Die Grenze als Bedingung

Von | 13. September 2015

(MARCUS FRANZ) Eine Grundlage dafür, dass überhaupt etwas ist und nicht nichts, ist die Grenze an sich. Die Gesetze der Physik, der Chemie und der Biologie sind ohne Grenzen nicht vorstellbar: Begrenzungen sind die conditio sine qua non für Atome, Moleküle und geometrische Körper. Chemische Prozesse wären ohne Grenzen und definierte Räume nicht möglich. Zellen brauchen Zellwände, Organe brauchen Grenzen und Lebewesen ihre Reviere. Ganz grundsätzlich ist das Leben in der Grenzenlosigkeit weder möglich noch denkbar.

Die Grenze stellt also ein Apriori dar, über dessen Bedeutung als Seins-Bedingung man gar nicht vernünftig streiten kann. Jede Infragestellung von Grenzen führt unweigerlich ins Metaphysische und ins Unendliche. Dort aber findet der rationale Diskurs bekanntlich rasch sein Ende und damit auch seine Grenze. Grenzen sind ein Garant für die in der gesamten Biologie notwendige Ungleichheit der Entitäten, sie halten die Unterschiede aufrecht. Ohne Unterschiede kann Leben nicht funktionieren, weil es sich ohne Differenzierung gar nicht entwickeln kann.

Anders gesagt: Grenzen sind ein Naturgesetz. Und Naturgesetze gelten in jedem Bereich und immer. Dabei ist es letztlich egal, ob wir über die Biologie, das Soziale oder über das Politische sprechen: Grenzen sind, was sie sind und wir können uns nicht über sie hinwegsetzen. Wenn wir also heute Forderungen hören, dass wir die politischen Grenzen öffnen oder überhaupt abschaffen sollen, so muss uns klar sein, dass diese Wünsche entweder naiv oder perfide sind: Naiv sind sie, wenn sie dem Unwissen und dem romantischen Wunsch nach Einheit und Gleichheit entspringen und perfide sind sie, wenn sie von gebildeten Ideologen geäußert werden, die es insgeheim besser wissen. Grenzen sind Teil der dinglichen Welt und Grenzen sind nicht abschaffbar.

Grenzen gehören zum Politischen genau so wie die Stimme zur Demokratie gehört. Politische Grenzen sind zwar verschieblich und durchlässig – wie etwa im Schengen-Raum – und man kann deren Verlauf diskutieren. Aber keine Argumentationskette der Welt ist in der Lage, sie wegzureden oder gänzlich aufzulösen. Auch der Schengen-Raum hat Grenzen und die EU ebenso. Was aus vernachlässigten, missachteten und schlecht gesicherten Grenzen wird, das erleben wir gerade hautnah: Die Verwahrlosung der Grenze führt ins Desaster.

Für jene, welche die Grenzen illegal überschreiten und für jene, die sie nicht ausreichend bewachen. Und gerade durch die Tatsache, dass viele der aktuellen Grenzüberschreiter dies aus schlimmer Not tun, erlangt die Grenze umso mehr Bedeutung: Als Ort der Definition, der Kenntnisnahme und vor allem als Zone der Hilfe und insbesondere der Feststellung, wer überhaupt welche Hilfe braucht. Wenn die durch Grenzen definierte Europäische Union bestehen will, dann muss Europa die Außengrenzen verstärken und verteidigen. Entlang des Grenzverlaufes müssen Auffanglager und Hilfscamps gebildet werden und sich als fixer Teil dieser Grenze präsentieren. Alles andere führt zur naturgesetzlich bedingten Auflösung Europas.

7 Gedanken zu „Die Grenze als Bedingung

  1. H.Trickler

    Diese Herleitung staatlicher Grenzen aus Naturgesetzen ermangelt wissenschaftlicher Stringenz!
    (Nicht dass ich gegen staatliche Grenzen wäre…)

  2. Christian Peter

    @H. Trickler

    ‘Herleitung staatlicher Grenzen aus Naturgesetzen ermangelt wissenschaftlicher Stringenz’

    nicht wirklich, sofern man sich schon einmal mit politischer Ideengeschichte beschäftigte (Hobbes, Rousseau, etc.).

  3. Christian Peter

    ‘Entlang des Grenzverlaufes müssen Auffanglager errichtet werden’

    Falsch. Diese Lager sollten in Afrika und anderen Staaten außerhalb der EU errichtet werden (auch Australien macht mit dieser Praxis hervorragende Erfahrungen). Dort sollen Asylbewerber ihren Asylantrag stellen. Positiver Nebeneffekt : Keine Toten, da der gefährliche Weg über das Mittelmeer überflüssig würde.

  4. Wolf

    Doch, es gibt Dinge ohne Grenzen, das sagte sogar Einstein. “Das Universum und die menschliche Dummheit sind grenzenlos, wobei ich mir allerdings beim Universum nicht so sicher bin”

  5. Jerzy Zylberg

    Ud bitte sehr, jetzt hat Deutschland sich daran erinnern, dass es eine Grenze hat und hat sie für die Flüchtlinge praktisch geschlossen. Kommt endlich ein Verständnis für Viktor?

  6. H.Trickler

    Christian Peter 13. September 2015 – 13:50

    Darf ich Vorbehalte anmelden, ob Hobbes und Rousseau nach heutigen Massstäben als wissenschaftlich gelten können?

  7. Christian Peter

    @H. Trickler

    Die Fragen nach der Natur des Menschen und des staatlichen Gemeinwesens werden auch in 1000 Jahren nichts an Aktualität verlieren. Staatsgrenzen gehören zur Politik wie Atome zur Physik – nichts anderes sollte mit dem Artikel ausgesagt werden.

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