Die Bildung geht, die Knechtschaft kommt

(JOSEF STARGL) Bildung ist eine Quelle der europäischen Zivilisation. Sie ist mit einer Wertschätzung von individueller Freiheit, mit Skeptizismus und mit Nonkonformismus verbunden. Persönlichkeitsbildung eröffnet jedem einzelnen Menschen die Chance, einen eigenen Weg zu gehen, Wissen und Weisheit zu erwerben und die Verantwortung für die Folgen seiner Handlungen zu übernehmen.
Selbständiges Denken verlangt „Wissens- und Weisheitsdurst“, Lernbereitschaft, Freude an geistiger Tätigkeit bei der Wahrheitssuche, die Entwicklung von Lernfähigkeit und von Verständnis für Zusammenhänge sowie die Kultivierung von Urteilskraft.
Wer „Wissensarmut“ vermeiden und seine eigenen Grenzen erkennen will, der kann sich auch (Zivilisationen vergleichend!) mit einer „Geschichte lern- und lehrethischer Überlegungen“ auseinandersetzen.
In der europäischen Zivilisationstradition können wir erkennen, dass uns absolute Wahrheiten versagt sind. Wir sind Suchende. Es gibt eine Wertschätzung von Lehrern, die (auch von ihren Schülern) lernen, um zu lehren. Als „Weise“ werden jene Menschen bezeichnet, die von den Erkenntnissen der Wissenschaften, von anderen Menschen (im argumentativen und im erörternden Dialog sowie in der persönlichen Begegnung) und durch (ihre) Taten lernen.
Eine Persönlichkeitsbildung ermöglicht es dem Einzelnen, unverwechselbare Wege zu gehen und dabei staunend, neugierig, fragend, kreativ, vermutend, widersprechend, kritisierend, widerlegend, falsifizierend, irrend, korrigierend und (manchmal) auch erfolgreich voranzuschreiten.
Die Verschiedenheit der einzelnen Persönlichkeiten, ihre unterschiedlichen Ideen und ihre verschiedenen Fragen sind eine Chance. Der geistige Wettstreit, die Orientierung an den Tatsachen und die Umsetzung von Wissen und von Weisheit im „Tatenwettbewerb“ der Vielen lässt neues Wissen und neue Weisheiten entdecken.
In offenen Wettbewerbsordnungen kann jeder Einzelne einen Beitrag zu mehr Produktivität und zu mehr Wohlstand für ALLE leisten. Die Anerkennung und Wertschätzung der individuellen Freiheit unter dem Recht, Selbstbestimmung und Autonomie sind einer Fremdbestimmung und einer freiwilligen Unterwerfung in einem Kollektiv mit verbindlichen Wahrheiten vorzuziehen. Die Würde des Menschen ist nicht mit einer Bevormundung und mit einer Gängelung, sondern mit Mündigkeit verbunden.
Welche Folgen sind zu erwarten, wenn immer mehr (bildungsferne) Menschen in diesem Land nicht mehr bereit sind, den „Ausgang aus ihrer selbstverschuldeten Unmündigkeit“ zu suchen und zu wagen? Welche Auswirkungen kann es für eine offene Ordnung haben, wenn immer mehr Menschen darauf verzichten, ihre Persönlichkeitsbildung zu pflegen und eigene Wege zu gehen?
Selbstbestimmung ist eine Alternative zur Fremdbestimmung und zur Knechtschaft in Ordnungen mit absoluten Wahrheiten.

4 comments

  1. astuga

    Ich glaube die Knechtschaft beginnt bereits dort wo der (mittlerweile unzeitgemäße wie nicht politisch korrekte) Hausverstand und der ganz normale Anstand, wie man ihn als Kind von seiner Familie lernt flöten geht.

    Dazu zwei Beispiele…
    London – Terrorattacke London Bridge, 2017.
    Damals stellte sich ein mutiger Passant (Ok, er ist auch stolzer Hooligan) den Messerstechern in den Weg.
    Brachte deren Pläne durcheinander und ermöglichte anderen die Flucht.
    Er selbst wurde dabei durch Schnitte und Stiche schwer verletzt.
    Als Dank dafür wurde er mittlerweile auf die britische Anti-Terror-Watchlist gesetzt.
    Denn er gilt als potentieller radikaler Gewalttäter.

    Deutschland – es gibt eigene Arbeitsgruppen die sich mit tausenden sog. Hasskommentaren befassen.
    Gleichzeitig wurden im letzten Jahr 564 Verfahren gegen Jihadisten bzw IS-Kämpfer eingestellt.
    Nicht wegen deren möglicher Unschuld, sondern weil die Taten ja nur im Ausland begangen wurden.
    Quellen: Focus, die Zeit

    Beliebig erweiterbar…

  2. Rupert Wenger

    Danke für den Satz “Die Würde des Menschen ist nicht mit einer Bevormundung und mit einer Gängelung, sondern mit Mündigkeit verbunden”!!!

  3. sokrates9

    Solche Überlegungen kommen in den modernen Lehrplänen nicht mehr vor! Wichtig ist die soziale Kompetenz, Abschaffung des Wettbewerbs und der Noten, alle sind doch lieb und gleich….

  4. Marianne GOLLACZ

    eine weise Anleitung für die Befreiung aus dem Zustand, in dem sich Europa oder einzelne Länder, wie in den vorherigen Artikeln beschrieben, befinden.

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