Die Renaissance einer sehr schlechten Idee

Von | 9. Oktober 2016

(CHRISTIAN ORTNER) Kaum eine andere wirtschaftspolitische Idee ist so offensichtlich und nachhaltig gescheitert wie der Sozialismus. Gleich, in welcher Dosierung er angewendet worden ist, mal hoch konzentriert wie in der Sowjetunion und ihren osteuropäischen Vasallenstaaten bis 1989, mal vergleichsweise niedrig dosiert und mit menschlichem Antlitz wie im Schweden der 1980er-Jahre: Am Ende stand immer ein ökonomisches Scheitern (in Schweden in Form einer Fast-Staatspleite). Und je höher dosiert der Sozialismus, um so spektakulärer das Scheitern. Venezuela, wo die Menschen mittlerweile hungern müssen, obwohl sie auf gigantischen Ölvorräten leben, ist das aktuellste Beispiel für die Belastbarkeit dieser Regel.

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Zu glauben, dass Sozialismus funktionieren könnte, ist ungefähr so vernünftig wie anzunehmen, man könne dem Horoskop der „Kronen Zeitung“ die Kursentwicklung an der Wiener Börse in der nächsten Woche entnehmen. Um so befremdlicher ist, dass diese gescheiterte Ideologie, mal ganz offen, mal verkleidet, derzeit in der westlichen Welt eine Art von Renaissance zu erleben scheint.

In den USA, ausgerechnet, konnte der linksextreme Kandidat Bernie Sanders bei den Vorwahlen der Demokraten erschreckende Ergebnisse einfahren, vor allem bei den Jungen. Von den sogenannten Millennials (18 bis 29 Jahre), das ergab jüngst eine Umfrage, halten dort 43 Prozent den Sozialismus, aber nur 32 Prozent den Kapitalismus für eine gute Sache. Nun wird zwar Sanders nicht Präsident werden, gelungen ist ihm aber durchaus, Hillary Clinton dank seines Erfolgs zu zwingen, wirtschaftspolitisch ein gutes Stück nach links zu rücken.

Auch in Europa verschiebt sich die politische Tektonik, obwohl das auf den ersten Blick anders aussieht. Frankreichs Marine Le Pen etwa tritt bei den Präsidentschaftswahlen 2017 mit einem Wirtschaftsprogramm an, das die „Neue Zürcher Zeitung“ als „linksextrem, antikapitalistisch und marktfeindlich“ beschreibt. Zu Recht: Le Pens Pläne für die Wirtschaft erinnern an eine Art DDR light mit guter Rotweinversorgung, so sehr ist da von staatlichem Eigentum, staatlicher Lenkung und Planwirtschaft die Rede. Wie überhaupt die Neue Rechte in ganz Europa in aller Regel wirtschaftspolitisch alles andere als liberal ist und regelmäßig mehr oder weniger sozialistische Positionen vertritt, solange das Stimmen bringt.

Auch sozialdemokratische Parteien reaktivieren ideologische Versatzstücke, die in den 1980er- und 90er-Jahren entsorgt worden sind. Dass unter der Führung des italienischen Sozialdemokraten Matteo Renzi in der EU immer mehr Druck entsteht, wieder zu den Schuldenexzessen der vermeintlich goldenen Kreisky-Ära zurückzukehren und die verhasste bürgerliche Austeritätspolitik endlich auch nominell abschütteln zu dürfen, folgt dieser Logik.

Dass ausgerechnet der US-Ökonom Joseph Stiglitz nicht nur den retro-sozialistischen britischen Labour-Chef, Jeremy Corbyn, berät, sondern auch beim neuen SPÖ-Chef ein willkommener Gast ist, fügt sich ebenso bestens in dieses Bild. Immerhin hat Stiglitz auch den venezolanischen Weg zum „Sozialismus des 21. Jahrhunderts“ als akademischer Fanboy freundlich begrüßt.

Absehbar ist leider auch, dass mit dem Ausscheiden der Briten aus der EU die Entwicklung der Union hin zu einer vulgär-keynesianischen Transferunion noch an Tempo gewinnen dürfte; um so mehr, als die geschwächte deutsche Bundeskanzlerin, Angela Merkel, dem nicht mehr so viel wird entgegenhalten können wie bisher.

Wir lernen: Nur, weil eine Idee gescheitert ist, ist sie eben noch lang nicht tot. Und hat sogar eine rosige Zukunft vor sich, wenn etwa junge Menschen im vom Bildungsministerium betreuten Online-Lexikon politik-lexikon.at erfahren: „Sozialismus ist eine politische Richtung, die davon ausgeht, dass in einer Gesellschaft Gleichheit, Gerechtigkeit und Solidarität als oberste Ziele verwirklicht werden sollen.“ Da wird doch niemand etwas dagegen haben – oder? (“Pressse”)

13 Gedanken zu „Die Renaissance einer sehr schlechten Idee

  1. Dihaus

    Ich habe sehr viel dagegen. Es ist ein leider aberwitziger Irrglaube dass das gut gehen kann. Allen sozialistischen Machtträgern ist eines gemeinsam. Sie haben in ihren “Karrieren” nie einen Betrieb geleitet und nie jemanden aus selbst erwirtschaftetem Geld bezahlt. Ganz Europa haben sie mit mit einer unvorstellbaren Schuldendecke überzogen die nur in einen wirtschaftlichen Kollaps führen kann. Wofür das Ganze? Damit die gesamte Kaste sich weiterhin und auf Kosten der Allgemeinheit rücksichtslos bereichern kann. Es muss eine Rückkehr zu einer bürgerlichen Regierung geben die sich als Vorbild die direkte Demokratie der Schweiz nimmt und dem wirtschaftlichen Kurs Russlands Augenmerk schenkt. Nach Kommunismus und pleite 1998 einen Kurs eingeschlagen der den Lebensstandard der Massen erhöht, flat tax 13%, Staatsverschuldung 13 %.

  2. wbeier

    Herr Ortner, sie operieren hier mit Versatzstücken aus der Vergangenheit. Irgendwie altbacken in ihrer Begrifflichkeit wie “Arbeiterklasse” oder “Profitsozialisierung”.
    Der neue Deal lautet vielmehr “socialism meets globalism meets capitalism” mit erstaunlichen Schnittmengen nicht nur bei der Auflösung von Nationalstaaten und Identitäten. Es grüßt die NWO (auch ohne Aluhut).

  3. mariuslupus

    Der Sozialismus hat eins bewiesen, der Sozialismus ist ein Gift. Ein süsses Gift. Unterläuft die Immunabwehr des Wirtes und vermehrt sich parasitär im Organismus des Wirtes. Die Resistenz nach der durchgemachten Infektion eträgt eine, höchstens zwei Generationen, dann schliesst sich der Kreislauf. Das Ende ist immer gleich. Der Wirt mit seinem ganzen Hab und Gut wird zuerst enteignet, anschliessend aus der Gesellschaft als Parasit ausgeschlossen, um anchliessend ins Gras zu beissen.

  4. stiller Mitleser

    Geduldig-didaktisch vorgetragen, und klar, auch die Rechten werden Sozialisten sein, das ist seit Mussolini so.

  5. sokrates9

    Nachdem heute bis zum Bundeskanzler niemand mehr die einfachsten wirtschaftlichen Zusammenhänge versteht, braucht man sich nicht zu wundern ! In den 70ern ging in OÖ ein führender Sozialist in einen Konkurs
    Er wurde vor Gericht mit der Begründung freigesprochen, dass er die einfachsten Wirtschaftlichen Regeln intellektuell nicht verstehe. Ein gerichtlich bestätigter wirtschaftlicher Vollidiot! Ein halbes Jahr später wurde er Generaldirektor eines großen verstaatlichen Betriebes!

  6. Falke

    @Dihaus
    Doch, unser Bundeskanzler hat einen Betrieb geleitet. Jedenfalls glaubt er es selber.

  7. Selbstdenker

    Es erleben noch weitere, sehr schlechte Ideen eine Renaissance:
    – Judenhass
    – Faschismus
    – Absolutismus
    – Totalitarismus
    – Religiöser Fanatismus
    – Eugenik
    – Massenmord

    Die Linke war sich intellektuell nicht zu schade, die übelsten Ideen aus der Mottenkiste der Geschichte zu holen und wiederzubeleben. Hauptsache es trifft “die Richtigen” – also jene Outgroup, die kein linksextremes Gesinnungsbekenntnis abgelegt hat.

    Die USA, als (noch) mächtigstes Land aus dem westlichen Kulturkreis, zeichnen hier einen Weg vor, der sich in vielen west- und nordeuropäischen Ländern deutlich abzeichnet:

    In einer Phase relativ hoher kultureller Homogenität wurden die Weichen in Richtung “Multikulturalismus” gestellt; in den meisten westlichen Ländern geschah dies bereits in den 1960iger und 1970iger Jahren. Es herrschte zumindest beim naiven Mainstream die Überzeugung, dass sich alle Zugewanderten mittel- bis langfristig in die Kultur vom jeweiligen Einwanderungsland eingliedern würden.

    Diese Weichenstellung in Richtung “multikulturelles Einwanderungsland” sowie die demographischen Veränderungen der Gastgeber-Kultur müssen als nichtlinearer Prozess verstanden werden: zunächst vollziehen sich über einen längeren Zeitraum kaum wahrnehmbare, kleine Schritte, die im zeitlichen Verlauf in immer kürzeren Abständen und gesteigerter Intensität erfolgen.

    Ein ganz essentieller Denkfehler bestand und besteht darin, dass alle Zugewanderten auf kurz oder lang eine Loyalität zu den universellen Prinzipien ihrer Gastgeber-Kulturen entwickeln würden.

    Ab einer bestimmten Bevölkerungsgröße, die sich nicht am prozentuellen Bevölkerungsanteil insgesamt, sondern an der dauerhaften Größe der segregierten Zuwanderer-Communities richtet, benötigt man die Gastgeber-Kultur nur mehr zur Bereitstellung einer allgemeinen Infrastruktur sowie zur Überweisung von Sozialtransfers.

    Die Mitglieder dieser Communities definieren sich nicht über die universellen Normen, sondern als Zugehörige ihrer Ethnie bzw. Konfession. Damit wird ihnen über die Werte und Normen der eigenen Kultur das Rezept zum Erfolg bzw. Misserfolg mit in die Wiege gelegt.

    Anstatt jene universelle Prinzipien zu verteidigen, auf der unsere gesamte westliche Zivilisation steht, sprechen die vergreisenden Linken das Zerfetzen universeller Prinzipien durch tribalistische Identity Politics an. Sie kaufen sich damit Zeit an den Schalthebeln der Macht in dem sie westliche Prinzipien zur Disposition stellen.

    Wie weit dieser Prozess bereits fortgeschritten ist, erkennt man daran, dass viele westeuropäische Länder Kinderehen, Polygamie, Ganzkörperverhüllung und sogar Terror entweder ganz offen oder durch die Hintertüre legitimieren.

  8. stiller Mitleser

    @ Selbstdenker
    brilliant wie stets!
    Staatsmacht (Ideologie/Presse, Überbau/Moralismus/Indoktrination/Gesinnungskontrolle, div. Repressionsinstrumente sozialer und juristischer Art, ein geschützter Mob zur Einschüchterung) halt.

  9. Fragolin

    Der Sozialismus war schon immer eine grandiose, wunderbare, edle Theorie. Und er endete noch immer in Krieg, Unterdrückung, Massenmord und Implosion. Er ist der gelebte und historisch mehrfach vorgelebte unverrückbare Beweis für die Richtigkeit der Aussage: Gut gemeint ist das Gegenteil von gut.
    Oder wie es im Osten früher hieß: Die Theorie ist Marx, die Praxis ist Murx.
    Grüße an Karlchen. Hoffe du hast keinen Schluckauf.

  10. Christian Weiss

    „Sozialismus ist eine politische Richtung, die davon ausgeht, dass in einer Gesellschaft Gleichheit, Gerechtigkeit und Solidarität als oberste Ziele verwirklicht werden sollen.“

    Man kann das schon so stehen lassen in einem Lexikon, vorausgesetzt man erklärt die weiteren Begriffe:

    – Gleichheit: Der Grad der Gleichheit definiert sich über das Ausmass der Diskriminierung. Sie sind um so gleicher, wenn sie irgendeine Form von Benachteiligung geltend machen können. Geeignet waren mal Hautfarbe, Geschlecht, geistige und/oder körperliche Behinderung, sexuelle Neigung und Religionszugehörigkeit. Inzwischen kann man sich fast in jeder Lebenslage eine eigene Diskriminierung ausdenken und diese geltend machen. Irgendeine extra dafür geschaffene Amtsstelle wird sich Ihren Bedürfnissen annehmen und dafür sorgen, dass sie entschädigt werden. Bedenken Sie dabei, dass auch offensichtlich mangelnde Eignung nicht dazu berechtigt, Sie irgendwo abzulehnen. Man sollte notfalls vor Gericht klagen, wenn man als mehrfach vorbestrafter Betrüger von einem Treuhandbüro nicht eingestellt wird. Wer des Deutschen nicht mächtig ist, soll sich bewusst sein, dass man ihn nicht ohne weiteres ablehnen darf, wenn er sich um eine Stelle als Lektor bei einem deutschsprachigen Verlag bewirbt.
    Es gibt nur wenige Personengruppen, die keinen Anspruch auf Sich-diskriminiert-fühlen haben: Männer, Weisse, Heterosexuelle und Staatsbürger ohne Migrationshintergrund. Aber nicht verzagen: Auch diese Personen können eine Laktoseintoleranz oder eine Glutenunverträglichkeit geltend machen.

    – Gerechtigkeit: Ersetzt im sozialistischen Staatswesen das Recht. Sie haben jemanden beklaut? Dann machen Sie widrige Lebensumstände geltend und legen dar, dass der, den Sie beklaut haben, viel mehr hat als Sie und es ihm viel besser geht. Der Richter wird dann von einer rechtmässigen Bestrafung absehen und ihnen auf Gerechtigkeit beruhende sozialistische Milde zukommen lassen. Wichtig: Es ist nie gerecht, sein hart und ehrenhaft erwirtschaftetes Geld für sich zu behalten. Es gehört grundsätzlich dem Staat. Er tut viele gerechte Dinge damit. Darum ist es auch sehr ungerecht, wenn man den staatlichen Stellen in kleinlicher Weise Verschwendung unterstellt, wenn sie beispielsweise Milliarden in einen Flughafen verlochen, der auch nach Jahren nicht fertig wird.

    – Solidarität: Meint: Bezahlen tut ein Anderer. Grundsätzlich bezahlt in einer solidarischen Gesellschaft nie der Verursacher seine Rechnungen selber, sondern überlässt das jenen Menschen, die Wertschöpfung betreiben und darum auch in der Lage sind, Rechnungen zu begleichen. Da Solidarität als Prinzip in der Gesellschaft nur dann tief verankert ist, wenn es um die Bedürfnisse kranker, behinderter und hochbetagter Menschen geht, sollten Sie Solidarität vor allem dann einfordern, wenn Ihre Gründe dafür, dass ein anderer für Sie bezahlen soll, Faulheit und/oder Anmassung sind.

  11. astuga

    Nicht zu vergessen Mittel- wie Südamerika (wer redet heute noch von Nicaragua?) und Asien (von Vietnam über Kambodscha und Myanmar bis Indien und China).
    Und von Afrika (zB. Somalia, Äthiopien – noch jemand eine sozialistisch inspirierte Hungersnot gefällig?) bis zum Arabischen (Islam-Nationalismus-) Sozialismus.

    Isolierte Flecken haben sich noch gehalten, wie Nordkorea und Kuba.
    Und ansonsten viel Chaos, autokratische Systeme bzw Diktaturen als Nachfolger, und ein schweres Erbe.
    Selbst in Europa (Weißrussland, Transnistrien…)

    Aber in Westeuropa fallen immer noch genug auf die Schlangengift-Verkäufer herein.
    Die das Blaue vom Himmel runter schwadronieren, entgegen jeder zeitgeschichtlicher Erfahrung.

  12. Mourawetz

    Wie schon C.O. am Schluss mit dem Online-Lexikon andeutet. Es ist alles eine Frage der Erziehung, bzw. der Wissensweitergabe. Solange limksgrüne Emanzen den Menschen von morgen erziehen, wird sich nichts ändern. Das links drehende Schulwesen gehört zerschlagen. Gottseidank vernichtet es sich von selbst durch die immer weitere Herabsetzung jeglicher Mindeststandards und die Zersetzung des Leistungsbewusstseins. Sodass irgendwann einmal Kinder wieder privat zu Hause erzogen werden müssen, damit sie etwas lernen. Mit Hauslehrer und so weiter. Wer sich das nicht leisten kann, dessen Kinder werden nichts können und müssen von anderen leben, die etwas können. Ganz auf die sozialistische Weise. Das werden sich aber diese anderen Leistungsträger, fallsmesmsie noch gibt, auf die Dauer nicht gefallen lassen.

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