Die Krankheit des Gesundheitssystems

Von | 30. November 2013

(ANDREAS TÖGEL)  In Österreich sind – wie auch in Deutschland – alle guten Dinge bekanntlich gratis. Schule, Studium, ganz besonders aber die Gesundheitsversorgung. Welch wunderbare Welt – so schien es bisher. Bisweilen indes werden Unheil ankündigende Zeichen der Zeit doch erkannt: Eine laufend steigende Zahl von Leistungsberechtigten bei einem zugleich immer kleiner werdenden Kreis von Zahlungspflichtigen, muß früher oder später zwangsläufig zum Systemkollaps führen – selbst dann, wenn man zuvor noch schnell einmal die „Reichen“ total enteignet und „Besserverdiener“ mit einer 80-prozentigen Einkommensteuerprogression quält. Das ist offensichtlich auch den für das angeblich „beste Gesundheitssystem der Welt“ Verantwortlichen in Österreich aufgefallen, das Jahr für Jahr Kostensteigerungen ausweist, die deutlich über der Zunahme des BIP liegen. In den letzten Jahren beliefen sich die Kostensteigerungen auf durchschnittlich immerhin 5,2 Prozent jährlich. Im Jahr 2012 verschlang der öffentliche Gesundheitssektor die stattliche Summe von 22 Mrd. Euro. Daher wurde unter einigem Getöse eine „Gesundheitsreform 2013“ ausgerufen, in deren Zentrum – man höre und staune – „Zielsteuerung und Kostendämpfung“ steht. Schließlich soll der Staat ja in 20 oder 30 Jahren nicht die gesamte Wirtschaftsleistung in der Krankheitsverwaltung versenken müssen, sondern auch fürderhin für so wunderbare Dinge wie Kulturförderung, Agrarsubventionen, die Auszahlung horrender Hofratswitwenpensionen und die Gehälter von Fahrrad- und Genderbeauftragten flüssig bleiben.

 

Um weiterhin eine nachhaltige Finanzierung der Gratismedizin für alle zu gewährleisten, soll die Kostenzunahme im öffentlichen Gesundheitswesen künftig an das Wachstum des BIP gebunden werden. An plakativen Überschriften und nona-Bekenntnissen wie: „Der Patient soll im Mittelpunkt stehen“ und am „bestmöglichen Ort“ seine „optimale Behandlung“ erhalten, fehlt es nicht. Wo und was der „beste Ort“ und die „optimale Therapie“ ist, welche Fahrtstrecken den Patienten zugemutet werden dürfen und welcher Behandlungsaufwand bei welcher Erkrankung zu rechtfertigen ist, bleibt ungeklärt. Die Frage, wie die geplanten Einsparungsziele – angesichts der von diversen Interessenvertretungen mit Zähnen und Klauen verteidigten Reviere und Pfründe – zu erreichen sind, ist offen. Viel kann indes nicht schiefgehen, denn immerhin wurden bereits (selbstverständlich steuer- und beitragsfinanzierte) Arbeitskreise und Kommissionen ins Leben gerufen, die sich der Problematik unter größtmöglichem Einsatz annehmen werden…

 

Der in einschlägigen Debatten häufig als Allheilmittel vorgeschlagene Bettenabbau im überdimensionierten Spitalsbereich wird, so steht zu befürchten, zum Systemerhalt nicht ganz ausreichen. Österreich ist zwar unbestrittener Weltmeister in der ebenso kostspieligen, wie überflüssigen Hospitalisierung von Patienten, die – ohne Qualitätsverlust – jederzeit auch ambulant versorgt werden könnten. Weniger Betten bringen allerdings Patienten dummerweise nicht zum Verschwinden. Die zu deren extramuralen Behandlung erforderlichen Strukturen und Einrichtungen fehlen jedoch weitgehend. Pech, daß deren Aufbau nicht zum Nulltarif zu haben sein wird. Um das Ungemach zu komplettieren, läßt die galoppierendeVergreisung der Gesellschaft – mitsamt ihrer unerfreulichen Begleiterscheinung, daß den Leuten einfach wesentlich länger Zeit dafür bleibt, alle möglichen lästigen Leiden zu entwickeln, steigende Fallzahlen und darüber hinaus drastisch zunehmende Kosten des Pflegebedarfs erwarten. Weshalb übrigens die Menschen in Österreich zwar gleich lang leben wie die in Dänemark, die Austriaken aber wesentlich mehr Jahre an verschiedensten Krankheiten laborieren, ehe man sie einsargt (nämlich 13, während es die Dänen auf nur sieben Jahre bringen), stellt die Experten vor ein Rätsel…

 

Daß das öffentliche Gesundheitswesen zu ungefähr gleichen Teilen aus Krankenkassenbeiträgen und Steuern finanziert wird, sowie die vom Rechnungshof immer wieder scharf kritisierte Zersplitterung der Zuständigkeitsbereiche (jeder, mit Ausnahme des Gesundheitsministers, hat ein gewichtiges Wort mitzureden), führt derzeit zu Zielkonflikten, denen ohne eine radikale Umgestaltung des Gesamtsystems mutmaßlich nicht beizukommen sein wird. Angesichts der sprichwörtlichen Reformresistenz im Land der Hämmer (nicht einmal eine mickrige Verwaltungsreform oder die Abschaffung des ganz und gar unnötigen Bundesrates sind hinzubekommen!) bedeutet das verdammt schlechte Aussichten – sowohl für Patienten als auch Steuerzahler.

 

Zweifellos ist, um nur einen rein medizinischen Aspekt herauszugreifen, künftig deutlich mehr Gewicht auf Vorsorge und Prävention zu legen. Ein Beispiel: Jeder durch geeignete Maßnahmen vermiedene Dialysefall könnte langfristig viel Geld ersparen. Nierenleidende stellen zwar nur 0,1 Prozent aller ambulanten Patienten, verursachen aber 16 Prozent der Kosten des Ambulanzbetriebes. Rund die Hälfte der Betroffenen haben eine längjährige Vorgeschichte als Hypertoniker und/oder Diabetiker. Sowohl die Hochdruck- als auch die Stoffwechselerkrankung kann aber, so sie frühzeitig genug erkannt wird, derart effektiv behandelt werden, daß es erst gar nicht zu einer Niereninsuffizienz – und die sich daran knüpfenden Kosten – kommen muß. So weit, so gut. Vorsorgemaßnahmen führen jedoch nur dann zu Einsparungen, wenn dadurch der Abbau von Behandlungseinrichtungen (etwa die Schließung bestimmter, dann überflüssiger Krankenhausabteilungen) möglich wird. Das aber funktioniert nur, wenn die Präventivmedizin lückenlos durchgeführt wird – z. B. in Gestalt von verbindlichen Reihenuntersuchungen. Zu deren Durchsetzung bedürfte es indes wohl polizeistaatlicher Maßnahmen, bis hin zur Zwangsvorführung von Patienten. Ob das ein in einer liberalen Gesellschaft, die auch ein Recht auf (selbstverschuldete) Krankheit zu garantieren hat, wünschenswert und durchsetzbar ist, sei dahingestellt.

 

Die Wahrheit ist: der Wohlfahrtstaat ist am Ende. Zwecks Fortsetzung der Brot-und-Spiele-Orgie noch mehr Schulden zu machen, ist nicht länger drin. Fachleute sind sich daher einig, daß es im staatlichen Gesundheitswesen zu einem „Abschmelzen von Leistungen“ wird kommen müssen. Die bereits heute von den Anwälten der „sozialen Gerechtigkeit“ und anderen sozialromantisch veranlagten Traumtänzern bitter beklagte „Zweiklassenmedizin“ wird sich folglich erheblich verschärfen. Wer zahlen kann und will, wird behandelt; alle anderen aber leben mit einer zunehmend besser werdenden Aussicht darauf, auf einer Warteliste zu versterben oder endlos lange auf einen OP-Termin oder ein anderes Gratisangebot vom Onkel Doktor warten zu müssen. Das sollte indes niemanden überraschen, denn Mangelversorgung, Warteschlangen und -Listen sind eben die unvermeidlichen Symptome jedes sozialistischen Systems. Warum sich das in einer staatlichen Gesundheitskolchose, die allen möglichen Stakeholdern (von der gewerkschaftlich bestens organisierten Hilfskrankenschwester über viele Tausendschaften unkündbarer Sozialbürokraten bis zum Apotheker mit bombensicherem Gebietsschutz) verpflichtet ist, anders verhalten sollte, liegt im Dunkeln.

 

Wer Geld hat, fährt im Bentley und wer keines hat, geht zu Fuß. Differenzierungen dieser Art werden künftig auch im Gesundheitswesen gelten. Immer noch wird diese für viele Zeitgenossen unbequeme Erkenntnis von der politischen Klasse zugunsten der Illusion einer unbegrenzten Finanzierbarkeit lebenslänglich garantierter Gratismedizin für alle unterdrückt. Bei der hierzulande herrschenden Nulltarifmentalität verwundert das auch nicht. Für allzu viele Mitbürger ist es nämlich zwar völlig OK, mit gepumptem Geld auf Urlaub zu fahren, ein Auto und/oder allerlei überflüssigen Tand zu kaufen. Aus der eigenen Tasche ein paar Euro für seine Gesundheit aufwenden (oder dafür gar einen Kredit aufnehmen) zu müssen, wird von denselben Leuten jedoch als absolut unerhörte Zumutung verstanden. Dem tragen die Sozialisten in allen Parteien getreulich Rechnung. Hier sind die Konsequenzen Jahrzehntlanger wohlfahrtsstaatlich organisierter Verhausschweinung zu bewundern.

 

Doch die Wahrheit ist zumutbar! Ehrlich wäre es, den (künftigen) Patienten schon heute reinen Wein einzuschenken: Ohne privates Geld in die Hand zu nehmen, wird es keine „optimale“ Versorgung mehr geben. Mit oder ohne Gesundheitsreform 2013. Wie heißt es im Sprichwort? „Ohne Geld ka Musi“. Dasselbe wird künftig wohl auch für die Hüftoperation gelten. Die leere Staatskasse hat gesprochen…

 

Tagebuch

 

8 Gedanken zu „Die Krankheit des Gesundheitssystems

  1. Heinrich Elsigan

    Herr Ortner begibt sich auf Irrwege, denn die Hardfacts sehen so aus:
    http://2.bp.blogspot.com/-yiBTCELqYxo/UpFr62qp1kI/AAAAAAAAVHI/CcFONrrzu4U/s1600/1.18147455.1378751046.jpg

    Also, die Einsparungen im Gesundheitssystem sind nicht aufgrund der Arbeitenden oder kurzfristig arbeitslosen Bevölkerung nötig, die hohen SV-Abgaben liegen in der nicht nachhaltigen Finanzierbarkeit des Pensionssystems.

    Ich schlussfolgere nicht die Notwendigkeit zu vollkommener Liberalisierung der Gesundheitsversorgung für die Allgemeinheit, ich sehe die Probleme eher in sehr vielen dekadenten Frühpensionist_innen, fürstlichen ÖVP-Beamt_innen mit feudalen Ruhegenüssen, feudaler kammeralistischer Verwaltung mit Kammern, Bünden und dem schlimmsten kafkaesken föderalistischen Verwaltungssystem, das es gibt.

    Die ständisch föderalistische Zwangs-Sozialversicherungsuntergliederung ist die schlimmste Unart, die ein moderner Staat meiner Meinung nach begehen kann.
    Das Gesundheitssystem und das Pensionssystem gehören zuerst einmal voneinander getrennt.
    Die Herumverschieberei zwischen Gesundheit, Arbeitslosigkeit, Soziales und Pensionen ist der Knackpunkt im System.

    Eine minimale Gesundheitsversicherung sollte es für jeden geben und nicht nur denjenigen, die reich sind.

    Bedenken sie folgendes Herr Ortner: die Genies, die uns weiterbringen könnten, sind nach Wahrscheinlichkeits- und Evolutionstheorie nicht nur in den Familien der Reichen zu finden.
    Die Reichen sind zu wenig bereit, kalkulierbare Risiken einzugehen und entwicklen sich zunehmend zu einem mittelalterlichen Besitzstand. In der Gesellschaft fehlt es an Leistungen und Innovationen.

  2. Nattl

    wer nicht einmal in der Lage ist, herauszufinden, wer der Verfasser eines Textes ist, der darf sich nicht erwarten, dass mit ihm ernsthaft diskutiert wird.

  3. Thomas Holzer

    @Heinrich Elsigan
    “Die Reichen sind zu wenig bereit, kalkulierbare Risiken einzugehen und entwicklen sich zunehmend zu einem mittelalterlichen Besitzstand”

    Verzeihung; aber wenn Sie schon von “den Reichen” schreiben, erlaube ich mir die “polemische” Replik:
    Die Armen sind zu wenig bereit, kalkulierbare Risiken einzugehen und entwickeln sich zunehmend zu einem mittelalterlichen Besitzstand; mit dem vom Staat erhaltenen, umverteilten Geld.

  4. Christian Peter

    @heinrich elsigan

    richtig. Zuallererst sollten die gewaltigen Sparpotentiale in der aberwitzig aufgeblasenen österreichischen Verwaltung (vor allem auch im Gesundheitswesen) genutzt werden – erst dann sollte über Leistungskürzungen nachgedacht werden.

  5. Rennziege

    Aufregung ist nutzlos, Herr Tögel, sosehr sie den Finger kundig in die schwärende Wunde legt. Das Gesundheitssystem ist nur ein Teil des über Jahrzehnte wählerbetäubend inszenierten Ponzi-Pyramidenspiels, an dessen politisch und (großteils auch) medial verkündete “Seriosität und Verlässlichkeit” das Stimmvieh glaubt.
    Daran wird sich nichts ändern. Der Krug geht zum Brunnen, bis er … eh scho’ wissen. Da helfen keine Pillen.

  6. Christian Peter

    Man sollte sich neben der überbordenden Bürokratie im Gesundheitswesen auch um die Privilegien der Ärzte/Pharmaindustrie kümmern, denn das Geschäft mit der Krankheit auf Kosten der Allgemeinheit ist äußerst einträglich. Experten meinen : Etwa 1/3 aller medizinischen Behandlungen und 50 % aller Medikationen haben keinen Nutzen für den Patienten.

  7. Thomas Holzer

    @Christian Peter
    Denken ist nicht unbedingt die Stärke “unserer” Politiker 😉

  8. Heinrich Elsigan

    @Thomas Holzer

    Ich habe nichts gegen Reiche, die hier Arbeitsplätze schaffen oder hier Geld auf andere Weise investieren.
    Ich habe sehr viel gegen leistungslose ungerechtvertigte Umverteilung zur Bildung von privater Vermögen auf Pump (auf Staatsverschuldung, die dann wieder höhere Steuern mit sich bringen kann)

    Lesen Sie meinen Beitrag hier:
    https://plus.google.com/+HeinrichElsigan/posts/RSULbkTKYZt

    Ich bin kein Fan der sozialen Hängematte, aber Prekariat ist ein Zustand, der auch tüchtigen und gut ausgebildeten passieren kann.
    Für Gesundheit einen Kredit aufnehmen stößt mir sehr auf.
    1.) Ohne Eigenkapital kein Kredit nach Basel-III
    2.) Bei den Steuern auf Arbeit, die ja ein Teil des Problems sind, warum es überhaupt zum Prekariat kommt, können Kredite schwer zurückgezahlt werden!

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