Die Prophezeiung der Sarah Palin

(von RALPH JANIK)  Erinnern Sie sich noch an Sarah Palin? Die als „Soccer Mom“ betitelte und vor allem in europäischen Medien aufgrund ihres gar-klischeehaft midwest-amerikanischen Habitus belächelte ehemalige Schönheitskönigin, die anno 2008 Vizepräsidentin der Vereinigten Staaten werden wollte?

Selbst wenn sie sie vergessen haben sollten: Diese Dame war in den letzten Tagen anlässlich der Krim-Krise wieder medial präsent. Denn anno dazumal hatte sie eine Reihe von möglichen Szenarien aufgezählt, die im Falle eines Wahlsiegs von Barack Obama eintreten könnten. Eines davon bezog sich auf die Ukraine:

“Nachdem die russische Armee in Georgien einmarschiert ist, reagierte Obama unentschlossen und mit moralischer Gleichgültigkeit („moral equivalence“, ein aus dem US-amerikanischen Diskurs stammender Term, der sich nicht entsprechend übersetzen lässt), die Art von Reaktion, die Russlands Putin dazu anstacheln würde, als nächstes in der Ukraine einzumarschieren.“ Wie sie selbst genussvoll auf ihrer Facebookseite hervorhob, qualifizierte ein Blogbeitrag des angesehenen US-Politikmagazins Foreign Policy ein derartiges Szenario als „extrem weithergeholt“, da Russland in der Ukraine bereits maßgeblichen Einfluss ausübe, womit es keinen Grund für die Annahme gäbe, dass Gewalt notwendig sei, um die Ukraine zum Einlenken zu bringen.

Nun, heute sieht die Sache freilich anders aus und Sarah Palin badet in ihrer späten Genugtuung. Ihr Facebook-Statusupdate vom 28. Februar, also jenem Tag, an dem russische Truppen ihre Invasion begannen, spricht Bände: „Yes, I could see this one from Alaska. I’m usually not one to Told-Ya-So, but I did.”

Ob Zufallstreffer oder nicht sei freilich dahingestellt. Wenn man bedenkt, wie viele Aussagen in der weiten Welt des Internet herumschwirren, wird sich zu jedem Ereignis eine Reihe an Leuten finden, die es „vorausgesagt“ haben. Vielleicht hatte sie aber auch einfach nur im Sommer 1993 die damals aktuelle Ausgabe des renommierten Foreign Affairs auf ihrem Nachtkästchen liegen. Darin war ein Artikel von John Mearsheimer, einem der ganz großen seines Fachs, in dem dieser sich mit folgenden Worten zu den russisch-ukrainischen Beziehungen äußerte:

„Die Lage zwischen der Ukraine und Rußland ist reif für den Ausbruch eines Sicherheitswettstreits. Großmächte mit einer langen und nicht geschützten gemeinsamen Grenze, wie die Ukraine und Rußland, gehen oft in einen vom Sicherheitsdenken diktierten Wettstreit ein. Rußland und die Ukraine könnten zwar aus dieser Dynamik ausbrechen und lernen, in Harmonie miteinander zu leben; aber es wäre ungewöhnlich, wenn sie das täten.“ Auf dieser Grundlage plädierte Mearsheimer sodann für den Aufstieg der Ukraine zur Atommacht.

Diese These wird von Samuel Huntington in dessen berühmt-berüchtigten Werk „Kampf der Kulturen“ besprochen. Huntington nahm bekanntlich anno dazumal, inmitten der dem Kalten Krieg nachfolgenden Euphorie vom Siegeszug der liberalen Demokratie die Rolle des Spielverderbers ein. Denn anstelle des Postulats einer friedlichen Weltordnung formulierte er die These, „dass die zentrale und gefährlichste Dimension der kommenden globalen Politik der Konflikt zwischen Gruppen aus unterschiedlichen Zivilisationen sein werde.“

Freilich ist sein Werk, das zu unglaublich viel positiver wie negativer Resonanz geführt hatte, bis heute umstritten. Viele sehen in ihm einen Polemiker, der eher eine selbsterfüllende Prophezeiung formuliert hat, in die sich theoretisch jeder Konflikt pressen lässt. Andere sehen in ihm spätestens seit dem Angriff auf das World Trade Center vom 11. September einen Visionär. Wenn bei Sarah Palin schon anlässlich der Krim-Krise das befriedigende „ich habe es euch doch gesagt“-Gefühl aufgekommen ist, wie hat sich dann erst Huntington damals gefühlt? Schwer zu sagen und auch nicht so wichtig; jedenfalls war er zurückhaltender – in einem Interview mit der Zeit von 2007 mahnte er mit folgenden Worten zur Vorsicht: „Gleich nach 9/11 habe ich gesagt: Dies darf nicht in einen Kampf zwischen dem Westen und dem gesamten Islam ausarten. Ein wirklich weltweiter Zusammenstoß würde es nur werden, wenn islamische Regierungen und Gesellschaften sich hinter bin Laden stellten.“

Das ist freilich nicht der Ort, um sich mit sämtlichen von Huntingtons jedenfalls hochspannenden und bis heute relevanten Thesen auseinanderzusetzen. Wohl aber ist es angebracht, auch seine Ausführungen zur Ukraine zu besprechen, zumal diese ungleich optimistischer als Mearsheimers Annahmen sind. So nannte er hinsichtlich der Beziehungen zwischen Russland und der Ukraine drei mögliche Szenarien: sofern die Kultur von entscheidender Bedeutung ist, sieht er Gewalt zwischen Ukrainern und Russen als unwahrscheinlich an – da Ukrainer und Russen jeweils slawisch, primär orthodox und seit Jahrhunderten in enger Beziehung lebende Völker sind, bei denen es auch zahlreiche Mischehen gäbe:  Trotz heftig umstrittener Fragen und des Drucks extremer Nationalisten auf beiden Seiten haben die Führer beider Länder hart und im wesentlichen erfolgreich darauf hingearbeitet, diese Zwistigkeiten zu dämpfen. Die Wahl eines deutlich nach Rußland orientierten Präsidenten der Ukraine Mitte 1994 hat die Wahrscheinlichkeit eines verschärften Konflikts zwischen beiden Ländern weiter verringert.“

Das zweite, von ihm als wahrscheinlicher bezeichnete Szenario ist das einer Teilung. So bezeichnet er die Ukraine als „zerrissenes Land“ und betont daher die Möglichkeit einer Abspaltung der Krim, die jedoch „blutiger als in der Tschechoslowakei verlaufen könnte, aber weit weniger blutig als in Jugoslawien.“ Dabei zitiert er auch einen russischen General, der folgendes gesagt haben soll: „Die Ukraine, oder vielmehr die Ostukraine wird in fünf oder zehn oder fünfzehn Jahren wieder zurückkommen. Die Westukraine kann der Teufel holen!“

Als drittes Szenario und wahrscheinlichstes Szenario nannte Huntington indes eine Beibehaltung des status quo –eine geeinte und zweigeteilte Ukraine, die dennoch eng mit Russland zusammenarbeitet: „Sobald einmal die Übergangsfragen bezüglich der Kernwaffen und der Streitkräfte geklärt sind, werden die gravierendsten längerfristigen Probleme die wirtschaftlichen sein, und ihre Lösung wird durch eine teilweise gemeinsame Kultur und durch enge persönliche Bande erleichtert werden. Wie John Morrison hervorgehoben hat, ist die russisch-ukrainische Beziehung für Osteuropa, was die deutschfranzösische Beziehung für Westeuropa ist.12 Und so wie diese den Kern der Europäischen Union bildet, ist jene der unabdingbare Kern für den Zusammenhalt der orthodoxen Welt.“

Nun, wollen wir hoffen, dass er Recht behält, wobei es im Moment sieht es ja eher danach aussieht, dass die von Huntington bestrittene These Mearsheimers zutrifft (wenn auch um gute 20 Jahre zu spät). Ob bei diesem ebenfalls eine „I told you so“-Euphorie ausgebrochen ist, muss leider unbeantwortet bleiben. Facebook-Seite hat er jedenfalls keine.

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