Die Freund-Strategie der SPÖ

(WERNER REICHEL) Vom ORF-Nachrichtensprecher zum SPÖ-Politiker. Keine ungewöhnliche Karriere. Eugen Freunds ist nicht der erste Prominente, der vom Staatsfunk in die rote Parteizentrale wechselt. Der personelle Austausch zwischen Küniglberg und Löwelstraße ist seit jeher rege – in beide Richtungen. Eine schlechte alte österreichische Tradition. Die Liste jener, die für die SPÖ und für den ORF tätig waren und sind, ist lang: Karl Amon, Josef Broukal, Heinrich Keller, Johannes Kunz, Andreas Rudas, Alexander Wrabetz, Gerhard Zeiler oder Helmut Zilk, um nur die bekanntesten Namen zu nennen.

Viele Jahre lang war auch das marode sozialistische Parteiblatt, die Arbeiterzeitung, ideologisches Ausbildungsstätte, Lehrredaktion und Kaderschmiede für den ORF. Von der AZ zum Staatsfunk wechselten etwa Ulrich Brunner, Hans Besenböck, Barbara Coudenhove-Kalergi, Fritz Dittlbacher, Robert Hochner, Franz Kreuzer, Peter Pelinka, Robert Wiesner oder Erich Sokol. Dieser muntere Personalaustausch hatte für den ORF, die SPÖ und nicht zuletzt für den betreffenden Journalisten viele Vorteile. Wer bei der Arbeiterzeitung gegen den Klassenfeind angeschrieben hat, der hat die richtige Gesinnung bereits unter Beweis gestellt. Wer will schon die Katze im Sack kaufen. Die SPÖ konnte und kann sich so sicher sein, dass die ORF-Berichterstattung stets in ihrem Sinne ist, weil ein Großteil ihrer Leute die ORF-Redaktionen besetzt. Und für die Redakteure hat es sich vor allem finanziell gelohnt. Eine Win-Win-Win-Situation, außer für die Gebühren- und Steuerzahler.

SPÖ und ORF sind eine perfekte Symbiose eingegangen: Linientreue Berichterstattung erfolgt im Tausch gegen Sonderrechte für den ORF und seine Mitarbeiter. Sie verdienen nach wie vor deutlich besser als ihre Kollegen im Privatrundfunk. Ein „Erfolgsmodell“, das die Geschichte der Zweiten Republik maßgeblich geprägt hat. Die tendenziöse Berichterstattung hatte und hat großen Einfluss auf die Wahlergebnisse und die heimische Parteienlandschaft, zumal die SPÖ dem ORF bis zur Jahrtausendwende die private Rundfunkkonkurrenz erfolgreich vom Hals gehalten hat. In keinem anderen demokratischen Staat gab es solange ein Rundfunkmonopol. Davon haben beide Seiten profitiert. Dass dieser medienpolitische Zustand menschrechtswidrig war, wie der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte 1993 festgestellt hat, hatte weder die SPÖ noch den ORF sonderlich gestört. Die Zusammenarbeit zwischen ORF und SPÖ lief und läuft wie geschmiert, daran haben auch die privaten Sender nicht viel geändert. Man ist schließlich unter Freunden. SPÖ-Kritisches ist so gut wie nie im ORF zu sehen oder zu hören. Und wenn es doch mal passiert, dann laufen die Telefone zwischen Löwelstraße und Küniglberg heiß. In schlechter Erinnerung ist etwa jener Fall, als 1999 Fritz Dittlbacher auf Zuruf aus der SPÖ-Zentrale einen für Bundeskanzler Viktor Klima unangenehmen Beitrag kürzen lassen haben soll. Der Schere sollen genau jene acht Sekunden zum Opfer gefallen sein, in denen der ORF-Redakteur Jan Klima, den Sohn des Bundeskanzlers, in Zusammenhang mit der Euroteam-Affaire erwähnt hatte.

Solche Schwierigkeiten hat Freund der SPÖ nie bereitet. Er hat immer brav berichtet und nie irgendwelche Anflüge von Objektivität oder Unabhängigkeit gezeigt. Wer jahrelang so treue Dienste leistet, dem verzeiht man auch die immer wieder etwas holprigen Moderationen. Auch im neuen Job agiert Freund alles andere als souverän. Er stolpert von Fettnapf zu Fettnapf. Bisheriger Höhepunkt: Der EU-Spitzenkandidat der SPÖ weiß nicht, was ein heimischer Arbeiter so verdient. Im Profil-Interview schätzt er sein durchschnittliche Gehalt auf 3.000 Euro, was um schlappe 1.000 Euro zu viel ist. Seine Unwissenheit versucht Freund durch Überheblichkeit zu kompensieren: „In Amerika werden mit Gesichtern wie meinem Autobusse plakatiert, um für den Fernsehsender zu werben. Sage ich in aller Bescheidenheit.“ Man staunt.

Ebenfalls amüsant und aufschlussreich ist jene Stelle im Profil-Interview, wo Freund so tut, als ob er ORF-Kollegin Barbara Karlich nicht kennen würde: „Wenn die (SPÖ) nur ein prominentes Fernsehgesicht wollen würden, hätten sie auch die – wie heißt die Burgenländerin, die diese Diskussionen am Nachmittag macht?“ Freund bedient sich dabei einer vor allem in Österreich sehr beliebten Strategie: Man definiert sich und seinen Status in der Gesellschaft nicht darüber was man weiß, liest oder macht, sondern darüber was man nicht weiß, liest oder macht. Das ist viel einfacher und bequemer. Inhaltlich ist von Freund, außer Standardfloskeln und Worthülsen, bisher nicht viel gekommen. Das verlangt aber auch niemand, zumindest nicht in der SPÖ.

Die Sozialdemokraten brauchen Freund ohnehin nur, um die Pensionisten für die EU-Wahl zu mobilisieren. Denn der durchschnittliche ZiB1-Seher hat seinen sechzigsten Geburtstag bereits lange hinter sich. Diese Zielgruppe sitzt noch brav jeden Tag um 19:30 vor dem Fernseher, für sie gehört der etwas steife Freund quasi zur Familie. Das soll sich bei der EU-Wahl für die SPÖ lohnen, so das nicht gerade schwer zu durchschauende Kalkül der roten Parteistrategen. Und es dürfte aufgehen. Laut einer Umfrage im Auftrag des Boulevardblattes Österreich können sich 61% der Pensionisten vorstellen, ihre Stimme Freund zu geben. Darum ist es auch gut, dass der Neo-Politiker bisher fast ausschließlich über seinen neuen Job, seine Familie, seine Befindlichkeiten und seine Wohnung plaudert. So kann er weitere Peinlichkeiten vermeiden und sich ein ähnliches Schicksal wie Frank Stronach ersparen.

Es ist deshalb auch folgerichtig, dass Spitzenkandidat Freund die SPÖ-Delegationsleitung in Brüssel nicht übernehmen möchte. Doch Eugen Freund gehört zu einer aussterbenden Spezies. Die Zeiten, als man sein Gesicht nur lange genug in eine ORF-Kamera halten musste, um ein „Star“ zu werden, gehen langsam zu Ende. Der ORF verliert von Jahr zu Jahr Marktanteile an die private Konkurrenz. Auch das Image und die Glaubwürdigkeit sind ist schon etwas angekratzt. Vor allem bei den Jungen spielen der Staatsfunk im Allgemeinen und seine Informationssendungen im Besonderen praktisch keine Rolle mehr. Die Außenwirkung des ORF nimmt stetig ab. Damit wird er auch für die SPÖ zusehends unwichtiger und problematischer. Die Jungen können via Staatsfunk nicht mehr erreicht und beeinflusst werden. Die SPÖ-Wahlergebnisse in dieser Zielgruppe zeigen deutlich, dass die Sozialdemokraten bisher noch keine funktionierende Alternative zu ihrem staatlichen Propagandainstrument gefunden haben. Auch für die Staatsfunker ist die Lage nicht einfach. Die symbiotische Beziehung zwischen ORF und SPÖ droht dank stetig sinkender Quoten in eine parasitäre zu kippen. Wenn der ineffiziente und teure ORF immer wenige Bürger (sprich Wähler) erreicht, dann wird er auch für SPÖ zunehmend uninteressanter und zur Belastung. Schließlich sind die hohen Rundfunkgebühren in der Bevölkerung nicht gerade populär. Der Erfolg von Eugen Freund bei der EU-Wahl ist deshalb auch für den ORF nicht ganz unwichtig.

(Von Werner Reichel ist 2012 das Buch „Die roten Meinungsmacher – SPÖ-Rundfunkpolitik von 1945 bis heute“ im Deutschen Wissenschafts-Verlag erschienen.)

5 comments

  1. Reinhard

    Die Privaten sind aber meinungstechnisch nicht so sehr abseits des ORF angesiedelt. Der pc-Mainstream fließt da durch alle Meldungen…

  2. Roland

    Kleine Erinnerung: Kurt Bergmann (ÖVP > ORF > wieder ÖVP > nochmals ORF; Heribert Steinbauer; Ursula Stenzel; Helmut Krieghofer. Auch von ÖVP-Parteiblättern und vom ÖVP-Pressedienst sind einige zum ORF gegangen, ohne dass ihnen allerdings parteipolitisches Agieren an der neuen Arbeitsstätte vorgeworfen worden wäre.

  3. gms

    “Wenn der ineffiziente und teure ORF immer wenige Bürger (sprich Wähler) erreicht, dann wird er auch für SPÖ zunehmend uninteressanter und zur Belastung. Schließlich sind die hohen Rundfunkgebühren in der Bevölkerung nicht gerade populär.”

    Daß der ORF als Geldvernichtungseinrichtung unpopulär ist, wäre für die Dressurelite einmal mehr der beste Beweis für dessen Notwendigkeit, ist das Populäre doch zwangsweise des Teufels.

    Auch nachfolgende Entwicklung ist denkbar — mit einem auf seine Kernaufgaben reduzierten, perfektionierten Rot-Funk: Eine Gebührenbefreiung gibt es – aus sozialen Gründen – für alle, die irgendwann vielleicht doch noch SPÖ oder deren Anhängsel wählen könnten. Die Finanzierung erfolgt neben verringerten Gebühren- und Werbeeinnahmen aus dem Bundesbudget, mit der von rotgrünen Printmedien unterfütterten Begründung von öffentlichen Informationsaufgaben und Pluralismus. Intensiviert wird der Bildungsauftrag durch speziell für den Schulunterricht produzierte Beiträge, und last not least Informationen über die Segnungen der EU — live, in Farbe und irgendwie immer alternativlos. Warum? — Sozialismus ist Propaganda.

    Die größte und willkommendste Belastung für die SPÖ wäre dann ein Rot-Funk, der von den restlichen Mainstream-Medien kritisiert wird, nicht noch weiter links zu stehen. Kritik aus sonstigen Quellen wiederum ist faschistisch, populistisch, menschenverachtend und zynisch — sprich all das, was den sogenannten rechten Rand auszeichnet und dadurch gezielte und intensivierte Aufklärung durch rote linientreue Erklärbären erfordert.

    Bürgerlich/liberale Werte geraten ja insbesondere deshalb zunehmend unter die Räder, weil Hartnäckigkeit und Ausdauer der Linken konsequent unterschätzt werden. Eher werden wohl Videos mit dem Papst in einem Gangbang-Video für Gays auftauchen, alsdaß die SPÖ den ORF als Belastung empfindet.

  4. gms

    Roland,

    “Kleine Erinnerung: Kurt Bergmann (ÖVP > ORF > wieder ÖVP > nochmals ORF; Heribert Steinbauer; Ursula Stenzel; Helmut Krieghofer. Auch von ÖVP-Parteiblättern und vom ÖVP-Pressedienst sind einige zum ORF gegangen, ohne dass ihnen allerdings parteipolitisches Agieren an der neuen Arbeitsstätte vorgeworfen worden wäre.”

    Danke für den Hinweis. Was meinen Sie, ist hierfür ursächlich?

  5. Rennziege

    Der selten textsichere, aber pflichtgemäß linientreue Rot-Moderator hat nun seine Bezüge a wengerl offengelegt, offenbar auf Herrn Faymanns Direktive:
    http://diepresse.com/home/politik/innenpolitik/1552146/336000-Euro_Freund-legt-ORFBezuge-offen?_vl_backlink=/home/index.do
    Unsereine kann sich nur wundern, wie reich man durch x-fach wiedergekäutes Gestammel und Speichellecken werden kann; das jeden Zuhörer maximal aufs Klo treibt, sofern er sich das überhaupt antut — obwohl er dafür heftig zur Ader gelassen wird.
    Dagegen waren die Alchimisten wahre Armutschkerln. Erst ihre Nachfahren vermochten aus Exkrementen Gold zu machen. So gesehen sind Eugen Freund und Genossen allesamt verdiente Pioniere der Nachhaltigkeit, denen bald schon alle möglichen EU-Umweltmedaillen um die dürren Hälse baumeln werden.
    “Gott schütze Österreich!” ist zwar ein Schuschnigg-Copyright, beherzt und einsam gegen die braunen Horden gerichtet, aber allmählich sollten die roten Horden, weitaus tiefer eingeschlichen als die braunen damals, ähnliche Rufe vernehmen. — Allerdings lautet die bange Frage: Von wem, bei allen Pavianen Afrikas?

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