Die Notwendigkeit “Wohltemperierter Grausamkeit”

Von | 16. Juli 2016

(C.O.) Die Anwendung „wohltemperierter Grausamkeit“ mahnte der deutsche Philosoph Peter Sloterdijk im Juli 2015, vor jetzt gerade einem Jahr, ein, um den damals gerade anschwellenden Strom von Migranten aus dem Nahen Osten, Afrika und Teilen Vorderindiens zu begrenzen. Ein Begriff, der dem Denker, wenig überraschend, damals ordentlich Prügel einbrachte. Richard David Precht, die Helene Fischer unter Deutschlands populären Gebrauchsphilosophen, warf Sloterdijk „Nazi-Jargon“ vor. Wie recht Sloterdijk mit seiner unschönen Forderung hatte und wie töricht die Replik Prechts und vieler anderer war, hat sich in den zwölf Monaten, die seit dem Juli 2015 vergangen sind, mehr als dramatisch bewiesen.

Die Schließung der Westbalkanroute für Migranten war natürlich richtig. Aber sie stellte zweifellos eine „wohltemperierte Grausamkeit“ all jenen gegenüber dar, die das Bedürfnis verspürten, illegal nach Deutschland zu reisen. Das Gleiche gilt für den wackeligen Pakt mit der Türkei zur Eindämmung der Migration. Und das Gleiche wird in noch viel höherem Maße für die Deals gelten, die Brüssel früher oder später mit Staatsgebilden wie Libyen oder dem Sudan wird aushandeln müssen, um der Völkerwanderung Herr zu werden.

Im Sudan etwa, dessen Präsident Umar al-Bashir wegen Verdachts auf Völkermord per internationalem Haftbefehl gejagt wird, hat Angela Merkel, 2015 noch die Schutzmutter der Schutzerflehenden, jüngst diskret sondieren lassen, mit welcher Hochtechnologie man behilflich sein könne, um vier Millionen Migrationswillige in der Region mit sanfter Gewalt an der Abreise zu hindern. Spanien betreibt dergleichen schon seit Längerem zusammen mit Marokko, robust in der Sache und mit ziemlich großem Erfolg.

Natürlich ist das alles durchaus „wohltemperierte Grausamkeit“. Trotzdem wird dies und noch mehr an unterschiedlich temperierten „Grausamkeiten“ im Sloterdijk’schen Sinne kommen und kommen müssen, um eine Implosion Europas zu verhindern, wie sie sich schon da und dort andeutet. Viele Europäer wehren sich freilich nach wie vor, dies zu akzeptieren. Das mag an Naivität liegen, an illusionärem Wunschdenken oder einer Unwilligkeit, die Logik der Massenmigration aus der arabischen Welt oder Afrikas zu Ende zu behirnen und sich deren Konsequenzen zu stellen. Oft wird es aber auch an einer unzulässigen Vermischung von Gesinnungsethik mit Verantwortungsethik liegen, wie das der Soziologe Max Weber definiert hat.

Gesinnungsethik ist in diesem Kontext das ausschließlich seinen ethischen Grundsätzen folgende Verhalten des Einzelnen unbeschadet der daraus resultierenden Folgen; Verantwortungsethik hingegen wird nicht nur nach ethischen Kriterien handeln, sondern immer auch die Konsequenzen zum Teil des Kalküls machen. Privatmenschen ist es daher unbenommen, sich unbeschränkt willkommenkulturell zu engagieren – ein Staat hingegen, der nicht verantwortungsethisch ins Kalkül einbezieht, welche Folgen unbegrenzte Zuwanderung haben wird, handelt schlicht und einfach verantwortungslos.

Auch wenn jener Paradigmenwechsel, der heuer in Österreich offen ausgesprochen und in Deutschland stillschweigend in der Asylfrage stattgefunden hat, natürlich primär politischer Existenzangst der herrschenden Klasse geschuldet war, so lässt er sich doch auch beschreiben als Wechsel von einer völlig verantwortungslosen staatlichen Gesinnungsethik (2015) zu angemessener Verantwortungsethik (2016).

Außenminister Sebastian Kurz folgte im Juni mit seinem Vorstoß, sich an Australiens rigider Abschottungspolitik gegenüber der Völkerwanderung ein Beispiel zu nehmen, im Grunde nur diesem dringend notwendigen Paradigmenwechsel und trieb ihn noch ein Stück voran.

Man kann das mit Sloterdijk „wohltemperierte Grausamkeit“ nennen. Im Grunde ist es freilich nichts anderes als die Einsicht in das Notwendige. (“Presse”)

8 Gedanken zu „Die Notwendigkeit “Wohltemperierter Grausamkeit”

  1. stiller Mitleser

    sehr schön, sehr gelungen!
    Und liefert den Lesern (die ja auch zahlreich, begeistert und dankbar kommentieren) bildungsbürgerliche Argumente …

  2. wbeier

    „…….ein Staat hingegen, der nicht verantwortungsethisch ins Kalkül einbezieht, welche Folgen unbegrenzte Zuwanderung haben wird, handelt schlicht und einfach verantwortungslos.“
    Warum diese wohltemperierte Zurückhaltung? Das Vokabel „verantwortungslos“ kann ohne Bedenken durch „verbrecherisch“ ersetzt werden. Wohltemperiert – also nicht kalt und nicht heiß – sind nicht nur Klaviere sondern auch dieses kaputte Volk: Nur nicht Profil zeigen außer vielleicht beim Hofer heimlich das Kreuzerl malen.
    Da sind die Türken aus anderem Holz wie die Spontandemo in der Nacht auf Samstag in Wien zeigte. Bio-Österreicher beteiligen sich kaum aktiv an politischen Prozessen, weil sie ihre Kraft für Donauinselfeste und Schwulenparaden brauchen. Das in so einem Biotop allein der Begriff „Grausamkeit“ nicht gedeihen kann, liegt auf der Hand und ob man das jetzt „Grausamkeit“ oder Einsicht in das Notwendige nennt, bleibt egal. Diese verhausschweinte Gesellschaft von Mädchen aller Geschlechter ist leider zu nichts mehr fähig. Sie hat die Zustände und die politische Führung die sie verdient.

  3. sokrates9

    wbeier@ .. und leider auch die geschilderten Gesetze die von unseren Politkasperln beschlossen werden ( in der Regel ohne ihre Wirkung zu verstehen)um ja Politisch Correct dazustehen!

  4. stiller Mitleser

    @wbeier
    Zivilisation hat eben auch ihren Preis.
    Militärputsch in Wien? mit lauter türkischstämmigen Grundwehrdienern? (auf meiner Tastatur gibt’s kein Smiley)
    Der türkische Putsch ist de facto bereits niedergeschlagen, die Opposition im Militär damit eliminiert.

  5. mariuslupus

    Wohltemperierte Grausamkeit, klingt als eine kleine Anleihe bei Macchiaveli. Es braucht keine Grausamkeit und auch keine wohltemperierte Grausamkeit. Notwendig ist die Fähigkeit zu denken und die Folgen des Handelns zu antizipieren. Wer von den sogenannten Politikern in Brüssel, Berlin, Paris oder Rom ist dazu fähig ?
    Hätte die EU ihre eigenen, von der EU erlassenen Gesetze beachtet, müsste jetzt keine Diskussion über Grausamkeiten geführt werden. Grausam ist Leute vorzugaukeln dass sie in Europa willkommen sind und dann sie ertrinken lassen. Grausam ist Leute mit merkelscher Willkommenskultur anzulocken um dann froh zu sein dass jemand, z.B. Orban der Grausame, die Drecksarbeit der Wegweisung erledigt.

  6. waldsee

    schau,schau,aber zu spät. nach dem putsch in t wird ein neuer ,schrecklicher religionsschub über uns und t rollen.das kopftuch wird zur krone und die trägerin zur königin.
    viel zu spät herr s ,unterstützen sie jetzt die unterlegenen,dann beginne ich ihnen zu glauben.das aber ist unrealistisch.

  7. Mona Rieboldt

    stiller MitlesReihe eri
    Wenn Zivilisation in Dekadenz übergeht, dann zahlen wir den Preis. Und der Preis ist die Hilflosigkeit in europäischen Ländern gegen moslemische Attentate. Hilflosigkeit gegenüber hundertausenden Türken, die hier die 5. Kolonne Erdogans sind, hilflos gegenüber ethnischen Kämpfen in Europa unter verschiedenen Moslemgruppen. Und die deutsche Justiz ist keine Hilfe, sondern selbst ein Problem in der Sache.

  8. Mona Rieboldt

    stiller Mitleser
    Entschuldigung, da ist in Ihren Namen was reingerutscht, was nicht da sein sollte.

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