Die Einsamkeit der Libertären

Von | 16. März 2021

(ANDREAS TÖGEL) Militärische Konflikte verstärken – wie Krisen jeder Art – den Publikumswunsch nach Staatsinterventionen. Nicht selten sind es vom Staat selbst herbeigeführte Probleme, die er als vermeintlich Einziger wieder beheben kann. Ein Paradebeispiel für eine solche Interventionskaskade bildet die Corona-Pandemie: Erst unterbindet der Staat die Tätigkeit ganzer Branchen par ordre du mufti, um anschließend als „Retter“ aufzutreten, indem er scheinbar großzügig Hilfsgelder an notleidende Betriebe verteilt. Die vom Staat – nicht etwa von einem Virus – herbeigeführte Wirtschaftskrise kann nach Ansicht der Wählermehrheit nur vom Staat behoben werden. Jahrzehntelange etatistische Indoktrination wirkt ganz offensichtlich. Der Ökonom Milton Friedman hat in diesem Zusammenhang einmal von einer „Tyrannei des Status quo“ gesprochen.

Weshalb das so ist, wird von nicht wenigen Libertären durch die Symbiose der politischen Klasse mit den Intellektuellen erklärt. Letztere liefern den Agenten des Leviathans – für entsprechende Pfründe – scheinbar alle moralischen Begründungen für ihre fortgesetzten Verletzungen privater Freiheitsrechte. Die russisch-amerikanische Erfolgsautorin und Begründerin der Denkschule des Objektivismus Ayn Rand kommt in ihrem Buch „Für den neuen Intellektuellen“ zum gleichen Befund. Sie bemüht dafür die Metapher von Attila und dem Geisterbeschwörer. Ersterer ist der brutale „Macher“, Letzterer liefert „gute Gründe“ für dessen Handlungen. Beide profitieren von dieser symbiotischen Beziehung – zulasten aller anderen, die dafür die Kosten zu tragen haben.

Nicht erst seit gestern beschäftigt sich der Ökonom und Rothbard-Schüler Hans-Hermann Hoppe mit politischen Themen. Auch in seinem jüngsten Buch „Über den demokratischen Untergang und die Wege aus der Ausweglosigkeit“ widmet sich Hoppe politischen Fragen. Es geht um den Staat – insbesondere um den demokratischen Staat – und um dessen immer schnelleres Wachstum, das seit seiner Entstehung mit Ende der europäischen Monarchien zu beobachten ist, sowie um mögliche Allianzen rechts der politischen Mitte und um Möglichkeiten zur Abkehr vom Weg in die Knechtschaft.

Zentraler Punkt in Hoppes Argumentation ist die innere Widersprüchlichkeit der Institution Staat, die durch ihr Monopol zur Rechtsetzung und Rechtsprechung – auch in Angelegenheiten, in denen sie selbst Partei ist – entsteht. Dass Monopole nur ihren Inhabern nutzen, allen anderen Zeitgenossen dafür aber hohe Kosten verursachen und qualitativ schwache Leistungen bieten, ist im Bereich „normaler Waren- und Dienstleistungsangebote“ zwar weithin unbestritten, wird aber, sofern es die „besonderen Aufgaben“ des Staates betrifft, von der breiten Masse nicht so gesehen. Bestimmte Aufträge – im Laufe der Zeit wurden es immer mehr – werden dem Staat von einer überwältigenden Mehrheit der Bürger unhinterfragt zugebilligt: Der Staat soll sich etwa um die Sicherheit im Inneren und nach außen, um Rechtsprechung, Gesundheits- und Altersvorsorge, Bildung und den öffentlichen Verkehr oder die Impfstoffbeschaffung kümmern.

 

Handwerker und Mundwerker

Für die Produkte von Handwerkern besteht immer und überall Nachfrage. Brot, Kleidung und ein Dach über dem Kopf braucht schließlich jeder. Für die mehr oder weniger geistreichen Einlassungen intellektueller Mundwerker besteht dagegen nur ein recht eingeschränkter Bedarf. Die Hervorbringungen der Intellektuellen treffen daher auf eine entsprechend stark begrenzte Marktnachfrage. Ein ihren hohen Ansprüchen genügendes Leben ist mit dem wenigen Geld nicht finanzierbar, das für sie auf dem Markt zu verdienen ist – und wenn, dann nur für eine sehr geringe Zahl von ihnen. Eine Tätigkeit abseits der für Intellektuelle recht unkomfortablen freien Wildbahn des Marktes, also eine im Auftrag der Machthaber, bietet ihnen die nahezu einzige Möglichkeit, befriedigende Einkommen zu erzielen. Eine erzwungene Umverteilung von den produktiv Tätigen zu den parasitär lebenden, mittelbar oder unmittelbar mit Steuergeldern alimentierten Intellektuellen ist damit unumgänglich.

Und doch: Immer ungenierter erfolgende Zugriffe durch den Staat auf private Vermögen sind deshalb besonders schädlich, da die Regierenden die mittels Besteuerung, Inflation, Geldstrafen etc. enteigneten Gelder umgehend zur weiter verstärkten Gängelung und Unterdrückung der zunehmend entrechteten Untertanen einsetzen. Und Steuern sind, wie der US-Publizist Henry Louis Mencken kurz, bündig und konsequent erklärte, ohnehin nichts weiter als Raubgut. Von dieser Erkenntnis ist es nur ein ebenso kleiner wie logischer Schritt, Steuerhinterziehungen mit dem moralischen und wirtschaftlichen Wohl der Beraubten zu rechtfertigen.

Doch ein großer Teil der Wähler ist nach und nach, vielfach unbemerkt, in Staatsabhängigkeit geraten. Die Zahl der Nettosteuerzahler nimmt im gleichen Maße ab, wie deren Belastung zunimmt. Es liegt auf der Hand, dass eine Umkehr umso schwieriger wird, je größer die Zahl der Staatsabhängigen wird. Niemand will schließlich freiwillig auf vermeintlich „wohlerworbene Rechte“ verzichten.

Die wenigen Libertären, die auf diese Entwicklung ein waches Auge haben, sind politisch absolut unbedeutend. Die Suche nach Allianzen jenseits der – so Roland Baader – „Stallgefütterten“ liegt daher nahe. Eine solche Allianz zwischen Libertären, denen Hans-Hermann Hoppe eine oft fehlende Bodenhaftung attestiert, und zum Beispiel „alternativen Rechten“ in den USA, die ihrerseits über keine konsistente Theorie verfügen, drängt sich der weitgehenden Übereinstimmung in vielen Punkten wegen auf. In Europa dagegen existiert keine mit der amerikanischen „Alt-Right“ vergleichbare Kraft. Allenfalls die vom Medienhauptstrom und den regierenden Blockparteien und deren Symbionten gerne als „Covidioten“ beschimpften Verteidiger verfassungsmäßiger Freiheitsrechte könnten als Bündnispartner der Libertären infrage kommen.

Die einst bürgerlichen Parteien Europas sind nach 1968 nach und nach allesamt zu Sozialdemokratien verkommen. Von dieser Seite ist daher keinerlei Widerstand gegen das unaufhörliche Staatswachstum zu erwarten.

 

5 Gedanken zu „Die Einsamkeit der Libertären

  1. Kluftinger

    Sehr geehrter Herr Tögel,
    so sehr ich ihre Darlegungen nachvollziehen kann, in einem Punkt streuen sie Resignation: sie zeigen keine Möglichkeit ( Zuversicht) auf, aus diesem Circulus vitiosus herauszukommen?
    Vielleicht sollten jene (Libertären) Zeitgenossen sich doch aufschwingen, verstärkt in den Diskurs einzutreten.
    Wie können Kommentatoren wie sie mehr Breitenwirkung erzielen? Warum kommen Foren wie Ortner Online nicht verstärkt als Widerpart in den Mainstreammedien vor? Ist es der bereits intellektuelle Dämmerschlaf jener, die früher als Vertreter weiterführender Ideen gewirkt haben?
    Aber wie heisst es im Faust I: “ oh glücklich wer noch hoffen kann, aus diesem Meer des Irrtums aufzutauchen,
    das was man nicht weiss, das eben brauchte man, und was man weiss, kann man nicht brauchen“.
    (aus dem Gedächtnis zitiert).

  2. Andreas Tögel

    Verehrte(r) Kluftinger, die Erklärung für das Schattendasein der Libertären ist einfach: Emotion schlägt Verstand allemal. Deshalb feiert der Sozialismus (siehe den heute auf diesem Blog erschienen Beitrag „Wenn Sozialisten den Sozialismus erklären“) fröhliche Urständ und der Kapitalismus gilt der Mehrheit als Teufelszeug. Das Problem der Libertären (auch meines) ist es, dass sie sich mit dem Spielen auf der Klaviatur der Emotionen unendlich schwertun. „Viel zu verkopft das alles“ ist eine Kritik , die auf einem libertären Blog soeben (wieder) geübt wurde. Das glaube ich unbesehen. An die niedersten Instinkte und Affekte zu appellieren, wie es die Sozialisten in allen Parteien unentwegt tun…das kann ich aber einfach nicht. Und den freien Markt als „moralische Anstalt“ darzustellen (die er ja im Gegensatz zur brutalen Staatsgewalt tatsächlich ist), schaffen die meisten Freisinnigen einfach nicht – zumindest nicht in einer Weise, dass sie damit gegen die „anthropologische Konstante“ des Sozialismus erfolgreich anstinken könnten.

    Jedenfalls wäre ich Ihnen für jeden diesbezüglichen Vorschlag dankbar.

  3. Kluftinger

    @ Andreas Tögel
    Ich werde nachdenken, vielleicht hilft das?
    Eines ist mir aber schon bewusst, dass die Vertreter der Wirtschaft (Kammer oder IV) so wenig tun, um das Funktionieren und das Wesen des feien Marktes zu erklären, bzw. zu vermitteln?
    Hat mn in den Chefetagen der Kammern und am Schwarzenbergplatz noch immer nicht verstanden, dass die neuen Medien ein wichtiger Faktor in der Kommunikationswelt junger Menschen ist?
    Warum beschädigt man nicht ausgewiesene Fachleute (ich vermeide das Wort „Experte“ 🙂 ) um auch auf emotionaler Ebene gewisse Grundlagen der Marktwirtschaft, der Eigenverantwortung und der persönlichen Initiative aufzuzeigen?
    Was der Freizeitindustrie, der Konsumgüterindustrie etc gelingt, müsste doch auch für die Wissensvermittlung gelten?
    (niemand sage, das geht nicht1)
    Wie überhaupt in Österreich ein „blinder Fleck“ besteht gegenüber bestimmten Bereichen der Politik.
    Nehmen wir die Schweiz als Beispiel : da redet die Wirtschaft sehr wohl mit, wenn um Fragen der Sicherheitspolitik und des Schweizer Armee geht. schließlich sind die Unternehmen interessiert, dass auch im Krisenfall die Unternehmen geschützt werden. Und diese Kommunikation findet nicht zwischen zwei Büros statt, sondern in der Öffentlichkeit der Medien.
    Ich räsoniere weiterhin…..

  4. Falke

    Insgesamt sehr guter Artikel (ein echter Tögel); was mir gleich am Anfang besonders gefallen hat, ist der Hinweis, dass es nicht „das Virus“ (oder die Pandemie) ist, das (die) an allen (wirtschaftlichen und sonstigen) Problemen schuld ist, wie man es durchwegs in allen Medien täglich lesen kann, sondern die Regierung mit ihren „Maßnahmen“ (ganz neutral gemeint, ob diese nun wirksam sind oder nicht ).

  5. sokrates9

    Das Problem beginnt schon mit der Erziehung der Kinder: 99% KindergärtnerINNEN, dann LehrerINNen , auch in den Mittelschulen überproportional vertreten. Da ist Technik GAGA auch Wirtschaft ist völlig unbedeutend und irrelevant- Unternehmer sins Ausbeuter und Gauner !Soziale Kompetenz ist da viel wichtiger.Das Image von Leuten in der Wirtschaft und Technikern wird schon in der Schule von den Lehrern als gering angesehen. Wenn dann sich womöglich in Elternbesprechungen solche Typen womöglich mit logischen Sätzen und entsprechender Argumentation zu Worte melden werden diese von den alleswissenden Lehrerinnen oft als Problem angesehen.Basiswissen über Wirtschaft und Technik wird nicht mehr vermittelt!Es ist doch schon schwierig genug diverse Kindermärchen und Geschichten wie 10 kleine Negerlein PC Konform umzumodeln.

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