Die Abschaffung der Verantwortung

(C. ORTNER) Gewiss: Wer sich vor ein paar Jahren einen Kredit in Schweizer Franken aufgenommen hat, der ist nun nach dessen massiver Aufwertung ein ziemlich armer Hund und im Normalfall schlagartig um ein paar zehntausend Euro ärmer. Deshalb wird bei nicht wenigen Mitbürgern eine gewisse Sympathie ausgelöst haben, dass nun etwa ein Kärntner Landespolitiker fordert, der Staat möge die Opfer des knallharten Frankens durch entsprechende Beihilfen schadlos halten, grad als handelte es sich bei den Kreditnehmern um Opfer einer Naturkatastrophe – und nicht einer schiefgegangenen Währungsspekulation.
Der gleichen Logik folgt eine geplante juristische Attacke von Konsumentenschützern auf Banken, deren Kunden trotz einschlägiger Absicherungsgeschäfte vom Anstieg des Franken voll erwischt wurden – und die mit ihrer eigenen Unterschrift bekundet haben, von der Bank darüber aufgeklärt worden zu sein, dass diese Absicherungsgeschäfte bei einer Intervention der Schweizer Nationalbank nichts absichern können. Obwohl also genau jenes Risiko schlagend geworden ist, vor dem sie schriftlich gewarnt wurden, sollen sie nicht dafür haften.

Hier wird eine sukzessive Entsorgung des Prinzips der Haftung und der Verantwortung fürs eigene Handeln beispielhaft sichtbar. Und natürlich der dreiste Anspruch auf das Privatisieren der Gewinne (etwa aus billigen Franken-Zinsen) und des Sozialisierens der Verluste (die dann bitte gefälligst der Staat oder die Banken übernehmen sollen).

Viele große Akteure auf den Finanzmärkten haben das jahrelang genauso betrieben: Solange die Gewinne aus hochriskanten Geschäften sprudelten, wurden sie mit Vergnügen eingesteckt; als es dann krachte, nahm man die Staaten in die Pflicht. Auch hier schaffte man Haftung und Verantwortung ab.

Diese Haltung greift mittlerweile um sich wie Influenza in einer ungeimpften Schulklasse. Gerne lukrieren Eigenheim-Errichter die Kostenvorteile eines von Hochwasser oder rutschenden Berghängen bedrohten Grundstücks – und wenn dann das Wasser tatsächlich im Keller steht, möge doch bitte die Allgemeinheit den Schaden übernehmen. Die hat ja auch jene Landwirte zu entschädigen, deren ohnehin überschaubares Unternehmerrisiko schlagend wird, wenn ihnen umständehalber der russische Markt abhandenkommt. Die Liste ist beliebig verlängerbar, die Denke dahinter immer dieselbe.

Selbst Staaten versuchen mittlerweile, das Gesetz der Haftung außer Kraft zu setzen, wie das üble griechische Beispiel zeigt. Oder das jenes südlichen österreichischen Bundeslandes, das nicht daran denkt, für die astronomischen Haftungen einzustehen, die es einst eingegangen ist (und für die es auch substanzielle Prämien kassiert hat).

So komfortabel sich die weitgehende Abschaffung des Haftungsprinzips für all jene anfühlen mag, die davon profitieren, so schädlich und ungesund ist sie insgesamt. Denn letztlich wird damit genau jene Unkultur des unverantwortlichen Handelns, des Zockens auf Teufel komm raus, des Ignorierens von Risiken und der leichtfertigen Verschuldung befeuert, die jene Wirtschaftskrise ausgelöst hat, die uns nun schon seit acht Jahren heimsucht. Und das ist so ziemlich genau das Letzte, was eine ökonomisch noch immer rekonvaleszente Welt derzeit braucht. (“WZ”)

11 comments

  1. H.Trickler

    – Je fürsorglicher sich Staat und Gesellschaft geben, desto unbeliebter wird Verantwortung. –

    >”und die mit ihrer eigenen Unterschrift bekundet haben, von der Bank darüber aufgeklärt worden zu sein, dass diese Absicherungsgeschäfte bei einer Intervention der Schweizer Nationalbank nichts absichern können.”

    Diesen Satz verstehe ich allerdings gar nicht. Es wäre doch jedem Häuslebauer weltweit offen gestanden, die in Fremdwährung CHF abgeschlossene Hypothek durch kongruente Devisentermingeschäfte zwischen CHF und seiner Landeswährung abzusichern: Jedes Mal wenn eine Zahlung in CHF fällig wird, ist der Betrag schon im Voraus 100% sicher zum Fixkurs eingekauft – basta!

    Warum niemand das gemacht hat? Weil wegen dem hohen Wechselkursrisiko diese Absicherung den Vorteil des günstigeren Zinssatzes aufgefressen hätte. Womit ebenfalls bewiesen ist, dass diese Gambler eben bewusst vom Wechselkursrisiko profitieren wollten.

    Allerdings stellt sich echt die Frage, ob Hinz und Kunz beim Abschluss der Hypothek, unabhängig von dem was sie unterzeichnet haben, von der Bank objektiv beraten worden sind? Eine vorsichtige Bank hätte niemals ein solches Geschäft empfehlen dürfen!

  2. Selbstdenker

    Man sollte den Grund, warum viele Häuselbauer einen Frankenkredit aufgenommen haben, nicht außer acht lassen:

    Man hat darauf spekuliert, dass die Zinsbelastung im Franken niedriger als im Euro bleibt bzw. es über die gesamte Laufzeit zu keiner Franken-Aufwertung kommt.

    Jene, die dieses Risiko nicht eingegangen sind und dafür höhere Zinsen bezahlt haben, dürfen weiterhin brav ihren Kredit abstottern. Dafür bekommen diejenigen, die zuvor einige Jahre von dieser Spekulation profitiert haben nun das Risiko abgegolten.

    Aber es geht noch weiter: wenn dank der Euro-“Rettungs”-Politik der Wert einer Liegenschaft in ein paar Jahren nominell z.B. von EUR 400.000,- auf EUR 1.000.000,- gestiegen ist, darf der Hauseigentümer, der vielleicht bis dahin seinen Kredit abgestottert hat, dann als Ersatz die Vermögenssteuer bezahlen.

    Ob sich mit einem solchen Haftungsmodell die Wirtschaft und die Gesellschaft in Europa in eine Richtung entwickeln wird mit der sie die Chance hat mittel- bis langfristig zu überleben, wage ich zu bezweifeln.

    Vielleicht haben die Griechen ja wirklich recht: feiern wir die letzten Tage Europas mit einer rauschenden Party und lassen wir den Karren an die Wand fahren. Wenn eh immer “die anderen” zahlen ist ohnedies alles egal.

  3. Herbert Manninger

    Klar, beim Kursgewinn genüsslich überall prahlen, wie intelligent man doch sei – und bei Verlust flugs in die Rolle des bedauernswerten, betrogenen, nicht aufgeklärt wordenen Opfers schlüpfen!
    Die ewige Legende vom ehrlichen, am Profit uninteressierten ,,kleinen Mann”, hilflos eingeklemmt in der Welt der großen, gierigen Zocker.

  4. RobertSpeil

    Diese Sympathien sind ein Zeichen,von Sehnsucht nach Bevormundung-alles macht der STAAT(dies ist eine anonyme Institution)Die Leute wissen nicht,wer ist der STAAT(der Bürger-oder wos)?

  5. Christian Weiss

    “Die ewige Legende vom ehrlichen, am Profit uninteressierten ,,kleinen Mann”, hilflos eingeklemmt in der Welt der großen, gierigen Zocker.”

    Da mag ich mich gut an Fernsehbeiträge nach dem Platzen der Subprime-Blase erinnern: Kleinanleger, die ihr Erspartes verbraten hatten, und sich bitterlich über böse Anlageberater beklagten, die sie nicht richtig über die Risiken aufgeklärt hätten. Die hatten zwar alle Dollarzeichen in den Augen als sie von den möglichen Renditen im zweistelligen Prozentbereich hörten, aber gierig waren immer nur die anderen.

  6. Michael Schmid

    Ich bin selber ausgiebig von diesem Kursrutsch betroffen und wäre nie auf die Idee gekommen, von irgend jemandem anderen dafür schadlos gehalten werden zu wollen. Obwohl es ein gutes Argument dafür gäbe, wie mir ausgerechnet bei der Lektüre dieses Artikels aufgefallen ist: als die meisten Frankenkredite aufgenommen wurden, war die Mär vom “starken Euro” noch nicht so beschädigt wie heute. Und gerade die Deutschen und damit auch wir Österreicher waren eine starke Währung gewohnt, und das wurde ja auch vom Euro auf breiter Front behauptet. Dass es dann doch anders gekommen ist, lag nicht so auf der Hand wie heute. Genauso, wie das aktuelle Zinsniveau und die sonstigen Maßnahmen der EZB et al. die Anleger schädigt, hat es jetzt die Frankenkreditnehmer geschädigt. Fragt sich also, wer in diesem Falle die Zocker waren – man kann hier genau so gut eine Privatisierung des Schadens sehen, während die Gewinne weiterhin von den üblichen Verdächtigen – darunter natürlich die Sozialisten aller Couleurs, die weiterhin am Napf sitzen dürfen – lukriert werden …

  7. Peter Brauneis

    na, so ganz stimmts nicht! Die CHF-Kreditnehmer hatten weder auf eine Ab- noch Aufwertung des Franken spekuliert, sondern einfach das geringere Zinsniveau ausgenützt. Jahrzehntelang hatte kein Währungsrisiko zwischen DM (und somit auch Schilling/Holland-Gulden) und Schweizerfranken existiert. Und die Kreditnehmer hatten sich bloß auf die Lügenpolitiker in A und D verlassen: “Euro bleibt genauso stark wie die DM!”. Nun Ersatz für den Schaden aus den frechen Lügen ALLER Politiker zu verlangen, ist nicht ganz unverständlich.

  8. Passant

    Was hier über die Verantwortung gesagt wird, trifft voll auf Griechenland zu. Dort haben demokratisch gewählte Regierungen über Jahre mit sichtlicher Zustimmung ihrer Wähler jene Zustände herbeigeführt, unter denen das Volk heute leidet. Weder böse Feinde – seinerzeitige Kriegshandlungen der Deutschen sind ebensowenig relevant wie die der antiken Perser – noch unabwendbare Naturkatastrophen sind ursächlich. Trotzdem sollen wir dafür zahlen und haben dies bisher in beträchtlichem ausmass getan.

    Nicht ganz so ist es bei den Häuslbauern. Denn deren Misere entspringt keinem zu kalkulierenden wirtschaftlichen Risiko sondern der unverfrorenen politischen Absicht der EURO-Staaten, sich durch Deterioration der Gemeinschaftswährung die Staatsschulden auf rechtswidrige Weise, zum Schaden ihrer Bürger zu erleichtern. Dieser Schaden hätte auch die Schweizer getroffen, wenn sie die bis dahin ohnehin grosszügig in Kauf genommene Kursgarantie aufrecht erhalten hätten.

    Den Häuslbauern nun vorzuwerfen, sie seien selbst schuld, ist zynisch; sie sind Opfer eines politischen Verbrechens. Die Schuldigen dafür zur Verantwortung zu ziehen, hätte allerdings lediglich den Effekt, dass wieder wir, die Steuerzahler, dafür blechen müssten, wie bei Griechenland, Hypo, etc.

  9. Thomas Holzer

    Das zieht sich doch seit bald Jahrzehnten quer durch die “Gesellschaft”; Eigenverantwortung ist mittlerweile ein Fremdwort; es sind immer die anderen Schuld an einer allfälligen, eigenen Misere.
    Und “unsere” Politikerdarsteller schreiten munter voran, um allen anderen ein Beispiel zu geben, daß wirklich niemand für seine Entscheidung verantwortlich ist, sein kann, darf.
    Die Frage ist nur, wer wird, wenn die bösen Spekulanten, Reichen, Liberalen, Kapitalisten (endlich) eliminiert worden sind, als Sündenbock für das eigene Unvermögen herhalten dürfen/müssen………

  10. Mario Wolf

    Niemand fühlt sich verantwortlich, die Verantwortung wird an den Staat delegiert. Eigentlich das Führer-Prinzip. Hat mit Liberalität nichts gemeinsam. Liberal zu sein bedeutet zu erst Selbstverantwortung zu übernehmen

  11. Selbstdenker

    @Peter Brauneis
    @Passant
    Ich habe vor circa 10 Jahren selbst so einen Franken-Kredit Vortrag gesehen. Man hat sowohl mit dem niedrigen Zinsniveau als auch der mittel- bis langfristigen Wechselkursentwicklung spekuliert.

    Der Klassiker: ein Diagramm auf dem der langjährige Anstieg vom CHF in Relation zum EUR zu sehen war. Die Aussage: weiter steigt der CHF ohnedies nicht mehr. Manche haben sogar noch schöne Rechnungen aufgestellt, wonach sie ihr Haus viel kürzer abzahlen könnten, wenn der CHF eh bald zu sinken beginnt…

    Man muss allerdings zugute halten, dass damals das Ausmaß der geldpolitischen Verantwortungslosigkeit in Europa nicht absehbar war. Die trifft aber nicht nur die Franken-Kreditnehmer.

    Wer hält eigentlich diejenigen schadlos, die in überhaupt keines dieser Geschäfte verwickelt waren und bislang nur ungefragt blechen durften?

    Die Sparer? Die Steuerzahler? Wer entschädigt die?

Kommentar verfassen

Du kannst die folgenden HTML-Codes verwenden:
<a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <s> <strike> <strong>

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden .