Die ÖVP gleicht einem ketterauchenden Lungenfacharzt

Von | 5. August 2015

(C.O.) Der Staat, behauptete der ÖVP-Staatsekretär Harald Mahrer am Sonntag in einem interessanten Interview mit der „Presse“, „zockt uns alle ab“.
Das ist erstens natürlich leider richtig und zweitens insofern bemerkenswert, als Harald Mahrer ja Mitglied jener Bundesregierung ist, die für den von ihm zu recht inkriminierten Tatbestand verantwortlich ist. Mehr noch: An einen Finanzminister, der nicht der ÖVP zuzurechnen ist, können sich heute in Österreich nur mehr betagtere Zeitgenossen erinnern, die Partei Mahrers hätte also schon längst abstellen können, was den Staatssekretär heute so empört.

Hat sie aber nicht, wie wir wissen.

Harald Mahrers politische Bewusstseins-Spaltung ist charakteristisch für seine Partei. Regelmäßig kommen da von den höchsten Chargen der ÖVP grundvernünftige Forderungen – etwa nach weniger Staat, weniger Steuern oder weniger Regulierung – denen man höchst erfreut zustimmen könnte. Nur blöd, dass diese ÖVP seit einem gefühlte Jahrhundert regiert oder mitregiert und deshalb für einen erheblichen Teil jener Missstände, die sie heute mit Recht anprangert, Mitverantwortung trägt.

Ganz besonders gilt das für die Wirtschaftspolitik. Da kommt keine Rede eines ÖVP-Politikers aus ohne einen Hinweis auf die Unternehmerfeindlichkeit, die irre hohe Abgabenlast und die wild wuchernde Bürokratie aus – während die gleiche ÖVP bei nahezu jeder neuen unternehmerfeindlichen Maßnahme, bei jeder Erhöhung der Abgabenlast und jedem Ausbau der wild wuchernden Bürokratie mit von der Partie war.

Zu glauben, dass jene ÖVP, die nach Bekunden ihres eigenen Staatssekretärs nicht verhindern konnte, dass uns „der Staat abzockt“ nun plötzlich in Zukunft genau dieses abstellen wird – das erfordert deutlich mehr Naivität, als einem erwachsenen Menschen zusteht.

Das sehen auch immer mehr Wähler so, gerade kleinere Unternehmer und Selbständige, die sich nur mehr gepflanzt vorkommen, wenn wieder einmal ein ÖVP-Politiker verspricht, ihre Interessen zu vertreten. Die glauben den Schwarzen einfach nicht mehr, dass sie plötzlich wirklich in der Realpolitik umsetzen, was sie in den Sonntagsansprachen so versprechen.

Die ÖVP hat da mittlerweile ein veritables  Glaubwürdigkeitsproblem. Sie wirkt ein wenig wie ein kettenrauchender Arzt, der seine Patienten vor den Gefahren des Tabakkonsums warnt und zur  diesbezüglichen Enthaltsamkeit mahnt.

Es stimmt: der Staat zockt uns alle ab. Jetzt brauchen wir nur noch eine Partei, die dieses Problem nicht beschreibt, sondern es löst.

16 Gedanken zu „Die ÖVP gleicht einem ketterauchenden Lungenfacharzt

  1. Zaungast

    Mich erstaunt, dass sich überhaupt noch so viele von der Österreichischen VerräterPartei pflanzen lassen. Der Österreicher ist ein Masochist. Oder einfach nur gehirnbeeinträchtigt.

    PS: Schade um das Team Stronach. Ein Desaster um viel Geld.

  2. Ehrenmitglied der ÖBB

    Die Diagnose ist richtig, aber wie sieht die Therapie aus?
    Man muss sich die Zeit mit Schüssel in Erinnerung rufen:
    a) Senkung der Staatsschulden,
    b) Reform des Pensionssystems (wieder rückgängig gemacht)
    c) Zurückdrängung der Dominanz der Kammers etc (von Folterer wieder versemmelt)
    Es ginge also auch mit der ÖVP wenn sie von fähigen Leuten geführt würde.
    Aber derzeit ist die Garde der Minderbemittelten (politisch) am Ruder und das geht nicht gut!

  3. sokrates9

    Typischer Fall von Schizophrenie! Kann man mit hohen Medikamentendosen sedieren aber nicht heilen!

  4. Rado

    Natürlich zockt uns der ÖVP-Staat ab. Irgendwie müssen die Hypo-Gewinnler mit ihrem Herrn Pröll ja zu ihrem Geld kommen!

  5. Marianne

    Wir Wähler lassen uns halt pflanzen. Seit Jahren, ohne nur das geringste dagegen zu unternehmen. ZB OÖ: lt. Umfragen kann SPÖVPGrün im Herbst mit bis zu 3/4(!) der Stimmen rechnen. Falls die Neos was reißen zumindest 2/3.
    In D scheint es ähnlich zu sein. Der Wähler hällt brav die andere Backen hin: AM befindet sich – umfragenmäßig – im Allzeithoch und würde im Alleingang die Absolute schaffen. Folgerichtig legt sich in der CDU niemand quer, wenn sie mit einer weiteren Amtsperiode droht.
    Alles unglaublich. Haben wirklich 90% der Wähler das Hirn in der Garderobe abgegeben bzw. nicht mehr abgeholt?

  6. Thomas Holzer

    Erlaube mir wie folgt festzuhalten:
    1.) dieses Interview war alles andere als interessant, wurden in diesem doch nur die üblichen Phrasen wiederholt, welcher in der Tagespolitik lässig als “was interessiert mich mein Geschwätz von gestern” beiseite geschoben werden.
    2.) Es gibt in dieser Partei auch keine Bewußtseinsspalting; vielmehr ist das Handeln der maßgeblichen Personen in dieser Partei eiskaltem Kalkül unterworfen; nachdem das tumbe Volk in den vergangenen Jahrzehnten -zwar immer weniger, aber immer noch hinreichend genug- den Sonntagsreden Glauben schenkte, werden diese weiterhin gehalten, in der Hoffnung, die Masse bleibt weiterhin so tumb, gleichzeitig jedoch bewußt das genaue Gegenteil dieser Reden politisch umgesetzt, weil es nur um eines geht, und sonst nichts: den Machterhalt!
    Und in diesem Bestreben sind sich alle im Parlament vertretenen Parteien gleich

  7. Menschmaschine

    @ Marianne

    “Haben wirklich 90% der Wähler das Hirn in der Garderobe abgegeben bzw. nicht mehr abgeholt?”
    Ganz so schlimm würde ich es nicht sehen. Die Menschen sind einfach seit Jahrzehnten korrumpiert. Das System, das wir haben, bezieht schlauerweise jeden mit ein. Jeder bekommt irgendeine Förderung, eine Gemeindewohnung oder ein Pöstchen. So unterstützt jeder weiterhin das System, weil er glaubt, dadurch Vorteile zu haben, die der Nachbar nicht hat. Ein Trugschluß, denn Privilegien für jeden sind Privilegien für niemanden.
    Der Schmäh funktioniert aber immer noch.

  8. Fragolin

    Ich denke da nur an die “entfesselte Wirtschaft”, für mich das beste Beispiel für totales Selbstbildversagen. Die ÖVP löst sich scheinbar in ihren eigenen Tränen auf.

  9. Mona Rieboldt

    @Marianne
    Man hat in D keine große Auswahl an Parteien. Und Angela Merkel hat ja alle, die ihr nicht passten, weg gebissen. So ist niemand mehr da in der CDU, der es machen könnte außer “Mutti”. Und die Vorstellung, daß 2017 die SPD mit Grünen und Linken die Regierung stellen, ist ein Albtraum. Die AfD wurde von einem eitlen Herrn Lucke und der Presse “alles Nazis” minimiert. Die Nichtwähler sind eine sehr große Gruppe, die ständig wächst.

  10. FDominicus

    “Alles unglaublich. Haben wirklich 90% der Wähler das Hirn in der Garderobe abgegeben bzw. nicht mehr abgeholt?”
    Ja, klappt derzeitig noch wunderbar mit der Korruption. Es gibt ja noch Geld bei Produktiven zu holen und die Unproduktiven bestimmen die Politik, daher ist “alles gut” ™

  11. Lutz Plessner

    Brillanter Artikel, danke Herr Ortner.
    Einen Schritt in Richtung ÖVP könnte ich mir sehr gut vorstellen, vorausgesetzt es findet sich ein Politiker, der sagt: “Ja, wir haben überdie letzten Jahre vieles falch gemacht”. Ich fürchte nur, daß dafür meine Leenserwartung nicht ausreicht.

  12. Christian Peter

    @FDominicus

    Sind Sie identisch mit Friedrich Dominicus, dem Bundesvorsitzenden der Partei der Vernunft (PDV) ? War sehr überrascht, heute im Schwimmbad ein Interview mit Ihnen im Spiegel zu lesen.

  13. aneagle

    die övp ist in Wahrheit eine einzige erfolgsgeschichte.

    jahrzehntelanges politversagen mit grottenschlechtem personal, wirtschaft- und gesellschaftsschädigend, zentralistisch- staatsmachtgläubig, setzt dieses machtkonglomerat eine einzige strategie konsequent um: wasser predigen und wein trinken.

    Berüchtigt für geplante umfaller, wahlbetrug und steigbügelhaltung ist diese blase immer noch in der nähe von macht korruption und einfluß. Wie lange geht demokratisches sterben? in Österreich kann man ewig wählermißbrauch begehen und wird dafür wiedergewählt.
    Die övp ist der beste beweis dafür. als ehrlicher makler des wählerwillens hätte sie sich auch nicht wesentlich länger am ruder gehalten, hätte auch nicht mehr zuspruch als jetzt. Also lassen wir es sein !

  14. Panta rhei

    Es ist einfach nur ein billiges, politisches Manöver. Mehr ist von dieser Partei auch nicht mehr zu erwarten. Man wähnt das TS nun angezählt und möchte dessen Wähler abzocken (so wie bereits dessen Abgeordnete).

  15. Thomas F.

    Eher scheint mir die ÖVP wie das Sugarbaby der SPÖ. Etwas unwohl ist ihnen schon dabei, sich zu prostituieren und sie machen sich dann und wann mit öffentlichen Äußerungen etwas Luft, aber letztendlich schaffen sie es doch nicht, auf all den “Sugar” zu verzichten. Dazu fehlt es bei weitem an Charakterstärke.
    Und sie machen die Beine wieder breit. Und wieder und wieder…

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