Die Doppelmoral der Tugendwächter

(GEORG VETTER)  Am letzten Parteitag der SPÖ Niederösterreich stellte deren wiedergewählter Vorsitzender die asoziale Bundesregierung an den Pranger. Wohlgemerkt: Franz Schnabl verwendete das Wort asozial zur Beschreibung der Bundesregierung – nicht das Wort unsozial. Der Unterschied zwischen den beiden Adjektiven ist beträchtlich. Mich hat es bei den Abendnachrichten gerissen, wie man so sagt. Seit damals warte ich auf den Aufschrei der politisch korrekten Tugendwächter. Doch selbst jene Medien, die man im Innenministerium kürzlich nur mit dem gesetzlich Notwendigem versorgen wollte, haben jede Empörung vermissen lassen.
Hätte Franz Schnabl die Bundesregierung als unsozial bezeichnet, hätte seine Kritik auf die von ihm abgelehnten Maßnahmen der Sozialpolitik abgezielt. Eine solche Kritik muss man nicht teilen, sie ist aber zweifellos zulässig.
Bezeichnet Schnabl allerdings die Bundesregierung als asozial, charakterisiert er nicht deren Maßnahmen, sondern diese Bundesregierung als solche. Dabei verwendet er ein belastetes Vokabel, das im politischen Diskurs heutzutage praktisch nicht mehr vorkommt – weil es zu ungewollten Assoziationen führt. Man muss sich nicht unbedingt erst in Wikipedia schlau machen, um zu wissen, dass es sich um ein nationalsozialistisches Kampfwort handelt, dass der systematischen Ausgrenzung diente. Der Vorwurf des Asozialen wird von politisch sensiblen Menschen daher gemieden.
Wenn Bundeskanzler Kurz das Wort Achse verwendet oder Innenminister Kickl von einer konzentrierten Unterbringungen spricht, ist die sprachpolizeilich hellhörige Community gleich zur Stelle, um die Antifaschismuskeule auszupacken. Eine solche Sensibilität ist aber bekanntlich nicht auf die Regierungsspitzen beschränkt. Jeder Provinzpolitiker, der sich politisch unkorrekt äußert, kann ins Visier der linguistischen Wächter geraten. Wenn aber ein sozialdemokratischer Landespolitiker auf der Klaviatur längst vergangen scheinender Töne spielt, bleiben die Ohren der Wächter verschlossen.
Auf dem niederösterreichischen Parteitag war übrigens auch die designierte SPÖ-Vorsitzende Rendi-Wagner anwesend. Sie hätte berühmt werden können, wenn sie Franz Schnabl ob seiner verbalen Entgleisung zurechtgewiesen hätte.

4 comments

  1. sokrates9

    Für den klassischen Journalisten sind doch “unsozial” “asozial” so ähnlich wie “konzentrieren” absolute Schlagwörter deren “Bedeutung! er erst erkennt wenn ein in NS – Ideologie vertrauter ihm darauf aufmerksam macht! 18 , 88 sind doch auch solche Begriffe die erst von einschlägigen Stellen den Leuten beigebracht werden müssen!

  2. W. Mandl

    Ich vermute, dass den ungebildeten Journalisten der Unterschied zwischen den beiden Begriffen unsozial und asozial gar nicht bekannt ist.

  3. Falke

    @W. Mandl
    Nicht nur den ungebildeten Journalisten; ich vermute stark, dass Schnabl selbst eigentlich “unsozial” meint, aber mangels Bildung den Unterschied zu “asozial” nicht kennt.

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