Die politisierte Burnout-Masche

Von | 28. Februar 2017

(JÜRGEN POCK) Wenn es nach einer jüngst veröffentlichten Studie der Allianz Versicherung zum Thema Stress geht, steuert fast jeder vierte Berufstätige auf ein Burnout zu. Das Syndrom des Ausgebranntseins entwickelt sich immer mehr zu einem Phänomen mit magischer Anziehungskraft – auch für die Politik. In Zeiten, da Kern und seine Mannen einen flächendeckenden Mindestlohn und frei wählbare Arbeitszeiten erzwingen möchten, rückt das vermeintliche Krankheitsbild wieder in den Fokus des Interesses, auch wenn der Befund Burnout keine medizinisch anerkannte Diagnose ist. Arbeiterkammer und Gewerkschaften erliegen der Versuchung, das Thema für ihren Zweck breitzutreten und sehen unter anderem in der Flexibilisierung die Ursache für noch mehr Burnout-Fälle.

Von den rund 1000 befragten berufstätigen Personen im Alter von 18 bis 65 Jahren, fühlen sich 23 Prozent Burnout-gefährdet, wobei Männer stärker stressbelastet sind als Frauen. Am meisten gestresst sind Lehrer mit 45 Prozent, gefolgt von Mitarbeitern im Handel mit 43 Prozent. Die geringste Belastung fühlen laut Studie Beschäftige im Gesundheitswesen und in der Industrie. Zeit- und Leistungsdruck stellen für die Befragten die dominanten Stressfaktoren dar. Überstunden spielen dabei keine nennenswerte Rolle, nur fünf Prozent fühlen sich davon getrieben. Freiberufler und Selbstständige leiden weniger unter Überbelastung als Arbeiter und Angestellte. Was bleibt an Erkenntnisgewinn? Nun, wir sehen eine beträchtliche Menge an Gestressten, die von diversen gesellschaftlichen Instanzen zu hören bekommen, dass sie an einer allzu gefährlichen Krankheit leiden. In gewöhnlichen, durchaus unerfreulichen Emotionen wie Angst, Nervosität, Ärger und Frustration erkennen Experten seelische Abgründe, die sie nur allzu gern pathologisieren. Der Kontrollbegriff „Stress“ avanciert zum Modewort, welches auf verzerrende Weise das gesamte emotionale Spektrum zusammenzufassen versucht.
Hinter alltäglichen Gefühlszuständen wird ein genuin destruktiver Stress lokalisiert. Kaum eine Krankheit scheint beliebter, die Zahl der Betroffenen erreicht beeindruckende Werte. Inzwischen gilt es als chic, gestresst zu sein. Parallel dazu wuchert ein wohlwollendes System aus Hausärzten, Therapeuten und eine ungeregelte Multimillionen-Industrie, die Entschleunigungs-Trips unter dem Schlagwort „Stressbewusstsein“ vermarktet und verkauft. Das Geschäft mit dem Burnout boomt. Fest steht, dass in den vergangenen Jahren die Zahl der psychisch bedingten Krankenstände stark gestiegen ist. Dies zeigen die Daten des Hauptverbandes der Sozialver-sicherungsträger. Einer Untersuchung des Wirtschaftsforschungsinstituts und der Donau Universität Krems zufolge entstehen dem Staat und den Unternehmen durch psychische Erkrankungen am Arbeitsplatz jährlich Kosten von 3,3 Milliarden Euro.
Die Pseudodiagnose Burnout führt zu enormen Folgekosten, vor allem wegen Arbeitsausfällen, die meist mehrere Wochen oder sogar Monate andauern. Der Großteil der Kosten ist auf Fehlzeiten am Arbeitsplatz zurückzuführen. Die Arbeiterkammer und die Gewerkschaften springen auf den rollenden Burnout-Zug auf, um ihre ablehnende Haltung gegenüber der geforderten Arbeitszeitflexibilisierung mit Nachdruck zu versehen. Ihrer Meinung nach verstärke die Forderung den Stress und sei aus Gesundheitsgründen zu verwerfen.
In Wahrheit instrumentalisiert die Interessensvertretung der Arbeitnehmer den Burnout-Boom und stellt die Diagnose als Druckmittel voran, um im Kräftespiel mit der Regierung ihre falsch motivierte Haltung behaupten zu können. Das von medizinischen Grundlagen losgelöste Phänomen bietet eine bequeme Ausrede – eben auch für politische Zwecke.

8 Gedanken zu „Die politisierte Burnout-Masche

  1. Thomas Holzer

    Was haben all die armen, vom Burnout-Syndrom Betroffenen früher getan, als es diese “Diagnose” noch nicht gab?
    Gleich Suizid begangen?

  2. Selbstdenker

    Das sogenannte “Burn-out” ist die Frucht jener Saat, die die AK und die Gewerkschaft seit Jahrzehnten säen: wenn die körperliche und geistige Unterforderung zum Dauerzustand wird, wird jede noch so kleine Herausforderung unüberwindbar.

    Mir fällt dazu der Wechsel von der quälenden Langeweile im Präsenzdienst zu den normalen Bedingungen in der Privatwirtschaft ein.

    AK und Gewerkschaft möchten “ihre” Schäfchen klein und dumm halten, damit diese weiterhin einen Hirten brauchen.

    Sie tun damit den Arbeitnehmern nichts gutes, weil Lohnoptionen immer mit entsprechender Produktivität verknüpft sind.

  3. Der Realist

    Dass Lehrer am meisten gestresst sind, hat man ihnen in den vergangenen Jahren wohl eingeimpft, nur sagt niemand, dass viele davon halt den falschen Beruf gewählt haben. Ein Schulkollege, Lehrer an einer Hauptschule, hat schon oftmals gesagt, den schlechtesten Beruf hat er nicht, dabei ist er sehr engagiert und um seine Schüler bemüht. Mein Sohn ist Lehrer an einem Gymnasium das in Wien zu denen gehört, die noch einen halbwegs guten Ruf haben. Er macht dies wirklich gerne und investiert auch viel Zeit für die Schule. Oftmals ist es sicher anstrengend, Vorbereitungen für Klassen in Unterstufe und zugleich Vorbereitungen für die Maturaklasse, das geht sich oft mit einer 40-Stundenwoche nicht aus. Aber in vielen anderen Berufen ist heute der Leistungsdruck enorm, gepaart mit anderen Widrigkeiten die die Arbeitswelt halt so mit sich bringt.
    Es ist aber wohl ein Unterschied, ob ein Politiker mit seinem Burnout-Syndrom hausieren geht, oder einer den Job verliert, der wirklich an seine psychischen und physischen Grenzen angelangt ist.

  4. mariuslupus

    Burn out klingt gut. Aber es kommt gleich der nächste Euphemismus, Fatigue-Syndroma.
    Die Gewerkschaftsbewegung hat den Menschen eingeredet das die Arbeit etwas erniedrigendes und entwürdigendes ist. Das Ergebnis sind Frührentner. Menschen die gesund sind,aber nicht mehr arbeiten.
    D.h sie sollten noch gesünder werden. Die Untersuchungen zeigen, aber, dass der Gesundheitszustand der Frührentner schlecht ist. Kaputte Leber durch Alkoholkonsum, Diabetes 2 wegen Übergewicht, Raucherlunge wegen Nikotinabusus. Eine Sackgasse, wirtschaftlich, sozialpolitisch und psychisch,

  5. sokrates9

    Freiberufliche und Selbstständige – somit Unternehmer leiden weniger unter Überlastung als Arbeiter und Angestellte! wahrscheinlich haben die keine Zeit zu hinterfragen welches Zipperlein sie heute pflegen sollen!!

  6. Mona Rieboldt

    Es ist sicher ein Unterschied, ob jemand selbstständig arbeiten kann oder lohnabhängig ist, kommt aber auch darauf an, wie man mit seiner Arbeit zufrieden ist. Und wenn jemand mit über 60 Jahren den ganzen Tag arbeitet (in D bis 67 Jahren) wird ihm das schwerer fallen und es ist für ihn stressiger als für einen 30jährigen. Die Arbeit in D ist stark verdichtet, Ausnahme Öffentlicher Dienst 😉

  7. Johannes

    Es hat überhaupt keinen Sinn, weder von gewerkschaftlicher Seite aber auch nicht von Seiten des Autors obigen Artikels Menschen mit Problemen psychischer Natur für die jeweiligen Zwecke zu benutzen.
    Zum Glück war ich von einem echten sogenannten Burnout noch nie betroffen aber ich kenne Menschen die nie geglaubt hätten das es ihnen passiert und plötzlich waren sie unfähig aufzustehen und den gewohnten alltäglichen Tätigkeiten nachzugehen. Es waren keine Menschen die Freude daran hatten was mit ihnen passierte, sie hatten jahrzehntelange Arbeit mit zum Teil Nacht und Feiertagsdiensten versehen und plötzlich brach es über sie herein.
    Oft waren verschleppte Ursachen daran schuld, zu lange zu viel für andere Kollegen übernommen, nie Nein gesagt immer verfügbar zu viel geschluckt und zu wenig aufgemuckt bis es nicht mehr ging.
    Ja, Selbständige sind vielleicht weniger betroffen wobei wenn die Regulierungswut unserer Regierung fortschreitet wird auch bald so mancher Unternehmer ausbrennen psychisch und finanziell.
    Es gilt ein anderes Umgehen miteinander zu lernen, Verständnis, Geduld, Fehler machen zu dürfen um daraus zu lernen und vor allem Fairness sind gute Gegenmittel um die Volkskrankheit Burnout zu verhindern.

  8. Reini

    Das sich viele Lehrer ihre Schützlinge selbst gewählt (importiert) haben, und danach damit nicht umgehen können,… ss ,… abgesehen davon, das viele Lehrer selbst einen Lehrer brauchen.
    Es stehen 3 Lehrer im Kreis, … 1 Jahr Urlaub! 🙂 Wer viel Frei hat, hat viel Zeit zum Jammern!!
    Wenn Lehrer diesem Beruf in der “Geschützen Werkstatt” nicht gewachsen sind, bitte Umschulungen durchführen! … die Jammerei wird sich dramatisch reduzieren!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.