Des Wählers Wille

Von | 25. Mai 2016

“….Dass die FPÖ mit ihrer chauvinistischen und xenophoben Rhetorik genau jene Wählerschichten erreicht, die sich von der herrschenden Politik ebenso wenig angesprochen fühlen wie vom Vokabular und von den Attitüden der Meinungseliten, ist allerdings nichts Neues. Neu ist, dass mit diesen Ressentiments die Hälfte der Wähler mobilisiert werden konnte. So viele ungebildete Männer gibt es nicht einmal in Österreich. Hier würde es sich doch lohnen, ein wenig genauer hinzuschauen. Gespalten ist das Land deshalb aber nicht. Es hat sich nur ein bisschen in Demokratie geübt. Und knappe Mehrheiten bei divergenten Positionen gehören nun einmal zu deren Usanzen. Es ist deshalb auch nicht notwendig, fiktive Gräben rhetorisch zuzuschütten. Es würde genügen, die sozialen Spannungen und Verwerfungen, die es auch in diesem Land gibt, wahrzunehmen, angemessen darauf zu reagieren und endlich zu akzeptieren, dass Demokratie nicht die Herstellung von ideologischer Einheit, sondern den zivilisierten Umgang mit politischen Differenzen bedeutet…..” (NZZ)

23 Gedanken zu „Des Wählers Wille

  1. Der Realist

    Ich kann dieses Gerede vom gespaltenen Land nicht mehr hören. Bei zwei Kandidaten ist es nicht ungewöhnlich, zumindest in einer Demokratie nicht, dass diese am Ende ziemlich gleichauf liegen, nicht zum ersten Mal. Auch die Klassifizierung der Wähler geht ziemlich ins Leere, mag sie auch teilweise stimmen. Sehr viele mit abgeschlossenem Studium und bestens situiert, zählen zu den Hofer-Wählern. Für viele war Van der Bellen einfach nicht wählbar, schon aufgrund seiner politischen Vergangenheit und seiner plötzlichen Wandlung. Dass für all die politisch “Überkorrekten” und Pseudointellektuellen Herr Hofer nicht wählbar war, braucht man nicht extra betonen.

  2. wbeier

    >So viele ungebildete Männer gibt es nicht einmal in Österreich. Hier würde es sich doch lohnen, ein wenig genauer hinzuschauen.<
    Na also, noch eine Analyse eines weiteren Erklärbären wobei er geflissentlich übersieht, dass es doch zwei Lager gibt, die allerdings wenig mit Ideologien und Parteiprogrammen zu tun haben. Und ja, es lohnt sich ein wenig genauer hinzuschauen, wenn der Archetyp des Hoferwählers von den Bildungsaffinen akkordiert auf – und abgearbeitet wird.
    Dabei ist das ganz einfach: Männlich, weiß mit hiesigen Wurzeln, heterosexuell, mäßig gebildet, chauvinistisch/provinziell, latent sexistisch, Xeno- und Abstiegsphobiker, Modernisierungsverlierer, Fleischesser mit riesigem biologischen Fußabdruck, vielleicht sogar „Auto- bzw. Waffennarr“ und was weiß ich noch alles?
    Kurzum der Kerl, der letztlich für das Elend dieser Welt verantwortlich ist! Wie gut tut es doch, sich davon moralisch, sozial und intellektull abzuheben und darüber zu stehen (?)

  3. Nattl

    Der Hauptgrund war wohl, dass diesesmal erstmals mehrere ernstzunehmende Kandidaten aufgestellt wurden. Erinnert sich noch jemand an die Gegenkandidaten von Fischer oder Klestil ohne nachzuschauen?

  4. Rado

    @nattl Fischer: einmal Benita Ferrero-Waldner beim zweiten Mal niemand

  5. Der Realist

    @Nattl
    Hundstorfer, Khol, bezüglich Ernsthaftigkeit überlasse ich die Beurteilung anderen

  6. Erich

    »Wer wagt es, Rittersmann oder Knapp, zu tauchen in diesen Schlund?” fragt uns schon ein gewisser Friedrich Schiller (solche Gedichte oder Dichter waren bei der Zentralmatura nicht einmal angedacht?). Heute heißt es, “Wer wagt es, sich öffentlich als Hoferwähler zu outen”? Als einer dieser dummen, ungebildeten, schmutzigen Menschen, die Fremde hassen und Angst haben, ihren primitiven Arbeitsplatz zu verlieren? Die Bobos würden mich doch verachten und zusammen mit den Wahlhelfern (die beim Ausfüllen der Briefwahlzettel Anregungen gaben) auslachen und ins EU-Land (allerdings nur die ehemaligen Staaten im “Westen”) dürfte ich bald auch nicht mehr fahren.
    Zudem kann mir niemand garantieren, dass nicht linke Horden vor meinem Haus auftauchen und es bestenfalls nur beschmieren. Schließlich war der Vorarlberger Amokläufer ja auch ein gewaltbereiter Na*i (eine wichtige Meldung des ORF, selbst wenn seine Tat damit überhaupt nichts zu tun hat). Und seine Waffen hat er illegal beschafft, da hätte auch kein Gesetz geholfen. Lieber feig und das Leben weiter genießen (und heimlich Sarrazin und Houllebecq lesen)!

  7. Thomas Holzer

    @Erich
    Das ist mir bei der Berichterstattung über den Amoklauf auch aufgefallen; seit bekannt wurde, daß er sich mal in einschlägigen Kreisen bewegt hatte, wird (fast) nur noch darüber berichtet.
    Sogar der Leiter des DÖW verstieg sich zu der dreisten Aussage, daß man nun, nach dieser Tat, energischer gegen den Rechtsextremismus vorgehen müsse.

  8. waldsee

    was immer der vdb sagen wird,ich halte mich an m.djilas:
    “im sozialismus (dahin gehört er ja ,der vdb)
    geht es um die macht,nicht um inhalte.”

  9. Christian Peter

    Ganz ehrlich : Groß sind die Unterschiede der Parteiprogramme aller im österreichischen Parlament vertretenen Parteien nicht. Im Prinzip macht es kaum einen Unterschied, welche dieser Systemparteien den Bundeskanzler/Bundespräsidenten stellt. Politische Veränderung würden lediglich Parteien wie die EU – Austrittspartei bringen, diese sind aber nicht im Parlament vertreten und werden es wohl auch in Zukunft nicht sein.

  10. waldsee

    in der zukunft lauern gefahren durch 2 geistig vewandte gesellschaftsmodelle:
    1.internationaler sozialismus
    2.islam.
    beide haben die wahrheit gepachtet und verfügen über viel unterdrückungserfahrung.
    eine annäherung (diese ist im gang) wird schrecken bringen
    vdb ist nur ein kleiner vorläufer.

  11. Thomas Holzer

    @Waldsee
    Sie haben nicht ganz unrecht!
    Erlaube mir aber folgende Korrektur: beide GLAUBEN! die Wahrheit gepachtet zu haben 😉

    aber mit Fundamentalisten ist es halt schwierig, zu diskutieren 🙂

  12. gms

    wbeier,

    “Na also, noch eine Analyse eines weiteren Erklärbären wobei er geflissentlich übersieht, dass es doch zwei Lager gibt, die allerdings wenig mit Ideologien und Parteiprogrammen zu tun haben.”

    Selbstverständlich irrt Liessmann mit seiner Negation einer Gespaltenheit. Wollte man wohlwollend einen Grund für seinen Fehler behaupten, so liegt er darin, er benötige diesen falschen Befund als Auftakt für seine unmittelbar nachfolgende korrekte Aussage: ‘Demokratie [bedeutet] nicht die Herstellung von ideologischer Einheit, sondern den zivilisierten Umgang mit politischen Differenzen [..]’

    Erkennbar bleibt der innere Widerspruch, der sich wiederum nur mit einem Anschlußfehler übertünchen ließe, indem man besagte politische Differenzen als nicht systemrelevant behauptet oder alternativ ausführt, der jüngst beobachtbare Umgang mit ihnen wäre zivilisiert erfolgt, was wiederum beide Lager unter dem Schirm der Demokratie vereinigt hätte und es nicht zur sprichwörtlich verbrannten Erde gekommen wäre.

    Wer aufmerksam verfolgt, welche Kommentatoren aktuell welches Narrativ anpreisen, findet ein Muster, wonach insbesondere jene einen Riß in der Gesellschaft leugnen, die mit wiederholten Zuschreibungen der Angst- und Ressentimentbeladenheit an das unterlegene weniger linke Lager ausgerechnet jene Polarisierung mit daraus folgender Lagerbildung in Abrede stellen, die sie zuvor selbst betrieben hatten. Daß sich nun ausgerechnet auch der prinzipiell zur Erkenntnis fähige Paul Lissmann darin übt, ist eine traurige Teilerkenntnis der jüngsten Vorgänge.

    Wo ich Ihnen, Kollege wbeier, widerspreche, ist der Zugang, die Lagerbildung erfolgte abseits ideologischer Zugänge. Die klare Konfliktline besteht in der Haltung zur EU und dessen künftiger Ausgestaltung. Freiheit, Selbstbestimmung, Subsidiarität — all das sind ideologische Bauklötze, weshalb heute insbesondere jene die Bildung unversöhnlicher Lager in Abrede stellen, sie demnächst für künftige Weichenstellungen auf EU-Ebene, wenn schon nicht einen breiten Konsens behaupten können, so doch zumindest breite Ablehnung für intensivierten Souveränitätsverzicht in Abrede stellen werden.

    Hätte Van der Brüssel (man verzeihe die polemische Verballhornung) hoch gewonnen, ließe sich die Präsidentschaftswahl als vorgezogene Abstimmung über die künftige Eingliederung Österreichs in der EU verkaufen, nun aber muß der Ball gezielt flach gehalten und die Polarisierung kleingeschrieben werden. Die tatsächlich entscheidende politische Schlacht kommt erst, weshalb man heute mit gezielt verkleisterten Interpretationen aktueller Zustände schon jetzt hinkünftig günstige Positionen einnehmen will.

  13. mariuslupus

    Diese Kolumne in der NZZ oder vielleicht als Wahlanalyse gedacht zeigt deutlich auf wie weit die, früher liberale, NZZ nach links gerückt ist. Die NZZ hat in ihren ganzen Berichten vor und nach der Wahl, nicht berichtet, sondern Stimmung gemacht. Der Kandidat der FPÖ wurde grundsätzlich als Populist, Rechtsextremist, Ausländerfeind, Islamfeind usw. bezeichnet. Aber mit dieser politischer Orientierung hat die NZZ ihren Platz im linken Mainstream eingenommen. Aus dieser Perspektive kann sich es die NZZ auch erlauben 49,9% der österreichischen Bevölkerung als ungebildete männliche Rechtspopulisten zu bezeichnen.
    Diese Berichterstattung schreckt die NZZ auch vor Tatsacheverdrehung nicht zurück. Die Grünen sind schon längst keine Oppositionspartei, sondern sondern die Protagonisten dieser Partei, VdB inklusive, sind eine zuverlässige Unterstützung für alles, was sich am linken Flügel der SPÖ bewegt.

  14. Falke

    @mariusplus
    Was umso erstaunlicher ist, als ja der Chefredakteur der NZZ Österreich der ehemalige Presse-Chefredakteuer Michael Fleischhacker ist, der (zumindest während seiner Presse-Zeit) absolut kein links-grüner Gutmensch sondern ein fast als “liberal” zu bezeichnender durchaus enrst zu nehmender Journalist war. Tempora mutantur ….

  15. Fragolin

    @Falke
    Journalisten haben es nicht leicht heutzutage. Entweder man passt sich an oder man wird zum Ulfkotte… 😉

  16. Selbstdenker

    “So viele ungebildete Männer gibt es nicht einmal in Österreich.”

    Könnte es sein, dass man hier Chauvinismus mit Chauvinismus “bekämpfen” möchte?

  17. gms

    Falke

    “Was umso erstaunlicher ist, als ja der Chefredakteur der NZZ Österreich der ehemalige Presse-Chefredakteuer Michael Fleischhacker ist.”

    Für den österreichischen Ableger der NZZ trifft Fleischhacker als Chefredakteur zu. Erkennbar Schlagseite die Wahl in Österreich betreffend hatte fraglos die schweizerische Mutter, unabhängig davon, was in der hiesigen Ausgabe getrieben oder gelassen wurde und worüber zumindest ich mangels Einblicke nicht urteilen kann. Daß ausgerechnet Fleichhacker persönlich auf den stinkenden Bandwagon des braunen Mainstreams aufgesprungen wäre, will ich bis auf Plausibilisierung des Gegenteils versuchsweise in Abrede stellen.

    Anyway — im Englischen wird Hegel zusammengefaßt mit der Formel: “To synthesize a new order, it is first necessary to create opposites sides and then bring them into conflict.”

    Wer demgemäß etwa die Rosaroten in Österreich oder die gegenwärtig zusammengestutzte FDP in Deutschland für eine liberale Partei hält oder die schweizer Neue Zürcher für ein liberales Blatt [1], hat die Bedeutung der Dialektik für jene nicht verstanden, die seit Langem schon erfolgreich am Verschieben von Macht und Einfluß werkeln. So wie Merkel mit der Vorhersagbarkeit des morgigen Datums die Maske fallen läßt, wenn’s mit entscheidenden Weichenstellungen drauf ankommt, so werden nicht minder andere zuvor in Position gebrachte Instituitonen und Individuen zum Brutus wider die Freiheit, falls es tatsächlich ans Eingemachte geht.

    Scheingefechte, Scheindebatten, Scheinopposition — politisches Brot und Spiele auf der Bühne zum Gaudium des Halbgebildeten, während hinter den Kulissen die grobe Route längst akkordiert ist. Einmal mehr ist das Positive an Krisen das Faktum, daß nahezu alle von Rang und Namen ein Bekenntnis abgeben müssen und hierbei in der Regel ihr eigenes voriges Wortgeklingel über Freiheit, Werte und den Rest als verlogene Heuchelei entlarven.

    Die NZZ durfte von wegen Van der Brüssel die Hosen runterlassen [2]? So was aber auch, wer hätte gedacht, was dabei zum Vorschein kommt, wo es sich bei dieser Zeitung doch vorgeblich um einen liberalen Leuchttum handelt.

    [1] swisspropaganda.wordpress.com/die-nzz-studie/
    [2] nzz.ch/international/europa/van-der-bellen-im-portraet-eine-gruene-identifikationsfigur-ld.84294

  18. astuga

    @Thomas Holzer
    Ohne Frage, gegen ihn gab es ja bereits während der Wahl die erste Demo in Wien.

    Btw. Ich kann mich nicht erinnern, dass sich Van der Bellen jemals von Gewaltaufrufen oder Gewaltaktionen aus dem Umfeld der grünen Jugend distanziert hätte.
    Lediglich Pilz hat das als Abgeordneter getan.
    Auch die Glawischnig hat nur herumgestammelt ohne sich eindeutig dagegen auszusprechen.

  19. wbeier

    >Auch die Glawischnig hat nur herumgestammelt ohne sich eindeutig dagegen auszusprechen.<
    Na die Glawischnig hat sich punktgenau vor der vdB Entscheidungsschlacht am 21.05. in den Lederfauteuils der Golf-Lounge von Schloß Schönborn geräkelt. Ganz straight klassenkämpferisch, emanzipatorisch, öko und sowieso. Who the fuck, is "Sascha"???

  20. Christian Peter

    Könnte daran liegen, dass Wahlkartenwähler die Möglichkeit der doppelten Stimmabgabe nutzten.

    outro=1

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