Die drohende Erosion der Voraussetzungen von Wohlstand

Von | 12. Dezember 2020

(Rudolf Taschner; längerer Text) In keiner Epoche der Weltgeschichte war das Potential für Wohlstand aller Erdenbürger größer, als es in der Gegenwart ist. Dabei sprechen wir von einem Wohlstand, der auf einer Verbindung materieller Prosperität mit fairen Chancen gelingender Lebensführung und einem Mitsprache- und Mitgestaltungsrecht beruht, das allen und nicht nur wenigen offensteht.

Doch dieses optimistische Bild ist unübersehbar von Brüchen durchzogen. Sie sind Zeichen des drohenden Risikos, dass dieses Potential verspielt werden könnte. Oberflächlich betrachtet erinnern die Brüche an die Dämmerung des römischen Weltreichs: Noch immer streiten Gelehrte darüber, ob das Imperium Romanum an Dekadenz oder am Ansturm der Barbaren zugrunde gegangen sei. Sicher aber hätten diese ohne die Ermattung Roms den Limes wohl kaum überrannt. Und wie im alten Rom sind auch in der Gegenwart Neigungen zu Niedergang, Zerrüttung, Verblendung und Erschöpfung unübersehbar.
Drei Fragen stellen sich: Erstens: Wo sind die Quellen des Potentials für Wohlstand zu finden? Zweitens: Was hindert daran, dieses Potential auszuschöpfen, was verführt dazu, seine Quellen versiegen zu lassen? Drittens: Wie gelänge die Kehre, die der drohenden Erosion der Voraussetzungen von Wohlstand Einhalt geböte?

Quellen des Potentials für Wohlstand
Wenn zuvor der Vergleich zum Imperium Romanum angesprochen wurde, sind doch wesentliche Unterschiede zu benennen: Damals war Wohlstand höchstens jenen gegönnt, die das Schicksal römische Bürger sein ließ, und selbst unter diesen blieb er in seinem vollen Umfang denjenigen Bürgern der Stadt Rom vorbehalten, die der Nobilität angehörten. Die mit dem Euphemismus „Befriedung“ einhergehende Eroberung und Ausbeutung von Gebieten diente Rom zur Beschaffung der Ressourcen, die den Wohlstand der wenigen Privilegierten im Imperium sicherten. Und dies geschah zu Lasten der Provinzen und zu Lasten der rechtlosen Sklaven. Nicht der Konsens vieler, sondern die Herrschaft weniger war die Grundlage für den Erhalt des Imperiums.
Um ein Vielfaches länger als das Imperium Romanum währte das Reich der Pharaonen des alten Ägypten. Die Voraussetzungen dafür waren ideal: Von außen drohte aufgrund der geographisch vorteilhaften Lage selten Gefahr und im Inneren bestand eine zumeist sehr stabile Theokratie. Der „lebenspendende Nil“ sorgte dafür, dass die elementaren Bedürfnisse, bestehend aus Nahrung, Kleidung, Unterkunft, ohne großen Aufwand für alle befriedigt werden konnten. Doch die Vorstellung eines sozialen Aufstiegs oder gar einer Durchlässigkeit zwischen der Masse der Besitzlosen – jegliche Güter, insbesondere der von den Bauern bewirtschaftete Grund und Boden galten als bloß geliehen und waren Eigentum des Pharao – und der sehr dünnen Oberschicht wäre als gänzlich unverständlich und völlig absurd abgelehnt worden. Allein dem Pharao und seiner aus wenigen Begünstigten sowie aus ebenso wenigen Gebildeten bestehenden Entourage war es vergönnt, jene über die elementaren Bedürfnisse hinausgehenden Begehren zu stillen, die Grundlage für ein gutes Leben bilden.
Wirtschaften für die Zukunft

Der biblische Bericht über Joseph, den zweitjüngsten Sohn des Stammvaters Jakob, in Ägypten beinhaltet zudem jenen Angelpunkt, der einerseits die Befriedigung der elementaren Bedürfnisse für die vielen und der andererseits sowohl Herrschaftsstruktur als auch Luxus für die wenigen bewahrt und den Fortbestand des Reiches sichert: In den „sieben fetten Jahren“ mit einem Überfluss an Gütern wird nicht alles verbraucht,sondern es wird für die „sieben mageren Jahre“ gehortet. Abstrakt gesprochen: Wohlstand wird bewahrt, wenn man im Blick auf die Zukunft wirtschaftet. Hieraus entstand seit ältester Zeit, sogar noch vor der Erfindung des Geldes, die Idee des Zinses: Grundlegend für ihn ist die Erkenntnis, dass der Wert einer Ware von der Zeit abhängt und in vielen Fällen in der Zukunft größer ist als in der Vergangenheit.

Kein Geringerer als Karl Marx hatte diese Erkenntnis mathematisch verdichtet. Er unterschied zwei Arten des Wirtschaftens: Im ersten Fall, der sehr naheliegend ist, wird eine Ware W veräußert, dafür das Geld G erhalten und für dieses Geld eine Ware W* erworben, formelmäßig verkürzt zu W → G → W*. Der Grund für dieses Geschäft besteht darin, dass seinem Betreiber die Ware W* zuträglicher, nützlicher oder lohnender ist als die Ware W. Der Markt selbst verhält sich dazu neutral: aus seiner Position sind die beiden Waren W und W* gleich viel wert, nämlich das Geld G. Im zweiten Fall, der aus Marxens Sicht der interessantere ist, wird Geld G für eine Ware W investiert und danach wird aus der Veräußerung dieser Ware das Geld G* erworben, formelmäßig verkürzt zu G → W → G*. Wobei dieses Geschäft deshalb vollzogen wird, weil G* größer als G ist, Marx selbst schreibt dafür wie ein professioneller Mathematiker G* = G + G und nennt den darin G genannten Summanden den Mehrwert.
Wie dieser Mehrwert zustande kommt, scheint auf den ersten Blick rätselhaft. Denn in diesem Fall ist es nicht ein Einzelner, dem aus Eigeninteresse die Ware W* mehr wert ist als die Ware W, sondern es ist der allen offenstehende Markt, der zuerst die Ware mit dem Gelde G und danach mit dem vermehrten Gelde G* bewertet. Wie erklärt sich dieser Mehrwert?

Marx meinte, es sei überschüssige „Arbeitszeit“, so der von ihm gebrauchte Terminus, die den Mehrwert begründet. Paradigmatisch steht dafür das Beispiel des altägyptischen Reichs: Pharao investiert Geld einerseits für Korn als Saatgut, andererseits für die elementaren Bedürfnisse seiner Bauern, damit sie ihm als Arbeitskräfte zur Verfügung stehen, und diese verschaffen ihm mit dem Säen des Saatguts und der Bewirtschaftung des vom Nil durchtränkten Bodens so reiche Ernte, dass Pharao danach mehr besitzt als zuvor. Doch nur er, nicht die Masse der am Arbeitsprozess Beteiligten, profitiert von dem Geschäft.
A

llein, diese Sicht der Dinge greift zu kurz. Denn auch das Korn, das Pharao in den „fetten Jahren“ im Übermaß zur Verfügung hat und auf den Ratschlag des klugen Joseph nicht zu niedrigen Preisen veräußert, sondern in Silos hortet, bekommt in den nachfolgenden „mageren Jahren“ von selbst einen Wertzuwachs, da Pharao es jetzt zu hohen Preisen veräußern kann. Es ist folglich nicht überschüssige Arbeitszeit, die als einzige Mehrwert generieren kann, es ist die Zeit als solche, welche die Bedingung der Möglichkeit für den Mehrwert darstellt: Zu einer bestimmten Zeit ist die Ware W das Geld G wert, zu einer anderen Zeit ist die gleiche Ware das Geld G* wert. Allein die Zeit ist es, die der Formel G → W → G* ihren Sinn verleiht.

Wobei im Wirtschaftsgeschehen sowohl der frühen Hochkulturen wie jener des ägyptischen Reiches wie auch der klassischen Antike und des Mittelalters Wertezuwächse mit Werteverlusten abwechselten. Dem entsprach das Weltbild einer „ewigen Wiederkehr“ des Gleichen. „Nihil novi sub sole“ galt als Einsicht für den zwar mit Hoch- und Tiefpunkten variierenden, einem rollenden Rad gleichenden und eben darin gleichbleibenden Lauf der Geschichte. Darum war in diesen Epochen das Phänomen der auf einen im Mittel ständig steigenden Mehrwert fußenden Wirtschaft unbekannt.
Genauso wie der Begriff „soziale Gerechtigkeit“ auf völliges Unverständnis der damaligen Zeitgenossen stieße, wäre diesen auch die Idee eines sich stets entfaltenden „Fortschritts“ ganz und gar fremd.
Den entscheidenden Wandel brachte die Aufklärung. Eingeleitet wurde diese von den großen Entdeckungen: jene bislang fremder Erdteile mithilfe des Kompasses, jene bislang ungeahnter Welten im Großen mithilfe des Fernrohrs, jene bislang unvermuteter Welten im Kleinen mithilfe des Mikroskops. Und zu den Erfindungen von Kompass, Fernrohr, Mikroskop gesellte sich jene des Buchdrucks, die für eine schlagartige Verbreitung von Wissen und Ideen, pathetisch gesprochen: von Entdeckungen geistiger Welten sorgte. War im Mittelalter die vom Christentum durchdrungene Welt auf die Transzendenz hin fokussiert, senkte sich mit diesen Entdeckungen und Erfindungen der Blick vom Himmel auf die Erde, richtete sich vom Jenseits in das Diesseits.

Doch die Bedeutung des Christentums wurde dadurch nicht geschmälert, vielmehr beförderte es, bildhaft auf drei Hügeln gründend und in seiner Tradition auf diese Hügel weisend, das weltweit einzigartige Phänomen der Aufklärung. Diese drei Hügel sind zum einen das Kapitol in Rom, jener Hügel, der die Idee von Staat und Gesetz trägt, zum zweiten die Akropolis in Athen, jener Hügel, der in den Musen die Kunst und der die Philosophie trägt, und zum dritten der Berg Sion in Jerusalem, dem wir in Jesajas Worten den Deus absconditus und aus dem ersten Buch der Bibel die Offenbarung der Gottebenbildlichkeit des Menschen verdanken, die ausschlaggebende ideengeschichtliche Wurzel für die Entstehung der Menschenrechte.

Fünf Wegmarken
In zumindest fünffacher Weise hat sich, insbesondere in der von den Reformatoren Martin Luther, Johannes Calvin und anderen vollzogenen Umgestaltung des Christentums, die Blickrichtung von der Transzendenz künftiger Heilserwartung weg hin zur Immanenz gegenwärtiger Lebensentwürfe geändert: Erstens die Ausbildung des modernen Staatswesens und der Diplomatie, die in den italienischen Städten der Renaissance ihren Ursprung fand und sich in dem bezeichnenderweise von den Kardinälen Richelieu und Mazarin geprägten Frankreich als Vorbild für die anderen Mächte verfestigte. Zweitens die von der Bibelübersetzung Luthers, aber auch von dem Rechenbuch Adam Rieses in Gang gesetzte Tendenz zur Alphabetisierung, Schulung und Bildung aller Schichten der Bevölkerung. Drittens der dem Bibelwort „Macht euch die Erde untertan“ gehorchende Anbruch der Naturwissenschaften und der Technik, der in eine umfassende Industrialisierung mündete. Viertens die nach Vorlagen von Erasmus von Rotterdam, Thomas Morus und anderen humanistischen Gelehrten schließlich von den Gründervätern der Vereinigten Staaten von Amerika formulierte Maxime „That all men are created equal“ und die Proklamation der unveräußerlichen Rechte auf „Life, Liberty and the Pursuit of Happiness“ eines jeden Menschen. Fünftens letztendlich die vor allem auf Calvin zurückgehende Zuversicht, ein gottgefälliges Leben bestätige sich bereits im Diesseits durch Tüchtigkeit, Schaffensdrang und wirtschaftlichen Erfolg – Max Weber fand in seinem geistvollen Werk „Die protestantische Ethik und der Geist des Kapitalismus“ eben darin die Antwort auf die beiden klugen Fragen: Weshalb ist die von stetigem Wirtschaftswachstum und zunehmendem Wohlstand für alle geprägte Welt gerade im Europa und Nordamerika entstanden und nicht in anderen Regionen der Erde? Warum ist sie erst ab dem Zeitalter von Reformation, Humanismus und Aufklärung und nicht schon früher aufgetreten?

Diese fünf Wegmarken in den Blick zu nehmen ist das eine. Das andere ist, den Weg zum von diesen fünf Wegmarken abgesteckten Ziel tatsächlich zu beschreiten. Gleichsam als mächtigste Schrittmacher wirkten zum einen das Erwachen des freien Unternehmertums zusammen mit einer zeitgemäßen Infrastruktur von Banken und Finanzinstitutionen und zum anderen die eindrucksvollen Fortschritte in Naturwissenschaft und Technik, die im 19. Jahrhundert die erste industrielle Revolution mit Dampfkraft und Elektrizität in Gang setzte und die – wir überspringen an dieser Stelle Brüche im historischen Verlauf – ab der zweiten Hälfte des vorigen Jahrhunderts die von Elektronik und Digitalisierung geprägte zweite industrielle Revolution ermöglichte. Diese beiden Treiber, Unternehmertum und Industrie im weitesten Sinne des Wortes, sind zusammen mit den oben genannten fünf Wegmarken die Bedingungen der Möglichkeit von Wohlstand für alle Erdenbürger.

Man mag die oben genannte erste industrielle Revolution die noch „unvollendete industrielle Revolution“ nennen. Denn die auf der Mechanik, auf der Thermodynamik mit der Dampfkraft als Symbol, auf der Chemie und auf der Elektrodynamik beruhenden Geräte und Maschinen deckten nicht alles ab, was später, in der zweiten industriellen Revolution, die modernen naturwissenschaftlichen Disziplinen wie Atomphysik, Biochemie, Elektronik, Informatik, um nur die Hauptstränge zu nennen, an industrieller Umsetzung ermöglichten. Darum gelangte man mit der ersten industriellen Revolution noch nicht zu Wohlstand für alle, sondern immer noch bloß zu Wohlstand für eine Schicht Privilegierter. Wiewohl diese Schicht im Vergleich zu früheren Jahrhunderten an Breite massiv zulegte, und auch eine gewisse, wenn auch alles andere als ungehemmte Durchlässigkeit bestand: Einzelne konnten mit Anstrengung und Glück zum Aufsteiger werden, Garantien dafür gab es jedoch nicht.

Die Entstehung des weitgehend recht- und besitzlosen Proletariats von an den Maschinen der ersten, der „unvollendeten industriellen Revolution“ mühselig Arbeitenden beförderte zusammen mit den Idealen derGründerväter der Vereinigten Staaten die Verbreitung verschiedenster Strömungen des Sozialismus. Sie lassen sich in zwei Stoßrichtungen unterteilen. Die klassenkämpferische Stoßrichtung diente, wie Richard Pipes in seinem epochalen Werk „Die russische Revolution“ paradigmatisch für viele kommunistische Diktaturen darlegt, einer von Machtgier besessenen Intelligenzija als Steigbügelhalter unumschränkter Hegemonie und bereitete einer nur so genannten „klassenlosen Gesellschaft“ den Weg, der zu allem anderen als zu Wohlstand für alle führte. Die reformistische Stoßrichtung hingegen, die unter anderem auf Eduard Bernsteins einflussreichem Werk „Die Voraussetzungen des Sozialismus und die Aufgaben der Sozialdemokratie“ fußt, hat tatsächlich das Wohlergehen aller zum Ziel, das in einem gewaltfreien demokratischen Prozess angestrebt wird. Für Bernstein ist Demokratie nicht nur strategisches Utensil, sie besitzt hohes politisches Gewicht: „Die Demokratie ist Mittel und Zweck zugleich. Sie ist das Mittel der Erkämpfung des Sozialismus, und sie ist die Form der Verwirklichung des Sozialismus.“

Diese reformistische Stoßrichtung hat sich, jedenfalls in Europa, als gangbarer Weg bewährt, der – von grässlichen, in den 30er und 40er Jahren eingeschlagenen Abwegen abgesehen – im 20. Jahrhundert, vor allem in dessen zweiter Hälfte, namentlich in den 70er und 80er Jahren, als Königsweg erachtet wurde: In einem Artikel über „Europa als Lebensform“ stellte Hans-Ulrich Gumbrecht fest, dass Europa „jener politische, soziale und kulturelle Raum geworden ist, in dem die Sozialdemokratie, so wie sie nach 1950 als Konzept Gestalt angenommen hatte, Wirklichkeit geworden ist. Von dieser Grundlage aus hat sie sich dann vielfältig weiterentwickelt.“

Wesentlich dabei war, dass der unter dem Schlagwort „soziale Marktwirtschaft“ beschrittene Weg hinreichend viel Platz für freies Unternehmertum ließ. Am erfolgreichsten gestaltete er sich in den ersten Jahrzehnten nach dem Zweiten Weltkrieg just in Deutschland: Auf dem Ordoliberalismus Walter Euckens gründend setzte Ludwig Erhard das sogenannte „Deutsche Wirtschaftswunder“ in Gang, und in den Jahren der Kanzlerschaften von Willy Brandt, Helmut Schmidt und Helmut Kohl zeigte sich beispielhaft, wie die Orientierung nach den oben genannten fünf Wegmarken zu Wohlstand für die deutsche Bevölkerung führen kann. In Österreich wurde, wenn auch mit höherer Betonung auf die Leitsätze des reformistischen Sozialismus als auf jene des Ordoliberalismus oder gar der von der Österreichischen Schule der Nationalökonomie favorisierten Wirtschaftsmodelle, unter den Kanzlerschaften von Josef Klaus, Bruno Kreisky, Alfred Sinowatz und Franz Vranitzky ein ähnlicher Weg beschritten.
Doch bereits 1983 proklamierte Sir Ralf Dahrendorf das „Ende des sozialdemokratischen Zeitalters“, wobei, so Dahrendorf, sich sozialdemokratische Ideen nicht überlebt, sondern zu Tode gesiegt haben: „Das sozialdemokratische Programm ist attraktiv. Nur eben: Es ist ein Thema von gestern. Das gilt nicht nur, weil ungewollte Entwicklungen den Annahmen dieses Themas den Boden entzogen haben. Es gilt vor allem, weil das Thema seine Möglichkeiten erschöpft hat.“ Dadurch sind wir, wie Dahrendorf gemeint hat, „am Ende (fast) alle Sozialdemokraten geworden“.

Leicht wird dabei übersehen, dass die Erfüllung einstiger sozialistischer Wunschvorstellungen – „was wir ersehnen von der Zukunft Fernen: dass Brot und Arbeit uns gerüstet stehn, dass unsre Kinder in der Schule lernen und unsre Greise nicht mehr betteln gehn“ – weniger der Befolgung eines politischen Programms, vielmehr dem Durchbruch der zweiten industriellen Revolution zu verdanken ist: Sie ist der von Chemie und Biologie vorangetriebenen Landwirtschaft zu verdanken, die für genügend „Brot“ sorgt. Sie ist den elektronisch ausgefeilten Apparaturen, Fabrikanlagen, Dienstleistungsgeräten zu verdanken, die für „Arbeit“ ohne körperliche Plage, ohne stumpfsinnige Eintönigkeit sorgen. Sie ist den digitalen Lern- und Unterrichtsutensilien zu verdanken, die für jene „Schule“ sorgen, die allen Kindern Chancen für ihre Zukunft sichert. Sie ist dem spektakulären Fortschritt in der Medizin zu verdanken, der für ein hohes Niveau der Gesundheit, für eine lange Lebenserwartung und für Agilität selbst Hochbetagter sorgt, die nicht mehr wie „Greise“ wirken. Hierzu kommt eine Unzahl weiterer Durchbrüche; als ein Beispiel von vielen sei die Erfindung der Antibabypille genannt, die mehr für die Emanzipation von Frauen geleistet hat als wortreiche Manifeste.

Zeichen von Niedergang, Zerrüttung, Verblendung, Erschöpfung
Francis Fukuyama veröffentlichte 1992 „Das Ende der Geschichte“, ein vieldiskutiertes Buch, dessen englischer Originaltitel „The End of History and the Last Man“ den Topos des „letzen Menschen“ Friedrich Nietzsches anklingen lässt. Fukuyama bezieht sich darin dezidiert auf Georg Friedrich Wilhelm Hegels Geschichtsphilosophie, wonach Geschichte im Sinne einer letzten Synthese ein Ende erreicht. Hegel meinte dieses Ende zu seinen Lebzeiten wahrzunehmen: ein Endstadium der Geschichte, das keine inneren Widersprüche mehr zulässt: „Die Gegenwart hat ihre Barbarei und unrechtliche Willkür, und die Wahrheit hat ihr Jenseits und ihre zufällige Gewalt abgestreift, so dass die wahrhafte Versöhnung objektiv geworden, welche den Staat zum Bilde und zur Wirklichkeit der Vernunft entfaltet.“
Doch so wie Hegel die sozialen und nationalen Konflikte übersah, die, Geschichte weitertreibend, im Schlafe der Vernunft teuflische Ungeheuer, blutige Revolutionen, mörderische Weltkriege gebaren, nahm auch Fukuyama warnende Zeichen an der Wand nicht wahr. Seine Fehleinschätzung ist angesichts seiner Wertschätzung der Stärken der modernen Gesellschaft verständlich, die auf dem freien Markt und dem technischem Fortschritt – wie im vorigen Abschnitt geschildert – fußen und seine These vom Ende der Geschichte weitaus stärker untermauern als zu Hegels Zeiten. Dennoch drohen nun, knapp dreißig Jahre nach dem Erscheinen von Fukuyamas Buch, die Zeichen an der Wand, dass die Säulen brüchig werden, auf denen die Wohlfahrt der modernen Gesellschaft ruht. Die prägnantesten der Zeichen seien im Folgenden in fünf Segmenten gedeutet:

Erstens demographische Verwerfungen:
Noch nie in der Geschichte der Menschheit sind auf einem Kontinent so viele alte Menschen so wenigen jungen Menschen gegenübergestanden wie gegenwärtig in Europa. Hieraus ergeben sich unlösbare Probleme, wenn man am Beginn des Ruhestandes mit rund 65 Jahren – faktisch in vielen europäischen Ländern noch erheblich früher – bei einer markant gestiegenen Lebenserwartung festhält. War bei der Einführung des gesetzlichen Pensionsantrittsalters mit einer restlichen Lebenszeit von durchschnittlich fünf Jahren gerechnet worden, ist diese Abschätzung gegenwärtig obsolet. Die Probleme verschärfen sich durch den, im Vergleich zu früher, späteren Beginn der Erwerbstätigkeit bei Jugendlichen. Denn die Wurzel der Probleme gründet auf einer zu geringen Produktivität, welche die nachhaltige Finanzierung des Pensionssystems sichern müsste. Der von der Sozialpolitik vielbeschworene Generationenvertrag ist damit irreparabel ruiniert.
Selbst ein lang anhaltendes und kräftiges Wirtschaftswachstum – vergleichbar mit jenem, das gegenwärtig in China herrscht und das für Europa zu erwarten märchenhaft klingt – würde allenfalls zu einer Linderung der Probleme, nicht zu ihrer Beseitigung führen. Höhere Sozialabgaben von der in der Erwerbstätigkeit befindlichen Bevölkerung abzuverlangen, lässt sich beim derzeit schon sehr hohen Stand der Steuer- und Abgabenlast nicht rechtfertigen. Drastische Kürzungen von Renten und Pensionen sind in einem demokratischen Umfeld nicht durchsetzbar, zumal die in Rente oder Pension oder knapp vor ihrem angeblich ersehnten Ruhestand Befindlichen die Mehrheit des Wahlvolkes bilden. Auf eine Erhöhung der Geburtenfreudigkeit zu setzen ist sinnlos, da sie nicht nur sehr unwahrscheinlich ist, sondern weil sie die nun in ihrer vollen Schärfe akut werdenden Probleme erst um Jahrzehnte zu spät abfederte. Eine Änderung der abträglichen Demographie mittels Zuwanderung herbeiführen zu wollen, ist nur dann zweckvoll, wenn die überwältigende Mehrzahl der Einwanderer aus erwerbsfreudigen, dem Staat gegenüber loyalen und gut ausgebildeten beziehungsweise an einer raschen und zielgerichteten Ausbildung interessierten jungen Menschen bestünde. Der Konjunktiv „bestünde“ ist nicht ohne Grund gewählt. Und auch im Nebensatz, dass die zielführendste Maßnahme zur Problembewältigung in einer kräftigen Erhöhung des Pensionsantrittsalters bestünde, ist dieses Wort im Konjunktiv gehalten.
Zur demographischen Schieflage in Europa gesellt sich die völlig anders gestaltete, aber mindestens ebenso bedenkliche Demographie in anderen Kontinenten, zumal in Afrika: Immer noch ist das Wachstum von Bevölkerungen ungebrochen, deren Zugang zu den Quellen des Wohlstands, wie wir ihn kennen, derzeit unüberwindlich ist. Verschärfend tritt die Auslagerung von Arbeit, die sich in den wohlstandsverwöhntenRegionen niemand antun möchte, und damit verbunden die Ausbeutung zu billig bezahlter Arbeitskräfte hinzu.

Zweitens das Schwinden von Zukunft:
Prosperierende Wirtschaft fußt, simpel gesprochen, auf der Hoffnung, reicher zu werden: Gehobener formuliert: Man investiert sein Vermögen, seine Bildung, seine Arbeitskraft für eine bessere Zukunft. Dabei richtet sich der Blick des Wirtschaftstreibenden darauf, erstens Bedürfnisse wahrzunehmen oder gar zu erzeugen, zweitens Angebote zu erstellen, welche diese Bedürfnisse zu stillen versprechen, und drittens die Angebote zu realisieren und gewinnbringend zu veräußern. So gelingt die Generierung des Mehrwerts, den einst Karl Marx theoretisch entdeckte.

Wie schon zuvor erörtert, spiegelt der Zins die Erwartung einer „reicheren“ Zukunft wider. Wenn keine Zinsen eingehoben werden, verharrt man in einer sich endlos erstreckenden Gegenwart. Zwar empfinden sich hoch verschuldende Staaten die sogenannten Negativzinsen der Zentralbanken als angenehm und hilfreich, aber diese Staaten verlieren dadurch den Zwang, auf gewinnbringende Erneuerung zu setzen und verweilen im Absichern und der Veräußerung des Gegenwärtigen.
Es liegt nahe, dass Staatenbünde wie die Europäische Union Zinsen möglichst niedrig halten wollen, zur Not auch mittels Verordnungen. Denn die Verschuldungen von Staaten, eingerechnet die aufgrund der Coronakrise eingegangenen Verbindlichkeiten, haben derart gigantische Dimensionen angenommen, dass Rückzahlungen bei selbst moderaten Zinsen einzelne dieser Staaten überforderten. Allein eine massive Steigerung von Produktivität und ein damit einhergehendes robustes Wirtschaftswachstum führte zur Entspannung von dieser sonst ausweglosen Zwangslage. Doch nachhaltige und auf solider Grundlage beruhende Bedürfnisse, die das Ingangsetzen dieser Produktivität bewirkten, scheinen nicht in Sicht.

Andere Vorschläge zur Befreiung von dieser Zwangslage gibt es, doch sie greifen zu kurz:
So wird einerseits zur Zurückhaltung, gar zur Entsagung aufgerufen. Gestützt wird dieser Appell mit der Behauptung, die Natur setze mit ihren beschränkten Ressourcen und ihrem endlichen Vorrat dem Wachstum Grenzen und reagiere bei der Anmaßung, diese Grenzen überwinden zu wollen, mit Katastrophen globalen Ausmaßes. So schreibt zum Beispiel Philipp Blom, ein Verfechter dieser Sichtweise, stetes Wirtschaftswachstum greife „immer tiefer und katastrophaler in natürliche Zusammenhänge ein und verursacht ihren sich rasch beschleunigenden Kollaps“. Doch wer Bloms Gedanken gutheißt, verweigert glattweg den vielen, die noch nicht zu den Errungenschaften einer prosperierenden Wirtschaft gelangten, den Zugang zu Wohlstand. Wer Bloms Gedanken gutheißt, zwingt nicht bloß, in Bequemlichkeit hausend sich selbst, sondern auch all jene zum permanenten Innehalten, die noch von einem guten Leben träumen. Bloms verwöhnte Jünger besetzen den Raum an den Quellen des Wohlstands und schließen mit vorgeblich dem Schutz von „Mutter Erde“ dienenden und in moralischem Pathos vorgetragenen Einlassungen hinter sich die Tür.

Andererseits wird versucht, gegen die im Bruttonationalprodukt gemessene Produktivität zu Felde zu ziehen und eine „Gemeinwohlökonomie“ zu propagieren, also ein Wirtschaftssystem, das – so deren Befürworter – auf gemeinwohl-fördernden Werten aufgebaut sei. Statt die Vermehrung von Reichtum als Maßstab des Erfolgs zu definieren, behaupten Gemeinwohlökonomen den Unternehmenserfolg anhand „gemeinwohl- orientierter Werte“ messen zu können. Wer aber, so stellt sich die Frage, bewertet die Werte? Nur von dieser Idee Verblendete erkennen nicht, wie rasch man bei Befolgung solcher Vorstellungen in der Hölle staatlicher Planwirtschaft landet.
Schließlich ist beiden der hier genannten Vorschläge wie auch anderen, ähnlich gearteten Anregungen, die das Erfordernis von Wirtschaftswachstum negieren, gemein: sie zwingen uns in der Gegenwart zu erstarren und verwehren uns Zukunft.

Drittens die Erosion staatlicher Fundamente:
Der Staat, so stellt der geistvoll und sogleich schonungslos nüchtern argumentierende Thomas Hobbes fest, ist Leviathan, ein „sterblicher Gott“, geschaffen um uns vor unserer eigenen Brutalität zu schützen. Ohne den Staat wäre der Mensch des Menschen Wolf, es herrschte „bellum omnium contra omnes“, ein Krieg aller gegen alle, und unser Leben wäre, wie Hobbes schrieb, „solitary, poore, nasty, brutish, and short“, einsam, arm, eklig, brutal und kurz. So dient der Staat uns zum Schutz. Andere Aufklärer haben in Ergänzung dazu gefordert: der Staat möge seinen Bürgern Sicherheit geben und Freiheit gewähren, er möge sie in der Tradition verankern und ihr Streben nach Glück ermöglichen. In dieser Vierheit erschöpfen sich die Aufgaben des Staates. Vor allem aber halten sie an der These des Thomas Hobbes mit dem Blick auf seinen Leviathan fest: „Non est potestas super terram quae comparetur ei“, keine Macht auf Erden ist mit seiner vergleichbar.

Den demokratisch verfassten Staaten Europas ist dieses Bild fremd geworden. Sie gaben allmählich und geben jetzt noch ihre Souveränität an übergeordnete Organisationen wie an die Europäische Union oder an internationale Gerichtshöfe ab und haben damit nicht mehr das Heft des Handelns bei der Erfüllung der vier oben genannten Aufgaben in der Hand. Im Gegenzug verliert sich die staatliche Gesetzgebung in Bereiche, die ihm seinem Wesen nach eigentlich verwehrt bleiben sollten. Denn wenn tatsächlich keine Macht auf Erden mit jener des Staates vergleichbar sein darf, ist für den Erhalt der Freiheit seiner Bürger wesentlich, dass der mächtige Staat auch ein gezähmter, allein auf die Erfüllung seiner primären Aufgaben konzentrierter Staat bleibt. Hat der von Ferdinand Lassalle als „Nachtwächterstaat“ angeprangerte Staat deshalb versagt, weil er den Vollzug seiner Aufgaben, in Lassalles Augen insbesondere jener der Ermöglichung des Strebens nach Glück für seine Bürger, vernachlässigte, sehen wir uns gegenwärtig einem sich paternalistisch gebenden Überversorgungsstaat ausgesetzt, der Kleinigkeiten täglichen Umgangs regeln möchte und dem Einzelnen damit gleichsam die Luft zum freien Atmen nimmt. Mit dieser Überschreitung seiner eigentlichen Kompetenzen verletzt der Staat nicht nur die ihm gebotene Zurückhaltung, er übernimmt sich zugleich bei seinem finanziellen Pouvoir.
Doch eine Rückführung vom Überversorgungsstaat zu einem finanzierbaren Staat gelänge nur, wie Ernst Sittinger schrieb, wagte man das Staatsgefährt „über politisch vermintes und schweißtreibendes Gelände“ zu lenken. Und noch um vieles schwieriger dürfte sich die viel grundsätzlichere Rückbesinnung des Staates auf seine ursprünglichen Aufgaben und seine ihm eigene und nicht zu übertragende Souveränität gestalten.

Viertens der Verlust des Privaten:
Wenn die Revolten des Jahres 1968 Bleibendes hinterlassen haben, dann ist es die Parole der 68-er Bewegung: „Alles Private ist politisch“. Jedenfalls hat sie im politischen Credo Bruno Kreiskys ihren Widerhall gefunden, der von der „Durchflutung aller Lebensbereiche mit Demokratie“ sprach und damit alles Private der Öffentlichkeit aussetzte und somit vernichtete.

Der von den Staatstheoretikern der Aufklärung hochgehaltene Status des Privaten kommt in dem englischen Wort „My home is my castle“ zum Ausdruck: die Staatsgewalt hat bildhaft vor den eigenen vier Wänden zu weichen. Sie ist zwar im Öffentlichen, außerhalb des Privaten, die größte Macht hier auf Erden, „doch wie‘s da drin aussieht, geht niemand was an“.

Auf der einen Seite bedeutet der Verlust des Privaten die Aufgabe individueller Existenz. Nicht von ungefähr schwand im Gefolge der 68-er Bewegung abrupt das Interesse an der Existenzphilosophie, die den Einzelnen als ein buchstäblich durch nichts begründbares Individuum verstand. Sie wurde von Sozialtheorien abgelöst, für die Menschen allein in ihrer Rolle im sozialen Gefüge zählen. Es spiegelt sich darin der von Nietzsche vorgeahnte „letzte Mensch“, dem die großen Fragen „Was ist Liebe? Was ist Schöpfung? Was ist Sehnsucht? Was ist Stern?“ keinen Sinn mehr geben, der sich auf einer klein gewordenen Erde in der von seinen ebenso klein gewordenen Nachbarn gespendeten Wärme verkriecht. Sie alle sind in ihrer harmlosen Welt, so beschreibt sie Max Weber, „Fachmenschen ohne Geist, Genussmenschen ohne Herz: dies Nichts bildet sich ein, eine nie vorher erreichte Stufe des Menschentums erstiegen zu haben.“ Zwar ist Wohlstand seiner Bürger das Ziel, das ein Staat sich setzen sollte, mehr als dieses Ziel anzustreben, überforderte politisches Wirken. Aber Wohlstand ist schal, wenn Bürger dazu verhalten werden, ihr Privates und damit ihr unverwechselbares Ich aufzugeben und sich in „letzte Menschen“ zu verwandeln.

Auf der anderen Seite bedeutet der Verlust des Privaten, dass die Werte, welche der Existenz des Einzelnen Richtung geben, zu Versatzstücken politischen Redens verkümmern. Im öffentlichen Bereich sollten bloß Interessen die Wegweiser des Denkens, Sprechens und Handelns sein. Spieltheoretisch lässt sich begründen, wie in einem angepassten politischen Umfeld das Verfolgen von Eigeninteressen wie von einer „unsichtbaren Hand“ gesteuert die für die Gemeinschaft optimalen Ziele anpeilt. Besonders gut kann man diesen Effekt im Wirtschaftsgeschehen beobachten und mit den von Anatol Rapoport und seinen Kollegen erstellten Modellen nachvollziehen: Die optimale Win-win-Situation wird dann erreicht, wenn die Geschäftspartner unter Wahrung ihrer Eigeninteressen sich zueinander korrekt verhalten. Dies hat nichts mit Moral oder mit Tugenden zu tun, denn Tugenden und Moral gehören allein der Sphäre des Privaten an. Geht aber das Private verloren, werden korrekte Umgangsformen als moralisches Verhalten gedeutet, werden Tugenden wie Lauterkeit, Güte, Wohlwollen durch Wieselworte wie Gerechtigkeit und Solidarität ersetzt, wird das Gewissen, das von seinem Wesen her nur die Seele des Einzelnen anspricht, zum leeren Begriff eines „kollektiven Gewissens“ verunstaltet.
Schließlich erobert das, was nach Verlust des Privaten als „Moral“ gilt, den politischen Diskurs. Aus der konstruktiven Auseinandersetzung in einem Wettstreit von Ideen und Interessen entstehen regelrechte Glaubenskämpfe. Nicht Argumente zählen, sondern das bloße Empfinden, auf der angeblich „guten“ Seite zu stehen. Die durch Folgerichtigkeit überzeugende Rede wird von der moralisierenden Aufrüttelung abgelöst. Die Korrektheit, die Angemessenheit, die Billigkeit, die zu erreichen das Bestreben der öffentlichen Debatten sein sollten, werden aus den Augen verloren, weil der Blick allein auf die „Wahrheit“ gerichtet ist, in deren Alleinbesitz sich jeder der Streitparteien sicher wähnt. Auf diese Weise gerät Demokratie, je mehr sie moralisierend in inbrünstig vorgetragenen Worten scheinbar verteidigt wird, in Todesgefahr.

Doch wie Moral, Gewissen und Tugend ist auch Wahrheit nicht im Öffentlichen, sondern nur in der Existenz des Einzelnen beheimatet. Nach dem Verlust des Privaten gibt es sie nicht mehr.

Fünftens der Rückfall ins Infantile:
Werden Argumente durch Empfindungen ersetzt, wird die Suche nach sachgemäßen Urteilen von schrillen Rufen abgelöst, die allein Befindlichkeiten als Richtschnur kennen, verlässt man die Bühne der Ernsthaftigkeit und regrediert ins Vorpubertäre. Selbst Nietzsche wäre darüber erstaunt gewesen, wie wohlig sich der „letzte Mensch“ im Puppenspiel des Kindischen fühlt.
Symbol dafür war, wie während der ersten Welle der Coronakrise die Politik den Bürgern vermittelte, dass sie möglichst Abstand voneinander halten sollen – völlig widersinnig, aber im modischen Bad Simple English „Social Distancing“ genannt: Man möge einen „Babyelefanten“ zwischen sich und dem anderen eingeschoben denken. So als ob eine Angabe in Meter für die Bevölkerung zu schwer zu begreifen ist. Der Kontrast macht sprachlos: auf der einen Seite ein heimtückisches Virus, das in gottlob nur wenigen Fällen, aber in diesen doch, schwere Krankheitsverläufe mit Atemnot, Erstickungstrauma, Todesangst hervorruft und einige der von ihm schwer Getroffenen tatsächlich einen grässlichen Tod sterben lässt, und auf der anderen Seite der Kleinkindern angebrachte alberne Spruch vom Babyelefanten, so als ob sich das ganze Leben im Kindergarten abspielte.

Konrad Paul Liessmann brachte es auf den Punkt: „Kindisches Denken und Verhalten werden nicht nur in der Politik, sondern generell zur Norm. Dass in Debatten nicht mehr diskutiert wird, sondern diejenigen vom Podium ausgeschlossen werden, die unsere Gefühle verletzen, gehorcht der Logik des Sandkastens. Dass Menschen Freundschaften abbrechen, wenn sie erfahren, dass man nicht mehr derselben Meinungsblase angehört, erinnert an den trotzig-enttäuschten Ausruf von Kindern, denen am Spielgefährten etwas missfällt: ,Jetzt mag ich dich nicht mehr!‘ Dass jedes Bedürfnis unmittelbar befriedigt werden muss und die Versagung eines Wunsches als Menschenrechtsverletzung gewertet wird, gleicht dem unerbittlichen ,Ich will aber!‘ der Kleinen.“

Vor allem geht der Realitätssinn verloren. Giuseppe Gracia kam kürzlich in einem „Das Utopia-Prinzip“ übertitelten Artikel darauf zu sprechen, zum Beispiel „beim Thema Rassismus oder Frauenrechte: Man kämpft gegen Rassisten oder Sexisten und blendet aus, dass es im Westen, weltweit gesehen, mit Abstand am wenigsten Rassismus und Sexismus gibt. Nur wenn man an der Utopie einer rassismusfreien, sexismusfreien Wundergesellschaft festhält, kommt man auf die Idee, besonders den Westen anklagen zu müssen. Ähnlich bei der Diskussion ums Klima: Man vergleicht die westlichen Umweltstandards nicht mit den Standards in China, Indien oder Russland. Sondern man fragt: Wie lange dauert es, bis Europa und die USA emissionsfrei sind? Dabei dominiert eine sogenannte ,Non-Human-Perspective‘. Das bedeutet: Man beurteilt die Auswirkungen der Menschheit auf die Umwelt nach dem utopischen Ideal einer Umwelt ohne Menschen und ihre Maschinen.

Man fragt nicht: Wie viele Jobs, wie viel Gesundheit und Schutz gegen Kälte und Sturm bringen geheizte Häuser in Entwicklungsländern? Wie viele Millionen von Leben werden gerettet, wie viel Grundversorgung und Sicherheit geleistet durch die Energiewirtschaft seit Beginn der industriellen Revolution? Wie groß ist der medizinische Fortschritt seit Beginn der Chemieindustrie? Das interessiert nicht, sondern man fragt: Wie wäre es, wenn alle diese Techniken und Umweltbelastungen nicht wären? Ginge es dem Wald, dem Meer und allen Tieren nicht besser? Und letztlich: Können wir nicht so leben, als wären wir gar nicht da, damit der Planet seine Ruhe hat? Auch hier also die Utopie eines unberührten Paradieses für Tier und Umwelt, ohne die Zumutungen realmenschlicher Zivilisation.
Das ,Utopie-Prinzip‘ kennt viele politische Felder. Meist wird es von Parteien und Aktivisten angewendet, die jüngere Menschen in urbanen Gebieten überzeugen. Viele von ihnen glauben, dass der Westen verantwortlich ist für globale Ungerechtigkeiten und Umweltkrisen, und dass politische Programme aus dem links-grünen Spektrum Abhilfe schaffen. Das ist erstaunlich, wenn man einen genaueren Blick auf diese Programme wirft. Die Idee dahinter könnte als ,Identity-Socialism‘ bezeichnet werden. Hierbei handelt es sich (…) um Versatzstücke des bekannten Sozialismus: die Idee eines Staates als Vormundschaftsbehörde für das richtige, gute Leben seiner Bürger.“

Damit einher geht der Verlust des Verstehens von Geschichte:
Treffender als es Alexander Grau in dem Artikel „Der moderne Mensch verehrt alles Fremde und verachtet zugleich das Fremdartige der eigenen Kultur“ schrieb, kann man es nicht formulieren: „Allem scheinbaren Interesse am Historischen zum Trotz fremdeln die westlichen Gesellschaften mit der Geschichte – insbesondere mit ihrer eigenen. Denkmäler werden geschleift, Institutionen und Straßen umbenannt, alte Texte überarbeitet und Museumsbestände kritisch durchforstet. Nie zuvor in der Geschichte stand eine Gesellschaft ihrer eigenen Vergangenheit mit so viel Reserviertheit gegenüber. Gilt das 19. Jahrhundert als das Zeitalter des Historismus, also des Bewusstseins für die eigene Geschichtlichkeit und von deren Verklärung, so droht das 21. Jahrhundert eine Epoche der vollständigen Enthistorisierung zu werden, der Preisgabe des historischen Denkens.
Aber, so könnte man einwenden, sind unsere Kalender denn nicht gespickt mit Gedenktagen aller Art? Wird nicht quasi im Wochenrhythmus (…) gemahnt, sich mit der eigenen Vergangenheit kritisch auseinanderzusetzen? Gehört die Vermittlung einer entsprechenden Erinnerungskultur nicht inzwischen zur Staatsräson der meisten europäischen Länder?

Das ist ohne Frage richtig. Doch eine Erinnerung, die zur Kultur wird und damit zum Kult, ist das Gegenteil von Erinnern und erst recht von dem Bemühen um historische Vorurteilsfreiheit. Hier schiebt sich vielmehr der Kult vor die historische Tatsache und beginnt, die Realität zu verzerren.
Erinnerungskultur im Namen der guten Sache, sei es Antikolonialismus, Antiimperialismus oder Antifaschismus, gerät zur vorsätzlichen Enthistorisierung. Die Geschichte verschwindet hinter der Lehre, die man aus ihr zu ziehen vorgibt. Was übrig bleibt, ist Haltung ohne Kenntnisse.“

Da nur Unmündigen die Forderung nach Haltung ohne Kenntnisse zugemutet werden darf, sind wir so erneut bei der Infantilisierung gelandet.

Und damit einher geht der Verlust des gehobenen Wortschatzes:
Einem Kleinkind möchte man tunlichst verschweigen, dass es Notlagen ohne Ausweg gibt. Und wenn die Erwachsenen ins Infantile zurückfallen, wollen sie nichts von Problemen, Schwierigkeiten, Abgründen, Verhängnissen hören. Wörter wie diese werden verdrängt und statt dessen wird von „Herausforderungen“ geredet, denen man sich „zu stellen“ hat. Einem Kleinkind möchte man tunlichst verschweigen, dass es böse, arglistige, teuflische Menschen gibt. Und wenn die Erwachsenen ins Infantile zurückfallen, ersetzen sie all diese bedrohlichen Begriffe durch das Wort „krank“, so als ob das Böse bloß eines Arztes bedürfte, der ihm seinen Schrecken nimmt. Einem Kleinkind möchte man tunlichst verschweigen, dass der Ernst des Lebens, selbst – wie der Psalmist sagt – wenn es köstlich ist, Mühe und Arbeit ist. Und wenn die Erwachsenen ins Infantile zurückfallen, geben sie sich der Illusion hin, man könne alles „spielerisch“ erledigen.

Und wie bereits zuvor angedeutet, haben Wörter wie Lauterkeit, Güte, Wohlwollen ihr Heimatrecht in der Sprache der Menschen verloren, die ihr eignes Ich zugunsten des Öffentlichen und damit ihr Erwachsensein aufgegeben haben. Doch mit dem verdünnten Wortschatz zielen die wenigen, noch erlaubten Begriffe an den Dingen vorbei und erfassen die Welt nicht mehr.
„Wenn die Worte nicht stimmen“, so lehrt Konfuzius, „dann ist das Gesagte nicht das Gemeinte. Wenn das, was gesagt wird, nicht stimmt, dann stimmen die Werke nicht. Gedeihen die Werke nicht, so verderben die Sitten und Künste. Darum achte man darauf, dass die Worte stimmen. Das ist das Wichtigste von allem.“

Chancen für Erhalt und Mehrung des Wohlstands für alle
Aller genannten Zeichen zum Trotz sind die Chancen intakt, dass das europäische Modell einer Gesellschaft aufgeklärter Menschen, in der ein freier Markt, technische Innovationen und soziale Absicherung für jene, die es brauchen, gedeihen, nicht nur auf dem europäischen Kontinent, sondern sogar global Gemeinwohl ermöglicht. Vier Aspekte, die diese Hoffnung nähren, seien im Folgenden genannt. Da diese vier Aspekte bereits in Aufsätzen und Studien des Wiener Wirtschaftskreises ihren Niederschlag fanden und Einzelheiten in den über Internet verfügbaren Seiten abrufbar sind, genügt es hier, sich auf das Prinzipielle zu beschränken.
Erstens Bildung:
Der Aufklärung ist es eigen, das Naiv-Kindliche abgelegt und einen abgeklärten Blick erworben zu haben. Der Weg zu diesem souveränen Erwachsensein führt über die Bildung, die im Unterschied zur Vermittlung von Kompetenzen, zu Nachahmungskursen, zu Einübungstrainings ein zutiefst von der europäischen Kultur geprägtes Phänomen ist. Diogenes von Sinope umschrieb sie mit den folgenden Worten: „Bildung hilft jungen Menschen, sich zu beherrschen, und ist für die Alten ein Trost; sie ist für die Reichen Zierde und für die Armen Reichtum.“ Bildung ereignet sich in der Beziehung des Gebildeten zu Bildungshungrigen oder zumindest zu denjenigen, die sich dem Angebot nicht verschließen, gebildet zu werden. Bildung verfeinert nicht nur, vor allem verpflichtet sie.
Die Verpflichtung, die mit Bildung einhergeht, beruht zum einen, sich auf die Traditionen zu besinnen, auf denen man ruht, und zum anderen, sich den Errungenschaften zu öffnen, mit denen Zukunft gestaltet werden kann. Bildung ist überdies die Bedingung der Möglichkeit gelingender Demokratie, wiewohl leider Beispiele lehren, dass diese Bedingung nicht immer hinreichend ist.
Sowohl autonomes Denken, Reden und Handeln als auch, wie es Simone Weil nannte: Enracinement, Einwurzelung, also das in Geschichte Verankert-Sein sowie weltoffener Forschergeist setzen fundierte Bildung voraus. Nur der gebildete Mensch kann es sich leisten, „ohne Geländer zu denken“, da er, um bei diesem Bild zu bleiben, in sich fest ruhend den robusten Schritt besitzt.
Die von Konrad Paul Liessmann, dem wohl glänzendsten Bildungstheoretiker unserer Tage, vorgebrachten Vorschläge zum Erhalt und zur Beförderung des Bildungssystems, insbesondere seine Bücher „Theorie der Unbildung“, „Bildung als Provokation“ und „Geisterstunde“, setzen dafür entscheidende Wegmarken.

Zweitens Energie:
Ähnlich wie kleine Kinder, die meinen, verschwinden zu können, wenn sie einfach die eigenen Augen fest zudrücken, benehmen sich fahrlässige Politiker – und es dürfte derer leider gar nicht wenige geben – die unter fälschlicher Berufung auf John Maynard Keynes von immensen Staatsschulden nichts wissen wollen. Doch spätestens die Coronakrise zwang sogar auch die anderen, die gewissenhaftesten unter ihnen, zugunsten staatlicher Hilfen in Form von Zuschüssen an von der Pandemie betroffene Menschen, an Betriebe und Unternehmen gewaltigste Verbindlichkeiten einzugehen, um die von einem unsichtbaren Virus angerichteten Schäden möglichst zu lindern. So droht der Staat von der Coronakrise in eine veritable Krise der Wirtschaft zu schlittern. Nur ein Weg führt aus dieser heraus: Schuldenabbau durch Erneuerung, höhere Produktivität und Wachstum. Die Alternative lautete: die riesigen Schulden durch Inflation zu mindern oder gar durch eine Währungsreform. Das bestrafte die Sparsamen, belohnte die Sorglosen und die Wörter „Gerechtigkeit“ und „Solidarität“ tönten wie Hohn.

Schuldenabbau durch Erneuerung, höhere Produktivität und Wachstum müssen dabei gepaart sein mit dem Rückzug des Staates, der während der Krise kräftig beim Wirtschaftsgeschehen mitmischte und dabei sich selbst und den von seinen scheinbaren Wohltaten Profitierenden der Betörung zu erliegen droht, er könne auf lange Sicht Wohlstand für alle sichern. In Wahrheit gelingt dies allein dem freien Unternehmertum mit seinen Investitionen in zukunftsweisende Technologien. Wohl aber soll der Staat für Rahmenbedingungen sorgen und richtungsweisend wirken, getreu der Devise Walter Euckens: „Staatliche Planung der Formen – ja; staatliche Planung und Lenkung des Wirtschaftsprozesses – nein.“
Ein in den Augen des Wiener Wirtschaftskreises zukunftsweisendes Feld für staatliche Planung der Formen eröffnet sich in der Energiewirtschaft. Denn der ständig wachsende Energiehunger, nicht nur in Österreich, auch in Europa und vor allem weltweit, kann nicht durch eine Art „Energiefasten“ gestillt werden. Auch reichen die in Österreich, aber auch die in Europa vorhandenen Kapazitäten für die Gewinnung regenerativer Energie nicht aus.

Unter dem Titel „Wasserstoff für Österreich“ wird als besonders attraktives Beispiel einer technologischen Bewältigung dieses Problems das Projekt vorgeschlagen, die in Wüstenregionen im Überfluss und mit stabiler Sicherheit vorhandene Sonnenenergie zu nutzen, um den idealen Energieträger Wasserstoff zu gewinnen. Der Vorschlag, dass Österreich in Kooperation mit einem Staat, der eine Wüste beherbergt – zum Beispiel mit Israel, das den Negev als Wüstenregion besitzt – zügig und effektiv ein Pilotprojekt verwirklicht, fiel bei Gabriel Felbermayr, Präsident des Kieler Instituts für Weltwirtschaft, auf fruchtbaren Boden: Er würde „es sehr unterstützen, wenn Österreich mit Israel in die Vorlage geht, wobei es sicher gut wäre, wenn man das Projekt von vorne herein offen für weitere Partner und gut skalierbar aufsetzt.“

Denn der so gewonnene Wasserstoff ist nicht nur ein auf umweltschonendste Weise gewonnener und ebenso umweltschonend verwertbarer Energieträger, der eine Kettenreaktion an Produktivitätsschüben auszulösen vermag. Die Verwirklichung des Projekts selbst erfordert höchstes Wissen und phantasievolles Engagement, vor allem in wissenschaftlichen, technischen und logistischen Disziplinen, zum Beispiel um für die Robustheit der Anlagen gegenüber wetterbedingter Fährnisse, die Beschaffung des dafür nötigen Wassers, die Aufstellung und Wartung, die Errichtung des Energietransportsystems und vieles andere mehr zu sorgen, auch um die politische und rechtliche Sicherheit zu wahren und eine Win-win-Situation aller daran Beteiligten herzustellen.
Schließlich würde eine Ausweitung dieses Projekts auf europäische Dimensionen zugleich für einen gewaltigen Wachstumsantrieb nicht nur in den großen Wüstenregionen Afrikas sondern auch im südlich der Sahara befindlichen Teils dieses Kontinents sorgen. Nur ein derartiger Wachstumsantrieb kann dazu führen, dass die explosive Zunahme der afrikanischen Bevölkerung gebremst wird und den dort lebenden Menschen eine Perspektive von Wohlstand auf sicherer Grundlage angeboten werden kann. Dies ist wohl die wirksamste Maßnahme, eine Völkerwanderung nach Norden mit der Gefahr der Vernichtung von Wohlstand für alle zu verhindern.

Drittens Digitalisierung:
Eine Fülle technischer Innovationen gehört direkt in den Bereich der Digitalisierung oder ist von ihr abhängig. Die Felder digitaler Simulationen von Wirklichkeitsbereichen scheinen noch immer nicht umfassend beackert worden zu sein, der Bedarf an Fachleuten in Informatik und verwandten Disziplinen dürfte auch in den kommenden Jahrzehnten ungebrochen wachsen.

Allerdings ist zu bedenken, dass die entscheidenden Fortschritte, die maßgebenden Entwicklungen, die spektakulärsten Neuerungen praktisch durchwegs fern von Europa erfolgen. Die Chancen, die der „alte Kontinent“ ergreifen kann, beruhen wohl auf der kreativen und menschengerechten Nutzung der Digitalisierung und der Herstellung hierfür angepasster technischer Systeme.
Ein vom Wiener Wirtschaftskreis paradigmatisch in den Blick genommenes Beispiel betrifft die Nutzung der Digitalisierung in der Betreuung und Pflege alter Menschen. Die Anwendungsbereiche sind so vielfältig, wie sie anspruchsvoll sind, will man den Bedürfnissen der Pflegekräfte, der zu pflegenden Menschen und ihrer Angehörigen Genüge leisten. Die Kreativität in der Erfindung geeigneter technischer Apparaturen und digitaler Geräte muss mit dem Wissen um die Conditio humana in Einklang stehen, so dass die Vollziehung schablonenhafter Tätigkeiten und mühseliger Hantierungen digitalen Assistenzgeräten überlassen wird und die wertvolle Pflegearbeit, die insbesondere mit Kommunikation und Zuwendung verbunden ist, den Pflegekräften überantwortet bleibt.

Zwei weitere, allgemeinere Gesichtspunkte der Digitalisierung seien beleuchtet:
Einerseits simuliert Digitalisierung Wirklichkeit und verführt dazu, den digital erzeugten Schein für wahr zu halten. Sie kehrt damit – metaphorisch gesprochen – in Platons Höhlengleichnis die Rolle dessen um, der den in der Höhle an seinen Sessel Gebundenen befreit, der zuvor nur Schatten von Gegenständen für wahr hielt, die hinter seinem Rücken im Glanze eines Feuers vorbeigetragen wurden, und nun, nach seiner Befreiung, die Dinge selbst wahrnimmt und zum Schluss gar das pure Licht der Sonne. Die Digitalisierung, missbräuchlich verwendet, macht es gerade umgekehrt: sie bindet den zuvor mit den Dingen selbst Vertrauten in einer Höhle an einen Stuhl und lässt ihn nur mehr die von einem fernen Feuer an die Höhlenwand geworfenen Schatten sehen. Und verführt zum Glauben, dieses digital Konstruierte sei das Wahre.

Der gebildete Mensch erliegt gottlob dieser Verführung nicht. Schon deshalb ist Bildung, wie oben erläutert, unabdingbar. Der gebildete Mensch nutzt zwar Digitalisierung reichlich – aber nur überall dort, wo die Simulation nützlich ist. Das Beispiel der Uhr steht exemplarisch für eine Legion anderer: Selbst wenn die digitale Uhr mit einer weitaus größeren Präzision arbeitet und mit weitaus mehr Beiwerk ausgestattet ist als eine mit Federn, Unruh, Zahnrädern und feinmechanischen Kunstwerken bereicherte, von Menschenhand hergestellte Uhr – der gebildete Mensch will nicht davon ablassen, Zeiger so wandern zu sehen wie die Wandelsterne am Himmel, aller digitalen Anzeigen zum Trotz. Er ist bereit, für die Arbeit, die von Menschen geleistet wird, um der Uhr gleichsam Leben einzuhauchen, viel Geld zu bezahlen. Zumal eine solche Uhr einen beständigen Wertgegenstand darstellt. Die digitale Uhr ist im Gegensatz dazu Schrott: sie ist praktisch nichts wert, und man wirft sie weg, wenn ein neues Modell angeboten wird – wobei der Preis des neuen Modells nur dem Design geschuldet ist, dem letzten Residuum von wertvoller Arbeit an der Uhr.

Anhand dieses Beispiels erkennt man, dass Digitalisierung, sinnvoll genutzt, sowohl mit den Bedürfnissen nach nützlichen Informationen als auch mit den Bedürfnissen nach dem wirklich Wahren, dem Nicht- Digitalen, dem beständig Wertvollen zukunftsweisende Felder von Bedürfnissen öffnet, die ihrerseits Motor von Produktivität und Wachstum sind.

Andererseits sei noch einmal auf den Vorteil der Digitalisierung verwiesen: dass sie den Menschen sowohl körperlich mühselige als auch geistig eintönige Arbeit abnehmen kann. Dies ändert die Vorstellung von Arbeit, die, dem griechischen pónos entsprechend, mit Beanspruchung, Belastung, Beschwerden verflochten ist, zu jener Vorstellung von Arbeit, die, dem griechischen érgon entsprechend, mit dem Werk verbunden ist, in dem sich derjenige, der es zur Welt bringt, verwirklicht sieht. Darin ist das Handwerk genauso eingeschlossen wie die Aufzucht eines mit seinen Tieren verbundenen Landwirts, darin ist die schöpferische Leistung eines Künstlers genauso eingeschlossen wie das im lebendigen Dialog vollzogene Unterrichten junger Menschen. Wesentlich ist, dass man diese Arbeit nicht digitalisiert – nicht nur jene, die sich prinzipiell der Digitalisierung entzieht, sondern auch jene, die man glattweg nicht digitalisieren will. Weil man ihr den substantiellen Anteil an nicht digitalisierter Information, die man mit Begriffen wie „Wissen“, „Weisheit“, „Intuition“ umschreibt, nicht entreißen möchte.

Dieser Gedanke ist insbesondere für alte Menschen richtunggebend. Denn Arbeit als érgon verstanden, ist vom Alter unabhängig. So der alte Mensch nicht hinfällig ist, wird er stets bestrebt sein, „ein Werk in die Welt zu setzen“. Selbstverständlich kann dieses „Werk“ im Alter ein ganz anderes sein als in jungen Jahren, selbstverständlich kann es sich um ein „Werk“ handeln, das allein im Privaten oder im Ehrenamtlichen angesiedelt ist und nichts mehr mit Erwerbsarbeit zu tun hat, aber es ist auch denkbar, dass dieses „Werk“ zum allgemeinen Wohl verrichtet und dementsprechend vergütet wird. So könnte Digitalisierung helfen, die von der Demographie herrührende Problematik zu entschärfen, weil sich die Frage nach dem Pensionsantrittsalter ganz anders stellen wird und von den rüstigen Alten, die sie persönlich betrifft, individuell nach gründlicher Abwägung von Vor- und Nachteilen verschieden beantwortet wird.

Viertens neue Lebenswelten:
Digitalisierung und Sorge um den Erhalt einer lebenswerten Umwelt werden das Bild vom Leben in der Stadt oder auf dem Land verändern. Da der Wiener Wirtschaftskreis es seinem Namen schuldet, soll hier über die möglichen Änderungen in Metropolen wie der Stadt Wien nachgedacht werden.
Hier wirkte die Coronakrise als Beschleuniger:
Sie verstärkte zum einen im Wirtschaftsbereich des Handels den schon seit Jahrzehnten spürbaren Einschlag hin zum elektronischen Einkauf, der dem klassischen Handel in Geschäften zunehmend zusetzt. Es wird sich nicht verhindern lassen, dass Konsumenten die Bequemlichkeit des Onlinehandels weiterhin noch stärker nutzen werden, sodass der traditionelle Handel mit schwersten Einbußen rechnen muss, setzt er nicht seine Alleinstellungsmerkmale ins Rampenlicht. Zu diesen zählt die durch keine elektronische Simulation ersetzbare Lebendigkeit des Einkauferlebnisses, das nicht bloß aus Warenübernahme und Bezahlung bestehen darf. Zu diesen zählt die persönliche und direkte Ansprache, die Kommunikation zwischen Menschen, die nicht allein an der Abwicklung des Geschäftes interessiert sind. Zu diesen zählt das Ambiente, das beim Flanieren zu den Geschäften und in Einkaufsstraßen genossen werden soll und das seinen Reiz nicht zuletzt durch die Vielfalt des direkt einsehbaren und fallweise sogar überraschend auf einen zukommenden Angebots gewinnt. Stadtentwicklung ist wie selten zuvor herausgefordert, für die passende Infrastruktur eines angemessenen Nebeneinanders von Onlinehandel und klassischem Einkauf zu sorgen.

Sie verstärkte zum anderen im Wirtschaftsbereich der Dienstleistungen, dass die von der Digitalisierung ermöglichte Ortsungebundenheit schlagartig erkannt und wahrgenommen wurde. Die Einsicht, dass ein mit Rechner und Kommunikationstechnik ausgestatteter Arbeitsplatz in der eigenen Wohnung Bürofahrten und früher pausenlos einberufene persönliche Zusammenkünfte in einem hohen Ausmaß zu ersetzen vermag, wird auch nach Corona fortbestehen. Dies schafft für viele die Möglichkeit, das Zentrum ihrer Lebensinteressen nun außerhalb der Bürotürme zu finden, und führt zu einer Änderung der Lebensweise, auf die mit Infrastrukturmaßnahmen angemessen zu reagieren ist.

So ist zum Beispiel vorstellbar, dass die früher in großer Zahl vorhandenen Geschäftslokale in Einkaufsstraßen, die durch die Zunahme des Onlinehandels geschlossen werden müssen, eine neue Bestimmung dadurch erfahren, dass sie als Örtlichkeiten für Dienstleistungen, für Kundendienste, für Ordinationen, für Anwaltspraxen, für Büroarbeiten genutzt werden. Die dort Arbeitenden sind einerseits über Telekommunikation mit ihren Zentralen verbunden und andererseits wohnen sie in unmittelbarer Nachbarschaft, sodass sich Fahrten zum Arbeitsort erübrigen. Dennoch erfolgt ein Hinausschreiten aus den eigenen vier Wänden. Und von dieser immer noch vorhandenen Begehung des öffentlichen Raumes kann auch der traditionelle Handel profitieren, wenn es gelingt, das Einkaufserlebnis so zu formen, wie es einem Onlinehandel versagt bleibt.
Hierin mitverwoben sind, insbesondere in den großen Städten, Anpassungen in der Mobilität und in der Stadtgestaltung. So regt der Wiener Wirtschaftskreis zum Beispiel an, im größtmöglichen Maß die Begrünung von Fassaden voranzutreiben: grüne Vertikalflächen binden nicht nur CO2, sorgen nicht nur für ein angenehmes Klima ohne Klimaanlagen, sie geben der Stadt überdies ein erfreuliches Flair für alle, die in ihr leben und die sie besuchen, frei nach der Devise: „Wien: hier sind Gründerzeitbauten und Grünflächenbauten.“

5 Gedanken zu „Die drohende Erosion der Voraussetzungen von Wohlstand

  1. Gerald

    Sehr geehrter Herr Taschner,
    Ihren Artikel finde ich in seiner synthetischen Kürze derart gelungen, dass wir beschlossen haben diesen mit unseren erwachsenen Kindern zu diskutieren, klarerweise nach eingehender Lektüre.
    Dabei blende ich bewußt aus, dass sie einer politischen Partei angehören die wie viele andere in der heutigen Zeit Ratio speziell im Umgang mit Energiepolitik, Wirtschaftspolitik, Corona etc. vermissen lassen. Die Sozialisierung und Infantilisierung machte auch vor der ÖVP nicht halt und heute ist sie selbst treibende Kraft. Die Negativauslese beim eigenen politischen Personal und bei den ausgewählten Partnern hat genauso ihre Partei erfasst. Personen ohne Bildung, Ausbildung und Lebenserfahrung prägen des politische Geschehen.
    Vielleicht haben sie aber ihren Artikel über die Entwicklung unserer Gesellschaft noch nicht zu Ende geschrieben? Fehlt da noch das Kapitel über entweder drohenden Bürgerkrieg oder als Alternative eine moderne Form der Versklavung weiter Teile der Bevölkerung als Folge der vorhin beschriebenen Fehlentwicklungen?

  2. sokrates9

    Hervorragender Artikel.Selbsterkenntnis wäre der notwendige Schritt zur „Besserung“. Doch so etwas ist heute weltweit nicht erkennbar. So lange Emotion vor wissenschaftlicher Evidenz Priorität hat und man bequem alle Misstände und Defizite in „den Keller“ verschieben kann sehe ich da keinen Schritt zur Besserung. Die Medien müssten da eine analysierende und korrigierende Funktion ausüben, allein es gibt kaum mehr Journalisten mit intellektuellem Potential.

  3. Wanderer

    Eine wirklich ausgezeichnete, strukturiert dargelegte Problemanalyse, wobei auch die medialen Tabuthemen Überbevölkerung und Klimapolitik-Kritik behandelt werden. Auch mich würde, wie Gerald, die Sicht des Autors auf die wahrscheinliche Entwicklung Europas interessieren, wobei das Migrationsthema vermutlich breiteren Raum einnehmen würde.

  4. Johannes

    „Prosperierende Wirtschaft fußt, simpel gesprochen, auf der Hoffnung, reicher zu werden: Gehobener formuliert: Man investiert sein Vermögen, seine Bildung, seine Arbeitskraft für eine bessere Zukunft. „

    Ich denke hier ist ein Schlüssel für die große Gleichgültigkeit vieler Jugendlicher gegenüber ihrer beruflichen Zukunft.
    Sie sehen wie sich die Eltern abstrampeln und verachten diese Lebensform ein wenig, sie werden von den Eltern mit allem überhäuft, was immer sie sich wünschen. Die Eltern tun es oft weil sie wissen das sie viel zu wenig Zeit für ihre Kinder haben und hatten.

    Ein Teufelskreis, zu wenig Zuwendung wird durch eine materielle Rundumversorgung der Kinder zu kompensieren versucht.

    Dieser Versuch wirkt auf die Kinder wie ein hilfloses rudern, sie beginnen das System der Eltern zu verachten und wissen Wohlstand nicht zu schätzen. Gleichzeitig können sie materiell unbeschwert leben, wissen also nicht was Not und Entbehrung bedeutet und können es sich für sich selbst nicht vorstellen.
    Im Gegenteil sie glauben für alle müsste es diesen Wohlstand geben und irgendwie sind wieder einmal die Eltern schuld das es nicht so ist.

    Trotz ihrer scheinbaren Lethargie sind auch die Jungen begeisterungsfähig, sie finden ihre Erfüllung im Kampf gegen die Welt der Eltern.
    Sind anfällig für NGO und Weltzerstörungstheorien und beginnen in diese sektenhaften Verblendung hineinzukippen. Weil die Eltern noch immer voll des schlechten Gewissens sind bringen sie die Kinder selbst mit dem SUV zu den Demos und sind mächtig stolz das der einst lethargische Sohnemann*in 😉 doch noch sein Glück auf dieser Erde findet.

    Wie das ausgeht weiß ich nicht aber gut glaube ich nicht.

    Würden mehr junge Leute welche durch alle höheren Schulen getragen und letztendlich in einem Studium das sie überfordert versanden mit 16 ein Lehre beginnen, wir hätten mehr glückliche junge Menschen mit klaren Vorstellungen und Zielen und keinen Facharbeiter-Mangel.

  5. Avaukasekser

    Lieber Herr Ortner,
    Vielen Dank fuer diesen langen und sehr interessanten Beitrag. Der erste fuer mich, – ein sehr intelligenter Freund aus der Wiener Gegend hat mir die link dazu geschickt.
    Ich habe Oesterreich 1974 als 20 jaehriger verlassen und lebe seither in Australien.
    Die Westlichen Demokratien sind vom gleichen Problem gepeinigt – die Parteipolitik. Eine meiner „erlernten“ Erkenntnisse aus meiner Globetrotterzeit ist,“ein Volk kriegt die Regierung die es verdient“.
    Allgemein, und auf der ganzen Welt, Politiker sind die unausgebildetsten Leute fuer ihre Position in einem Staat. Wir alle wissen dass man ihnen nie trauen kann. Aber, sie werden noch immer vom Volke wieder gewaehlt.
    Die immer aerger werdenden Probleme koennen jetzt nicht mehr gestoppt werden – falsche jahrzehnte lange Politik und nun auch „abschliessend“ eine grundlegend falsche Migrationspolitik haben die Weichen gestellt zur Entgleisung „dieses demographischen Zuges“. Obendrein wird jetzt Covid-19 fuer alles blamiert – zuvor war doch unsere Welt no heil, oder ????? In skandaloeser Manier enthebeln jetzt Politiker unsere, von unseren Vorfahren hart erkaempften Grundrechte. Was soll dieser Wahnsinn ? Was haben sie als naechstes vor? Bargeldentzug und die daraus resultierende totale Dominanz ? Wie lange lassen sich Staatsbuerger das wohl noch bieten?
    Leider weiss ich nicht wie man die bevorstehende Misere abwenden koennte. Ihre mannigfaltigen Ursachen zu erlaeutern wuerde dieses Kommentarfeld sprengen.
    Ein Rat jedoch fuer disziplinierte, ausgebildete, aufrechte und liebe Menschen, mit English als Zweitsprache, – auswandern und in einigen fernen, einstweilen noch besser funktionierenden Laendern eine gute Zukunft aufbauen. Ich hab meine seinerzeitige Entscheidung noch keine Sekunde bereut.
    Alles Beste aus Down Under.

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