“Die Kluft zwischen urbanen Eliten und Abgehängten wird zur Gefahr”

Einer gängigen Theorie zufolge driften Einkommen und Besitz immer mehr auseinander, was den Zusammenhalt und die Stabilität der Gesellschaft unterminiere. Doch möglicherweise gibt es einen ganz anderen Faktor, der zum Problem wird: Bildung, oder besser gesaagt deren Fehlen, analysiert die NZZ: “Die Wissensgesellschaft hat eine neue Klasse von Hochqualifizierten hervorgebracht, deren Mitglieder sich aufgrund gleichwertiger Qualifikation wertschätzen und unter sich bleiben. Selbst kaum von Existenzangst geplagt, pflegen die neuen Erfolgreichen eine besondere Ethik, die ethnischen Minderheiten und Randgruppen pauschal Opferstatus zuschreibt. Ihr emphatisch-abstraktes Mitgefühl mit den Mühseligen und Beladenen dieser Welt vermittelt ihnen das wohlige Gefühl moralischer Überlegenheit gegenüber den weniger Gebildeten und Abgehängten im eigenen Land, welche versunkenen Gemeinsamkeiten nachtrauern und nationalistisch gesinnten Rattenfängern auf den Leim gehen.” mehr hier

12 comments

  1. Herbert Manninger

    Höhere Qualifikationen?
    Wer hat die denn: Geschwätzwisseschaftler? Politiker? Journalisten?
    Also die Masse an Eingebildeten, die eloquent und gut gecoacht die jeweils politkorrekten Sprüche absondern und sich gegenseitig Intellekt und Zivilcourage attestieren und sich sicher wähnen vor den Folgen ihrer Einflüsse.

  2. Nattl

    Was für ein geistiger Dünnpfiff… es gibt keine “neue Elite von Hochqualifizierten”, sondern bloß eine neue Schicht von am Fließband ausgebildeten “Universitätsabsolventen”, die mit Mitte 20 zwar ein abgeschlossenes Studium haben, aber damit weniger drauf haben als eine Handelsschulabsolventin mit 17 vor ca. 25 Jahren. Ich habe beruflich die Ehre, diese angeblichen “High Potentials” als unterbezahlte Margenglätter in meinen Projekten zu beschäftigen. Es stimmt, sie selbst wähnen sich als die Besten der Besten, weil ihnen das auf den Universitäten und Fachhochschulen so eingetrichtert wird. In Wirklichkeit sind sie mit dem Sortieren einer Excelliste meist schon überfordert und Protokolle können sie auch nicht ohne massive Rechtschreibfehler verfassen. Wohnen in einer überteuerten 30 qm Mietwohnung, fahren mit dem Fahrrad, weil sie sich ein Auto von ihrem prekären Gehalt nicht leisten können und wähnen sich selbst als die Elite, während sie abwertend auf die arbeitende Bevölkerung herabblicken. Gleichzeitig verstehen sie nicht, dass sie mittlerweile mindestens einen Master von einer angesagten Uni inklusive mehrmonatigem Auslandsaufenthalt benötigen, um einen einfachen, unterbezahlten Verwaltungsjob zu machen, für den vor 25 Jahren ein Pflichtschulabschluss ausgereicht hat.

    Ich muss immer schmunzeln, wenn ich “Wissensgesellschaft” lese, wenn doch Schwafelgesellschaft der passendere Ausdruck wäre. Die Wissensgesellschaft hat im Wesentlichen nur unterbezahlte Fantasiejobs geschaffen, die man nur braucht, um die Massen zu beschäftigen und zu verschleiern, dass wir aufgrund der Automatisierung immer weniger echte Jobs haben.

  3. Kluftinger

    @ Nattl
    Aufgrund ihrer Qualifikation kennen sie ja den Unterschied zwischen einem induktiven und deduktiven Schluss.
    Wenn man eine begrenzte Anzahl von Zeitgenossen hat die ihrer Vorstellungswelt nicht entsprechen, dafür aber alle anderen in die gleiche Kategorie einordnet, welcher (Fehl-)Schluss ist das dann?
    Und wenn sie es sind, der diese bedauernswerten Akademiker einstellt, nennt man das dann eine culpa in eligendo?
    (Wenn nicht, warum wehren sie sich nicht, Unfähigkeit zugeteilt zu bekommen?)

  4. Selbstdenker

    @Nattl:
    Beim Lesen Ihres Kommentars musste ich schmunzeln; vieles kommt mir sehr bekannt vor.

    Mein Steuerberater meinte mal: “Der Aufwand einen HAK-Absolventen das beizubringen, was er für die Praxis benötigt, ist erheblich niedriger als einen Uni-/FH-Absolventen wieder auf den Boden der Realität zu holen”.

    Der Begriff „Wissensgesellschaft“ ist auch meiner Ansicht nach ein arroganter Bullshit-Begriff, der mehr vernebelt als tatsächlich beschreibt. Er unterstellt nämlich, dass Wissen für frühere Generationen keine Rolle gespielt hätte und dass die Menschen heute per se klüger wären.

    Was sich geändert hat, ist, dass sich das Verhältnis zwischen nicht formalisierten, anwendungsbezogenen Wissen und formalisierten, verallgemeinerten Wissen verschoben hat.

    Trügerisch ist die Gleichsetzung zwischen formellen Bildungsgrad mit Wissen oder gar mit Intelligenz: einen intelligenten Menschen wird zwar der Abschluss eines technischen Studiums leichter fallen, jedoch ist Intelligenz nicht das ausschlaggebende Kriterium für ein Soziologie- oder Gender-„Studium“.

    Letztere Absolventen sind nach der Uni dann unzufrieden, weil sie sich aufgrund vom formell gleichen Bildungsgrad in der gleichen Liga wie Gehirnchirurgen, Physiker und Architekten sehen: sie haben tatsächlich geglaubt, dass sie einfach acht oder mehr Semester absitzen können um in einer Art höheren gesellschaftlichen Kaste zu landen.

    Dabei sind es Angebot und Nachfrage am Markt und nicht das persönliche Bemühen, irgendwelche Zertifikate oder gar das Absitzen der Zeit, die ausschlaggebend sind.

    Den Studentinnen und Studenten geht es vielfach nicht um Wissen bzw. um systematische Methoden zur Wissensaneignung, sondern um einen höheren Status, den sie sich über einen höheren formellen Bildungsgrad erhoffen.

    Zumal die Kosten für Ausbildung und spätere Alimentierung (Beamte im öffentlichen Bereich, Quoten in der Privatwirtschaft) externalisiert werden, können Unis und FHs auch immer schamloser als Verkäufer von Pseudo-Studienabschlüssen (de facto: inflationäre Status-Zertifikate) auftreten.

    Die Jobs werden nicht weniger und ich sehe auch keine unausweichliche Entwicklung hin zu mehr Bullshit-Jobs. Die Misere, die sich gerade auswächst, entsteht durch künstliche Verzerrungen vom Arbeitsmarkt.

    Ähnlich wie bei der Sub-prime Krise des Immobilienmarktes (Kreditgewährung trotz schlechter Risiken zur Erfüllung von Eigentums-Quoten) bäumt sich eine Sub-prime Krise des Arbeitsmarktes für Akademiker (Zugangsgewährung trotz fehlender realer Qualifikation zur Erfüllung von fiktiven Status-Quoten) auf.

  5. Johannes

    Gebildet und Ungebildet ist ein Schwachsinnsbegriff nach meiner Meinung.
    Ein Bergbauer, ein Handwerker, ein Arbeiter kann wesentlich weiser sein als ein Gebildeter.
    Ein sogenannter Gebildeter kann ein ganz kleines Rädchen in einem Getriebe sein dessen Finanzierung durch die sogenannten Ungebildeten, Zurückgelassenen erst ermöglicht wird.

    In der heutigen Zeit sind viele Uni-Absolventen in geschützten Bereichen tätig die nur durch massive Zahlungen der öffentlichen Hand existieren.

    Das beste Beispiel ist für mich überhaupt der ORF dort lebt man, nach meiner Meinung, das urbane Elitentum und kann es doch nur weil man auf den kleinen Mann und seine Zwangsgebühren zugreifen darf.

  6. Selbstdenker

    Die Konflikte unserer Zeit sind zentral vs. dezentral einerseits und Nettozahler vs. Nettoempfänger anderseits.

    Wir haben es mit einer selbsternannten Status-“Elite” zu tun, die glaubt ein gottgegebenes Recht auf die Früchte der Arbeit der Nettozahler zu haben. Über Brot und Spiele (Bullshit-/Beamten-Jobs, Asozial-Staat) sichern sie sich Mehrheiten in vielen demokratischen Ländern. Und wenn es aus demographischen Gründen einmal knapp wird, holen sie sich neue, dauerhaft abhängige Wählergruppen ins Land.

    Der Autor dieses stellenweise sehr schwachen NZZ-Gastkommentars versucht offenbar einen Konflikt innerhalb der Wertschöpfenden herbeizuschreiben um vom wahren Problem der westlichen Demokratien abzulenken: der Glaube von (zu) Vielen, dass ihnen die Wenigen ihre immer mehr ausufernden Ansprüche zahlen sollen.

  7. fxs

    Eine Volkswirtschaft kann es sich angesichts von Billiglohnländer nur unter folgenden Bedingungen leisten, ein umfangreiches Sozialsystem zu finanzieren und hohe Löhne zu bezahlen: Entweder das Land besitzt Ressourcen, welche andere nicht haben aber brauchen -etwa Ölquellen-, oder die das Wirtschaftssystem kann Produkte oder Leistungen erbringen, welche andere brauchen, aber selbst nicht erbringen können.
    Ein Overhead an “Diensten” die nur “lokale Bedürfnisse” befriedigen, wie Verwaltung und Hilfestellung für die Bevölkerung, mit der Verwaltung zurecht zu kommen, leisten keinen Beitrag zur Steigerung des Wohlsandes in einer Volkswirtschaft. Genau diese Tatasche wird aber von den Universitäten nicht gesehen, oder bewusst verschwiegen. Und die “Eliten” leisten Arbeit im Sinne der genannten “lokalen Bedürfnisse”

  8. Luke Lametta

    Sehr, sehr gut beschrieben @Selbstdenker und sehr anschauliche und realitätsnahe Schilderung, @Nattl. Dieses über von ihnen total durchseuchte Medien eine Art Mentalitätsherrschaft ausübende Strohfachakademikerproletariat ist eine Art neue Priesterklasse, deren Religion Umverteilung, Klima, Gender und Migration ist, man erkennt einander am Soziolekt, ächtet die Ungläubigen und wie jede Priesterklasse zu jedem Zeitpunkt in der Geschichte hat man ein unausgesprochenes Motto: “Dient mir, ihr Bauern!”

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