismus” (Klappentext) zu schaffen; ob das gelungen ist, werden die allermeisten Leser genauso wenig beurteilen können wie der Rezensent. Weil sie es nicht zu Ende lesen werden. Schon nach wenigen Seiten türmen sich Sätze auf zu mächtigen Barrieren, die das Fortkommen trostlos erscheinen lassen: “Pippin interpretiert meine Unvollständigkeitsthese richtigerweise vor dem Hintergrund des Status der Subjektivität, er ist sich durchaus bewusst, dass ich den Topos der ontologischen Unvollständigkeit entwickle, um die Frage zu beantworten: ,Wie muss die Realität strukturiert sein, damit (so etwas wie) die Subjektivität in ihr entstehen kann?‘” Oder: “Der hegelianische Weg wäre eine dritte Alternative: eine immanente strukturelle Inkonsistenz, welche die formale Matrix von innen her aufgrund eines inhärenten Antagonismus nicht wegen eines Exzesses der Realität scheitern lässt.” Oder: “Stellt das Zurückspiegeln der ideologischen oder kognitiven Antinomiein der Realität nicht bloß eine Homologie zwischen der Inkonsistenz in der Ideologie und dem Antagonismus in der Realität her ..?”

Das sind nicht ein paar boshaft herausgepickte Passagen philosophischen Bullshit-Bingos; so geht das vielmehr vom Anfang bis zum 600 Seiten entfernten erlösenden Ende, so man sich das wirklich antun will. Eine “gewisse Sperrigkeit seiner Formulierungen” hat ein deutscher Rezensent das genannt, was ungefähr so ist, als würde man Stalin “einen gewissen Hang zu demokratiepolitischen Defiziten” attestieren.

Formal und sprachlich steht Žižek damit offenkundig in der Tradition Hegels, einem der Fixsterne in seinem Philosophen-Universum. Hegels Satz “Die Reflexionsbestimmung, indem sie zugrunde geht, erhält ihre wahrhafte Bedeutung, der absolute Gegenstoß ihrer in sich selbst zu sein, nämlich dass das Gesetztsein, das dem Wesen zukommt, nur als aufgehobenes Gesetztsein ist und umgekehrt, dass nur das sich aufhebende Gesetztsein das Gesetztsein des Wesens ist” ist deshalb auch der Titel des Werkes entnommen.

Plädoyer für Trump von links
Dass Žižek, Sloweniens zweitbekanntester Export-Popstar hinter Melania Trump, dermaßen wenig Rücksicht auf seine Leser nimmt, ist insofern bedauerlich, als der Mann durchaus zu originellem und nichtkonformistischem Gedankengut neigt – einer ja eher selten gewordenen Tugend. So hat sich der politisch links stehende Žižek etwa im Herbst 2016 ausgerechnet für Donald Trump als US-Präsident ausgesprochen. “Die eigentliche Gefahr ist Hillary”, erklärte er in einem Fernsehinterview, weil sie “eine unmögliche All-inclusive-Koalition” aufbaue. “Sollte Trump siegen, dann müssen beide Parteien, die Republikaner und die Demokraten, zu ihren Grundlagen zurückkehren und umdenken.” Dies würde zu “einem großen Erwachen” führen. Trump werde “keinen Faschismus einführen”.

Na bitte, geht doch, und ist gar nicht so schwer: Ein klarer Gedanke, ein klarer Satz, man kennt sich aus, egal ob’s stimmt oder nicht. Was man von seinem jüngsten Werk leider nicht behaupten kann. (“WZ”)

 

Absoluter Gegenstoß

Versuch einer Neubegründung des dialektischen Materialismus

Slavoj Žižek

S. Fischer, 656 Seiten, 28,80 Euro

9 Gedanken zu „Des Philosophen Bullshit-Bingo

  1. Rado

    Die Unsinnsdefinition von Wittgenstein gilt eben immer noch.

  2. Selbstdenker

    Kann es sein, dass der gute Mann seine Inspiration dem Postmodernism Generator (einfach im Web suchen) verdankt. Ich kann mich noch vage daran erinnern, daß vor Jahren ein synthetisch generierter Bullshit-Text von der akademischen Fachwelt in höchsten Tönen gelobt wurde.

  3. stiller Mitleser

    Der letzte Späthegelianer ist – zugegebenermaßen – ein großer Schwadroneur, dessen Zumutungen Herr Ortner hier freimütig und entschlossen abwehrt (drauf einen Mittagsmartini, oder zwei).
    Aber unter Linken kann halt nur ein ordentlicher Hegelianer zu Denkbewegungen gelangen, die ihm obgenannte Bemerkungen zu Trump erlauben.

  4. Lisa

    Es gibt eben immer noch Menschen, die glauben, was schwierig zu lesen und zu verstehen sei, sei besonders gehaltvoll und wissenswert. Ein Lob der “einfachen Sprache”! Wenn schon Philosoph, dann Wittgenstein. Die meisten – Heidegger voran, Hegel gleich danach – leiden an mangelner Kommunikationsfähigkeit und letztlich auch an wirklich klaren Gedanken.. Nota bene ist der Anteil an Schizophrenen und Schizoiden unte Philosophen und andern “Geisteswissenschaflern” besonders hoch… (hospitalisiert werden nur die Auffälligen: wer seine Lebenshaltungkosten selbst finanzieren kann und nicht in der Gegend rumschreit und randaliert oder sonstwie sozial auffällig wird, bleibt von der Psychiatrie verschont… nur Menschen in nahen Beziehungen, Ehepartner, Familienangehörige wissen darum und ertragen es allenfalls – aus welchen Gründen auch immer. Da dieser Menschentyp enge Beziehungen indes ohnehin vermeidet, hält sich der Schaden in Grenzen.

  5. Gscheithaufen

    Der Untertitel sagt ja schon einiges: “Versuch….”
    Im übrigen ist vor allem im deutschen Sprachraum die möglichst komplizierte Ausdrucksweise in den allermeisten Fachwelten DAS Unterscheidungsmerkmal der Fachwelten untereinander und vor allem zur Alltagswelt. Blöd ist aber nur, dass die Teilhaber der Alltagswelt dann jenen eher folgen, die Kompliziertes scheinbar einfach erklären können.

  6. Konrad Kern

    Die (antisemitische) “Filosofin” Judith Butler schreibt genauso (einen BS). Linke stehen auf sowas.

  7. Leitwolf22

    Hier jammern doch nur die Bildungsverlierer! Was gibt es besseres, als wenn man beim Lesen eines Buches so ganz nebenbei noch Griechisch und Latein lernt? Eben! Ausserdem braucht man ja nur die Fremdwörter durch robustes Deutsch ersetzen, und schon erschließt sich uns allen der Sinn dieser Phrasen. Guckst du da:

    “Stellt das Zurückspiegeln der ideologischen- oder Wahrnehmungswidersprüche der Realität nicht bloß eine Übereinstimmung zwischen der Unvereinbarkeit in der Ideologie und der Gegnerschaft in der Realität her?”

    Jetzt verstehts doch wirklich jeder, oder??? 😉

  8. Thomas Holzer

    @Lisa
    Sie schreiben es!
    Diesen Eindruck versuchen uns auch tagtäglich “unsere” Politikerdarsteller zu vermitteln,
    Einfach, stringent, logisch ist böse, möglichst unverständlich, kompliziert, nicht mal selbst verstehend ist gut und “intellektuell”
    Siehe (fast) sämtliche Gesetzestexte der vergangenen Jahre

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