Die neue Qualität des Martin Kocher

Von | 12. Januar 2021

(GEORG VETTER)   Dieses Wochenende konnte man viel dazulernen, zum Beispiel: In Bratislava gibt es eine Technische Universität, auf der man mit einer deutschsprachigen Dissertation einen Doktortitel erlangen kann. Weiters gibt es offensichtlich Menschen, die trotz Corona-Krise ein Ministeramt, eine Doktorarbeit und eine Familie zeitlich unter einen Hut bringen. Dass bei derartigen Herausforderungen die sprachliche Korrektheit zum Teil auf der Strecke bleiben muss, erscheint verständlich.
Auch finde ich es keineswegs überraschend, dass Professoren, die massenweise Diplomarbeiten und Dissertationen zu lesen haben, über die eine oder andere linguistische Unebenheit hinwegsehen. Andere Kriterien – wie insbesondere das Gendern – sind für solche Arbeiten bekanntlich wichtiger, um nicht zu sagen: gesellschaftlich wertvoller.
Was Frau Aschbacher betrifft, bin ich zwischen sprachlicher Belästigung und politischem Mitleid hin- und hergerissen. Es ist durchaus vorstellbar, dass ihre Arbeiten im Durchschnitt dessen liegen, was auf unseren Hochschulen an wissenschaftlichen Erstlingswerken so abgeliefert wird. Viele junge Menschen scheinen zu glauben, dass moderne Wissenschaftlichkeit vor allem darin besteht, dass man alle Geschlechter sichtbar macht und sich m Übrigen unverständlich ausdrückt. Da Fremdworte bekanntlich Glückssache sind, flüchten angehende Akademiker zur Verschleierung ihrer Gedanken gerne in komplizierte Satzkonstruktionen oder verwenden irgendein Kauderwelsch, dessen Sinnerfassung für den Normalbürger im Allgemeinen sowieso unmöglich oder zu zeitaufwendig ist.

Dass Frau Aschbacher durch den Kakao gezogen wird, obwohl es viele Studenten geben dürfte, die ihr in der Beherrschung der deutschen Sprache einerseits und dem Umgang mit fremdem Quellenmaterial im Nichts nachstehen, erscheint irgendwie unfair – und könnte manche ihrer ehemaligen Kollegen mit akademischem Abschluss ins Schwitzen bringen.

Auf der anderen Seite war sie Mitglied der österreichischen Bundesregierung und darf daher – qua ihrer Ministereigenschaft – mit besonderen Maßstäben gemessen werden. Wenn sie etwa im August in Bratislava ihre Dissertation verteidigt hat, stößt das den reisefreudigen Landsleuten möglicherweise sauer auf. Die Bundesregierung hat nämlich zur gleichen Zeit die Österreicher vor Auslandsurlauben mit den Worten gewarnt, dass das Virus mit dem Auto zurückkäme. Hätte die Bundesregierung hingegen klar kommuniziert, dass der Besuch ausländischer Universitäten zwecks Abschluss eine Studiums Grenzübertritte rechtfertigt, könnte man die Situation entspannter sehen. Nicht auszuschließen ist allerdings, dass der Verfassungsgerichtshof diese Ungleichbehandlung anders gesehen hätte.
Frau Aschbacher gehörte für mich in die Kategorie jener Ministerinnen, die einer Bundesregierung durchaus angehören können, wenn die Sonne scheint. Wenn das aber nicht mehr der Fall ist – und damit sind wir bei der Corona-Krise – dann kann eine gute Portion Expertise unabdingbar sein.

In diesem Sinne hat Sebastian Kurz eine Kurve gekratzt, die die Öffentlichkeit im Zuge der Bestellung von Martin Kocher als Arbeitsminister noch gar nicht so deutliche artikuliert hat. Kocher gilt aber nicht nur als Experte, er ist auch ein Mann und überdies Salzburger. Sein Geschlecht erwähne ich deshalb, weil sich das Geschlechterverhältnis mit seiner Bestellung verschoben hat, ohne dass dies einen Proteststurm ausgelöst hat. In der Krise dürfte hier die Qualifikation offensichtlich im Vordergrund stehen. Aber auch die Regionalität scheint kein Thema gewesen zu sein. War es einst so, dass das Innenministerium unbedingt von einer niederösterreichischen ÖAAB-Frau geführt werden musste, störte im gegebenen Fall die aufgehende steirische Lücke niemanden.

Mit der Bestellung von Martin Kocher hat Bundeskanzler Kurz also gleich mehrere neue Pflöcke eingeschlagen. Irgendwie dünkt mir allerdings, dass einem Experten wie Kocher das (abgespeckte) Arbeitsministerium auf Dauer um ein paar Schuhgrößen zu klein sein könnte.

10 Gedanken zu „Die neue Qualität des Martin Kocher

  1. Kluftinger

    Was die “Schuhgröße” für Herrn Kocher betrifft, abwarten und Teetrinken!
    Nicht dass an der Qualifikation von Kocher gezweifelt wird, aber der Intrigantenstadel in Wien wird den Betrieb nicht einstellen? Trotzdem viel erfolg für den Neominister!

  2. sokrates9

    Warum werden nirgends die “Professoren” vor den Vorhang gestellt denen eklatante Rechtschreibfehler nicht auffallen – wenn sie schon die Arbeiten nicht lesen -( Verstehen kann man solche “Arbeiten” wahrscheinlich ohnehin nicht )
    Solche Arbeiten werden dann als Draufgabe mit ” sehr gut” beurteilt. Wie sieht dann eine Arbeit mit Genügend aus? Name des Dissertanten fehlerfrei geschrieben?
    Slowakische Arbeit verstehe ich .Ist offensichtlich EU – Kulturkonform.
    Wenn ein Ausländer (Aschbacher )glaubt Lesen und Schreiben zu können muss eine Arbeit mit Doktorat ausgezeichnet werden.

  3. Rado

    Mit der aktuellen Inszenierung von Kocher in den Medien wächst für mich etwas zu früh Gras über die Ministertätigkeit seiner Vorgängerin Aschbacher. Wer hat diese Frau für das Ministeramt ausgewählt und warum wurde sie empfohlen? Wie hat sie so ihren Tag im Ministerium verbracht? Wie hat sie sich im Ministerrat eingebracht und wie hat man sie dort erlebt? Warum hört man nichts vom ewigen Zwischenrufer der Nation zu Zeiten der blauen Minister? Dem Herrn Professor und Bundespräsidenten, der Aschbacher vor einem Jahr mit breitem Grinsen angelobt hatte?
    Das hier soll die Dissertation von Aschbacher sein.
    https://www.meineabgeordneten.at/storage/quellen/18298/kzXfin09al3OtTkoMfn8wSggMeGcYL7zgBdSPmuk.pdf

  4. Gerald Steinbach

    Eines zeigt die Aschbacher Causa auf, diese Leute scheinen wirklich unterbeschäftigt zu sein, wie ist es anders zu erklären, dass
    – eine Vassilakou während ihrer Amtszeit als Vize ein Studium in London absolviert

    – ein Blümel, gleichzeitig neben seiner Tätigkeit als FM , einen Wahlkampf absolviert, in einer durchaus herausfordernden Zeit, könnte man meinen

    Die erwähnten Akteure haben alle etwas gemeinsam, ihre Performance ist sehr überschaubar ,

    Wäre es korrekt zu fragen, ob bei der Frau Vassilakou bei ihren Flügen auch Steuergeld verbraucht wurde

  5. Falke

    Das passiert natürlich, wenn das Hauptkriterium (oder wohl eher das einzige Kriterium) für ein Ministeramt die Quote ist, die ja Kurz schon vorab (“Reißverschlusssystem”) angekündigt hat. Demnach ist für ein bestimmtes Amt jedenfalls eine Frau vorgesehen; findet man keine fachlich geeignete, tut es auch irgendeine. So sieht dann auch die Arbeit der derzeitigen Regierung aus. Immerhin hat Kurz jetzt, da ihm das Wasser offenbar bis zum Hals steht, doch einen gestandenen Fachmann auf diesen Quotenplatz gesetzt. Erstaunlicherweise – wie der Autor auch betont – ohne große Proteste der türkisen Feministinnenabteilung. Die wurde entweder vom Kanzler gebrieft und ruhiggestellt, oder hat vielleicht selber eingesehen, dass man sich gerade in der dezeitigen Situation der Wirtschaft im Allgemeinen und am Arbeitsmarkt im Besonderen keine Experimente leisten kann.

  6. Falke

    @Gerald Steinbach
    Genauso könnte man sich ja auch fragen, warum der derzeitige Kanzler, vor allem während seiner Zeit als Integrations-Staatsekretär, keine Zeit gefunden hat, sein Studium zu beenden. Das wäre jedenfalss für ihn und den Staat nützlicher gewesen als die Erfindung des “Geilomobils”.

  7. GeBa

    Ein Beitrag – Herr Georg Vetter – der unschlagbar ist! Vielen Dank!

  8. Johannes

    Diese Dissertation war, wenn man namhaften Experten glauben darf, eine Farce.
    Erst gestern wurde vom ORF oder durch eigene Gnaden seiner selbst der Herr Dittelbacher in die nachmittagliche Kaffeekränzchen-Sendung geladen um genüsslich die verhunzten Formulierungen auszubreiten.
    Die Chuzbe daran, die gleichen Leute verteidigen leidenschaftlich die um nichts weniger unlesbaren Gender-Sternchen Verhunzungen, welche praktisch jeden sinnvollen Lesefluss verhindern.

  9. Cora

    Es hatte schon einen schalen Geschmack, als die Regierung mit dem feministischen Anspruch des Reißverschlussprinzips antrat.
    Nun ist es raus, die Quotenweiber taugen nichts.
    Nichts gegen Frauen, aber verschonts mich mit den Kampfemanzen.
    Es gibt auch anständige Frauen, allerdings eher abseits der Politbühne.
    Die sind fleißig und haben was auf der Platte auch ohne Doktortitel.
    Vor allem ohne nichtswürdigen Doktortitel aus Bratislava, voll unnötig, nur eindruckschindend, so einer fällt auf die Trägerin zurück.

  10. Alahut

    Nicht trotz, sondern gerade wegen der Coronakrise hat sie Zeit gefunden ihr Doktorat zu machen, die Kaffeehaeuser, die Restaurants, die Discos, die Fitnesscenter etc. haben ja geschlossen.
    Mit Kocher hat Wastl wieder einmal elegant die Kurve gekratzt, darin ist er wahrer Meister. Mit irgendeiner Quotentussi, hätte sich Kurz massiver Kritik ausgesetzt, und Kritik verträgt er überhaupt nicht.
    Interessant ist auch die Begründung ihres Rücktrittes, sie will ihre Familie schützen, diese Familie hat sie wohl bisher ihrer Karriere geopfert, ähnlich argumentieren ja die meisten Quotenweiber, wenn sie scheitern.
    Vielleicht macht sich Herr Professor Weber auch die Mühe, die Diplomarbeiten und Dissertationen all der Politwissenschaftler, Zukunftsforscher usw. zu überprüfen, zumindest von jenen, die sich stets zur absoluten Elite zählen. Von einem Minister erwarte ich mir übrigens, dass er halbwegs frei reden kann, und auch einen geraden Satz hervorbringt, das gilt auch für Vizekanzler.

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