Die Angst derer da oben vor denen da unten

(MARTIN VOTZI) Eines kann man Christian Kern nicht absprechen: rhetorisches Talent, gepaart mit dem Drang zur Inszenierung. Manchmal gibt uns das sogar Einblick in das, was er wirklich zu denken scheint.

Wenn er etwa im Gespräch mit dem Chefredakteur der “Zeit” von sich gibt, dass „diese Leute (gemeint sind die Wähler oder Sympathisanten der rechtspopulistischen Parteien, wie z.B. die FPÖ) wollen das System und die Eliten auf den Knien sehen, …“, dann spricht neben der Verachtung dieser Menschen auch eine gehörige Portion Angst aus ihm.

Die Begründung „weil sie sich deklassieret und ausgeschlossen fühlen“ schiebt die Ursachen auf die Gefühlsebene. Die fühlen sich nur so. Wir kümmern uns doch eh um ihre Sorgen und Nöte.

Das dumme Volk. Nennen wir es ruhig so. Auch wenn die „Eliten“ es nicht offen aussprechen, insinuiert ihre Argumentation diese Haltung. Nehmen wir mal den Eiertanz um Ceta.  Auf einmal fällt Christian Kern ein, dagegen zu sein, wenigstens ein bisschen. Prompt lässt er die Mitglieder der SPÖ befragen und erreicht ein klares Votum gegen Ceta bei einer gleichzeitigen Beteiligung im Bereich der statistischen Irrelevanz. Eine Volksabstimmung über Ceta will er aber nicht.

An diesem Beispiel zeigt sich ein klares Muster. Man hält das Volk nicht nur für so dumm, dass es keine „richtige“ Entscheidung treffen kann, nein, man kann es auch nach Belieben manipulieren. Ceta zeigt, dass es unseren Politikern nicht um Information, um eine sachliche Aufbereitung von Für und Wider geht, sondern um Desinformation und Verschleierung zum eigenen Nutzen.

Auch der gestrige Abend hat gezeigt, dass die „Eliten“ das Volk für unfähig halten, Recht zu sprechen. Der hochgehypte Film „Terror“, in dem es um die Entscheidung eines Kampfpiloten geht, die Flugzeugpassagiere einer entführten Maschine zugunsten der Rettung Zigtausender in einem Stadion zu opfern, endete mit einer Abstimmung der Zuseher über „schuldig“ oder eben „nicht schuldig“. Das eindeutige Ergebnis von mehr als 85 % für „nicht schuldig“ wurde in den nachfolgenden Diskussionen von Politikern und Fachleuten zerpflückt. Das wäre ja Volksjustiz, wenn sich die Bürger nicht auf Paragraphen und die Verfassung zurückzögen, sondern eine konkrete Situation nach ihrem Rechtsgefühl beurteilen würden.

Ein praktisches Beispiel für die vermeintliche Inkompetenz des „Normalbürgers“ muss man nicht lange suchen. Ende September wurde der Amokfahrer von Graz von einem Schöffengericht für schuldig und zum Zeitpunkt der Tat zurechnungsfähig befunden. Prompt hat dies zu einer Diskussion über den Sinn der Laiengerichtsbarkeit geführt. Nur am Rande: während des Nationalsozialismus wurde diese abgeschafft.

14 comments

  1. sokrates9

    Solange man mit den primitivsten Argumenten beim “Volk” durchkommt, ist eigentlich die Angst des Politikers berechtigt. Das Volk glaubt tatsächlich diese Nonsensargumente! Mitterlehner gestern: Jetzt gibt es über 100 Handelsabkommen, und nun regt man sich plötzlich auf! – Dass es aber kein vergleichbares mit 1700 Seiten gibt, das europäische Rechtsphilosophie eliminiert und Parlamente kastriert sieht er nicht oder will es nicht sehen!

  2. Wonderwall

    Ja, wenn man ständig Meinungsumfragen und Spin-Doktoren braucht, um zu ergründen was “die da draußen” so denken, impliziert das schon eine gewaltige Abgehobenheit der regierenden “Elite”.
    Aber keine Sorge liebe Untertanen, ihr seid bei Herrn Kern bestens aufgehoben. Er sagt euch wofür euer Steuergeld verwendet werden muß.
    Und was mich betrifft, muß er sich auch keine Sorgen machen, daß ich ihn auf den Knien sehen will. Mir reicht es schon, wenn er wieder in dem Rattenloch verschwindet aus dem er hervorgekrochen ist…

  3. Fragolin

    Unser Pudel Kern, ich mag ihn, irgendwann spendiere ich ihm mal ein frolic.
    “…rhetorisches Talent, gepaart mit dem Drang zur Inszenierung.”
    Kennich. Nennt man “Dampfplauderer”.
    Wäre nicht so schlimm, wenn er nur das wäre. Das erwartet man bei Politikern und Managern aus den geschützten Werkstätten nicht anders. Und erwartungsgemäß kommt der übliche Schuss Präpotenz hinzu:
    „…weil sie sich deklassiert und ausgeschlossen fühlen…“
    Nee, Pudelchen! Abgesehen davon, dass ausgerechnet Kern das Wort “Klasse” im Munde führt, was ungefähr so authentisch rüberkommt wie Faymanns Auslassungen über Intelligenz, sind diese Leute alles andere als ausgeschlossen, sondern stehen mit beiden Beinen in der Mitte der Gesellschaft, dort wo jene materiellen Werte geschöpft werden, die der Ungewählte bevor er Ungewählter wurde mit vollen Händen aus den Fenstern seiner 1:1-Modellbahn geworfen hat und ven denen er bis jetzt recht üppig lebt. Würde sein Amt nur von freiwilligen Spenden leben sähe sich der Mann recht schnell mit einem Hut vor dem Steffl sitzen und um Almosen betteln.
    Ausgeschlossen hat sich diese als “politische Elite” fühlende abgehobene Kaste, deren einzige Kompetenz im präpotenten Dampfplaudern besteht, aus dem Rest der Gesellschaft. Sie stoffwechseln in einem selbstgeschaffenen Habitat aus Wichtichkeit und Schickeria und lassen von oben herab den Pöbel wissen, dass er ein dumpfer Pöbel ist.

    Meine Fresse, muss das weh tun, wenn selbstverliebte unterklassige Provinzdiven feststellen müssen, dass ihr billiges Publikum sie nicht dafür liebt, in einer beispiellos stümperhaft aufgeführrten Schmierenkomödie abgezockt, verschaukelt, verraten und um ihre erarbeiteten Werte und die Zukunft ihrer Kinder betrogen zu werden!

    Natürlich haben die Angst vor Laienrichtern.
    Und dass bei der gleichen Umfrage und dem Zusatz: “Stellen Sie sich vor, in dem Flieger saßen keine 164 Passagiere sondern die EU-Staatschefs und die gesamte Kommission” plötzlich knallharte 99,9% in Jubel ausgebrochen wären und dem Piloten sogar dann einen Orden überreichen würden, wenn gar kein Terroranschlag drohte. Denn spinnen wir den Faden mal weiter: Wenn das Abschießen eines Fliegers in dem Moment straffrei bleibt, wenn man damit Menschenleben retten kann, dann rechnen wir mal, äh, sagen wir eine Merkel und ein Juncker gegen so etwa wegen deren Politik 40.000 im Mittelmeer ersaufende arme Schlucker, dann würde ich mich an Stelle dieser beiden in keinen Flieger mehr trauen…

  4. Fragolin

    @Wonderwall
    Richtig. Da ist nicht eine einzige Gestalt dabei, die ich vor mir auf den Knien sehen möchte.
    Um es mal mit Donald Trump zu sagen… 😉

  5. Fragolin

    @sokrates9
    Den Vogel hat aber unser Ungewählter abgeschossen, als er der Plebs fröhlich verkündete, dass es ein beispielloser und nicht selbstverständlicher Sieg war, dass das Vertragswerk den Parlamenten vorgelegt wird.
    Der sagt ganz offen und ehrlich, dass wir in einer postdemokratischen Ära leben, in der es nicht mehr selbstverständlich ist, dass Parlamente Verträge ratifizieren müssen, damit diese geltendes Recht werden, sondern es ein fulminanter Erfolg ist, wenn der Brüsseler Kaiserhof einen Ukas gnädig durch Provinzvasallen bestätigen lässt.
    Und keiner merkt’s…

  6. Christian Peter

    ‘Die Laiengerichtsbarkeit wurde von den Nationalsozialisten abgeschafft.’

    Allerdings haben die korrupten Großparteien ÖVP und SPÖ die Weisungsgebundenheit der Staatsanwaltschaft mit großer Freude von den Nationalsozialisten übernommen. Daran hat sich in der Bananenrepublik Österreich bis in das Jahr 2016 nichts geändert, obwohl diese in fast allen Ländern Europas längst abgeschafft wurde.

  7. Erich

    Der “Terror”-Film+Appendix war nicht anderes als ein aufgeblähtes Moralproblem, das seit eh und je diskutiert wird. Es ist zB als Trolley-Problem bekannt (soll der rasende Zug auf einen vollbesetzten Personenzug fahren oder in die Ausweiche und dort 5 Gleisarbeiter töten?), vereinfacht sogar mit einer Straßenbahn, die außer Kontrolle 5 Personen töten würde aber durch Umlenken nur eine. Es gibt da noch viele Varianten die alle keine “Lösung” haben. Das Ergebnis einer Volksbefragung würde nur vom Geschick des Anklägers oder Verteidigers abhängen, welche Stimmung er erzeugen kann.
    Allerdings würden die Flugzeuginsassen beim Absturz auf das Stadion auch sterben – Variante mit einer Gefahrengemeinschaft: wurde das auch vom Publikum berücksichtigt?

    Sinnvoller wäre eine klare Regelung, ob ein Polizist einen Verbrecher töten darf, der Unbeteiligte als Geiseln nimmt und es klar ist, dass er in den nächsten Augenblicken eine davon umbringen wird. Im Kino schauen sich doch auch alle den 007 gerne an – der hat sogar eine Lizenz dazu.

  8. Reini

    Erich… könnte sein das du im Falschen Kinosaal sitzt? 😉 … passt aber auch auf Herrn Kern.

  9. mariuslupus

    Vermutlich, leider, ein falscher Ansatz. Die da oben, haben überhaupt keine Angst, vor denen da unten. Sie fühlen sich absolut sicher. Wie sicher sie sich fühlen, zeigt dass sie überhaupt keinen Bedarf haben, etwas was “da unten” vor sich geht wahrzunehmen. Die da oben, wieso gibt es in einer Demokratie, die da oben und die da unten, sind davon überzeugt die Elite nzu sein. Wer mit der Elite nicht der gleichen Meinung ist, gehört zum Pöbel, ist eine Dumpfbacke, usw. Irgendwie erinnert das an Feudalismus.
    Die Feudalherren waren überzeugt, der Bauer und der Ochse sind gleich, nur der Ochse hat Hörner.
    Wie war es möglich, dass diese Päpotenz und Arroganz zu normalen Haltung eines “gewählten” Politikers geworden ist ? Dieses real existierende Phänomen ist nur durch ein völlig abwegiges Auswahlverfahren in der Besetzung von politischen Ämtern, zu nerklären. Das vorhandene Auswahlverfahren garantiert ganz sicher, ein Ergebnis. Die Unfähigsten unter den Unfähigen, werden nach oben gespüllt.

  10. Fragolin

    @mariuslupus
    Das liegt wohl daran, dass es ein Feudalismus ist, in dem wir leben. Adelshäuser wurden ersetzt durch Parteihäuser und auf den Kaiserstuhl darf sich das Volk einen Hanswurst wählen, ansonsten ist es bis heute das gleiche Herrschafts- und Beamtensystem geblieben. Die Emporkömmlinge haben sich in die fein tapezierten Sessel des Adels gesetzt und lassen sich dort Kapaun und Champagner servieren, versorgen ihre Freunderl und Familie und spucken auf den Pöbel.
    Es ist die Fortsetzung der aten Weisheit: Der größte Traum eines Sklaven ist nicht, frei zu sein, sondern Sklaventrieber sein zu dürfen. Und so wurde der alte Adel verjagt und vor lauter Phantasielosigkeit ein neuer installiert, man erfand ein Ritual des Kreuzchenmalens und nannte sich fortan “Demokratie”.
    Hat damit nichts zu tun. Selten war das so deutlich wie heute.

  11. mariuslupus

    @Fragolin
    Ein erster Ansatz zu Entaristokratisierung könnte ein Volksbefragung zu Defenestration des Grüsaugust in der Hofburg. Man müsste nur eine redliche Kosten-Nutzen Rechnung aufstellen.

  12. Nimbus59

    Blöd wird es für die “Eliten” erst, wenn der Pöbel mit Mistgabeln und Kälberstricken am Ballhausplatz und vor dem Parlament aufmarschiert. In nicht mehr allzu ferner Zeit schaffen es unsere “Eliten” sicher, sich selbst auf diese Weise entsorgen zu lassen …

  13. Fragolin

    @Nimbus59
    Ach was. Die Zeiten sind vorbei. Aufrufe von APO-Bewegungen zu Demonstrationen werden von 50-100 Leuten befolgt; die Medien sorgen schnell dafür dies als “Aufmarsch Rexhtsradikaler” zu punzieren und schon schrecken alle davor zurück, sich mit solchen Nazis öffentlich sehen zu lassen. Und am Rande wird erwähnt, dass diese Elten nur einmal kurz pfeifen müssen und schon marschieren ihre SA-Truppen auf, vorneweg der Schwarze Block, gewaltbereite vermummte Importware, die friedlich und sanftmütig mit Knüppeln, Steinen und Schlagringen gegen die aggressiven Rechten, die es wagen einen brutalen terroristischen Sprechchor zu bilden, vorgehen. Tausende werden sich darüber auf Facebook erregen, die halben Kommentare wieder gelöscht, drei die es zu deutlich gesagt haben gesperrt und alles ist gut.
    Mistgabeln und Kälberstricke wurden von Menschen angewandt, die wussten, wie man damit umgeht. Heute weiß man ja nicht einmal mehr, dass Laternen nicht nur Licht geben und tagsüber auch kreativer eingesetzt werden könnten. Und mit einem Tweet, der eine halbe Stunde später gelöscht wird, ändert keiner was.
    Und die EU weiß schon, warum sie den Schießbefehl bei Volksaufständen ausgerufen hat. Das vergessen nämlich jene zu erwähnen, die sich darüber aufregen, wenn die AfD geltende Gesetze bestätigt, dass es eine Richtlinie gibt, die es den Staaten erlaubt und sie sogar dazu auffordert, wenns brenzlig wird, auf das eigene Volk zu schießen. Invasoren haben Menschenrechte, der eigene Pöbel nicht.

Kommentar verfassen

Du kannst die folgenden HTML-Codes verwenden:
<a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <s> <strike> <strong>

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden .