Die Kunst des Todes

“…Aufruhr und Chaos herrschen in grossen Teilen der islamisch-arabischen Welt. Der kurze Traum eines demokratischen Aufbruchs hat sich in einen Albtraum verwandelt. In den meisten Ländern drängen totalitäre, islamistische Gruppen an die Macht, durch Wahlen oder mit Waffengewalt. Sie agieren selbstsicher und skrupellos. Die weltlichen, mittelständischen Kräfte sind in der Minderheit und politisch unerfahren, und den Islamisten ist nicht entgangen, dass auf Amerikas Präsidentenstuhl eine Hamlet-Gestalt sitzt, die viele Reden hält, aber davor zurückschreckt, die westlichen Interessen im Orient und anderswo zu vertreten und notfalls mit robusten Mitteln durchzusetzen…” (mehr hier)

6 comments

  1. Thomas Holzer

    Wie pflegte schon Sir Karl Popper zu sagen:
    “We should therefore claim, in the name of tolerance, the right not to tolerate the intolerant”

  2. gms

    Thomas Holzer,

    Poppers Spruch ist zweifelsfrei richtig, allerdings hat dieser m.E. einen ganz bestimmten Kontext, nämlich jenen der jeweils eigenen Gesellschaft. Dies wiederum unter der Annahme, einzig diese hätte nennenswerten Einfluß auf das Leben eines Individuums.

    Toleranz ist innerhalb eines Konfliktes ein Akt der Vernunft, in welchem gezielt die Verletzung bestimmter Interessen erduldet wird zur Wahrung höherwertiger Interessen. Entscheidend dabei ist die echte und auch umsetzbare Wahlfreiheit, entweder das eine oder andere Übel zu beseitigen, nicht jedoch beide.

    Die Intoleranz Dritter kann dann und nur dann Inhalt unserer Toleranzerwägung werden, sobald daraus ein uns tangierendes Übel erwächst.
    So mag beispielhaft der Mensch intolerant sein, wenn er im vollen Einklang mit den lokalen Gesetzen den Kindern seines Dorfes das gelegentliche Stipitzen von Kirschen durch das Aufstellen hoher Betonwände rund um sein Anwesen unmöglich macht, damit aber sowohl evident unökonmisch handelt und zugleich den Unmut anderer Dorfbewohner aufsich zieht, denen diese Wände nachvollziehbar nicht gefallen.
    Kann und soll diese praktizierte Intoleranz nun Einfluß auf die Bewohner des Nachbardorfes haben? Wäre maßgeblich, ob im Nachbardorf unterschiedliche Gesetze hinsichtlich Ortsbild gelten, und man diesen folgend besagte Betonmauern nicht zugelassen hätte?

    Was man im Kontext von Kirschen, Straßenbild und Dorfidylle noch als irrelvant abtun mag, findet seine Zuspitzung eine Stufe höher — wenn Gewalt ins Spiel kommt. Zweifelsfrei gebietet die Vernunft, dieser entgegenzutreten, sobald man selbst Ziel von Gewalt wird, unter der Annahme, es gäbe bloß wenig gute Gründe, die eigene Gesundheit für Höherwertiges zu opfern.

    Im Kontext aber von Gewalt, welche Menschen anderen antun, ohne daß man selbst involviert ist, versagt die Vernunft. Ein Eingreifen mag geboten sein, aber jede übergeordnete rationale Beurteilung muß fehlschlagen, ist die Abwägung doch zwangsweise hochgradig subjektiv. Kommt zu diesem subjektiven Preis/Leisungsverhältnis noch eine ebenso hochgradig ungewisse Erfolgsaussicht hinzu, kann mangels handfester Grundlagen nicht mehr von einer Toleranzentscheidung gesprochen werden, sondern nur noch von einer des Gewissens in Koproduktion mit der eigenen subjektiven Risikoaffinität.

    Welche mögliche Eskalation wird toleriert? Was ist der potentiell höchste zu zahlende Preis bezogen auf welche Vermeidung von Schäden? Im eigenen Dorf, in der eigenen Gesellschaft, in der eigenen Kultur — hier hat man im Regelfall alle relevanten Grundlagen zur Beurteilung von Zusammenhängen und ist im Anlaßfall zugleich unmittelbar betroffen, was einem zum Abwägen einerseits zwingt, zugleich aber auch das nötige Rüstzeug liefert.
    Jegliche “Tele-Intoleranz” — sprich Nicht-Erduldung mit Fernbezug zum Mißstand — ist aufgrund der Fraglichkeit der Wirkung des Übels ein mutmaßliches Oxymoron, zugleich aus genannten Gründen ein untauglicher Kandidat für rationale Zugänge und deshalb jener Toleranz entzogen, die ohne Gewissensentscheid auskommen will.

    Der Liberale unterläßt Kritik an echten Gewissensentscheidungen, unabhängig eigener Beurteilungen desselben Sachverhaltes. Anders sieht es aus, wenn Gewissensentscheidungen erkennbar rational aufgeladen werden. Menschlich — allzu gutmenschlich.

  3. Thomas Holzer

    @gms
    Ich hatte keineswegs die Absicht, mit diesem Zitat einem militärischen Eingreifen der USA/des Westens eine auch nur wie immer geartete Legitimität zu verleihen!

  4. gms

    Thomas Holzer,

    Keine Frage! Es lag und liegt mir fern, Gegenteiliges anzudeuten. Ihre stimmige Bezugnahme war mir bloß willkommener Anlaß, den mitterdings arg ramponierten Toleranzbegriff wieder dort anzusiedeln, wo er hingehört — nämlich dort, wo es einen handfesten Bezug zum Tolerierenden gibt.

    Gegeben ist dieser Kontext im Fall Syrien tatsächlich — siehe mögliche Terrorakte im Westen als Folge von Rache und Revanche. Entscheidend ist die Frage, ob man es sprichwörtlich darauf kommen lassen will oder nicht, wann und wo man radikale (sic!) Entscheidungen trifft und (überspitzt formuliert) alles potentiell Böse von der Erde tilgt, oder aber allfällig Intolerantes in fernen Ländern mit Absicht erduldet, weil deren Abwendung das noch größere Unheil brächte.

    “To be or not to be.” — Daß Obama nun berechtigt als Hamlet karikiert wird, verdeutlicht, wie wenig wir es nun mit Fragen der Vernunft zu tun haben, denn mit solchen des Gewissens. Niemand würde behaupten, Obama zauderte ebenso, würden Jihadisten das Weiße Haus abfackeln. Toleranz und und deren Zwilling Intoleranz folgen dem Verstand. Für Ziele einige tausend Meilen abseits der Heimatbasis fehlt der Ratio allerdings der nötige Unterbau, wenn sowohl die eigene Betroffenheit wie ebenso die erwägbaren Konsequenzen auf dem schwammigsten aller Untergrunde ruhen.

  5. Thomas Holzer

    @gms
    Obama ist (nicht nur in diesem Falle) “Gefangener” seiner -von seinen Redenschreibern- kreierten und pathetisch vorgetragenen Worte

    Mit Verlaub; was ein Dahinmorden von Zivilisten in einem im wahrsten Sinne des Wortes fernen Land mit der “nationalen Sicherheit” der USA zu tun hat, bleibt mir bis heute verborgen; auch wenn dieser Satz zynisch klingen mag.

  6. Selbstdenker

    Der Westen sollte sich aus diesem Konflikt heraushalten – so zynisch es auch klingen mag. Es gibt eine Parallele zum mexikanischen Drogenkrieg, die jedem Strategen zu denken geben sollte:

    Solange sich annähernd gleich starke Gegner in den Haaren liegen, konzentrieren sie ihre Ressourcen darauf sich untereinander in Schach zu halten.

    Sobald sich der Westen militärisch aktiv auf die Seite einer Bürgerkriegspartei schlägt, bringt er eine Seite in die Position die anderen Gegner zu vernichten und sich – machen wir uns nichts vor – anschliessend gegen den Westen selbst zu richten. Die Situation eskaliert dann.

    Anstatt mit einer gut gemeinten Intervention eine ungewollte und unkontrollierbare humanitäre Katastrophe zu verursachen sowie durch eine weitere Destabilisierung dieser Region die eigene strategische Position massiv zu schwächen, sollte sich der Westen an der Unterstützung humanitärer Projekte in der Region beteiligen.

    Es ist für mich nicht nachvollziehbar, warum es für einen innerarabischen Konflikt den – ohnedies nicht gerne gesehenen Westen – in dieser Region braucht. Ein Waffen-, Handels- und Luftembargo sowie die schrittweise Einkesselung der Kampfparteien durch eine Friedenstruppe regionaler Mächte (Türkei, Saudi Arabien, etc.) wäre
    ein sinnvollerer Ansatz mit weniger Blutvergießen.

Kommentar verfassen

Du kannst die folgenden HTML-Codes verwenden:
<a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <s> <strike> <strong>

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden .