Die Sache mit der Feuerkraft

Von | 26. Oktober 2020

(ANDREAS TÖGEL) Der Begriff „Feuerkraft“ ist mehrdeutig. Hier interessiert allerdings weder seine Verwendung zur Beschreibung des Brennwerts von Feuerholz noch seine in der Welt der Geldalchemie – Stichwort „Rettungsschirm“ – übliche Bedeutung. Feuerkraft steht an dieser Stelle für die Leistungsfähigkeit einer Feuerwaffe. Der Duden definiert Feuerkraft als „die von Feuergeschwindigkeit, Reichweite und Explosionsgewalt abhängende Wirkung von Feuerwaffen“.

Im Krieg
Drei Beispiele zur Verdeutlichung: Schauen wir als Erstes auf die im Rahmen des „Deutschen Krieges“ anno 1866 geschlagene Schlacht bei Königgrätz. Die mit Lorenz-Vorderlader-Gewehren ausgerüstete österreichische „Nordarmee“ traf auf preußische Truppen mit Dreyse-Hinterlader-Gewehren, die eine drei- bis viermal höhere Schussfolge ermöglichten. Die preußischen Truppen verfügten also angesichts der auf beiden Seiten annähernd gleich großen Mannschaftsstärken über eine mehrfache infanteristische Feuerkraft. Die Niederlage Österreichs war nicht zuletzt dadurch bedingt.
Das zweite Beispiel betrifft den Ersten Weltkrieg, in dem es erstmals zum massenhaften Einsatz von Maschinengewehren kam. Hunderttausende Infanteristen beider Seiten fielen bei Sturmangriffen im Feuer der MGs. Die Feuerkraft dieser Waffe hat das Schlachtfeld revolutioniert.
Und drittens: Dass die mit halbautomatischen Büchsen ausgerüsteten US-Truppen im Zweiten Weltkrieg sowohl im Pazifik als auch in Europa auf Gegner trafen, die standardmäßig noch immer mit Repetiergewehren ausgerüstet waren (nahezu baugleiche Modelle waren bereits im Ersten Weltkrieg von 1914 bis 1918 im Einsatz), verschaffte ihnen einen klaren taktischen Vorteil. In Gefechten gleich starker Verbände verfügten die Amerikaner über erheblich mehr Feuerkraft.

Und im Frieden
Die Feuerkraft einer Waffe ist zwar auch für die Polizei und bewaffnete Zivilisten bedeutsam, aber anders als für das Militär sind für sie indes Reichweite und Durchschlagsleistung von untergeordneter Bedeutung. An Polizei- und Selbstverteidigungswaffen richtet sich dafür der mit dem Begriff „Mannstoppwirkung“ bezeichnete Anspruch einer sofortigen Wirkung, um das Ziel augenblicklich zu neutralisieren.
Allerdings spielen auch Munitionskapazität und mögliche Feuerfolge eine nicht unwesentliche Rolle. Das ist einer der Gründe dafür, weshalb US-Polizeieinheiten, die traditionell mit Revolvern ausgerüstet waren, mehr und mehr auf Pistolen mit bis zu 20 Schuss Magazinkapazität umgerüstet wurden und werden. Immerhin kommt es bei Konfrontationen mit intensivkriminellen (Banden-) Tätern immer wieder zu längeren Schusswechseln, was eine entsprechende Feuerkraft erfordert.
Was die Waffe in der Hand des wehrhaften Bürgers angeht, ist die Welt derzeit im Wandel. Der klassische Selbstverteidigungsfall gegen einen Einzeltäter, der in aller Regel in einem Entfernungsbereich von maximal fünf Metern eintritt, ist mit zwei oder drei Schuss zu entscheiden. Dafür reicht ein fünf- oder sechsschüssiger Revolver in einem ausreichend starken Kaliber allemal.
Allerdings zeichnen sich nun vermehrt ganz andere Szenarien ab: Da das staatliche Gewaltmonopol beiderseits des Atlantiks seine Schergen inzwischen eher gegen rechtschaffene Bürger mobilisiert, die von ihrem Recht auf Meinungsäußerung Gebrauch machen, anstatt gegen kriminelle Banden, die ganze Stadtviertel unsicher machen, werden die Bürger die Verteidigung ihres Lebens und Eigentums künftig wohl oder übel selbst in die Hand nehmen müssen. Und wer mit einem plündernden, gewalttätigen Mob konfrontiert ist, wird schnell erkennen, dass ein .38er-Revolver dafür nicht ausreicht.
Womit wir dann doch wieder bei der Feuerkraft angelangt wären.. Der inzwischen zu internationaler Berühmtheit gelangte Rechtsanwalt Mark McCloskey aus St. Louis, der anlässlich einer Invasion seines Grundstücks den eingedrungenen Horden mit einer AR-15 in der Hand entgegengetreten ist, hat– ohne einen Schuss abzugeben – eindrucksvoll demonstriert, was hilft.

Dieser Text ist soeben in der November-Ausgabe eigentümlich frei Nr. 207 erschienen

2 Gedanken zu „Die Sache mit der Feuerkraft

  1. sokrates9

    Der guten Ordnung halber: Der Rechtsanwalt (und seine Frau) wurde angeklagt! Pfui – eigenes Grundstück verteidigen- das darf man doch nicht. Wie der Prozess ausgeht wird wahrscheinlich davon abhängen wer nächster US-Präsident wird.

  2. CE___

    Von linken Privatwaffen-Feinden in den USA wird ja immer vorgebracht man müsse (halb)automatische Waffen in des Bürgers’ Händen verbieten weil damals vor hunderten Jahren “ja die Bürger sogar nur mit einschüssigen Vorderladern ausgerüstet waren”.

    Vergessen wird allerdings das einschüssige Vorderlader zu Zeiten des US-Unabhängigkeitskrieges in allen modernen Armeen state-of-the-art war.

    Der richtige Schluss wäre hier eigentlich heute, um gesetzliche Relationen von damals und heute korrekt beizubehalten, im Grunde eine massive Aufrüstung der Privatbürger zu erlauben, im Grunde bis zu allem hin was heute eine moderne Armee an Feuerkraft aufbieten kann, also bis zum schweren Kampfpanzer unter dem Car-Port und mehr oder weniger bis zur ballistischen Rakete im Hinterhof-Siloschacht.

    Natürlich, viel “erübrigt” sich für Normalbürger eh’ durch die Kosten (Kauf und Unterhalt) und würde es in der Praxis nicht spielen.

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